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Torath haKohanim, Levitikus:
Einführung in das Buch Vajikra
Von Rabbiner Bernard J. Bamberger

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Priesterschrift und Heiligkeitsgesetz

In der allgemeinen Einführung in die Tora (Band I Bereschith - Genesis) hieß es, dass die Tora eine zusammengesetzte Einheit ist. Obwohl viele Schlussfolgerungen des 19. Jahrhunderts später in Frage gestellt worden sind, kann man das Vorhandensein von drei wesentlichen Bestandteilen innerhalb des Pentateuchs kaum bestreiten [2].

Eines dieser Bestandteile ist das Buch Deuteronomium, das sich in seiner Sichtweise, seinem Inhalt und Stil vom Rest unterscheidet. Wissenschaftler benutzen die Initiale D, wenn sie sich auf diesen Teil beziehen.
Der zweite Bestandteil des Pentateuchs umfasst die lebhaften, spannenden und bewegenden Erzahlungen der Bücher Genesis, Exodus und Numeri und wird J/E genannt [3]. Diese Bücher enthalten außerdem kurze Abschnitte aus einer priesterlichen Quelle P.
Das Buch Levitikus besteht insgesamt nur aus priesterlichem Material. P enthält eine erstaunlich große Menge an Erzählungen, doch das hauptsächliche Interesse liegt bei Gesetz und Ritual. Die äußere Form ist systematischer als in den übrigen Quellen und der Stil ist präziser und genauer. Er kann so würdevoll und eindrücklich sein, wie im ersten Kapitel der Genesis.

Obwohl das gesamte Buch Levitikus sich auf priesterliche Quellen gründet, ist es kein einheitlicher und geordneter Kodex. Die Opfer werden zum Beispiel in großer Ausführlichkeit besprochen, doch andere wichtige Bestimmungen zu diesem Thema, die ebenfalls von P stammen, finden sich in Exodus und Numeri. In den Kapiteln über rituelle Unreinheit (11-15) wird die schwerste Verunreinigung, der Kontakt mit einer Leiche, nicht erwähnt. Dieses Thema wird in Kap. 21 Vers 1-4 nur ganz kurz gestreift, doch eine ausführliche Darstellung findet sich nur in Numeri 19.

Selbst innerhalb des Buches Levitikus fehlt eine systematische Ordnung. Der Abschnitt über das Opfer enthält zwei Teile, Kapitel 6 und 7, die zusätzliche Bestimmungen zu den verschiedenen Opferarten geben, die bereits in den Kapiteln 1-5 dargestellt worden sind (Kap. 17 bietet weiteres Material zum Thema Opfer) Kapitel 20 ist weitgehend eine Wiederholung der Gesetze aus Kapitel 18.

Bei P handelt es sich nicht um eine nahtlose Einheit, die von einem einzigen Verfasser geschrieben wurde. Es ist eine Zusammenstellung priesterlicher Traditionen aus verschiedenen Quellen und zweifellos aus verschiedenen Zeitepochen. In den Einzelheiten gibt es zahlreiche Abweichungen und es weist einiges darauf hin, dass die Sammlung, nachdem sie bereits abgeschlossen war, noch Zusätze und redaktionelle Änderungen erfuhr. Doch die Versuche der Wissenschaft, P in seine einzelnen Quellen zu zerlegen und jede einzeln zu datieren, sind wenig überzeugend [4].

Die Forschung hat außerdem gezeigt, dass man hinter vielen der geschriebenen Dokumente mit einer langen mündlichen Tradition rechnen muss. Ein geschriebenes Gesetz kann Jahrhunderte lang bereits Geltung gehabt haben, bevor es in einen unserer gegenwärtigen Texte eingefügt wurde.

Doch selbst in einer Übersetzung erkennt man in der zweiten Hälfte des Buches eine deutliche Änderung im Inhalt, Stil und Ton. Die Kapitel 1 bis 16 sind inhaltlich und stilistisch den P-Materialien ähnlich, die sich in den anderen Büchern der Torah finden. Die Kapitel 17 bis 26 besitzen dagegen viele eigentümliche Charakteristika. Oft erläutern sie Zweck und Absicht der Gesetze - eine Seltenheit in P.
Über die Begründungen einzelner Bestimmungen hinaus beziehen sich diese Kapitel durchgängig auf ihren allgemeinen Zweck: die Heiligkeit des israelitischen Volkes zu bewahren. Diese Heiligkeit wird nicht nur in der rituellen Reinheit gesehen, sondern vor allem in persönlicher und sozialer Gerechtigkeit. Der göttliche Ursprung und die göttliche Zustimmung werden immer wieder durch Sätze wie "Ich, der Ewige, euer Gott" am Ende eines Gebots betont. In ihrer Verbindung von moralischen und rituellen Elementen erinnern diese Kapitel an D [5]. Kurz gesagt: Bei diesen Abschnitten handelt es sich um eine charakteristische Eigentümlichkeit von P oder gar um eine eigenständige Quelle, die in der Wissenschaft Heiligkeitsgesetz H genannt wird. Aus diesem Textteil stammen die meisten derjenigen Abschnitte des Buches Levitikus, die uns heute noch ansprechen.

Obwohl H von den übrigen Teilen der Tora abweicht, zeigt es in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeit mit den Prosatexten des Propheten Jecheskel (Ezechiel). In der Wissenschaft wurden längere Listen der Sätze zusammengestellt, die häufig bzw. selten in Ezechiel und H belegt sind und, wenn überhaupt, in anderen biblischen Texten [6]. Man hat sogar vorgeschlagen, Ezechiel als den Verfasser des Heiligkeitsgesetzes zu betrachten, doch Ezechiels Auffassungen über religiöse Observanz widersprechen einigen Bestimmungen von H. Es erscheint jedoch als sehr wahrscheinlich, dass H aus der Wirkungszeit dieses Propheten stammt, das heißt, aus den Jahren nach dem Untergang Judas im 6. Jh. v.d.Z.
Der Verfasser dieses Kommentars hält die schriftlichen Dokumente des Pentateuchs für eine Kristallisation mehrerer Traditionen, von denen einige sehr alt sind. Dies trifft ebenso auf P zu. Es enthält trotz einer gewissen Uniformität in Stil und Gestaltung viele Widersprüche, die auf eine Komposition aus verschiedenen Quellen hinweisen. Es spricht einiges dafür, dass die priesterlichen Materialien im 5. Jh. v.d.Z. ihre gegenwärtige Form erhielten. Die Redakteure bewahrten einen Großteil des alten Materials unverändert, doch ebenso konnten sie auch Dinge ändern oder ergänzen, um neuen Bedürfnissen zu entsprechen. Das Gesetz über den Sündenbock (16, 8-10 und 20-22) ist nur eines der genuin archaischen Elemente in P. Daneben enthält die Priesterschrift aber auch Abschnitte, die eine gekünstelte und künstliche Altertümlichkeit aufweisen, vor allem die Darstellung eines ausgearbeiteten Schreins mit einem hoch organisierten sakralen System, das für die Bedingungen der Wüste vollkommen ungeeignet ist. Dies lässt auf ein relativ spätes Datum der Entstehung schließen. Ebenso auch die heftige Auseinandersetzung zwischen Priestern und Leviten - im Buch Deuteronomium dagegen erscheinen diese beiden Begriffe als Synonyme [7]. Das uns heute vorliegende Buch Levitikus ist also das Endprodukt einer langen und komplizierten Entwicklung.

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