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Sefer Bereschit - Buch Genesis

Paraschat HaSchawua: Der wöchentliche Toraabschnitt, kommentiert von Nechama Leibowitz

Sidra Wajera:
Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler?

Die Moral des Patriarchen Abraham war hoeher als die Noachs, des Vorfahren der menschlichen Rasse. Wir zitieren hier die Worte des Zohar zu diesem Problem:
"Und Abraham trat hin und sprach: Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler? (Genesis 18,23); Rabbi Jehuda sagte: Wer hat jemals einen so mitleidigen Vater gesehen wie Abraham? Kommt und seht: Bezueglich Noah heisst es: Und Gott sprach zu Noach: Das Ende allen Fleisches ist gekommen vor mich, denn voll ist die Erde von Gewalttat durch sie, und ich will sie verderben mit der Erde. Mache dir eine Arche aus Gofer-Holz ... (6,13). Und Noach verhielt sich ruhig, sagte nichts und mischte sich nicht ein. Aber sobald der Ewige, gepriesen sei Er, zu Abraham sagte: Das Geschrei ueber Sodom und Amorah, obwohl maechtig, und ihre Schuld, obwohl sehr schwer; Will ich dennoch hinabsteigen und zusehen ...", trat Abraham sofort hin und sagte: Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler?

Tatsaechlich bot Gott Abraham die Gelegenheit, fuer die Bewohner von Sodom und Amorah zu sprechen. Er sagte zu ihm:
Das Geschrei ueber Sodom und Amorah, obwohl maechtig, und ihre Schuld, obwohl sehr schwer; Will ich dennoch hinabsteigen und zusehen ...

Diese Passage widerspiegelt deutlich die goettliche Absicht, Abraham zu versuchen, um zu sehen, ober er fuer sie um Gnade bitten wuerde. Unmittelbar nach diesen Versen "tritt Abraham hinzu". Welches ist die exakte Implikation der Phrase "tritt hinzu" in Bezug auf den Ewigen, der die ganze Welt mit seiner Glorie erfuellt? Eine Erklaerung finden wir bei Raschi, der sich auf alte rabbinische Quellen stuetzt:
Hinzutreten, um rauh zu sprechen (wie um sich einer Schlacht anzuschliessen)
Hinzutreten, um zu beschwichtigen
Hinzutreten, um zu beten.

Mit anderen Worten, Abraham sammelte all seine inneren Ressourcen, seine sanften und harten Eigenschaften, Liebe und Furcht, Milde und Haerte, und bereitete sich auf den Kampf um Sodom vor. Er argumentierte:
Siehe doch, ich unterstehe mich zu reden zu meinem Herrn und bin doch Staub und Asche.
Nicht doch verdriess es meinen Herrn, dass ich rede.
Der Richter der ganzen Erde sollte nicht ueben Gerechtigkeit?

Vielleicht gibt es fuenfzig Gerechte in der Stadt, willst du auch dann vernichten und nicht vergeben dem Orte um der fuenfzig Gerechten willen, die darin sind? Fern sei von dir, solches zu tun, zu toeten den Gerechten mit dem Frevler, dass der Gerechte sei wie der Frevler. Fern sei es von dir. Der Richter der ganzen Erde sollte nicht ueben Gerechtigkeit.

Unsere Kommentatoren waren ueber die scheinbaren Widersprueche in der oben zitierten Passage erstaunt. Hier die Bemerkungen Solomon Dubnows: Zuerst betete Abraham, Gott solle nicht den Gerechten mit dem Frevler vernichten. Im unmittelbar folgenden Vers bittet er Gott, den Frevler gemeinsam mit dem Gerechten zu verschonen. Dies sogar noch, bevor sein erstes Gebet beantwortet worden war. Im folgenden Vers kehrt Abraham zu seiner ersten Bitte zurueck, nur den Gerechten zu verschonen.

Hier der Vorschlag einer plausiblen Loesung von David ben Samuel aus seinem Werk ueber Raschi mit dem Titel "Diwrei David":

Es ist nur gerecht, dass du den Gerechten nicht mit dem Frevler vernichtest, denn dies ist Gerechtigkeit und erfordert kein Gebet. Mein Gebet ist an dich gerichtet, um dich dazu zu bringen, den ganzen Ort um der Gerechten willen zu verschonen. Wenn aber mein Gebet nutzlos ist, warum solltest du den Gerechten toeten, denn dies ist keine Frage einer speziellen Gunst, sondern nur Gerechtigkeit.

Zwei Prinzipien werden hier angesprochen: das erste ist das des gerechten Gerichtes. Mir diesem Prinzip wird Abraham in der Tora charakterisiert, dies kennzeichnet sein geistiges Schicksal, wie es in den Versen, die dem Dialog mit Gott vorangehen, heisst:

Denn ich hab ihn ersehen, dass er es hinterlasse seinen Soehnen und seinem Hause nach ihm, dass sie wahren den Weg des Ewigen, zu tun Gebuehr und Recht - damit der Ewige kommen lasse auf Abraham, was er ueber ihn ausgesprochen hat.

Die Phrase "denn ich hab ihn ersehen" beinhaltet den fuer ihn und seine Nachkommen von Gott vorgezeichneten Weg. (Vergleiche Jeremias 1: Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt.) Aber das fuer Abraham ausgewaehlte Schicksal passte auch in sein Verhaltensmuster in der biblischen Erzaehlung. Der Patriarch steht treu zu den Grundsaetzen, die Gott fuer seine Nachkommen bereithielt, sogar noch bevor er mit Kindern gesegnet war. Abraham fordert denselben Verhaltensstandard vom Richter der Welt:
Der Richter der ganzen Erde sollte nicht ueben Gerechtigkeit?

Das zweite Prinzip aus dem Dialog zwischen Gott und Abraham ist die Verantwortung des Gerechten gegenueber dem Rest der (korrupten) Gesellschaft. Allein durch Kraft seiner eigenen Verdienste und seines moralischen Einflusses hat er die Macht, die Gesellschaft vor der Zerstoerung zu retten. Sollte es in Sodom, dem Symbol fuer Gottlosigkeit und Korruption, fuenfzig Gerechte geben, waeren ihre Verdienste nicht faehig, die ganze Stadt zu retten? Ein Licht allein erhellt mehr als sich selbst und ein Funke genuegt, um das dichteste Dunkel zu durchdringen. Sicherlich, der "Ort" bleibt ein Ganzes, aber wenn das Herz stark und gesund ist, sollte dies nicht dazu fuehren, dass der ganze Koerper gerettet wird?
Der Prophet Jeremias formulierte diesselben Gefuehle extremer:
Durchstreifet die Gassen Jerusalems, seht euch um, ueberzeugt euch selbst, sucht nach auf seinen Plaetzen, ob ihr einen findet, der recht tut, der Treue sucht, dass will ich ihr verzeihen, spricht der Ewige.

Aber unsere Weisen schalteten einen wichtigen Vorbehalt ein, der die Macht der Wenigen oder des Einzelnen begrenzt, durch ihre Verdienste die Vielen zu retten. Sie fanden eine Anspielung auf ihr Prinzip in der goettlichen Antwort auf Abrahams erste Bitte:
Und der Ewige sprach: Wenn ich finde in Sodom fuenfzig Gerechte in der Stadt, so vergebe ich dem ganzen Orte um ihretwillen.

Die Wiederholung, die in der Verwendung von "in Sodom" und "in der Stadt" liegt, versorgte unsere Kommentatoren mit dem Schluessel. Ibn Ezra erklaert kurz, aber bedeutungsvoll:
Die Verwendung der Worte "in der Stadt" legt nahe, dass sie Gott in der Oeffentlichkeit fuerchten. Vergleiche Jeremias - "Durchstreifet die Gassen Jerusalems".

Mit anderen Worten: die Wenigen koennen das Steuer herumreissen und den Ort retten, wenn die Gerechten "in der Stadt" sind, wenn sie eine prominente Rolle im oeffentlichen Leben spielen und ihren Einfluss auf vielen Gebieten geltend machen. Wenn sie jedoch bloss existieren, zurueckgezogen leben, niemals hervortreten und ihre Froemmigkeit im Verborgenen ausueben, werden sie sich vielleicht selbst retten, aber nicht die spirituelle Kraft fuer die Rettung der Stadt aufbringen. Dieselbe Stadt, die die Gerechten in die Verborgenheit zwingt, damit ihr gewissenhafter moralischer Standard nicht in die Ungerechtigkeit, die das oeffentliche Leben dominiert, eingreife. Diese Stadt ist nicht dazu ausersehen, durch eine Handvoll Gerechte, die unerkannt leben, gerettet zu werden.
Sodom konnte sich nicht ruehmen, fuenfzig, vierzig dreissig oder sogar nur zehn Gerechte zu haben. Und falls sie existierten, waren sie nicht "in der Stadt". Radak zitiert seinen Vater, um Jeremias' Klage, auf die wir oben Bezug nehmen, im selben Sinn zu erklaeren: Keiner, "der recht tut, der Treue sucht", konnte in den Strassen Jerusalems gefunden werden:
Siehe, David sagte (Psalm 79,2), "die Leichen deiner Knechte warfen sie hin, den Voegeln des Himmels zum Frasse, das Fleisch deiner Getreuen den wilden Tieren der Erde." Siehe, damals waren in Jerusalem Heilige und Diener Gottes. Wie konnte Jeremias sagen: "wenn ihr einen findet, der recht tut, der Treue sucht?" Mein Vater, seligen Andenkens, erklaerte, dass Jeremias ausdruecklich feststellte: "durchstreifet die Gassen Jerusalems", "sucht nach auf seinen Plaetzen", denn die Heiligen, die damals in Jerusalem waren, versteckten sich ih ihren Haeusern und konnten sich wegen der Gottlosen nicht in den Strassen und auf den oeffentlichen Plaetzen zeigen.

Weiterfuehrende Fragen:

"Und Abraham trat hin und sprach: Willst du gar vernichten den Gerechten mit dem Frevler? Es bedeutet, es waere anstaendig und grosszuegig von Ihm, die ganze Bevoelkerung um der Fuenfzig willen zu verschonen. Andererseits wuerde der Ewige sogar den Buchstaben des Gesetzes verletzen, zerstoerte er die Gerechten und die Gottlosen gemeinsam. Dies wuerde beide gleichsetzen und denen eine Entschuldigung geben, die sagen: "wieso sollen wir umkehren?" Um wieviel mehr wuerde der Weltenrichter die Qualitaet der Gnade verletzen. Dies ist die Kraft der Wiederholung von "Nicht doch verdriess es meinen Herrn, dass ich rede." Schliesslich stimmte der Ewige, gepriesen sei Er, zu, den ganzen Ort um ihretwillen zu verschonen, den ganzen Orte zu vergeben...
(RAMBAN)

"Den Ort nicht verschonen": Im Text heisst es nicht "die Menschen des Ortes", denn dies meinte nur die Schuldigen, die ihrer gerechten Strafe entgegen gehen wuerden. Es war nur anstaendig, den Platz nicht restlos zu zerstoeren solange fuenfzig Gerechte in der Stadt verblieben. Die Gottlosen wuerden mit dem Ort untergehen, der danach nur von den ueberlebenden Gerechten bewohnt wird.
(Radak)

a) Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Kommentatoren und ihrer Annaeherung an den Text?
b) Wem folgten wir in unserer Interpretation?

Haftara zur Parascha Wajera: II Koenige IV, 1-37


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