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WESOT HABRACHA:
Dewarim 33,1 - 34,12
Von Marc Breuer
Zusammenfassung der letzten Paraschah
Es ist der letzte Tag im Leben Mosches. Vor dem großen
Greis ziehen alle Stämme dieses Volkes vorüber, dem er sein Leben gewidmet
hat. Noch einmal kommt die Erinnerung an den Sinai zurück, die Erinnerung an
die Offenbarung, als G"tt die Tora, das Gesetz aus Feuer, in Seiner Rechten
— diese Tora, die seither der Erbbesitz der Gemeinde Jakows geworden ist —
seinem Volk als "der König von Israel-Jeschurun erschienen ist. An die um
ihn versammelten Stammesoberhäupter richtet Mosche Worte, in welchen, dem
Beispiel Jakows folgend, die Warnungen sich mit den Segnungen vermengen und
die Erklärungen des Führers sich mit denen des Propheten verbinden.
Kommentar
Re'uwen:
"Auf dass Re'uwen lebe, dass G"tt ihn beschütze"!
Re'uwen war ständig den Angriffen seiner Nachbarn in Transjordanien
ausgesetzt. Schon zu Mosches Zeiten hatte die Zahl seiner waffenfähigen
Männer um fast dreitausend auf sechsundvierzigtausend (vgl. Bamidbar 1, 21
und 26, 7) abgenommen. In der Epoche von David wurde ein Teil seines
Territoriums von den Moabitern erobert. Ausserdem wird Re'uwen, im Gegensatz
zu seinen Brüdern, durch keine besondere Eigenschaft glänzen, er wird
wirklich der Stamm des "mittelmässigen Juden" sein. Und doch wird er "leben"
und damit zeigen, dass das Judentum nie die ausschliessliche Angelegenheit
einer Elite sein wird. Alle werden mit gleichem Recht zu seiner Entwicklung
beitragen können. Re'uwen wird leben und nicht sterben, denn kein Element
von Israel kann verschwinden, ohne dass die Gesamtheit der Nation eine
unheilbare Wunde empfinge. Das Volk braucht alle, ohne Ausnahme.
(Der Stamm Schimon wird nicht erwähnt. Einerseits wird er kein
unabhängiges Territorium besitzen, denn sein Grundbesitz bildete einerseits
eine Enklave im Land Jehudas und anderseits hatte sich Schimon fast
vollständig durch Heiraten mit den benachbarten Stämmen vermischt.)
Jehuda:
Jehuda wird seinen Brüdern bei der Eroberung des Landes vorausziehen. Er
wird ins Innere des Landes Kenaan kühne Keile vorantreiben, die ihn lange
von seinen Brüdern isolieren werden: "Führe ihn zurück zu seinem Volk (33,
7)".
Er wird im geistigen Kampf ebenfalls an der Spitze der Nation sein und den
kräftigsten Kern des Volkes bilden. Er wird es ferner sein, der den grössten
Teil der geistigen Führer stellen wird, mit denen die jüdische Geschichte
geziert ist, wie auch seinem Schoss die königliche Familie entstammen wird.
Levi:
Die "Urim und Tumim", diese Ehrenzeichen des Hohepriesters, sind die Symbole
dieses unerschrockenen Stammes, der bei zahlreichen Gelegenheiten seine
Kraft der Selbstverleugnung bewiesen hat. ("Wer sagt seinem Vater und seiner
Mutter...33, 9").
Dies werden die wahren Hüter des heiligen Feuers sein. Sie werden alle Werte
ihrer Persönlichkeit in den Dienst des Ideals stellen. Sie werden lehren
(33, 10), sie werden kämpfen (Vers 11) und sie werden doch oft selbst von
ihren eigenen Brüdern verunglimpft werden. Dies ist der einzige Stamm, für
den Mosche die direkte Hilfe G"ttes erfleht, denn kein anderer wird wie er
der Widerwärtigkeit ausgesetzt sein, kein anderer wird soviel Missgunst und
Unverständnis zu überwinden haben. Levi verkörpert den ruhigen Mut derer,
die sich G"ttes gewiss sind, die sich mit Ihm durch eine jederzeitige Treue
verbunden fühlen und durch eine Gemeinsamkeit des Willens.
Binjamin:
"G"ttes Geliebter".
Das Allerheiligste befand sich auf seinem Territorium (die Grenze zwischen
den Gebieten Jehudas und Binjamins durchlief den Vorhof des Tempels — an
dieser Stelle durch eine sichtbare Linie gekennzeichnet — eine Ecke der
Altarbasis durchschneidend und den zentralen Teil des Heiligtums Binjamin
vorbehaltend). "Er ruht zwischen seinen Schultern", denn der Tempel befand
sich nicht ganz auf der Spitze des Zijonsberges (an dieser Stelle floss die
Quelle Etam), sondern ein wenig tiefer, auf der Höhe "der Schultern" im
Verhältnis zum Kopf.
Jossef:
Begünstigt durch die Fruchtbarkeit des Bodens und die Segnungen des Himmels
werden die Zwillingsstämme Efrajim und Menasche ein außerordentliches Glück
genießen. Denn ihr Gründer war der "Nasir" unter den Brüdern gewesen (33,
16), der, der es verstanden hatte, sich eine außergewöhnliche Disziplin
aufzuerlegen, der völlig Herr seiner selbst gewesen war und G"tt selbst
inmitten der Versuchungen und des Götzendienstes gedient hatte.
Von Kraft erfüllt (33, 17) bieten indessen Efrajim und Menasche das Bild der
im Dienste des Meisters verwendeten Macht, die durch den Willen des Geistes
veredelt wird.
Jissachar und Sewulun:
Wie Jakow es schon verkündet hatte, wird Sewulun der Stamm der Meeresfahrten
sein, der Stamm der erfinderischen und unternehmenden Kaufleute.
Jissachar, der Mann des Lehrens und Lernens, wird mit ihm eine perfekte
Verbindung bilden, und alle beide, geeint, werden Israel das Beispiel einer
Brüderlichkeit und eines Gleichgewichts geben, in dem alle Tendenzen sich
vereinen, sich gegenseitig ergänzen und ermutigen, denn sie sind alle dem
Dienst an G"tt und Seinem Toragesetz geweiht.
Gad:
Mosche wird in Transjordanien begraben werden, auf dem Gebiet dieses
Stammes. Vielleicht muss man so die Übersetzung der zwei Verse 33,20 und 21
verstehen: "Und von Gad sprach er: gesegnet sei, der Gad Raum gewährt. Wie
ein Löwe liegt er nun da und hat bereits Arm und Scheitel bewältigt (d.h.
hat streitende Völker und ihre Anführer besiegt und ist damit Herr über
deren Gebiet geworden).
Er hat sich den ersten Anteil ausersehen; denn dort liegt auch der Anteil
des Gesetzgebers, des Verborgenbleibenden, desjenigen, der an der Spitze des
Volkes gezogen ist und der die Gerechtigkeit G"ttes angewandt hat und dessen
Rechtssatzungen für Israel."
Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Mosche hier in wenigen Worten die
Inschrift skizziert hat, die er sich auf seinem Grab vorgestellt hätte, wenn
jemals Menschen Zugang zu ihm gehabt hätten. Ich bin, sagt er von sich
selbst, der verborgene Gesetzgeber, aber auch der im Namen Desjenigen
handelnde, der verborgen bleibt und der in Seinem Namen die g"ttlichen
Gebote verkündet.
Dan:
"Ein junger Löwe, er springt hervor aus Baschan." Kühn und krafterfüllt
stellt Dan den Lebenselan und die junge Kraft eines Volkes dar, das Männer
wie Schimschon (aus dem Stamm Dan) hervorgebracht hat; er wird nicht
verfehlen, Israel einen stets erneuerten Dynamismus zu vermitteln.
Naftali:
Im Gegensatz zu Dan (mit dem ihn übrigens der Text verbindet, nachdem keine
Trennung da ist wie für die vorangegangenen), verspürt Naftali nicht die
Seele eines Helden. Er ist indessen der wirklich starke Mann, denn "er
begnügt sich mit seinem Anteil". Sein friedliches Temperament, etwas
bürgerhaft, wird eine glückliche Synthese mit dem stürmischen Charakter
seines Bruders Dan bilden.
Ascher:
Der Text der Segnung für Ascher (33, 24) lässt zwei Auslegungen zu:
"Gesegnet unter den andern Brüdern (den Söhnen Jakows) oder gesegnet mit
Söhnen (indem er zahlreiche Kinder hat) wird Ascher sein." Alles scheint
übrigens darauf hinzudeuten, dass letztere Erklärung die bessere ist.
Ascher, dessen Gebiet reich an Mineralien ist, dessen Boden Olivenbäume in
Fülle trägt, wird im Land ein harmonisches Bild von Wohlstand und
Familienglück bieten. Sein Reichtum wird nicht Vorwand für egoistischen
Genuss sein, sondern wird als Grundlage für die Errichtung einer Menge von
Heimen dienen, Mittelpunkte einer intensiven geistigen Ausstrahlung.
Wenn wir die Reihenfolge der Segnungen mit der geographischen Lage des
Landes vergleichen, so werden wir feststellen, dass Mosche eine sehr genaue
Ordnung befolgt hat, indem er vom Gipfel des Newo aus das Panorama
betrachtete, das sich seinen Augen darbot. Er befand sich selbst in diesem
Moment im Gebiet von Re'uwen. Mit dem Blick das Tote Meer überquerend,
trifft er auf Jehuda und Binjamin mit dem Hauptzentrum der künftigen
Tätigkeit von Levi (dem Tempel).
Der Mittelpunkt des Landes wird im Besitz des Stammes Efrajim sein. Parallel
zu ihm, auf der anderen Seite des Jordans, findet sich die Hälfte des
Stammes Menasche und in unmittelbarer Nähe Jissachar und Sewulun. Gad
wiederum auf der Ostseite des Jordans, ihm gegenüber Dan, Naftali im
Nordosten und Ascher im Nordwesten vollenden diesen gewaltigen Rundblick.
Von Freude überwältigt ruft Mosche aus: "Keiner gleicht G"tt, o Israel —
Jeschurun! Er fährt auf den Himmeln zu deiner Hilfe, in Seiner Erhabenheit
auf den Wolken (33,26)". Israel hat endlich Ruhe gefunden, es muss sich aber
jetzt von einem Führer trennen, der sich mit allen Fibern seines Körpers mit
ihm verbunden fühlt. Doch hat Israel eine noch schönere Zukunft vor sich.
"Heil dir Israel, wer könnte dir gleichen, Volk, das von G"tt beschützt
wird..." (33, 29).
Dann erfolgt Moschehs einsamer Aufstieg zum Gipfel. Der Lärm der
Menschenmasse, ihre Mühsale und ihre Geschäfte, ihre Erfolge und ihre
Hoffnungen verblassen und entschwinden vor den Augen Mosches. Ein langer
Blick, dann wendet er sich dem Tod zu.
Dieser letzte Blick umfasst noch einmal das ganze Land von den
schneebedeckten Bergen des Chermon an, die sanften Täler des Galil, die
rauhen Hügel von Jeruschalajim bis zu den Ebenen am Meer und der Wüste im
Süden.
Alles ist vor ihm ausgebreitet, wie Raschi sagt, nicht nur physisch, sondern
auch geschichtlich. Er sieht alle diejenigen, die sein unvollendetes Werk
fortsetzen werden, alle diejenigen, die die Last des Volkes tragen werden,
und er empfindet einen starken Schmerz, dieses Volk im Augenblick zu
verlassen, wo alle, Männer und Frauen, mehr als je seiner bedürften.
Er stirbt "durch einen Kuss G"ttes". Keiner wird je sein Grab kennen, damit
es, gemäss der Überlieferung, nicht ein Mittelpunkt der Wallfahrt und eines
Kultes werde. Denn Mosche war der "Mann G"ttes" in seiner ganzen Einfachheit
und seiner Größe. Und so lautet das Zeugnis am Ende seines Buches: "Kein
Prophet wird sich mehr erheben wie Mosche, der G"tt gekannt hat von
Angesicht zu Angesicht."
Ohne jedes Geheimnis "vor den Augen des ganzen Volkes" (34, 12), vor aller
Welt, hat Mosche im Namen G"ttes gehandelt. Sein Andenken bleibt mit der
Tora verbunden, die er aus den Händen G"ttes empfangen hat und die von nun
an die "Tora Moschehs" genannt wird. Das Volk wird ein unvergleichliches
Andenken an ihn bewahren und wird darauf beharren, an seinem endgültigen
Hingang zu zweifeln, denn sein Tod war nicht der Endpunkt seiner Existenz.
Sein Wort fährt fort, in uns zu widerhallen. Seine unvergleichliche
Persönlichkeit fährt fort durch seine unsterbliche Worte hindurch mit
ebensolcher Kraft zu wirken, ebenso während der Jahrhunderte des Glückes im
Heiligen Land wie im Verlauf der Prüfungen des Exils. Und für uns ist er
heute ebenso nah, wie er es an jenem Tag des sechsten Siwan gewesen ist,
G"tt und Seinem Volk gegenüber, auf den sturmumbrandeten Felsen des Sinai.
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