III. Abschnitt.
l. Der Mensch könnte sich nun vielleicht sagen: da Neid, Begierde und
Ehrsucht usw. schlechte Verhaltungs-weisen sind und "den Menschen aus
der Welt bringen", so will ich mich vollkommen von ihnen fernhalten und
mich lieber nach dem ändern Extrem richten. Er wird also kein Fleisch
mehr essen, keinen Wein trinken, keine Frau heiraten, in keiner schönen
Wohnung mehr wohnen und kein schönes Gewand mehr anlegen, nur wie die
Mönche härene Kleider aus harter Wolle tragen. Aber auch dieses
Verhalten ist schlecht. Wer diesen Weg geht, wird Sünder genannt. Beim
"Enthaltsamen" heißt es nämlich: "Er soll Sühne bringen, weil er sich
gegen die Seele vergangen hat." (IV. B. M. 6, 11) Die Weisen bemerken
hierzu: "Wenn schon der "Enthaltsame", der sich doch nur den Weingenuß
versagt hatte, einer Sühne bedarf, um wieviel mehr derjenige, der sich
von allen Genüssen zurückhält." (Taanit 11 a.) Die Weisen haben deswegen
befohlen, daß der Mensch sich nur die Dinge versagen soll, die die Thora
verbietet, aber sich nicht durch Gelübde und Schwur erlaubte Dinge
verbiete. So sagten die Weisen: "Genügt dir nicht, was die Thora
verboten hat, da du dir noch mehr Dinge versagen willst?" (Jeruschalmi
Nedarim VII.)
Daher sind auch diejenigen, die so viel fasten, nicht auf dem richtigen
Wege. Die Weisen haben es verboten, daß der Mensch sich durch Fasten
kasteie1). Betreffs all dieser und ähnlicher Dinge hat Salomo geraten:
"Sei nicht zu fromm und klügele nicht gar zu sehr, warum willst du dich
verwirren?" (Prediger 7, 16.) l) Nedarim 10 a. "Wer fastet, wird Sünder
genannt."
2. Der Mensch soll all sein Denken und Handeln allein darauf richten,
Gott, gelobt sei Er, zu erkennen. Ja, sein Sitzen und Stehen sowie auch
sein Reden, alles verfolge diesen Zweck. Wie ist das zu verstehen? Wenn
der Mensch Handel treibt oder eine Arbeit für Lohn verrichtet, so
bestehe seine Absicht nicht nur darin, Geld anzusammeln, sondern er
führe seine Beschäftigungen aus, damit er dadurch die Dinge erwerben
kann, die der Körper braucht, wie Essen und Trinken, Wohnung und
eheliches Leben. Ebenso soll er, wenn er ißt, trinkt oder ehelichen
Umgang pflegt, seinen Sinn nicht nur darauf richten, sich Genuß zu
verschaffen, indem er nur das ißt und trinkt, was gut schmeckt und nur
um des Genusses willen handelt. Man esse daher nicht alles, was dem
Gaumen mundet, wie Hund und Esel es tun. Einzig und allein die
Kräftigung des gesamten Körpers erstrebe man durch Essen und Trinken.
Die dem Körper nützlichen Dinge esse man, mögen sie bitter oder süß
schmecken. Man esse keine dem Körper schädlichen Dinge, auch wenn sie
noch so gut schmecken. Ist Einer beispielsweise dick, so esse er weder
Fleisch noch Honig und trinke auch keinen Wein, wie Salomo
gleichnisweise gesagt hat: "Zuviel Honig essen ist nicht gut . . ."
(Spr. 25, 27.) Er trinke lieber Endiviensaft, obgleich er bitter
schmeckt.
Essen und Trinken ist dann für den Menschen gewissermaßen Medizin, um
frisch und gesund zu bleiben, da der Mensch ohne sie nicht leben kann.
Absatz 3 enthält Vorschriften und Ratschläge auf dem Gebiete des
ehelichen Lebens, die sich zur populären Wiedergabe in deutscher Sprache
nicht eignen.
3. Wer sich zwar nach den Regeln der Gesundheit führt, dabei aber nur
die Absicht verfolgt, daß sein Körper gesund bleibe und er Kinder habe,
die seine Arbeit tun werden und für ihn sich abmühen, der ist nicht
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auf dem richtigen Wege. Seine Absicht sei vielmehr die, den Körper
gesund und stark zu erhalten, damit seine Seele frei sei, Gott zu
erkennen, denn solange man hungrig oder krank ist, oder wenn irgend ein
Körperorgan schmerzt, kann man die Weisheit nicht erforschen. Das
Streben des Menschen sei, einen Sohn zu bekommen, der vielleicht ein
Weiser und Großer in Israel werden könnte.
Wer sich immer so verhält, dient stets Gott, sogar beim Handel oder
beim Genuß, da seine Absicht bei allem ja nur die ist, seine Bedürfnisse
nur in dem Maße zu befriedigen, daß der Körper gesund bleibt, um Gott zu
dienen. Sogar der Schlaf kann Dienst für Gott, gelobt sei Er, sein, wenn
der Mensch nämlich mit der Absicht schläft, dadurch seinen Geist
auszuruhen, den Körper vor Krankheit zu schützen; ist man krank, so kann
man Gott ja nicht dienen. Das ist es, was die Weisen raten, wenn sie
sagen: "Und alle deine Handlungen seien für Gott." (Abot II, 12.) Oder
was Salomo in seiner Weisheit gesagt hat: "Auf all deinen Wegen erkenne
Ihn, dann wird Er deine Wege ebnen." (Spr. 3, 6.) l).
!) Die in diesem Abschnitt entwickelten Gedankengänge, wie das Leben
des Menschen in all seinen Äußerungen ein Gottesdienst werden kann, sind
in ähnlicher Form auch von Josef Karo in den Schulchan Äruch aufgenommen
worden, und ihre Aufnahme in diesen Gesetzeskodex zeigt uns ganz
besonders deutlich, daß es sich hier um mehr als moralische Anschauungen
handelt, es handelt sich um sittliche Forderungen. deren Erfüllung von
jedem Juden angestrebt werden muß. Orach Chajim 231.
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1. Da die volle Gesundheit des Körpers zu den Wegen, die zu Gott
führen, gehört1) — weil der Mensch, solange er krank ist, unmöglich
etwas von Gottes Wesen begreifen und erfassen kann, — deshalb muß er
sich von all den Dingen fernhalten, die dem Körper schädlich sind, und
sich nur an die Dinge gewöhnen, welche gesund und kräftig machen.
Es handelt sich um folgendes: Der Mensch esse nur dann, wenn er
wirklich hungrig ist, und trinke, wenn er Durst empfindet, und schiebe
niemals die Befriedigung seiner Bedürfnisse auf, sondern wenn er merkt,
daß er seine Notdurft befriedigen muß, so; tue er es sofort.2)
2. Der Mensch esse nicht so stark, "daß sein Bauch angefüllt ist",3)
sondern den vierten Teil weniger, als seine Sättigung erfordert.4)
() Die hier ausgesprochene Anschauung von der Gesundheit als
Voraussetzung für die Gewinnung der Gottesnähe will keineswegs
ausschließen, daß auch körperliche Leiden den Menschen zu Gott
hinführen, indem sie ihn läutern und bessern, vgl. den Begriff nanu
'?» pio' (Berachot 5a). Maimonides spricht hier nur von dem
natürlichen Zustand der Menschen und von der Wirkung, die Krankheit auf
den Durchschnittsmenschen ausübt. (Makkot 16 b.)
2) Vgl. den Äusspruch des Rabbi Ächal: "Wer die Befriedigung seiner
Bedürfnisse aufschiebt, übertritt das Verbot:
"Machet euch nicht zum Abscheu." III. B. M. 20, 25 und vgl. Berachot 25
a, wo das Zurückhalten der Notdurft als Ursache für schwere Krankheiten
bezeichnet wird.
3) Im Original wo x^ann» Das Verbum »''n in Verbindung mit dem
Substantiv o"o findet sich im Talmud Taanit 26 a.
4) Das Maßhalten im Essen und Trinken wird im Talmud auf eine Regel
zurückgeführt, die Elljahu dem Rabbi Nathan mitgeteilt haben soll. Vgl.
Gltln 70 a.
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Während der Mahlzeit trinke man kein klares Wasser, sondern nur ein
wenig mit Wein gemischtes. Erst wenn der Verdauungsprozeß beginnt,
trinke man so viel als man braucht. Niemals aber trinke man viel Wasser,
nicht einmal, wenn die Mahlzeit schon verdaut ist. l) Man nehme die
Mahlzeit nicht ein, ehe man sich nicht vergewissert hat, daß die
Befriedigung der Notdurft jetzt nicht erforderlich ist.2) Man soll nicht
essen, wenn man nicht vorher gegangen ist,3) bis der Körper anfing, warm
zu werden, auch nicht, wenn man unmittelbar vorher körperliche Arbeit
verrichtet oder sich sonstwie angestrengt hatte. Als Regel gilt, man
nutze vormittags seine Körperkraft richtig aus, bis man erwärmt wird,
dann ruhe man ein wenig, damit man sich erhole, und dann erst esse man.
Eine heiße Waschung nach der Anstrengung und dann noch ein wenig Ruhen
vor der Mahlzeit ist empfehlenswert.
3. Beim Essen bleibe man an seinem Platz sitzen oder lehne sich dabei
auf die linke Seite.4)
Bevor die Speise verdaut ist, soll man nicht gehen, reiten, sich nicht
abmühen und in Schweiß geraten, auch nicht spazieren gehen. Wer direkt
nach der Mahl-
*) In diesem Abschnitt werden viele Gesundheitsregeln gebracht, für die
sich keine talmudischen Quellen ermitteln ließen. Sie stammen daher
höchstwahrscheinlich aus der reichen ärztlichen Erfahrung und vertieften
Kenntnis der Medizin, die Maimonides zu eigen waren.
2) Sabbat 11 a und 82 a. Der Talmud gebraucht folgendes Bild: Wer seine
Bedürfnisse verrichten müßte und vorher ißt, gleicht einem Ofen, den man
heizt, bevor die Äsche ausgenommen worden ist.
3) Sabbat U a und 82 a werden verschiedene Regeln über das Gehen
vor der Mahlzeit angegeben.
4) Vgl. die Ausführungen in Pesachim 108 a, daß das Anlehnen auf die
rechte Seite gefährlich ist, weil die Speise dadurch in die Luft- statt
in die Speiseröhre gelangen könnte.
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zeit spazieren geht oder sich sehr anstrengt, bringt schlimme und
schwere Krankheiten über sich.
4. Tag und Nacht haben 24 Stunden. Es genügt, wenn der Mensch ein
Drittel davon, das heißt 8 Stunden, schläft. Diese sollen möglichst so
liegen, daß von Beginn des Schlafes bis Sonnenaufgang 8 Stunden sind,
und man also schon vor Sonnenaufgang wieder aufstehen kann.1)
5. Man schlafe weder auf der Brust noch auf dem Rücken, sondern auf der
Seite liegend.2) Bei Beginn der Nacht auf der linken Seite und gegen
Ende der Nacht auf der rechten Seite liegend. Direkt nach dem Essen soll
man sich nicht schlafen legen, sondern man warte drei bis vier Stunden.
Am Tage schlafe man nicht.
6. Dinge, die die Gedärme geschmeidig machen, wie Weintrauben, Feigen,
Maulbeeren, Birnen,' Melonen, alle Arten von Gurken und Zitronenkürbis,
die soll man vor und nicht bei der Mahlzeit essen. Man warte ein wenig,
bis sie aus dem »oberen Leib" hinaus sind, und dann erst nehme man die
eigentliche Mahlzeit ein.3)
Dinge aber, die die Gedärme zusammenziehen, wie Granatäpfel, Quitten,
Äpfel und Pomeranzen kann man direkt vor der Mahlzeit essen. Man esse
aber nicht viel von ihnen.
7. Wenn man bei einer Mahlzeit Geflügel und Ochsenfleisch essen will,
so esse man zuerst Geflügel, ebenso
1) Im jüdischen Volksmund wird für den von Maimonides empfohlenen
Schlaf von 8 Stunden in einem Schriftvers eine Andeutung gefunden. Hiob
3, 12: •''? nw tk mv- rx hat den Zahlenwert 8 — "Wenn ich
8 Stunden geschlafen habe, so habe ich mich vollkommen ausgeruht."
2) Vgl. Berachot i1 b und Nidda 14 a.
3) Wahrscheinlich ist hier unter Trfwi ]m der Magen zu
verslehen.
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esse man bei Eiern und Geflügel zuerst die Eier. Bei Fleisch von
Kleinvieh und solchem von Großvieh esse man als erstes das vom
Kleinvieh. Immer esse man zuerst die leichter verdauliche Speise und
dann erst die schwere.
8. Im Sommer esse man kühle Speisen und nicht viel Gewürze, wohl aber
trinke man Essig. Im Winter dagegen esse man heiße Speisen, recht viel
Gewürze, Senf aber in kleinen Mengen. So verhalte man sich der
klimatischen Lage an den verschiedenen Orten immer richtig angepaßt.
9. Es gibt ganz besonders schädliche Speisen. Der Mensch tut gut, sie
überhaupt nicht zu essen, wie zum Beispiel: große, alte und gesalzene
Fische, alter gesalzener Käse, Pilze, altes gesalzenes Fleisch, Wein
frisch von der Kelter oder jede Speise, die so lange gestanden, bis sie
einen Geruch ausströmt. Überhaupt ist jede Speise, die einen schlechten
Geruch hat oder besonders bitter ist, für den Körper wie ein tödliches
Gift.
Dann gibt es wieder Speisen, die zwar schädlich sind, aber nicht
derart, wie die zuerst genannten. Von ihnen esse man nur wenig und
selten und gewöhne sich daran, sie nicht zu Hauptnahrungsmitteln zu
machen oder sie nicht bfi den täglichen Mahlzeiten zu essen. Beispiele:
große Fische, Käse, Milch, die, nachdem sie gemolken worden ist. 24
Stunden gestanden hat, das Fleisch von großen Ochsen und großen Böcken,
Bohnen, Linsen, Gersten-brot, ungesäuertes Brot, Kohl, Schnittlauch,
Zwiebeln, Knoblauf, Senf und Rettich. Sie alle sind schädliche Speisen,
daher ist es richtig, daß der Mensch von ihnen nur sehr wenig genieße
und auch dann nur im Winter, im Sommer aber esse man gar nicht von
ihnen. Bohnen und Linsen aber esse man überhaupt nicht, weder im Sommer
noch im Winter, Kürbis esse man nur im Sommer.
10. Es gibt Speisen, die zwar schädlich sind, aber nicht wie die eben
erwähnten, und das sind: Wassergeflügel, ganz kleine junge Tauben,
Datteln, mit öl geröstetes Brot, mit öl angeknotetes Brot, völlig von
Kleie befreites Mehl, Salzbrühe und Fischsauce. Von all diesen ist es
nicht richtig, viel zu essen. Ein Mensch, der weise ist, seinen Trieb
bezwingen kann und seinen Gelüsten nicht nachgibt und von diesen Speisen
nur dann ißt, wenn es zu Heilzwecken notwendig ist, der ist ein Held. l)
11. Von Baumfrüchten halte man sich immer zurück. Sogar wenn sie
getrocknet sind und ganz gewiß, wenn sie frisch sind. Solange sie noch
nicht ganz reif sind, sind sie wie "Schwerter für den Körper."2)
Johannisbrot ist immer schädlich. In Essig gelegte Früchte sind
schädlich, nur im Sommer kann man in heißen Gegenden ein wenig davon
essen. Feigen, Weintrauben und Mandeln sind sowohl frisch als auch
getrocknet gut, und man kann von ihnen essen, soviel man braucht.
Obgleich sie unter allen Baumfrüchten die nahrhaftesten sind, so nehme
man sie dennoch nicht als beständige Nahrungsmittel.
12. Honig und Wein sind für Kinder schädlich, aber gut für alte Leute,
ganz besonders im Winter. Im Sommer braucht man nur zwei Drittel von dem
zu essen, was man im Winter ißt.
13. Man sorge immer für gute und leichte Verdauung. Dies ist eine
gesundheitliche Grundregel, wenn der Stuhl nämlich zurückgehalten wird
oder schwer ist, so können schlimme Krankheiten entstehen. Wie kann man
den Stuhl geschmeidig machen, wenn er ein wenig zu fest
1) Maimonides wendet das bekannte Wort: "Nur der ist ein Held, der
seinen Trieb bezwingt" (Äbot IV, l) auf die Beherrschung des EBtriebes
an.
2) D. h. außerordentlich gefährlich.
ist? Ist man noch jung, so esse man jeden Morgen gesalzene oder
eingemachte mit Olivenöl, Salzbrühe oder Salz zurechtgemachte Sachen
ohne Brot dazu oder die Brühe von eingemachtem Mangold oder man esse
Kohl mit Olivenöl, Salzbrühe oder Salz zurechtgemacht. Ist man aber alt,
so trinke man morgens mit heißem Wasser gemischten Honig, warte dann
ungefähr 4 Stunden und nehme dann erst seine Mahlzeit ein. So verfahre
man je nach Notwendigkeit drei bis vier Tage, bis die Gedärme
geschmeidiger geworden sind.
14. Es gibt noch eine andere Grundregel der Gesundheit. Wenn der Mensch
nämlich viel arbeitet und sich ordentlich abmüht, nicht zu viel ißt und
für richtige Verdauung sorgt, mag er sogar ungesunde Speisen essen, so
kommt keine Krankheit über ihn, und er wird immer kräftiger werden.
15. Wer sorglos lebt und sich nicht abmüht oder wer seine Notdurft
nicht rechtzeitig befriedigt und wessen Stuhl hart ist, mag er auch
nahrhafte Speisen genießen und sich sonst nach den Regeln der Gesundheit
führen, so wird sein Leben doch voller Beschwerden sein und seine
Körperkraft wird schwächer werden.
Zu starkes Essen ist für den Körper des Menschen wie ein tödliches
Gift, es ist die Ursache für alle Krankheiten.
Die meisten Krankheiten, die den Menschen befallen, kommen entweder von
schädlichen Speisen oder daher, daß er selbst von nahrhaften Speisen zu
viel und hastig ißt. So hat ja auch der weise Salomo gesprochen:
"Wer Mund und Zunge bewahrt, schützt seine Seele vor Leiden." (Spr. 21,
24.) Das will heißen: er bewahrt seinen Mund davor, schädliche Speise zu
genießen oder zu schwören und gebraucht seine Zunge nur, um das
Notwendigste zu sprechen.
16. Das richtige Maß betreffs des Badens ist, daß der Mensch einmal in
der Woche ein Bad nehme. Man bade nicht direkt vor dem Essen und auch
nicht, wenn man hungrig ist, sondern dann, wenn die genossene Speise
anfängt, verdaut zu werden.
Den Körper wasche man mit heißem Wasser, durch das der Körper aber
nicht verbrannt wird, den Kopf wasche man ebenfalls mit derartig heißem
Wasser, dann spüle man den Körper mehrmals mit lauwarmem Wasser und
zuletzt mit kaltem Wasser ab.1) Man spüle- den Kopf aber nicht mit
lauwarmem oder kaltem Wasser ab. Im Winter bade man nicht kalt.
Man soll nicht so lange baden, bis man in Schweifß gerät und der Körper
ganz erschöpft ist. Man bleibe nicht zu lange im Bad; sobald man
Schweißabsonderung und Erschöpfung bemerkt, spüle man sich ab und gehe
aus dem Bad. Vor und nach dem Bad prüfe man sich, ob man nicht seine
Notdurft befriedigen müßte.
Ebenso prüfe man sich immer vor und nach jedem Genüsse, vor und nach
einer anstrengenden Arbeit und endlich vor und nach dem Schlafen.
17. Kommt man aus dem Bad, so ziehe man seine Kleider an und bedecke
das Haupt schon im Vorzimmer, damit man sich nicht erkältet, auch im
Sommer soll man vorsichtig sein. Nach dem Bad warte man, ehe man ißt,
bis man sich erholt hat, der Körper sich ausgeruht hat und die Hitze
gewichen ist. Wenn man nach dem Bad, ehe man ißt, ein wenig schläft, so
ist das sehr empfehlenswert. Man trinke kein kaltes Wasser, wenn man aus
dem Bad kommt und gewiß nicht im Bad selbst. Ist man aber, wenn man aus
dem Bad kommt, derartig durstig, daß man es nicht aushallen kann, dann
trinke man mit Wein oder Honig gemischtes Wasser.
l) Vgl. Sabbat 41 a. "Wer heiß badet und sich danach nicht kalt
abspült, gleicht einem Eisen, das man wohl ins Feuer gebracht hat, aber
dann nachher nicht ins kalte Wasser."
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Salbt man sich im Winter beim Bad, nachdem man sich abgespült hat, so
ist dies empfehlenswert.1)
18. Der Mensch gewöhne sich nicht daran, sich immer zur Ader zu lassen,
sondern nur dann, wenn er es be*-sonders nötig hat. Weder im Sommer noch
im Winter lasse man sich zur Ader, sondern ein wenig im Nissan und ein
wenig im Tischri.
Ist man über 50 Jahre alt, so lasse man sich überhaupt nicht mehr zur
Ader.
Man lasse sich nicht zur Ader und bade an ein und demselben Tage.
Bevor man reisen will oder am Tage, da man von der Reise zurückkommt,
lasse man sich nicht zur Ader.
Am Tage, da man sich zur Ader läßt, esse man weniger als man gewohnt
ist, man ruhe sich aus, arbeite nicht angestrengt und gehe nicht
spazieren.2)
19. (Enthält Vorschriften und Ratschläge auf dem Gebiete des ehelichen
Lebens, die sich zur populären Wiedergabe in deutscher Sprache nicht
eignen.)
20. Jeder, der die Verhaltungsweisen, die wir angegeben haben,
innehält, für den bin ich Bürge, daß während seines ganzen Lebens keine
Krankheit über ihn kommt, so daß er sehr alt wird und stirbt, ohne einen
Arzt gebraucht zu haben. Sein Körper wird sein ganzes Leben lang gesund
und kräftig bleiben, es sei denn, daß seine Konstitution von Geburt an
schlecht war, oder daß er sich von frühester Jugend an an schädliche
Verhaltungsweisen gewöhnt hat oder endlich, daß Pest oder Hungersnot
über die Welt gekommen sind.
!) Der Talmud führt wieder einen sehr drastischen Vergleich an: "Wer
badet, ohne sich zu salben, gleicht einem, der ein Faß, um es zu
säubern, nur von außen mit Wasser übergießt."
2) Sabbat 129 a wird ausführlich davon gesprochen, daß der
Aderlaß ein Kräfteverlust für den Menschen ist und daher man sich dabei
danach besonders kräftigen muß.
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21. Alle diese guten Regeln, die wir angegeben haben, gelten nur für
den Gesunden, aber derjenige, der krank ist oder derjenige, bei dem ein
Organ angegriffen ist, oder endlich derjenige, der sich jahrelang
schlechte Gewohnheiten angewöhnt hat, der hat je nach seiner Krankheit
sich anders zu verhalten, wie das in dem "Buch der Arzneien"1) näher
erklärt werden wird.
Veränderung in der Lebensweise ist Beginn von Krankheit. 2)
22. An Orten, wo kein Arzt ist, weiche weder der Gesunde noch der
Kranke von den hier angegebenen Verhaltungsweisen ab, denn jede einzelne
ist für den Menschen außerordentlich gut.
23. In einer Stadt, in der es nicht folgende 10 Dinge gibt, darf kein
Gelehrter wohnen3):
Einen Arzt, einen Heilgehilfen, ein Bad, eine Bedürfnisanstalt, nie
versiegendes Wasser, wie Fluß oder Quelle, eine Synagoge, einen
Kinderlehrer, einen Schreiber, geordnete Wohlfahrtspflege und einen
Gerichtshof, der für Sicherheit und Ordnung sorgt.
1) Diese Schrift ist nach einer Handschrift des Britischen Museums von
Großberg herausgegeben (siehe Münz "Moses ben Mainion", S. 286, Fußnote
l).
2) Ausspruch des Samuels in baba batra 116b.
3) Vgl. Sanhedrin 17 b.
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V. Abschnitt.
l. Ebenso wie der Weise!) an seiner Weisheit und an seinen
Charaktereigenschaften erkannt wird und durch sie von der Menge
unterschieden ist, so muß man ihn auch an seinen Taten, an dem, was er
ißt und trinkt, wie er genießt oder seine Notdurft verrichtet, an seiner
Sprechweise, an seinem Gang, an seiner Kleidung, an der Erledigung
seiner Angelegenheiten und an seinem geschäftlichen Gebahren erkennen
können. Alle diese Dinge müssen bei ihm ganz besonders schön und
zweckentsprechend sein.
Beispiele: Ein Weiser soll nicht eßgierig sein. Er gerließe nur den
Körper stärkende Speisen und auch von ihnen esse er nicht zu viel. Er
sei nicht darauf bedacht, sich den Bauch anzufüllen, wie jene, die sich
so mit Essen und Trinken anfüllen, daß sie platzten. In bezug auf sie
sagt die Schrift: "Ich will den Kot Eurer Festopfer Euch ins Angesicht
werfen." (Maleachi2,3.) Dieser Satz wird von den Weisen auf die Menschen
angewandt, die essen und trinken und alle Tage zu Festgelagen machen.2)
Solche Menschen pflegen zu sagen:
"Laßt uns essen und trinken, morgen sterben wir doch." (Jes. 22, 15.)
So fassen die wertlosen Menschen das Essen auf, und Gelage dieser Art
geißc't die Schrift, wenn sie sagt: "Denn alle Tische sind voll Speiens
und an allen Orten ist Unrat." (Jes. 28, 8.) Der Weise
1) In diesem Abschnitt werden die Ausdrücke osn und osr ra^n in
gleichem Sinne gebraucht. Der bsh whn' der Talmudgelehrte, wie
ihn Mischna und Talmud schildern, ist eine Verwirklichung all dessen,
was man an sittlichen Werten vom Weisen aw' fordern darf.
2) Vgl. Sabbat 115b.