PARASCHAT
EMOR
Wajikra 21, 1-24,23:
Doppelte Verpflichtung
Über die Feiertage des
Jüdischen Jahres berichtet die Tora an verschiedenen Stellen, am
ausführlichsten in dieser Parascha (Waj. 23, 1-44).
Beginnend mit dem Schabbat wird der Bogen von Pessach über
Schawuot bis Sukkot gespannt. Doch folgt auf Schawuot nicht unmittelbar
Rosch Haschana, wie wir es erwartet hätten, der zeitliche Ablauf wird durch
den Einschub einer ganz anders gearteten Mizwa unterbrochen.
"Und wenn ihr die Ernte eures Landes schneidet, sollst du die Ecke
deines Feldes (,Pea‘) nicht ganz fortnehmen indem du schneidest, und das
Aufzulesende — versehentlich zu Boden Gefallene — deiner Ernte (,Leket‘)
sollst du nicht auflesen; dem Armen und dem Fremden sollst du sie
lassen, Ich bin G'tt, euer G'tt" (Waj. 23, 22).
Raschis Enkel, der Raschbam, verknüpft diesen Passuk mit einer
vorangehenden Stelle, welche das Darbringen des Omeropfers aus der neuen
Ernte am Ausgang des 15. Nissan vorschreibt (Waj. 23, 10ff).
Durch dieses Opfer und das daran anschliessende "Omerzählen" wird ja
bekanntlich Pessach mit Schawuot, dem 50.
Tag der Omerzeit verbunden. Rabbiner Dr. D. Hoffmann führt diesen
Gedanken genauer aus:
"Ohne Zweifel steht diese Vorschrift im engen Zusammenhang mit
dem ersten Gebot unseres Abschnitts über das Omeropfer. Letzteres
Gebot betrifft das zuerst Geerntete; der Schluss des Abschnittes verfügt
über das Letzte der Ernte. Das Erste soll G'tt geweiht werden; vom
übrigen soll nicht alles bis auf den letzten Halm von Eigentümer
eingeheimst, sondern der Rand des Feldes und die Nachlese sollen den
Armen überlassen werden. Die Anerkennung G'ttes als den Herrn des
Bodens, die durch die Weihung des zuerst Geernteten zum Ausdruck kommt,
hat die Gabe von ,Pea‘ und ,Leket‘ an die Armen zur Konsequenz. Ich bin
der Ewige, euer G'tt, schliesst die Vorschrift: 'Des Reichen und des
Armen G'tt bin Ich, dem ihr ja gemeinsam das Erste eurer Ernte
dargebracht habt'.
Einen weiteren Aspekt, warum die Tora die Mizwot von "Pea" und "Leket"
hier erwähnt, zeigt Rabbi Chajim Attar in seinem Kommentar "Or Hachajim"
auf. Der Feldbesitzer könnte nach dem Darbringen des Omeropfers auf den
Gedanken kommen, sich hiermit bereits seiner "religiösen" Verpflichtungen
entledigt zu haben. Da erinnert ihn die Tora daran, dass das "Erste" vom
Feld G'tt, das "Letzte" aber dem sozial schwächer gestellten Mitmenschen
gehört.
Dass die Tora diese Gleichstellung unserer Verpflichtungen gegenüber G'tt
und dem Mitmenschen gerade nach dem Erwähnen des Schawuotfestes betont, ist
bedeutsam. An Schawuot, wenn wir der g'ttlichen Offenbarung am Sinai
gedenken, die Tafeln mit den Zehn Geboten vor uns sehen, und vielleicht in
unserer Ergriffenheit nur noch die ersten Gebote vernehmen, die sich auf
G'tt allein beziehen, da besteht die Gefahr, dass wir in der jüdischen
Religion nur das Gebundensein gegenüber G'tt wahrnehmen. Hier korrigiert uns
die Tora — jüdische Religion ist im gleichen Umfang auch Verpflichtung
gegenüber dem Mitmenschen.

Parashath Emor
Aktuelle
Betrachtungen zum Wochenabscbnitt
und zu den jüdischen Feiertagen
3 MINUTEN EWIGKEIT
von Dr. Zwi Braun
Das Buch enthält drei kurze Betrachtungen zu jedem
Wochenabschnitt der Tora und zu den jüdischen Feiertagen.
Es versteht sich als ein Kommentar für den modernen Menschen, der aber
eine Vielzahl von klassischen und neuzeitlichen rabbinischen Quellen
einbezieht. Ein Glossar und ein Literaturnachweis der benutzten Quellen
ergänzen die Betrachtungen.
MORASCHA - sFr. 42.-...
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