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BeMidbar - das IV. Buch der Torah:
Das Buch Numeri und die Literatur des Alten
Orients
William W. Hallo
Ein vergleichender literarischer Zugang zum Buch Numeri erfordert
zunächst eine literarische Einschätzung des Buches und hierin liegt eine
außerordentliche Schwierigkeit. Dem Buch Numeri fehlt der Schwung und die
Größe des Buchs Genesis, die theologische Bedeutung des Buches Exodus, die
rechtliche Logik von Levitikus und die literarische Einheitlichkeit des
Deuteronomiums.
Auf den ersten Blick erscheint es, als sei Numeri gar kein
wirkliches "Buch". Vielmehr bildet es den Abschluss des "Tetrateuchs"
(Genesis - Numeri), im Wesentlichen der priesterschriftlichen Geschichte
Israels von der Schöpfung bis zu Moses Tod. Der kanonische Text hat den
eigentlichen Bericht über Moses Tod am Ende des Buchs Deuteronomium
überliefert, doch diese redaktionelle Änderung war vermutlich notwendig, als
das Deuteronomium zum Pentateuch hinzukam. Ursprünglich könnte Deuteronomium
vermutlich der Beginn einer zweiten, deuteronomistischen Darstellung der
Geschichte Israels gewesen sein, das sogenannte "deuteronomistische
Geschichtswerk", dass mit einer kurzen Zusammenfassung der Erzväterzeit
begonnen haben könnte (vgl. Dtn 26,3) und mit dem babylonischen Exil
abschloss. Das chronistische Geschichtswerk beginnt noch einmal mit Adam (1.
Chronik 1,1) und endet mit dem Wiederaufbau unter Esra und Nehemia (Nehemia
13,31). Noch später stellte Josephus die ganze Geschichte hauptsächlich für
ein hellenistisches Publikum in seiner jüdischen Archäologie dar (gewöhnlich
als "Jüdische Altertümer" oder "Antiquitates" zitiert), ähnlich wie Manetho
die Geschichte Ägyptens, Berossos die Mesopotamiens und Phylo von Byblos die
phönizische Geschichte festhielten.
Das "Buch Numeri" in seiner uns überlieferten Gestalt beginnt also ziemlich
willkürlich und endet ohne einen logischen Abschluss. Dazwischen bietet es ein
offensichtlich buntes Gemisch von Erzählungen, Gesetzen und Genealogien.
Vieles davon wird entweder in Numeri selbst oder an anderen Stellen der
historischen biblischen Bücher wiederholt.
Doch trotz all dieser literarischen Schwierigkeiten zeigt das Buch bei
genauerem Hinsehen Anzeichen einer literarischen Einheit und Bedeutung.
Diese sollten wir unter den Gattungsbezeichnungen betrachten, die oben
bereits erwähnt wurden, um zu einer angemessenen Beurteilung des
literarischen Vergleichsmaterials aus der altorientalischen Umgebung zu
gelangen.
Der erzählerische Hintergrund
Die Erzählungen im Buch Numeri schildern eine Zeitdauer von vierzig
Jahren, die im Sinai, Negev und Ostjordanland verbracht wurde, d.h. die Zeit
der Wüstenwanderung und der beginnenden Eroberung des verheißenen Landes.
Das meiste handelt von einem Aufenthalt in Kadesch-Barnea. Hier wurde eine
Eroberung des Landes von Süden (Negev) her erwogen und dann verworfen.
Stattdessen führten Mose und Josua eine neue Generation durch das
Ostjordanland und griffen das Land von Osten her über Jericho und Ai an.
Ob diese Darstellung im Groben oder in allen Einzelheiten historisch korrekt
ist oder nicht, mag hier dahingestellt bleiben. Uns kommt es vielmehr auf
den literarischen Umgang mit dem Thema an. So betrachtet bietet das Buch
Numeri eine Geschichtsdarstellung im Sinne ihres höchsten Anspruchs, dass heißt als "die intellektuelle Art und Weise, in der sich
eine Gesellschaft über ihre Geschichte Rechenschaft gibt." 1
Es ist das Bild,
dass Israel sich über die Epoche seiner Geschichte machte, in der es zu
einem Volk wurde. Dieses Geschichtsbild kann durchaus von einem Redaktor aus
der exilischen Zeit stammen (6. Jh. v.d.Z.), doch es wurde aus verschiedenen
und manchmal einander widersprechenden Quellen und mündlichen Traditionen
zusammengestellt, die aus einer Zeit lange vor dem Großreich Davids (10. Jh.
v.d.Z.) stammten und berichtet über Ereignisse am Ende der Bronzezeit (13.
Jh. v.d.Z.). Ohne Frage war diese Darstellung anfällig für Verzerrungen und
Harmonisierungen und all die anderen Unberechenbarkeiten eines langen und
komplizierten literarischen Überlieferungsprozesses (die sog.
"Redaktionsgeschichte"). In ihrer endgültigen Form hat die Darstellung sich
weit von ihren Quellen und ihrem ursprünglichen Anliegen entfernt, um einige
Jahrhunderte mehr als Shakespeare, wenn er sich für seine "Geschichte" der
frühen englischen und schottischen Könige wie Lear, John und Macbeth auf
Holinshed und andere englische Chronisten bezog, oder, um ein treffenderes
Beispiel zu benutzen, mindestens ebenso weit entfernt wie die Illias von der
Belagerung Tojas.
Doch trotz dieses zeitlichen Abstandes von den beschriebenen Ereignissen,
werden diese im Buch Numeri nicht idealisiert. Die Helden erhalten
keinen heroischen Charakter und menschliche Schwächen werden nicht
ausgemerzt. Wie der größte Teil der hebräischen Geschichtsschreibung und im
Gegensatz zu den meisten außerbiblischen Erzählungen, wird diese Epoche der
Geschichte Israels in sehr realistischer Weise beschrieben. Dies liegt nicht
daran, dass sie sich etwa von der entsprechenden Phase in der Geschichte
anderer Völker zur Zeit Israels unterschied. Es weist im Gegenteil alles
darauf hin, dass die israelitische Wanderung nach dem selben Prinzip ablief
wie die großen Völkerwanderungen, die im 13. Jh. die gesamte damals bekannte Welt überrollten.
Dies betraf vor allem zwei ethnische
Gruppen. Aus der Ägäis kamen die Seevölker, die man zusammenfassend so
nennt, weil sie vom Meer her angereist kamen, der Küstenlinie folgten und
sich wo immer es möglich war, auch an der Küste niederließen. Diese Völker
haben ihre Namen im ganzen Mittelmeergebiet hinterlassen, von Kilikien und
Philistäa (Palästina) im Osten bis Sizilien, Etruria (Toskana) und Sardinien
im Westen.
Aus den syrischen und arabischen Wüsten kamen unterdessen Schübe
semitisch sprechender Halbnomaden, unter dem Oberbegriff "Aramäer" bekannt.
Im weiteren Sinn waren die Israeliten ein Teil von ihnen (vgl. Dtn 25,5).
Wie die Seevölker eroberten sie, wo immer sie konnten, neue Länder, um sich
dauerhaft niederzulassen, - in Kanaan, Syrien und Babylonien.
Durch diese
beiden Bewegungen wurden - wenn sie sich nicht anpassten - einheimische
Bevölkerungsgruppen vertrieben. Dies führte zu einer Serie ethnischer
Wanderungen im Innern. Die großen Weltreiche jener Zeit gerieten unter
diesen heftigen Angriffen ins Wanken. Einige, wie die Hetither in Anatolien
oder die Kassiten in Babylonien, fanden dadurch ihr Ende. Andere, wie die
Ägypter unter der langen Regierungszeit Ramses
II. und die Assyrer unter dem
kriegerischen Tukulti-Ninurta I.
schafften es, die Eindringlinge abzulenken, zu besiegen oder
zu kaufen. In jedem Fall jedoch hatte sich das Gesicht des alten Orients
grundlegend verändert und eine
neue Epoche, die Eisenzeit, begann.
Diese Wanderungen könnten - möglicherweise - durch die Plünderung Trojas
um 1250 v.d.Z. und dem anschließenden Niedergang der mykenischen Städte des
griechischen Kernlandes ausgelöst worden sein. Zumindest sind es diese
Ereignisse, die sich später in der Literatur am nachhaltigsten
niedergeschlagen haben. In der Illias ist ein Bericht über den trojanischen
Krieg erhalten und sowohl die Odyssee als auch Vergils Epos Äneas erzählen
über die anschließenden Wanderungen und Neugründungen der Überlebenden beider Seiten. Weiter östlich
berichten das Tukulti-Ninurta-Epos und andere Texte der assyrischen
Staatsarchive einige der Ereignisse dieser Epoche. Wie das fast gleich alte
Deboralied in Richter 5 haben sie alle einen heroischen Klang. In wahrhaft
epischer Weise besingen sie den Heldenmut und die Ordnung des Volkes, die
Würde und Weisheit seiner Anführer und das beständige und gewöhnlich
besorgte Eingreifen ihrer Götter, - kurz: Sie behandeln diese Epoche als ein
heroisches Zeitalter.
Wenn es in Israel je eine solche Deutung der Wanderung und der Eroberung
des Landes gab, dann könnte sie in der apokryphen Prophetie von Eldad und
Medad zu finden sein (vgl. 11,26f), die nach einer rabbinischen Ansicht
generell aus nur zwei Versen bestand (10,35f, vgl. Ps 68,2), 2
oder im "Buch
der Kriege des Ewigen" (21,14) oder gar im "Buch des Aufrechten" (Sefer
haJaschar Jos 10,13; 2.Sam 1,18)3
Auf der Grundlage der poetischen
Fragmente, die aus ihm zitiert werden4, könnte es sich hierbei "vielleicht
um eine poetische Erzählung, vielleicht um ein kriegerisches Epos mit wunderhaften Elementen" gehandelt haben.5
Keine dieser Zuordnungen trifft jedoch auf das Buch Numeri selbst zu,
obwohl man annimmt, dass es gleichwohl eine epische Grundschicht enthält.6
Trotz seiner langen Redaktionsgeschichte bietet es keine schmeichelhafte
Darstellung der Vergangenheit Israels. Die Erzählungen des "Buchs über
Israels Niederlagen"7
schildern ein aufsässiges und halsstarriges Volk, das
seine Anführer verdächtigt, sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens sehnt (Exodus 16,3; die Einzelheiten in der Beschreibung
der ägyptischen Nahrung in Numeri 11,5 haben eine starke Ähnlichkeit mit
literarischen Fruchtbarkeitstopoi in ägyptischen Texten wie z.B. im "Lob auf
die Stadt Ramses"10), und des Verheißenen Landes unwürdig ist.
Eine bunt
gemischte Menschenmenge schloss sich ihnen an. Gelegentlich wird sogar das
ganze Volk durch abwertende Alliterationen wie 'erew raw
("Mischmasch", vgl. das englische riffraff, Ex 12,38) oder asafsúf
("Massen-Ansammlung" 11,4) bezeichnet.
Die Anführer des Volkes zeigen viele
Momente der Schwäche und bringen sich mit Ausnahme von Josua und Kaleb
(26,65; 32,12; vgl. Dtn 1,36-38) um ihre Chance, das Land Kanaan selbst zu
betreten. Selbst der Gott Israels wird im Buch Numeri nicht sehr
schmeichelhaft beschrieben. So wird er zum Beispiel nur aufgrund mehrfacher
Bitten Moses davon abgehalten, sein Volk zu verlassen, und Mose argumentiert
nicht mit den Verdiensten der Israeliten, sondern damit, dass Gottes Name
und Ruhm entehrt werde, wenn das Volk seine gerechte Strafe bekäme. Kurz:
Die Epoche, in der das Volk Israel entstand, ist nach diesem Geschichtsbild
alles andere als eine rühmliche.
Diese Beschreibung trifft in erster Linie auf die Zeit der
Wüstenwanderung zu und ihren immer wiederkehrenden Krisen, die durch Mangel
und militärische Rückschläge hervorgerufen werden. Doch auch die Anfänge der
Eroberung und Sesshaftwerdung östlich des Jordans werden im Buch Numeri ohne
heroischen Unterton beschrieben.
Die assyrischen Königsinschriften dagegen entwickelten recht früh einen schwülstigen Stil, die
Gottheit, den König und die Armee zu verklären und beschrieben hingebungsvoll alle blutrünstigen Einzelheiten eines jeden siegreichen
Feldzugs. Die Berichte im Buch Numeri stehen dazu in einem starken
Gegensatz. In der Darstellung des Siegs über Sihon und seines amoritischen
Königreichs (21,21-31) werden zum Beispiel weder Mose (wie im
Parallelbericht in Deuteronomium 2,26-37) noch Gott erwähnt (im Unterschied
zu dem Parallelbericht zu diesem Ereignis und zu einem anderen in Richter
11,19-26). In keiner dieser drei Versionen wird die Schlacht selbst
besonders hervorgehoben.8
Was übrig bleibt ist ein nüchterner Bericht über
die Sorgen der Einwanderung und die harte Wirklichkeit des Gebietserwerbs
ohne romantische Ausschmückungen. Die wahre Bedeutung des Textes muss von
daher außerhalb seines Erzählrahmens gesucht werden.
- J. Huizinga, A definition of the concept of history, in: R. Klibansky /
HJ. Paton (Hg.), Philosophy and History: essay presented to Ernst Cassirer,
Oxford 1936,1-10,9; vgl. W.W.Hallo, Biblical history in its Near Eastern
setting: the contextual approach, in: C.D. Evans / W.W. Hallo / J.B. White, Scripture in Conext Essays on the comparative Method
(Pittsburgh Theological Monograph Series 34) 1980,1-26, 6f.
S. Z. Leiman, The inverted nuns at Numbers 10:35-36 and the Book of Eldad
and Medad, JBL 93 (1974) 348-355; doch vgl. B. Levine, More on the inverted
nuns of Num. 10: 35-36, JBL 95 (1976), 12-124.
Sh. Talmon, Heiliges Schrifttum und kanonische Bücher aus jüdischer
Sicht, Judaica et Christiana 2 (1987), 45-79 Anm. 27 nahm an, dass die
beiden letzteren letztendlich identisch seien.
Jos 10,13; 2. Sam 1,18, siehe
dazu jetzt W.W. Hallo, The expansion of cuneiform literature, PAAJR
(1979/80) (Jubilee Volume), 307-322, 3196 Sh. Talmon, Did there exist a
biblical national epic? Proceedings of the Seventh World Congress of Jewish
Studies: studies in the Bibel and the Ancient Near East, 1981, 11-61, 46 und
vielleicht mit der Septuaginta 1. Kön 8,13.
R. Alter, The Art of Biblical
Narrative, New York 1981,35.
F. M. Cross, Canaanite Myth and Hebrew Epic: essay in the history and the
religion of Israel, Cambridge Mass 1973 (v.a. S. 198-201, 301-322) und
ders.,The epic traditions in early Israel: epic narrative and the
reconstruction of early Israelite institutions, in: R.E. Friedman (Hg.), The
Poet and the Historian (Harvard Semitic Studies 26), Cambridge Mass 1983,
13-39. Anders Ch. Conroy, Hebrew epic: historical notes and critical
reflections, Biblia 61 (1980), 1-30; Sh. Talmon, Did there exist a biblical
national epic? Proceedings of the Seventh World Congress of Jewish Studies:
studies in the Bible and the Ancient Near East, 1981,11-61.
Sh. TaLmon, The "desert motiv" in the Bible and in Qumran literature, in:
A. Altmann (Hg.), Biblical Motifs: Origins and Transformations, Cambridge
Mass 1966,31-63,46.
Bestellen? Die Tora, Hebräisch-Deutsch, 5 Bde.
Bd.1, Genesis /
Bd.2, Exodus /
Bd.3, Leviticus /
Bd.4, Numeri /
Bd.5, Deuteronomium

Quelle - Der Chumasch nach Plaut:
Die Torah in jüdischer Auslegung
hagalil.com
20-07-08
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