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Koscher leben...
 
 

Toleranz, nicht Dogmatismus, ist der Kern des Judentums

Mensch bleiben!

Von Rabb. Nathan Peter Levinson

In meiner Kindheit flößte mir eine Stelle der heutigen Schriftlesung Angst und Schrecken ein. Es sind die folgenden Verse:

"Wenn ein Mann einen unbändigen und widerspenstigen Sohn hat, der nicht gehorcht der Stimme seines Vaters und der Stimme seiner Mutter und sie züchtigen ihn, aber er gehorcht ihnen nicht, so sollen ihn sein Vater und seine Mutter ergreifen und ihn herausführen zu den Ältesten seiner Stadt: Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig, er gehorcht nicht unserer Stimme, ein Schlemmer und ein Säufer. Und es sollten ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, daß er stirbt. Und du sollst austilgen das Böse aus deiner Mitte, und ganz Israel soll es hören und sich fürchten."

Ich glaube, daß jeder junge Mensch, der etwas Derartiges liest, in seiner Sicherheit und Geborgenheit erschüttert wird. Wir wissen aus der Kinderpsychologie, daß verschiedene Trotzphasen für die Entwicklung des Kindes unabdingbar sind, und ein derartiger Text ist geeignet, Jugendlichen in einer späteren Entwicklungsphase als Muster eines repressiven und autoritären Stils zu begegnen. Deshalb hat die traditionelle jüdische Erziehung auch immer darauf bestanden, keinem, weder Jugendlichen noch Erwachsenen, einen Bibeltext ohne die jüdischen Bibelerklärer in die Hand zu geben. Wohlverstanden, die Bibel sollte gelesen werden, aber sie sollte so verstanden werden, wie Juden sie stets interpretiert und als Richtschnur ihres Lebens gesehen hatten.

"Die Tradition der jüdischen Erziehung ist, keinem einen Bibeltext ohne die jüdischen Bibelerklärer in die Hand zu geben."

Der Babylonische Talmud erklärt im Traktat Sanhedrin 71a: Einen widerspenstigen Sohn in der beschriebenen Art gab es niemals und wird es niemals geben. Und warum wurde dieser Text dann niedergeschrieben? Auf dass ihr die Schrift studieret und dafür den Lohn der Weisheit erntet. Sagte Rabbi Jehuda, gleicht seine Mutter nicht seinem Vater in Stimme, Aussehen und Statur, so kann er nicht als widerspenstiger Sohn angesehen werden. Ähnlich ist es auch mit der abtrünnigen Stadt, die nach biblischer Vorschrift dem Erdboden gleichgemacht werden musste. Es gab sie nicht und wird sie niemals geben. Lehrte Rabbi Elieser: Eine Stadt, in der auch nur eine Mesusa, eine Pfostenkapsel, die in keinem jüdischen Haus fehlen darf, angebracht ist, kann nicht als abtrünnige Stadt angesehen werden.

Seid vorsichtig beim Urteil!

Hieraus können wir einiges lernen. Zunächst einmal sollten wir die Ermahnung aus den Sprüchen der Väter beherzigen: "Seid vorsichtig beim Urteil!". Wenn dies auch eine Ermahnung an die Richter war, ist sie gleichermaßen anwendbar auf die individuelle Urteilsbildung. So oft sind wir mit dem Verurteilen bei der Hand, weil wir immer meinen, alles so gut zu verstehen, und schon haben wir ein Fehlurteil gefällt.

Schlom Bajith

Das zweite, was wir lernen können, ist das pädagogische Prinzip des harmonischen Elternhauses. Wir werden keine gesunden, realitätsbezogenen, freien Kinder erziehen in einem gespaltenen Elternhaus, wo Vater und Mutter mit verschiedenen Stimmen reden, und wo sie sich nicht einig sind über den Lebensweg ihrer Kinder, und wo sie selber keine eigene moralische Statur entwickelt haben. Kinder sollten auch nicht hin- und hergerissen werden, oder zu wählen haben zwischen Liebe oder Loyalität zu ihrem Vater oder zu ihrer Mutter. Aus diesem Grunde haben Mischehen für die Kinder oft verhängnisvolle Konsequenzen. Bewusst oder unbewusst versucht ein Ehepartner, das Kind oder die Kinder zu seiner Religion herüberzuziehen. Opfer sind in jedem Falle die Kinder. Deshalb sei dem einen Ehepartner geraten, zu der Religion des anderen Ehepartners zu konvertieren. Denn ein in sich gespaltenes Haus hat keinen Bestand.

Weitherzig und menschenfreundlich

Das dritte, was die Gesetzgebung über den widerspenstigen Sohn uns beibringen kann, ist die Toleranz in der Auslegung der Gebote. Sowohl bei Juden als auch bei Nichtjuden gibt es oft genug Tendenzen, Gebote engherzig auszulegen. Die Exegese unseres Bibeltextes zeigt, wie weitherzig und menschenfreundlich die Rabbinen des Talmud die Bibel ausgelegt haben. Denn die Gebote werden uns gegeben, "auf dass wir durch sie leben", sagt die Schrift, und die Weisen ergänzten, "und nicht, dass wir durch die Befolgung der Gebote etwa sterben." Das Humane, das menschliche Verantwortbare, war ihnen auch immer das G'ttliche.

Es ist zu hoffen, dass die Weltoffenheit, wie sie von den Weisen des Talmud gepredigt und praktiziert wurde, auch in der Zukunft ein weites Feld finden möge. Denn viel bleibt noch zu tun. Und mögen die, die die Bibel lesen, von diesem Geist erfüllt sein.

Wochenabschnitt Kl TEZE

Elul 5758

 



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