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Kedoschim
Heiligkeit (Lev 19,1-37)
Wir kommen nun zum zentralen Kapitel des Buches, das am
meisten gelesen und zitiert wird. In amerikanischen Reformgemeinden ist
es üblich, dieses Kapitel als Toraabschnitt für den
Nachmittagsgottesdienst am Jom Kippur zu lesen.
Das Thema dieses Kapitels ist „Heiligkeit". Diese
Vorstellung kam bereits kurz in den Überlegungen über ihre antike und
ursprüngliche Form zur Sprache. Nach einer Zusammenfassung dieses
Stoffes begegnen wir nun einer entwickelteren und reiferen Vorstellung
von Heiligkeit und werden ihre Auswirkungen auf unser Leben betrachten.
Auch erscheint es als angemessen, nur hebräische Begriffe zu verwenden,
denn das Wort kadosch (Plural: kedoschim bzw.
keduschot)
wird nur ungefähr und nicht exakt mit dem deutschen Wortes „heilig"
wiedergegeben. Das Substantiv Kodesch „Heiligkeit" steht oft, wo
man im Deutschen das Adjektiv verwenden würde. „Mein heiliger Name"
(20,3) lautet im Hebräischen wörtlich „der Name meiner Heiligkeit".
Andere Ableitungen von
derselben Wurzel sind: Kiddusch „Heiligung", das
vor allem die Heiligung des Schabbat und der Festtage über einem Glas
Wein bezeichnet. Keduscha, ein Wort, dcis ebenfalls „Heiligkeit"
oder „Heiligung" bedeutet, wird in erster Linie für ein im Wechsel
zwischen Vorbcter und Gemeinde gesprochenes Gebet im
Synagogengottesdienst verwendet. Und dann sei an das bekannte aramäische
Wort Kaddisch
erinnert.
a. Kadosch ist das
Adjektiv, das sich gewöhnlich >iut Göttliches und auf Gottheiten
bezieht. Im Buch Daniel (4,5f.) redet der babylonische König von den
„heiligen Göttern" (aramäisch: dahin kadischin). Andere biblische
Autoren verwenden das Wort kedoschim, wenn sie von Engeln
sprechen (Sach 14,5;
ps 9,8; 11 iob 5,11) [l]. Der
Gott Israels wird oft, vor allem von Jeschajahu, als kadosch
dargestellt.
b. Der Begriff, der
herkömmlich mit einer Gottheit verbunden wird, kann sich dann auch auf
Orte, Zeiten, Gegenstände und Vorgänge beziehen, die in Beziehung zu
einer Gottheit stehen. Ein Ort für das (!e-bet heißt mikdasch.
Das innere Heiligtum im Stifts/elt
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n'o-ip
Heiligkeit
Kedoschim
bzw. im Tempel ist das kodesch kodaschim, das
„Allerheiligste", oder genauer: das, was den „höchsten Grad
jo Heiligkeit" besitzt. Alle
Opfer sind heilig, aber einige gelfc" a^
kodesch kodaschim.
Weil man sich in der Antike eine Gottheit als fern
vorstellte und es für gefährlich hielt, sich ihr zu nähern, galt dies
auch für Orte und Gegenstände in ihrem Besitz. In einigen Abschnitten
der Bibel hat kadosch deshalb denselben Sinn wie das polynesische
Wort „Tabu" [2]. In derartigen Fällen wurde die Heiligkeit durch eine
physikalische Kraft erworben, die von einem Gegenstand zum nächsten wie
ein elektrischer Strom hinüberfließt und Kräfte besitzt, die
zerstörerisch sein können.
Das Substantiv Kodesch weist nicht
notwendigerweise auf ein absolutes Tabu. Die heiligen Orte dürfen
betreten und heilige Nahrung darf gegessen werden, doch nur, wenn
bestimmte Regeln, vor allem die der kultischen Reinheit, streng beachtet
werden. Das Au-ßerachtlassen dieser Regeln, sei es absichtlich oder
nicht, ist eine Entweihung, die schlimme Folgen hat.
C. Diese technische
Vorstellung von „Heiligkeit" äußert sich in den Bräuchen, die in den
früheren Kapiteln dieses Buches behandelt wurden. Die Bräuche
überlebten, selbst nachdem die Vorstellungen, die sie ausdrücken, von
einer reiferen Vorstellung von
kedu-scha verdrängt worden sind. Denn der Begriff kadosch
drückte mit der Zeit immer weniger die körperliche Trennung von Gott und
Menschen aus, sondern die geistige Kluft zwischen der menschlichen
Unzulänglichkeit und der göttlichen Vollkommenheit.
In seiner Berufungsvision sieht der Prophet Jescha-jahu
(6,3) Gott von Seraphen umgeben, die singen:
kadosch, kadosch, kadosch...
„Heilig, heilig, heilig! Der Herr Zebaoth! Seine Gegenwart erfüllt die
ganze Welt!" Seine unmittelbare Reaktion ist: „Weh mir. Ich bin
verloren. Denn ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen und lebe in einem
Volk mit unreinen Lippen" (Jes 6,5). Die Sündhaftigkeit, die selbst in
der Sprache gegenwärtig ist, lässt ihn wie einen Eindringling erscheinen
und unwürdig, sich Gott zu nähern. Die Propheten schildern Gott häufig
in Begriffen, die die höchste Macht ausdrücken. Es ist vor allem
Jeschajahu, der Gott
Kedosch Jisrael, „Heiliger
Israels", nennt (z.B. 1,4).
Trotz dieser Kluft zwischen Gottes Vollkommenheit und
der menschlichen Begrenztheit, dachte man sich Gott nicht als fern und
unnahbar. Ein späterer Prophet, dessen Worte in den letzten Kapiteln des
Buches Jeschajahu zu finden sind, lässt Gott sagen: „Hoch und heilig
throne ich - aber auch bei den Niedergeschlagenen und dem, der gebeugten
Gemütes ist" (Jes 57,15).
Besonders bemerkenswert ist in unserem Kapitel die
Aussage, dass die Israeliten Gott nachahmen sollen und so ihrerseits
selbst heilig werden.
d. Weil Rudolph Ottos Buch
„Das Heilige" [3] einen großen Einfluss auf eine oder gar mehrere
Generationen von Theologen ausgeübt hat, muss auf diesen letzten Aspekt
von Heiligkeit nun ausführlicher eingegangen werden. Dem Verfasser, der
protestantischer Theologe war, missfiel das Bestreben der
protestantischen liberalen Theologie, Religion auf Ethik zu reduzieren.
Er zeigte, dass die Natur des Menschen einen religiösen Aspekt hat, der
ursprünglich vom Ethischen unabhängig sei. Dieser Teil von uns sei es,
der auf das Geheimnissvx)lle und Ehrfurchtgebietende reagiere, auf eine
Wirklichkeit, die überwältigend und faszinierend zugleich ist, die nicht
hinreichend verstanden oder rationalisiert werden könne. Das Wort
„heilig" und seine Equivalente wiesen nach Otto auf die Erfahrung des
„Numinosen" hin, einer göttlichen Wirklichkeit, die Furcht, Ehrfurcht
und Gehorsam wecke. In der groben und primitiven Form sei diese
Erfahrung durch das Gewahrwerden des Unheimlichen, Gespenstischen und
Haarsträubenden ausgelöst worden. Mit der Klärung und Erhöhung der
Vorstellungen vom Göttlichen habe die Anschauung von der Heiligkeit auch
ethische Aspekte bekommen und die Ehrfurcht werde nun nicht mehr nur
durch das furchterregende Mysteriöse, sondern auch durch die göttliche
Vollkommenheit geweckt.
Es fällt auf, dass Otto, ein überzeugter Lutheraner,
dieses Kapitel des Buchs Levitikus überhaupt nicht erwähnt. Er sprach
von der Heiligkeit nur als einer emotionalen Erfahrung, nicht von
keduscha
als einem Ziel und einer Aufgabe, die durch ein diszipliniertes Leben
erlangt werde. In seinem Eifer, der Religion einen ein-
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Kedoschim
Heiligkeit
zigartigen Charakter zu geben, reduzierte Otto die
ethische Komponente der Heiligkeit auf ein bloßes „Plus". Dies
entspricht nicht der jüdischen Sicht dieses Themas, wie der vor uns
liegende Text zeigt, wie auch die wiederholten Feststellungen in unseren
Gebeten und Lobsprüchen, dass Gott „uns durch seine Gebote geheiligt
hat". Im Judentum sind Religion und Ethik zwar nicht identisch, aber
untrennbar [4].
e. Kapitel 18-20 geben eine
klare Darstellung über die Heiligkeit des Lebens.
Die Hauptstoßrichtung ist eine ethische. Und die
moralischen Gesetze dieses Kapitels sind nicht nur formale Anordnungen.
Sie fordern eine gerechte, menschliche und einfühlsame Behandlung
anderer. Den Alten, Behinderten und Armen soll Beachtung und Respekt
geschenkt werden. Der Arbeiter soll unverzüglich bezahlt werden. Dem
Fremden soll man dieselbe Liebe entgegenbringen wie einem Mitbürger.
Doch nicht nur mit dem offenkundigen Verhalten beschäftigt sich das
Gesetz, sondern auch mit den Motiven einer Tat. Rachegefühle und Groll
werden verurteilt.
Unter den ethischen Pflichten werden die des sexuellen
Anstandes besonders betont. Die Tora fordert die Kontrolle, nicht die
Unterdrückung des Sexualtriebs. Das Leben ist heilig. Mit den
körperlichen Abläufen, durch die sich das Leben fortpflanzt, muss
verantwortlich umgegangen werden.
Die ethischen Verfügungen des 19. Kapitels sind mit
kultischen Geboten vermischt. Einige von ihnen richten sich gegen
heidnische und abergläubische Bräuche, die mit der biblischen Religion
nicht vereinbar schienen. Bei anderen ist die Absicht weniger deutlich.
Für den biblischen Verfasser hatten diese kultischen Richtlinien
dieselbe Autorität wie die ethischen Gebote. Das tradtionelle Judentum
betrachtet sie als „königliche Anordnungen", denen man Gehorsam leisten
muss, ob man sie versteht oder nicht (siehe die Einführung in Lev.
11,1-23).
Wir heutigen Menschen können dem nicht zustimmen, aber
wir können erkennen, dass Gottesdienst und Kult, wenn sie durchdacht und
ehrfürchtig ausgeübt werden, das persönliche wie das familiäre Leben
bereichern. Obwohl sie ältere Ansichten über den Ursprung und die
Autorität der Rituale nicht anerkennen, können sie dennoch Gewinn aus
dem Ritual selbst ziehen. Im geheiligten Leben ist das ethische Element
zwar vorrangig, doch es ist nicht das einzige. Indem der Verfasser des
Heiligkeitsgesetzes moralische und kultische Gebote verknüpfte, zeigte
er ein tiefgründiges Verständnis für ihre gegenseitige Durchdringung.
f. Dies sind die Elemente
einer Lebensweise, die ka-dosch genannt wird. Das Kapitel beginnt
mit der überraschenden Aussage, dass wir durch diese Mittel heilig wie
Gott sein können und versuchen sollen, es zu werden. Dieselbe Tora, die
den Unterschied zwischen Gottes erhabener Vollkommenheit und unserer
irdischen Begrenztheit betont, drängt uns, danach zu streben, diesen
Unterschied zu verringern. Die Aufgabe ist endlos, aber auch unendlich
lohnend. Rabbi Tarfon sagte: „Vermeide keine Tat, die keine Grenze hat
und keine Aufgabe, die nicht vollendet werden kann. L.s gleicht einem,
der angestellt wurde, Wasser aus dem Meer zu nehmen und es auf das Land
zu gießen. Als aber das Meer sich nicht leerte und das Land nicht
überflutete, wurde er entmutigt. Da sagte jemand /u ihm: Du Dummkopf!
Warum lässt du dich entmutigen, solange du täglich einen Golddinar als
Lohn erhältst?" [5]. Das Streben nach dem Unerreichbaren kann ein Mittel
zu seiner Erfüllung sein und ist sein eigener Lohn.
g. Das Heiligkeitsgesetz
richtet sich nicht an einzelne Individuuen, sondern an die
Gesamtgemeinde Israels. Sein Ziel ist es nicht, einige wenige Heilige zu
schaffen, die sich mit kontemplativen oder asketischen Lebensformen aus
der Welt zurückziehen. Die Tora y.ielt vielmehr darauf ab, ein heiliges
Volk zu schaffen, dcis seine Bestimmung zum Gottesdienst in den normalen
Alltagsbeziehungen bei der Landwirtschaft, im Handel, im Familienleben
und gemeinschaftlichen Angelegenheiten zeigt (vgl. Ex 19,6).
h. Einige Wissenschaftler
weisen dieses Kapitel einer besonderes Quelle zu, dem sogenannten
„Heiligkeit.s-gesetz". Typisch für „H" sei eine bestimmte Vorstellung
über das Heilige Land [6]. Obwohl Gott die gan/e
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Welt regiert, ist er in einzigartiger Weise mit dem Land
Kanaan, dem späteren Land Israel, verbunden und dort gegenwärtig.
Deshalb werden heidnische Bräuche, die überall sonst in der Welt
hinnehmbar sind, zu einer Vertreibung aus dem Land Israel führen
(18,24.28;
20,22ff.). Das Gesetz über das Schabbatjahr gilt nicht
nur dem Volk, sondern auch dem Boden. Ein Versäumnis, dieses Gesetz zu
befolgen, wird Jahre der Verödung nach sich ziehen (siehe unten, 26,34).
Die Vorstellung, dass einem bestimmten geographischen
Gebiet besondere Heiligkeit anhaftet, mag uns heute befremden, dennoch
gehen viele selbstverständlich davon aus, dass Jüdinnen und Juden höhere
Erwartungen an sich selbst als an andere haben müssten, dass eine
jüdische Gemeinschaft Modellcharakter hat und ein jüdischer Staat anders
und besser sein sollte als andere Nationalstaaten.
Die Heiligkeitsvorstellung schließt den Gedanken ein,
dass das, was wir tun und was wir aus unserem Leben machen, nicht nur
uns als Individuen und nicht nur unsere Gesellschaft betrifft, sondern
den gesamten Kosmos. Durch alles Vorhandene zieht sich eine göttliche
Absicht. Wir können uns mit ihr verbünden, uns ihr widersetzen oder,
vielleicht am schlimmsten, sie außer Acht lassen. Dieses zentrale
Kapitel der Tora verdient es, nicht nur sorgfältig gelesen und studiert
zu werden, sondern dass man fortdauernd über seine erstaunliche
Bedeutung nachdenkt.
2. Heiligung und Entweihung
des Namens
Es wurde oben bereits auf die Aussage hingewiesen,
wonach jemand, der seinen Nachkommen dem Molech opfert, den Namen Gottes
entweiht (18,21). Derselbe Ausdruck erscheint in Kapitel 19 Vers 12 in
Verbindung mit falschem Schwören. In diesen Zusammenhängen scheint der
Satz keiner Erläuterung zu bedürfen. Doch seine vollständige Bedeutung
wird aus einer anderen Stelle ersichtlich. Den Namen Gottes zu entweihen
bedeutet, seinem Ruf in der nicht-israelitischen Welt zu schaden. Daher
verkündigt der Prophet Ezechiel, der wie wir sahen eine
große Nähe zum Heiligkeitsgesetz aufweist, dass das Volk
Juda den Namen Gottes entweihte, als es die Gefangenschaft des Exils auf
sich lud, denn die Heiden betrachteten die Niederlage Judas auch als
Niederlage der Gottheit Judas. Sie glaubten, das Volk sei im Exil, weil
seine Gottheit nicht stark genug war, es zu beschützen. Um seinem Ruf
wieder Geltung zu verschaffen, würde Gott Israel nun reinigen und
wiederherstellen. Wenn das Volk wieder zurück auf seinem Boden sei,
stark und blühend, dann werde Gotes Name „geheiligt werden vor den Augen
aller Völker", d.h. die Nationen werden seine Macht anerkennen und
verstehen, dass das Exil nicht der Beweis seiner Unfähigkeit war,
sondern seiner unbeirrbaren Gerechtigkeit (Ez 36,16ff.).
Diese Vorstellung wurde im rabbinischen Judentum von
einer theologisch zu hinterfragenden Annahme zu einer mächtigen
moralischen Herausforderung verändert. Die Rabbinen glaubten, das
Ansehen des Gottes Israels unter den Heiden sei nicht die Sache Gottes,
sondern läge in der Verantwortung der Menschen. Jüdinnen und Juden
müssten so leben, dass sie die Achtung der gesamten Menschheit für ihren
Gott gewönnen. Jedes Verhalten, das öffentliche Schande auf Juden und
das Judentum werfe, sei Chillul ha-Schem, eine Entweihung des
göttlichen Namens, und jede Handlung, die die Göttlichkeit und das
Ansehen des Judentums erhöhe, sei Kiddusch ha-Schem, eine
Heiligung des Namens.
Einen Heiden zu berauben, ist deshalb eine doppelte
Sünde, da zusätzlich zur Sünde des Raubs die Sünde des Chillul
ha-Schem
begangen wird [7]. Jeder Jude sollte das Martyrium der öffentlichen
Verletzung eines Gebotes, durch die der Name Gottes entweiht wird,
vorziehen.
Kiddusch ha-Schem hat
allerdings nichts mit dem zu tun, was wir „Werbung" oder „Public
Relations" nennen. Es bedeutet nicht, sich bei den Heiden beliebt zu
machen. Sie verlangt von uns die Zustimmung anderer zu verdienen,
unabhängig davon, ob wir sie tatsächlich bekommen oder nicht. Die
höchste Art von Kiddusch ha-Schem ist, für seinen Glauben zu
sterben.
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3. Die Goldene Regel
Vers 18 ist der Höhepunkt dieses Kapitels:
„Liebe deinen Nächsten so, wie du dich selbst liebst."
Dies ist eine von zahlreichen Versionen eines Grundsatzes, der in unserer
Zeit „die Goldene Regel" genannt wurde. (Man weiß nicht, wann oder von wem
dieser Begriff geprägt worden ist.) Diese Regel gibt es in verschiedenen
Formulierungen, positiv und negativ, aber stets geht es darum, dass der
andere genauso behandelt werden soll, wie wir selbst behandelt werden
wollen.
Unser Abschnitt ist scheinbar die älteste schriftliche
Version dieser Regel. Als Hillel zu Beginn der Zeitrechnung aufgefordert
wurde, die gesamte Tora kurz zusammenzufassen, antwortete er: „Was dir nicht
lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht" [9]. (Diese negative Form der
goldenen Regel war offenbar zur Zeit Hillels sprichwörtlich, denn sie
erscheint fast wortgleich auch in der deuterokanonischen Schrift Tobit
[10].) Jesus von Nazareth, der jüngere Zeitgenosse Hillels, lehrte, dass das
Gebot von Levitikus 19,18 das zweitwichtigste nach dem Gebot der Gottesliebe
sei (Markus 12,28ff.). Im folgenden Jahrhundert nannte Rabbi Akiwa es „das
Hauptprinzip der Tora" (Sifra).
Man nimmt an, dass Confuzius die Goldene Regel in der
negativen Formulierung gelehrt hat [11]. Eine abstraktere Form dieses
Grundsatzes ist Kants „kategorischer Imperativ": „Handle so, dass die Maxime
deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung
gelten könne." [12]
Einige christliche Apologeten behaupteten, die negative
Formulierung der Goldenen Regel stehe auf einer geistig tieferen Stufe als
die positive, die Jesus zugeschrieben wird: „Alles, was ihr wollt, das euch
die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!" (Matthäus 7,12). Vor Eifer
vergaßen sie jedoch, dass die positive Formulierung erstmals in der Tora
auftaucht. Tatsächlich gibt es zwischen beiden Versionen keinen
Bedeutungsunterschied. Man hat behauptet [13], die Goldene Regel diene als
Beurteilungskriterium. Sie befähige uns, über ein Vorhaben zu urteilen, gebe
uns aber nicht die Mittel in die Hand, das Vorhaben in die Tat umzusetzen,
denn dies erfordere stets einen Akt schöpferischer Phantasie. Als
Beurteilungskriterium erfüllt die Goldene Regel ihren Zweck, unabhängig
davon, ob sie negativ oder positiv formuliert ist.
Einige Christen versuchten nachzuweisen, dass der
Ausspruch Jesu wahrhaftiger und universaler sei als d>is Pendant in
Levitikus. Sie argumentieren, das Wori „Nächster" bedeute in Levitikus
(19,18) den „israelitischen Nächsten", was in der Tat der Fall ist, aber
m.in übersieht dabei offenbar das Gebot in Vers 34, in dem von uns verlangt
wird, einem Fremden dieselbe Liebe entgegen zu bringen wie einem Bewohner
des Landes und es gibt keinen Beweis dafür, dass Jesus eine weitere
Perspektive gehabt hat [14].
Derartig theoretische Unterscheidungen sind ohnehin
nicht weiter von Belang, denn unsere Möglichkeiten, die Goldene Regel zu
leben, liegen hauptsächlich im Rahmen unserer Beziehungen zu denen, die uns
physisch nahe sind, d.h. unseren Nächsten im wörtlichen Sinn. In der Antike
hatten die meisten Mensch kaum eine Vorstellung von Ereignissen, die über
ihr unmittelbares Umfeld hinaus gingen. Sie heilten nicht Teil an den großen
politischen und wirl-schaftlichen Entscheidungen, ja in der Regel kannten
sie die großen Ereignisse nicht eher, als bis ihre Ergebnisse über sie
hereinbrachen, in Form von Einwanderungen, Deportationen, neuen
Steueranforderungen oder ähnlichem. Erst in den letzten Jahrhunderten, vor
allem im zwanzigsten, bekam der durchschnittliche Mensch das Wissen, die
Gelegenheit und die Pflicht, die Goldene Regel in einem weltweiten Horizont
/n praktizieren. Heute müssen wir in der Tat überlegen, welche
Verpflichtungen den Vietnamesen, den Somalis und den Bengalis gegenüber
bestehen. Doch die.s ist etwas Neues, und es macht die Frage nach unseren
Beziehungen zu den unmittelbaren Nächsten in keiner Weiser weniger
dringlich.
Eine rein technische, wenn auch nicht genaue, Übersetzung
des Verses könnte lauten: „Du sollst deinem (le-)
Nachbarn Liebe erweisen wie dir selbst." Dieses Verständnis hat verschiedene
Kommentatoren zu alternativen Deutungen des Abschnitts angeregt. .Sie' sind
grammatikalisch nicht zu rechtfertigen, denn e's gibt für diese Konstruktion
eines direkten Objektes mit le- zahlreiche Beispiele in der Bibel,
aber sie sind in sich interessant.
Bestellen? Die Tora, Hebräisch-Deutsch, 5 Bde.
Bd.1, Genesis /
Bd.2, Exodus /
Bd.3, Leviticus /
Bd.4, Numeri /
Bd.5, Deuteronomium
hagalil.com
25-04-03
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