Dvar Torah:
Parashat Naso
baMidbar 4:21 – 7:89
von C. Schell-Apacik
Wir waren Sklaven. Wir waren unfrei. Nach unserer
Befreiung ging Moshe in Klausur mit dem Ewigen. Vierzig Tage und vierzig
Nächte lang. Am Berg Sinai wurde uns die Offenbarung zuteil. Und uns wurde
das Geschenk der Torah gemacht, die uns seither über die Jahrtausende hinweg
in unserem Leben als Juden begleitet.
Das Buch Bemidbar, in der Wüste, beginnt mit einer Lagerordnung der Stämme
in der Wildnis. Dabei werden in eindrucksvoller Weise die Namen der nun
Freien genannt und ihre Anzahl. Es wird im Einzelnen beschrieben, wo sie
lagern und welche Aufgabe sie für das Stiftszelt haben. Wir erfahren also
etwas über die Anordnung und die Lage der Stämme aber auch des einzelnen zum
Allerheiligsten. Wo steht der einzelne im wahrsten Sinne des Wortes in
seinem oder ihrem Verhältnis zum Ewigen. Möglich, dass dies nötig war für
unsere Vorfahren; zu sagen, dass sie nun keine Sklaven mehr waren, sondern
ein am chofshi, ein freies Volk. Für sie muss dies eine neue Erfahrung
gewesen sein. Und so gruppierten sie sich räumlich wie auch innerlich, wie
ich denke, um das Stiftszelt, den Ewigen. Eine äußere und innere
Standortbestimmung also.
In der Parashat Naso erfahren wir darüber hinaus, dass, nachdem der Altar
eingesalbt und geheiligt worden war, die Fürsten des Volkes ihre Gaben vor
den Ewigen brachten. Eine beeindruckende, prächtig anzuschauende, zwölf Tage
dauernde Prozession. Das Volk machte klar, wem seine Dankbarkeit galt. Sie
machten ihren Standort klar. Wer sie nun waren, das Volk des Ewigen, mit dem
Ewigen in ihrer Mitte und in ihrem Herzen. Aber war solch eine
Standortbestimmung nur für unsere Vorfahren wichtig? „Wo stehe ich“ ist eine
Frage, die ihre Relevanz auch heute nicht verloren hat. Und ist es nicht
auch diese beständige Neudefinition des eigenen Standortes in Relation zum
Ewigen, die heute so wie gestern nach wie vor aktuell ist? Die Torah ist uns
dabei eine verlässliche Richtschnur. Und die Einhaltung der 613 Mitzwot ist
dabei für viele von uns eine lebenslange Aufgabe und Verpflichtung.
In der Parashat haShavua lernen wir aber noch mehr. So erfahren wir zum
Beispiel etwas über Menschen, die sich freiwillig für eine bestimmte Zeit zu
noch weit mehr verpflichten. Die Grundbestimmungen für Nasiräer scheinen
dabei klar und einfach: Er oder sie darf keinen Alkohol trinken, sich die
Haare nicht schneiden und den besonderen Weihezustand nicht durch Kontakt
mit Totem verunreinigen. Da ich daran glaube, dass die Botschaften der Torah
zeitlos sind, habe ich mich auch hier – wie sicherlich viele andere auch –
gefragt, welche Relevanz dieses Konzept heute für uns haben könnte.
Natürlich habe auch ich darauf keine fertigen Antworten. Aber ich versuche,
es zu verstehen.
Was also ist ein Nasiräer? Ein Nasiräer scheint jemand zu sein, der sich von
anderen in der Gemeinde leicht unterscheiden lässt: im Verhalten dadurch,
dass er oder sie z.B. keinen Alkohol konsumieren darf – das würde bedeuten,
dass diese Person zum Beispiel nach gemeinschaftlichen Aktivitäten und
Gottesdiensten nicht am Kiddush teilnehmen dürfte. Und durch sein oder ihr
Äußeres – und dabei denke ich nicht nur an schwarz gekleidete Männer mit
langen Haaren. Ein Nasiräer scheint ein Mensch zu sein, der allein sein
will, der sich freiwillig in Isolation begibt, mit dem Ewigen und für den
Ewigen.
Und dann kommt mir in den Sinn, dass die meisten von uns, aus dem einen oder
anderen Grund, immer für den einen oder anderen erreichbar sind. Ob es nun
für Kinder, Eltern, Partner, Patienten, Kunden, Klienten, Kollegen,
Gemeindemitglieder oder nur für Freunde ist; wir leben in einer Welt, in der
wir ständig verfügbar sind, nicht nur durch das persönliche Gespräch,
sondern auch durch Telefon – und seine moderne Variante, das Handy, mit dem
wir selbst im Supermarkt erreichbar sind –, durch Fax, Email oder SMS. Was
wäre, wenn für andere durch meine Haartracht oder dadurch, dass ich keinen
Alkohol trinken würde, klar zu verstehen wäre: ich bin nicht mehr verfügbar?
Und das, ohne dass ich mich ständig erklären müsste? Der Gedanke ist
bestechend, oder? Wie wäre es, Zeit zu haben, um sich innerlich zu sammeln
für neue Aufgaben, für sich, die Familie und die Gemeinde? Für die eigene
Standortbestimmung zum Ewigen?
Wir waren unfrei. Nun sind wir frei. Wir haben möglicherweise allen Grund
dazu, uns über das Erreichte im Privaten und in der Gemeinde zu freuen. Aber
zu dieser uns vom Ewigen geschenkten Freiheit und der damit verbundenen
eigenen Standortbestimmung mag es vielleicht für den einen oder anderen von
uns auch heute gehören, sich von Zeit zu Zeit freiwillig mit dem Ewigen in
eine Klausur, in Isolation zu begeben; mit dem Ewigen hin und wieder allein
zu sein – für andere einfach nicht mehr erreichbar, für eine bestimmte Zeit
nicht mehr verfügbar.
hagalil.com
30-05-2004
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