
Das Sefer Dewarim (Buch
Deuteronomium, V.Buch Moses) präsentiert sich als eine Aneinanderreihung von
Abschiedsreden Mosches und endet mit einer Beschreibung seines Todes, an den
wir uns am 7.Adar erinnern.
Mischneh haTorah, Deuteronomium:
Einführung in das Buch Dewarim
Von Rabb. Dudley Weinberg s.l. und Rabb. W. Günther
Plaut
Literarische Aspekte
Gattungen
Die literarischen Gattungen des Buches sind, wie
bereits gesagt, Erzählung, Ermahnung, Liturgie, Gesetz und Poesie.
Die Erzählungen finden sich am Anfang und am Ende des Buches sowie in
Kapitel 27, Poesie nur in den Kapiteln 32 und 33.
Manchmal hat eine Ermahnung einen erzählerischen Bezugspunkt, wie in dem
Abschnitt, in dem Israel aufgefordert wird, immer dessen zu gedenken, was
Amalek getan hat, und in diesem Fall erzählt der Text kurz die wichtigsten
Ereignisse (25,17-19).
Es gibt liturgische Abschnitte, wie etwa das Ritual für ein Erntedankfest
samt der Worte, die dabei vorgetragen werden sollen (Kapitel 26), oder den
Nachvollzug einer Bundesschlusszeremonie, die durch Segens- und Fluchsprüche
bestimmt ist (Kapitel 27).
Alle diese Materialien, einschließlich vieler Gesetze, sind in einer Sprache
formuliert, die sich von der Sprache der anderen Bücher der Tora
unterscheidet. Die Sätze bestehen aus mehr Nebensätzen, und die Wendungen
haben oft poetische Qualität und weisen eine Art poetisches Metrum sowie
Assonanzen auf, die dem Text einen besonderen Rhythmus und eine gewisse
Feierlichkeit verleihen.11
11 - Lohfink Interpreter's Dictionary of the Bible, S. 229. In klassischen
Sprachen nennt man das "Kunstprosa".
Stil
Der Stil ist sehr rhetorisch, der Sprecher bittet und
drängt, droht und tröstet, ermahnt und ruft schließlich die Himmel selbst zu
Zeugen auf.12
Der Text weist alle typischen Merkmale einer Predigt auf und verwendet eine
ganze Reihe von Schlüsselbegriffen wie:
"Höre, Israel"; "Stellt den Ewigen nicht auf die Probe!"; "Gebt Acht!";
"Seid bedacht!"; "Gedenkt!"; "Hütet euch!".
Die Sätze sind bisweilen lang und wiederholen sich, doch das erhöht die
rednerische Wirkung des Ganzen. Spezielle grammatische Formen - wie etwa die
Endung -un im Imperfekt in der dritten Person Plural - tragen zu einer
Atmosphäre des Besonderen bei.
Die engsten Parallelen finden sich im Prosastil bei Jeremia und in den so
genannten "vorderen Propheten", also in den Büchern Jehoschua bis Könige.
Die Nähe dieser Schriftengruppe zum Deuteronomium hat manche Wissenschaftler
zu der Annahme geführt, dass diese Schriften aus einer "deuteronomistischen
Schule" stammten, die andere theologische Interessen und manchmal auch
andere Ansichten hatte als diejenigen, die den Tetrateuch (Genesis bis
Numeri) anfertigten.13
Hier endet jedoch der wissenschaftliche Konsens. Einige vertreten die
Meinung, dass die deuteronomistische Schule in ländlichen Gegenden unter den
Leviten ihr Zentrum hatte, während andere aufschlussreiche Parallelen zur
"Weisheitssprache" feststellen, wie sie am Königshof und in der Stadt
bekannt war.14
12 - Der Fachausdruckhierfiir ist "Paränese" (von dem
griechischen Wort ainos, Rede); das ist eine Form der Ermahnung.
13 - Vergleiche besonders M. Weinfeld, Deuteronomy and the Deuteronomic
School, Oxford 1972. Peake's Commentary on the Bible, London 1962, S. 269
sagt: "Just as Genesis to Numbers is the P-Bible, so Deuteronomy to II Kings
is the D-Bible."
14 - Die erste Ansicht wird von Gerhard von Rad vertreten, letztere von
George E. Mendenhall.
Kasuistisches und apodiktisches Recht
Der Kern des Deuteronomiums (Kapitel 5-26) besteht aus
Gesetzen, die Parallelen in anderen Gesetzeskorpora des Alten Orients haben.
Solche Gesetze umfassen kasuistisches und apodiktisches Recht, wobei sich
ersteres häufiger findet. Hier wird konkret festgelegt, in welchen Fällen
und unter welchen Bedingungen ein Gesetz gilt, zum Beispiel: "Wenn du gegen
deine Feinde zu Felde ziehst..." (20,1).
Apodiktisches Recht gilt ohne jede Bedingung, wie es etwa im Dekalog und an
anderen Stellen der Fall ist: "Halte in deiner Tasche nicht zweierlei
Gewicht" (25,13), oder "Du sollst das Böckchen nicht in seiner Mutter Milch
kochen" (14.21).15
15 - Zum kasuistischen und apodiktischen Recht siehe A.
Alt, Essay on Old Testament History and Religion, Garden City 1968 und die
Übersicht von R. Sonsino, Journal of Reform Judaism (Sommer i61979),S.
117-123.
Das Deuteronomium und der Rest der Tora
In welcher Beziehung stehen diese Gesetze zum
Bundesbuch, das allgemein als das älteste Gesetzeskorpus der Tora angesehen
wird (Exodus 21-23)?
Obwohl der Deuteronomist mit dem Bundesbuch vertraut ist, weicht er doch
deutlich davon ab. Vergleichen wir zum Beispiel, wie ein hebräischer Sklave
behandelt werden soll. Exodus 21,2-6 und Deuteronomium 15,12-18 stimmen
darin überein, dass ein solcher Sklave nach sechs Jahren freigelassen werden
muss. Aber sie sind nicht einer Meinung in der Frage, ob der Sklave ein
Recht auf eine Wiedergutmachung hat.
Exodus sagt: Nein, das Deuteronomium sagt: Ja, und es weitet dieses Gesetz
auch auf Sklavinnen aus.
Hier und an ähnlichen Stellen verändert der Deuteronomist eindeutig ältere
Gesetze, besonders solche, die moralisch oder religiös untermauert sind.16
Die meisten Fall-Gesetze - also kasuistische Rechtssätze - aus Exodus werden
im Deuteronomium überhaupt nicht erwähnt, wahrscheinlich, weil sie zu einem
Gesetzeskorpus gehörten, das allen Völkern in dieser Region gemeinsam war
und von dem der deuteronomische Kreis annahm, dass er ohnehin in Geltung
bleiben würde.17
Die grundlegende Struktur des Bundes ähnelt nämlich sehr stark den
hethitischen Souveränitätsverträgen aus dem zweiten Jahrtausend sowie
neuassyrischen Verträgen aus der Entstehungszeit des Deuteronomiums.18
16 - Schon Raschi erkennt in seinem Kommentar zu den
Abschnitten in Exodus an, dass das deuteronomische Gesetz einen erweiternden
Charakter besitzt.
17 - Der revolutionäre Charakter des deuteronomischen Gesetzes wird
dargelegt von Weinfeld, Deuteronomy, passim. Er ist der Meinung, dass das
Deuteronomium die älteren Gesetze ersetzt und nicht ergänzt hat. Es können
noch zwei weitere radikale Theorien erwähnt werden: Ellis Rivkins, The
Shaping of Jewish History, New York 1971, sieht das Deuteronomium als einen
Versuch, prophetische Privilegien aufzuheben und Mosche als den einen,
unvergleichlichen Propheten einzuführen, dessen Worte unveränderlich sind.
Diese Revolution scheiterte zwar, da Jeremia und Ezechiel den göttlichen
Willen auch weiterhin selbständig auslegten. Eine andere, spätere Revo-1 -
lution hatte jedoch Erfolg: Eine Gruppe anonymer Anführer setzte die
Aaroniten als einzige Priester Gottes ein. Sie taten dies, indem sie den
Pentateuch schufen und dadurch eine sich in der Auflösung befindliche
Religion retteten. (S. 17-41) Morton Smith, Palestinian Parties and Politics
That Shaped the Old Testament, New York 1971, dagegen glaubt, dass das
Deuteronomium ein religiöser und politischer Erfolg war. Es repräsentierte
die "Gott allein"-Gruppe, die Gottes eifersüchtige Liebe zu Israel lehrte.
Dabei veränderte es ältere Traditionen, erklärte Israel zu einem
ausgesonderten Volk und führte den Monotheismus als Religion Israels ein (S.
48-56).
18 - Dieser Aspekt wird im folgenden Aufsatz von William W. Hallo genauer
besprochen. Dort findet sich auch eine Erörterung des Königtums im
Deuteronomium.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Deuteronomium ist
ein Erbe alter Traditionen. Es hat sie umgeformt, sodass sie neuen sozialen
und politischen Bedürfnissen entsprachen.
Dies geschah in einem prophetischen Geist, was ihm die Dringlichkeit
religiöser Imperative verlieh. Diese typischen Merkmale haben sich mit der
Zeit besonders in die Seele Israels eingeprägt. Denn sie haben deutlich
gemacht, dass selbst die kleinste Regel dazu dient, Gottes Volk zu läutern,
und dass das gesamte Volk gemeinsam eine Verantwortung für die Zukunft
trägt.

Fund in der ehemaligen Synagoge in Westheim (Bayern),
entdeckt 1984. Aufgeschlagen ist der Beginn des Buches Dewarim.
Die volltönenden Satzfolgen hielt man für die Worte
Mosches, der bedeutendsten Persönlichkeit in Israels Vergangenheit, und
dadurch gewannen sie noch zusätzlich an Bedeutung. Man sah Gott selber
hinter dem Anführer und hinter dem Gesetz.
Als das Deuteronomium schließlich mit dem Tetrateuch (Genesis bis Numeri)
verbunden wurde und dadurch zum fünften Buch der Tora wurde, führte es die
Geschichtserzählung weiter, die mit der Schöpfung begonnen hatte, die dann
weiter zur Entstehung des Volkes Israel geführt hatte und die nun, mit dem
Tod des Mosche, den ersten Akt einer universalen Geschichte abschloss.
Israel als Gottes Mitarbeiter sollte immer dazu bereit sein, den Schöpfer zu
unterstützen, das Werk seiner Hände zu vervollkommnen. Die Tora war der Weg
dazu, und ein bereitwilliges Volk hatte mit ihr den Schlüssel zu seinem
eigenen Schicksal und zur Zukunft der Welt in der Hand.

Quelle - Der Chumasch nach Plaut:
Die Torah in jüdischer Auslegung
Bestellen? Die Tora, Hebräisch-Deutsch, 5 Bde.
Bd.1, Genesis /
Bd.2, Exodus /
Bd.3, Leviticus /
Bd.4, Numeri /
Bd.5, Deuteronomium
hagalil.com 18-03-2005
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