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Koscher leben...
 
 

Die "Hilkhoth Deoth" des Maimonides
(Sittenlehren des RaMBaM)

Übertragung in's Deutsche und Anmerkungen von Bernhard S. Jacobson


Die Hilkhoth Deoth behandeln 11 Pflichten, 5 Ge- und 6 Verbote

  • I. Versuche G'tt in deinen Handlungen zu gleichen
  • II. Schließe dich seinen Bekennern an
  • III. Liebe deinen Nächsten
  • IV. Liebe den Fremden
  • V. Hasse keinen Menschen
  • VI. Gebe den Menschen Rat, Hinweis und Weisung
  • VII. Beschäme niemanden
  • VIII. Bedrücke und kränke keinen Unterlegenen
  • IX. Verleumde nicht
  • X. Räche dich nicht
  • XI. Sei nicht nachtragend

III. Abschnitt.

l. Der Mensch könnte sich nun vielleicht sagen: da Neid, Begierde und Ehrsucht usw. schlechte Verhaltungs-weisen sind und "den Menschen aus der Welt bringen", so will ich mich vollkommen von ihnen fernhalten und mich lieber nach dem ändern Extrem richten. Er wird also kein Fleisch mehr essen, keinen Wein trinken, keine Frau heiraten, in keiner schönen Wohnung mehr wohnen und kein schönes Gewand mehr anlegen, nur wie die Mönche härene Kleider aus harter Wolle tragen. Aber auch dieses Verhalten ist schlecht. Wer diesen Weg geht, wird Sünder genannt. Beim "Enthaltsamen" heißt es nämlich: "Er soll Sühne bringen, weil er sich gegen die Seele vergangen hat." (IV. B. M. 6, 11) Die Weisen bemerken hierzu: "Wenn schon der "Enthaltsame", der sich doch nur den Weingenuß versagt hatte, einer Sühne bedarf, um wieviel mehr derjenige, der sich von allen Genüssen zurückhält." (Taanit 11 a.) Die Weisen haben deswegen befohlen, daß der Mensch sich nur die Dinge versagen soll, die die Thora verbietet, aber sich nicht durch Gelübde und Schwur erlaubte Dinge verbiete. So sagten die Weisen: "Genügt dir nicht, was die Thora verboten hat, da du dir noch mehr Dinge versagen willst?" (Jeruschalmi Nedarim VII.)

Daher sind auch diejenigen, die so viel fasten, nicht auf dem richtigen Wege. Die Weisen haben es verboten, daß der Mensch sich durch Fasten kasteie1). Betreffs all dieser und ähnlicher Dinge hat Salomo geraten: "Sei nicht zu fromm und klügele nicht gar zu sehr, warum willst du dich verwirren?" (Prediger 7, 16.) l) Nedarim 10 a. "Wer fastet, wird Sünder genannt."

2. Der Mensch soll all sein Denken und Handeln allein darauf richten, Gott, gelobt sei Er, zu erkennen. Ja, sein Sitzen und Stehen sowie auch sein Reden, alles verfolge diesen Zweck. Wie ist das zu verstehen? Wenn der Mensch Handel treibt oder eine Arbeit für Lohn verrichtet, so bestehe seine Absicht nicht nur darin, Geld anzusammeln, sondern er führe seine Beschäftigungen aus, damit er dadurch die Dinge erwerben kann, die der Körper braucht, wie Essen und Trinken, Wohnung und eheliches Leben. Ebenso soll er, wenn er ißt, trinkt oder ehelichen Umgang pflegt, seinen Sinn nicht nur darauf richten, sich Genuß zu verschaffen, indem er nur das ißt und trinkt, was gut schmeckt und nur um des Genusses willen handelt. Man esse daher nicht alles, was dem Gaumen mundet, wie Hund und Esel es tun. Einzig und allein die Kräftigung des gesamten Körpers erstrebe man durch Essen und Trinken. Die dem Körper nützlichen Dinge esse man, mögen sie bitter oder süß schmecken. Man esse keine dem Körper schädlichen Dinge, auch wenn sie noch so gut schmecken. Ist Einer beispielsweise dick, so esse er weder Fleisch noch Honig und trinke auch keinen Wein, wie Salomo gleichnisweise gesagt hat: "Zuviel Honig essen ist nicht gut . . ." (Spr. 25, 27.) Er trinke lieber Endiviensaft, obgleich er bitter schmeckt.

Essen und Trinken ist dann für den Menschen gewissermaßen Medizin, um frisch und gesund zu bleiben, da der Mensch ohne sie nicht leben kann.

Absatz 3 enthält Vorschriften und Ratschläge auf dem Gebiete des ehelichen Lebens, die sich zur populären Wiedergabe in deutscher Sprache nicht eignen.

3. Wer sich zwar nach den Regeln der Gesundheit führt, dabei aber nur die Absicht verfolgt, daß sein Körper gesund bleibe und er Kinder habe, die seine Arbeit tun werden und für ihn sich abmühen, der ist nicht

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auf dem richtigen Wege. Seine Absicht sei vielmehr die, den Körper gesund und stark zu erhalten, damit seine Seele frei sei, Gott zu erkennen, denn solange man hungrig oder krank ist, oder wenn irgend ein Körperorgan schmerzt, kann man die Weisheit nicht erforschen. Das Streben des Menschen sei, einen Sohn zu bekommen, der vielleicht ein Weiser und Großer in Israel werden könnte.

Wer sich immer so verhält, dient stets Gott, sogar beim Handel oder beim Genuß, da seine Absicht bei allem ja nur die ist, seine Bedürfnisse nur in dem Maße zu befriedigen, daß der Körper gesund bleibt, um Gott zu dienen. Sogar der Schlaf kann Dienst für Gott, gelobt sei Er, sein, wenn der Mensch nämlich mit der Absicht schläft, dadurch seinen Geist auszuruhen, den Körper vor Krankheit zu schützen; ist man krank, so kann man Gott ja nicht dienen. Das ist es, was die Weisen raten, wenn sie sagen: "Und alle deine Handlungen seien für Gott." (Abot II, 12.) Oder was Salomo in seiner Weisheit gesagt hat: "Auf all deinen Wegen erkenne Ihn, dann wird Er deine Wege ebnen." (Spr. 3, 6.) l).

!) Die in diesem Abschnitt entwickelten Gedankengänge, wie das Leben des Menschen in all seinen Äußerungen ein Gottesdienst werden kann, sind in ähnlicher Form auch von Josef Karo in den Schulchan Äruch aufgenommen worden, und ihre Aufnahme in diesen Gesetzeskodex zeigt uns ganz besonders deutlich, daß es sich hier um mehr als moralische Anschauungen handelt, es handelt sich um sittliche Forderungen. deren Erfüllung von jedem Juden angestrebt werden muß. Orach Chajim 231.

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IV. Abschnitt

1. Da die volle Gesundheit des Körpers zu den Wegen, die zu Gott führen, gehört1) — weil der Mensch, solange er krank ist, unmöglich etwas von Gottes Wesen begreifen und erfassen kann, — deshalb muß er sich von all den Dingen fernhalten, die dem Körper schädlich sind, und sich nur an die Dinge gewöhnen, welche gesund und kräftig machen.

Es handelt sich um folgendes: Der Mensch esse nur dann, wenn er wirklich hungrig ist, und trinke, wenn er Durst empfindet, und schiebe niemals die Befriedigung seiner Bedürfnisse auf, sondern wenn er merkt, daß er seine Notdurft befriedigen muß, so; tue er es sofort.2)

2. Der Mensch esse nicht so stark, "daß sein Bauch angefüllt ist",3) sondern den vierten Teil weniger, als seine Sättigung erfordert.4)

() Die hier ausgesprochene Anschauung von der Gesundheit als Voraussetzung für die Gewinnung der Gottesnähe will keineswegs ausschließen, daß auch körperliche Leiden den Menschen zu Gott hinführen, indem sie ihn läutern und bessern, vgl. den Begriff nanu '?» pio' (Berachot 5a). Maimonides spricht hier nur von dem natürlichen Zustand der Menschen und von der Wirkung, die Krankheit auf den Durchschnittsmenschen ausübt. (Makkot 16 b.)

2) Vgl. den Äusspruch des Rabbi Ächal: "Wer die Befriedigung seiner Bedürfnisse aufschiebt, übertritt das Verbot:

"Machet euch nicht zum Abscheu." III. B. M. 20, 25 und vgl. Berachot 25 a, wo das Zurückhalten der Notdurft als Ursache für schwere Krankheiten bezeichnet wird.

3) Im Original wo x^ann» Das Verbum »''n in Verbindung mit dem Substantiv o"o findet sich im Talmud Taanit 26 a.

4) Das Maßhalten im Essen und Trinken wird im Talmud auf eine Regel zurückgeführt, die Elljahu dem Rabbi Nathan mitgeteilt haben soll. Vgl. Gltln 70 a.

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Während der Mahlzeit trinke man kein klares Wasser, sondern nur ein wenig mit Wein gemischtes. Erst wenn der Verdauungsprozeß beginnt, trinke man so viel als man braucht. Niemals aber trinke man viel Wasser, nicht einmal, wenn die Mahlzeit schon verdaut ist. l) Man nehme die Mahlzeit nicht ein, ehe man sich nicht vergewissert hat, daß die Befriedigung der Notdurft jetzt nicht erforderlich ist.2) Man soll nicht essen, wenn man nicht vorher gegangen ist,3) bis der Körper anfing, warm zu werden, auch nicht, wenn man unmittelbar vorher körperliche Arbeit verrichtet oder sich sonstwie angestrengt hatte. Als Regel gilt, man nutze vormittags seine Körperkraft richtig aus, bis man erwärmt wird, dann ruhe man ein wenig, damit man sich erhole, und dann erst esse man. Eine heiße Waschung nach der Anstrengung und dann noch ein wenig Ruhen vor der Mahlzeit ist empfehlenswert.

3. Beim Essen bleibe man an seinem Platz sitzen oder lehne sich dabei auf die linke Seite.4)

Bevor die Speise verdaut ist, soll man nicht gehen, reiten, sich nicht abmühen und in Schweiß geraten, auch nicht spazieren gehen. Wer direkt nach der Mahl-

*) In diesem Abschnitt werden viele Gesundheitsregeln gebracht, für die sich keine talmudischen Quellen ermitteln ließen. Sie stammen daher höchstwahrscheinlich aus der reichen ärztlichen Erfahrung und vertieften Kenntnis der Medizin, die Maimonides zu eigen waren.

2) Sabbat 11 a und 82 a. Der Talmud gebraucht folgendes Bild: Wer seine Bedürfnisse verrichten müßte und vorher ißt, gleicht einem Ofen, den man heizt, bevor die Äsche ausgenommen worden ist.

3) Sabbat U a und 82 a werden verschiedene Regeln über das Gehen vor der Mahlzeit angegeben.

4) Vgl. die Ausführungen in Pesachim 108 a, daß das Anlehnen auf die rechte Seite gefährlich ist, weil die Speise dadurch in die Luft- statt in die Speiseröhre gelangen könnte.

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zeit spazieren geht oder sich sehr anstrengt, bringt schlimme und schwere Krankheiten über sich.

4. Tag und Nacht haben 24 Stunden. Es genügt, wenn der Mensch ein Drittel davon, das heißt 8 Stunden, schläft. Diese sollen möglichst so liegen, daß von Beginn des Schlafes bis Sonnenaufgang 8 Stunden sind, und man also schon vor Sonnenaufgang wieder aufstehen kann.1)

5. Man schlafe weder auf der Brust noch auf dem Rücken, sondern auf der Seite liegend.2) Bei Beginn der Nacht auf der linken Seite und gegen Ende der Nacht auf der rechten Seite liegend. Direkt nach dem Essen soll man sich nicht schlafen legen, sondern man warte drei bis vier Stunden. Am Tage schlafe man nicht.

6. Dinge, die die Gedärme geschmeidig machen, wie Weintrauben, Feigen, Maulbeeren, Birnen,' Melonen, alle Arten von Gurken und Zitronenkürbis, die soll man vor und nicht bei der Mahlzeit essen. Man warte ein wenig, bis sie aus dem »oberen Leib" hinaus sind, und dann erst nehme man die eigentliche Mahlzeit ein.3)

Dinge aber, die die Gedärme zusammenziehen, wie Granatäpfel, Quitten, Äpfel und Pomeranzen kann man direkt vor der Mahlzeit essen. Man esse aber nicht viel von ihnen.

7. Wenn man bei einer Mahlzeit Geflügel und Ochsenfleisch essen will, so esse man zuerst Geflügel, ebenso

1) Im jüdischen Volksmund wird für den von Maimonides empfohlenen Schlaf von 8 Stunden in einem Schriftvers eine Andeutung gefunden. Hiob 3, 12: •''? nw tk mv- rx hat den Zahlenwert 8 — "Wenn ich 8 Stunden geschlafen habe, so habe ich mich vollkommen ausgeruht."

2) Vgl. Berachot i1 b und Nidda 14 a.

3) Wahrscheinlich ist hier unter Trfwi ]m der Magen zu verslehen.

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esse man bei Eiern und Geflügel zuerst die Eier. Bei Fleisch von Kleinvieh und solchem von Großvieh esse man als erstes das vom Kleinvieh. Immer esse man zuerst die leichter verdauliche Speise und dann erst die schwere.

8. Im Sommer esse man kühle Speisen und nicht viel Gewürze, wohl aber trinke man Essig. Im Winter dagegen esse man heiße Speisen, recht viel Gewürze, Senf aber in kleinen Mengen. So verhalte man sich der klimatischen Lage an den verschiedenen Orten immer richtig angepaßt.

9. Es gibt ganz besonders schädliche Speisen. Der Mensch tut gut, sie überhaupt nicht zu essen, wie zum Beispiel: große, alte und gesalzene Fische, alter gesalzener Käse, Pilze, altes gesalzenes Fleisch, Wein frisch von der Kelter oder jede Speise, die so lange gestanden, bis sie einen Geruch ausströmt. Überhaupt ist jede Speise, die einen schlechten Geruch hat oder besonders bitter ist, für den Körper wie ein tödliches Gift.

Dann gibt es wieder Speisen, die zwar schädlich sind, aber nicht derart, wie die zuerst genannten. Von ihnen esse man nur wenig und selten und gewöhne sich daran, sie nicht zu Hauptnahrungsmitteln zu machen oder sie nicht bfi den täglichen Mahlzeiten zu essen. Beispiele: große Fische, Käse, Milch, die, nachdem sie gemolken worden ist. 24 Stunden gestanden hat, das Fleisch von großen Ochsen und großen Böcken, Bohnen, Linsen, Gersten-brot, ungesäuertes Brot, Kohl, Schnittlauch, Zwiebeln, Knoblauf, Senf und Rettich. Sie alle sind schädliche Speisen, daher ist es richtig, daß der Mensch von ihnen nur sehr wenig genieße und auch dann nur im Winter, im Sommer aber esse man gar nicht von ihnen. Bohnen und Linsen aber esse man überhaupt nicht, weder im Sommer noch im Winter, Kürbis esse man nur im Sommer.

10. Es gibt Speisen, die zwar schädlich sind, aber nicht wie die eben erwähnten, und das sind: Wassergeflügel, ganz kleine junge Tauben, Datteln, mit öl geröstetes Brot, mit öl angeknotetes Brot, völlig von Kleie befreites Mehl, Salzbrühe und Fischsauce. Von all diesen ist es nicht richtig, viel zu essen. Ein Mensch, der weise ist, seinen Trieb bezwingen kann und seinen Gelüsten nicht nachgibt und von diesen Speisen nur dann ißt, wenn es zu Heilzwecken notwendig ist, der ist ein Held. l)

11. Von Baumfrüchten halte man sich immer zurück. Sogar wenn sie getrocknet sind und ganz gewiß, wenn sie frisch sind. Solange sie noch nicht ganz reif sind, sind sie wie "Schwerter für den Körper."2) Johannisbrot ist immer schädlich. In Essig gelegte Früchte sind schädlich, nur im Sommer kann man in heißen Gegenden ein wenig davon essen. Feigen, Weintrauben und Mandeln sind sowohl frisch als auch getrocknet gut, und man kann von ihnen essen, soviel man braucht. Obgleich sie unter allen Baumfrüchten die nahrhaftesten sind, so nehme man sie dennoch nicht als beständige Nahrungsmittel.

12. Honig und Wein sind für Kinder schädlich, aber gut für alte Leute, ganz besonders im Winter. Im Sommer braucht man nur zwei Drittel von dem zu essen, was man im Winter ißt.

13. Man sorge immer für gute und leichte Verdauung. Dies ist eine gesundheitliche Grundregel, wenn der Stuhl nämlich zurückgehalten wird oder schwer ist, so können schlimme Krankheiten entstehen. Wie kann man den Stuhl geschmeidig machen, wenn er ein wenig zu fest

1) Maimonides wendet das bekannte Wort: "Nur der ist ein Held, der seinen Trieb bezwingt" (Äbot IV, l) auf die Beherrschung des EBtriebes an.

2) D. h. außerordentlich gefährlich.

ist? Ist man noch jung, so esse man jeden Morgen gesalzene oder eingemachte mit Olivenöl, Salzbrühe oder Salz zurechtgemachte Sachen ohne Brot dazu oder die Brühe von eingemachtem Mangold oder man esse Kohl mit Olivenöl, Salzbrühe oder Salz zurechtgemacht. Ist man aber alt, so trinke man morgens mit heißem Wasser gemischten Honig, warte dann ungefähr 4 Stunden und nehme dann erst seine Mahlzeit ein. So verfahre man je nach Notwendigkeit drei bis vier Tage, bis die Gedärme geschmeidiger geworden sind.

14. Es gibt noch eine andere Grundregel der Gesundheit. Wenn der Mensch nämlich viel arbeitet und sich ordentlich abmüht, nicht zu viel ißt und für richtige Verdauung sorgt, mag er sogar ungesunde Speisen essen, so kommt keine Krankheit über ihn, und er wird immer kräftiger werden.

15. Wer sorglos lebt und sich nicht abmüht oder wer seine Notdurft nicht rechtzeitig befriedigt und wessen Stuhl hart ist, mag er auch nahrhafte Speisen genießen und sich sonst nach den Regeln der Gesundheit führen, so wird sein Leben doch voller Beschwerden sein und seine Körperkraft wird schwächer werden.

Zu starkes Essen ist für den Körper des Menschen wie ein tödliches Gift, es ist die Ursache für alle Krankheiten.

Die meisten Krankheiten, die den Menschen befallen, kommen entweder von schädlichen Speisen oder daher, daß er selbst von nahrhaften Speisen zu viel und hastig ißt. So hat ja auch der weise Salomo gesprochen:

"Wer Mund und Zunge bewahrt, schützt seine Seele vor Leiden." (Spr. 21, 24.) Das will heißen: er bewahrt seinen Mund davor, schädliche Speise zu genießen oder zu schwören und gebraucht seine Zunge nur, um das Notwendigste zu sprechen.

16. Das richtige Maß betreffs des Badens ist, daß der Mensch einmal in der Woche ein Bad nehme. Man bade nicht direkt vor dem Essen und auch nicht, wenn man hungrig ist, sondern dann, wenn die genossene Speise anfängt, verdaut zu werden.

Den Körper wasche man mit heißem Wasser, durch das der Körper aber nicht verbrannt wird, den Kopf wasche man ebenfalls mit derartig heißem Wasser, dann spüle man den Körper mehrmals mit lauwarmem Wasser und zuletzt mit kaltem Wasser ab.1) Man spüle- den Kopf aber nicht mit lauwarmem oder kaltem Wasser ab. Im Winter bade man nicht kalt.

Man soll nicht so lange baden, bis man in Schweifß gerät und der Körper ganz erschöpft ist. Man bleibe nicht zu lange im Bad; sobald man Schweißabsonderung und Erschöpfung bemerkt, spüle man sich ab und gehe aus dem Bad. Vor und nach dem Bad prüfe man sich, ob man nicht seine Notdurft befriedigen müßte.

Ebenso prüfe man sich immer vor und nach jedem Genüsse, vor und nach einer anstrengenden Arbeit und endlich vor und nach dem Schlafen.

17. Kommt man aus dem Bad, so ziehe man seine Kleider an und bedecke das Haupt schon im Vorzimmer, damit man sich nicht erkältet, auch im Sommer soll man vorsichtig sein. Nach dem Bad warte man, ehe man ißt, bis man sich erholt hat, der Körper sich ausgeruht hat und die Hitze gewichen ist. Wenn man nach dem Bad, ehe man ißt, ein wenig schläft, so ist das sehr empfehlenswert. Man trinke kein kaltes Wasser, wenn man aus dem Bad kommt und gewiß nicht im Bad selbst. Ist man aber, wenn man aus dem Bad kommt, derartig durstig, daß man es nicht aushallen kann, dann trinke man mit Wein oder Honig gemischtes Wasser.

l) Vgl. Sabbat 41 a. "Wer heiß badet und sich danach nicht kalt abspült, gleicht einem Eisen, das man wohl ins Feuer gebracht hat, aber dann nachher nicht ins kalte Wasser."

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Salbt man sich im Winter beim Bad, nachdem man sich abgespült hat, so ist dies empfehlenswert.1)

18. Der Mensch gewöhne sich nicht daran, sich immer zur Ader zu lassen, sondern nur dann, wenn er es be*-sonders nötig hat. Weder im Sommer noch im Winter lasse man sich zur Ader, sondern ein wenig im Nissan und ein wenig im Tischri.

Ist man über 50 Jahre alt, so lasse man sich überhaupt nicht mehr zur Ader.

Man lasse sich nicht zur Ader und bade an ein und demselben Tage.

Bevor man reisen will oder am Tage, da man von der Reise zurückkommt, lasse man sich nicht zur Ader.

Am Tage, da man sich zur Ader läßt, esse man weniger als man gewohnt ist, man ruhe sich aus, arbeite nicht angestrengt und gehe nicht spazieren.2)

19. (Enthält Vorschriften und Ratschläge auf dem Gebiete des ehelichen Lebens, die sich zur populären Wiedergabe in deutscher Sprache nicht eignen.)

20. Jeder, der die Verhaltungsweisen, die wir angegeben haben, innehält, für den bin ich Bürge, daß während seines ganzen Lebens keine Krankheit über ihn kommt, so daß er sehr alt wird und stirbt, ohne einen Arzt gebraucht zu haben. Sein Körper wird sein ganzes Leben lang gesund und kräftig bleiben, es sei denn, daß seine Konstitution von Geburt an schlecht war, oder daß er sich von frühester Jugend an an schädliche Verhaltungsweisen gewöhnt hat oder endlich, daß Pest oder Hungersnot über die Welt gekommen sind.

!) Der Talmud führt wieder einen sehr drastischen Vergleich an: "Wer badet, ohne sich zu salben, gleicht einem, der ein Faß, um es zu säubern, nur von außen mit Wasser übergießt."

2) Sabbat 129 a wird ausführlich davon gesprochen, daß der Aderlaß ein Kräfteverlust für den Menschen ist und daher man sich dabei danach besonders kräftigen muß.

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21. Alle diese guten Regeln, die wir angegeben haben, gelten nur für den Gesunden, aber derjenige, der krank ist oder derjenige, bei dem ein Organ angegriffen ist, oder endlich derjenige, der sich jahrelang schlechte Gewohnheiten angewöhnt hat, der hat je nach seiner Krankheit sich anders zu verhalten, wie das in dem "Buch der Arzneien"1) näher erklärt werden wird.

Veränderung in der Lebensweise ist Beginn von Krankheit. 2)

22. An Orten, wo kein Arzt ist, weiche weder der Gesunde noch der Kranke von den hier angegebenen Verhaltungsweisen ab, denn jede einzelne ist für den Menschen außerordentlich gut.

23. In einer Stadt, in der es nicht folgende 10 Dinge gibt, darf kein Gelehrter wohnen3):

Einen Arzt, einen Heilgehilfen, ein Bad, eine Bedürfnisanstalt, nie versiegendes Wasser, wie Fluß oder Quelle, eine Synagoge, einen Kinderlehrer, einen Schreiber, geordnete Wohlfahrtspflege und einen Gerichtshof, der für Sicherheit und Ordnung sorgt.

1) Diese Schrift ist nach einer Handschrift des Britischen Museums von Großberg herausgegeben (siehe Münz "Moses ben Mainion", S. 286, Fußnote l).

2) Ausspruch des Samuels in baba batra 116b.

3) Vgl. Sanhedrin 17 b.

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V. Abschnitt.

l. Ebenso wie der Weise!) an seiner Weisheit und an seinen Charaktereigenschaften erkannt wird und durch sie von der Menge unterschieden ist, so muß man ihn auch an seinen Taten, an dem, was er ißt und trinkt, wie er genießt oder seine Notdurft verrichtet, an seiner Sprechweise, an seinem Gang, an seiner Kleidung, an der Erledigung seiner Angelegenheiten und an seinem geschäftlichen Gebahren erkennen können. Alle diese Dinge müssen bei ihm ganz besonders schön und zweckentsprechend sein.

Beispiele: Ein Weiser soll nicht eßgierig sein. Er gerließe nur den Körper stärkende Speisen und auch von ihnen esse er nicht zu viel. Er sei nicht darauf bedacht, sich den Bauch anzufüllen, wie jene, die sich so mit Essen und Trinken anfüllen, daß sie platzten. In bezug auf sie sagt die Schrift: "Ich will den Kot Eurer Festopfer Euch ins Angesicht werfen." (Maleachi2,3.) Dieser Satz wird von den Weisen auf die Menschen angewandt, die essen und trinken und alle Tage zu Festgelagen machen.2) Solche Menschen pflegen zu sagen:

"Laßt uns essen und trinken, morgen sterben wir doch." (Jes. 22, 15.) So fassen die wertlosen Menschen das Essen auf, und Gelage dieser Art geißc't die Schrift, wenn sie sagt: "Denn alle Tische sind voll Speiens und an allen Orten ist Unrat." (Jes. 28, 8.) Der Weise

1) In diesem Abschnitt werden die Ausdrücke osn und osr ra^n in gleichem Sinne gebraucht. Der bsh whn' der Talmudgelehrte, wie ihn Mischna und Talmud schildern, ist eine Verwirklichung all dessen, was man an sittlichen Werten vom Weisen aw' fordern darf.

2) Vgl. Sabbat 115b.

Hilchot Tschuwa und Hilchot Deot
Aus der Mischne Tora von Maimonides,
ins Deutsche übersetzt von Rabbiner Bernhard Salomon Jacobson.
Eine Einführung in die Gesetze der Rückkehr zu Gott und eine Einleitung für gutes Benehmen im Sinne der jüdischen Religion, besonders aktuell im Monat Elul und Tischri.
110 Seiten, SFr. 17.50.
http://www.hagalil.booksnbagels.com
©Morascha Verlag Reprint 1988

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