Nachwirkungen des Maimonidischen Systems auf das Denken der Folgezeit
H. Simon und M. Simon -
Geschichte der jüdischen Philosophie
Mit
Maimonides gelangt die arabischsprachige
Philosophie bei den Juden zu einem Höhepunkt. Zugleich jedoch schliesst
sie mit ihm ab. Das ist nicht in dem Sinne zu verstehen, dass nach
Maimonides kein Jude mehr in arabischer Sprache über philosophische
Probleme geschrieben hätte. Es lassen sich noch einige Autoren und ihre
Werke nennen, aber diese Gelehrten haben die Philosophie nicht über den
von Maimonides erreichten Stand hinaus weiterentwickelt.
Obschon die Juden innerhalb der Gesellschaft; in der sie lebten, eine
eigene Gemeinschaft konstituierten, waren sie doch weitgehend mit der
allgemeinen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung
der vom Islam beherrschten Zivilisation verbunden. Auch diejenige
Philosophie, die sich im Rahmen des Islams und in geistiger
Auseinandersetzung mit ihm entfaltet hatte, erreichte zu dieser Zeit in
Averroes ihren Gipfel und kam damit zugleich zu ihrem Ende. Die
Stagnation in ökonomischer Hinsicht und damit gleichfalls in politischer
und kultureller Beziehung führte dazu, dass auch die Philosophie zu
keiner weiteren Entwicklung mehr fähig war. Die arabischsprachige Welt
büsste ihre kulturelle Überlegenheit ein und wurde von der Entwicklung
im christlichen Europa überflügelt.
Von den Juden, die innerhalb einer islamischen Umwelt nach Maimonides
über philosophische Probleme in arabischer Sprache schrieben, sei
zunächst Josef ben Jehuda ibn Schaurun genannt, der aus Marokko stammte.
Er ist der jenige Schüler, an den Maimonides seinen »Führer«
adressierte. Josef ibn Schaurun war, nachdem er eine Zeitlang die
Unterweisung des Maimonides in Ägypten genossen hatte, nach Syrien
gegangen, wo er als Arzt tätig war und 1226 in Aleppo starb. Er
verfasste auf philosophischem Gebiet eine kleine metaphysische Schrift,
die als Abhandlung über das notwendig Existierende und die Art des
Hervorgehens der Dinge aus ihm und über die Weltschöpfung« in
hebräischer Übersetzung vorhanden ist. In der Literatur wird meist Josef
ben Jehuda ibn Aqnin als Name des Maimonidesschülers genannt, jedoch ist
das ein Irrtum. D. H. Baneth konnte 1964 nachweisen, dass es zur
gleichen Zeit zwei verschiedene Gelehrte namens Josef ben Jehuda gegeben
hat: den Maimonidesschüler Ibn Schaurun und Josef ibn Aqnin (1150-1220)
aus Spanien, der in Nordafrika lebte und über talmudische und
philosophische Fragen schrieb.
Ohne den arabischen und jüdischen Aristotelismus zu berücksichtigen und
in anscheinend bewusstem Rückgriff auf neoplatonische Traditionen bot im
14. Jahrhundert Jehuda ben Nissim ibn Malka in Marokko ein System, das
den beherrschenden Einfluss der Gestirne auf den Weltlauf, die absolute
Unerkennbarkeit G'ttes und die Überlegenheit der rationalen Spekulation
über die Lehren der Offenbarungsreligion betonte (verfasst 1365). Doch
wesentliche Impulse sind von diesen Denkern nicht ausgegangen.
Es geht uns nicht darum, diese Ausläufer der jüdischen Philosophie in
arabischer Sprache dadurch, dass wir nur kurz auf sie hinweisen, als
uninteressant abzutun. Sie haben ihre Bedeutung unter
kulturgeschichtlichem, soziologischem und literarhistorischem Aspekt,
jedoch wird die Philosophiegeschichte, sofern man sie als Prozess
fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis versteht, durch sie nicht
bereichert. Auch für die weitere Entwicklung des Judentums, für seine
Interpretation und die Bestimmung seines Verhältnisses zur Bildung der
Zeit und zu den gesicherten Ergebnissen der Wissenschaft waren sie nicht
von Belang.
Die Auseinandersetzung um den Wert und die Bedeutung der philosophischen
Lehren, um die Herausforderung, die die Beweise der Wissenschaft für die
religiösen Ansichten darstellten, um die Berechtigung und die
Möglichkeit, das wissenschaftliche Weltbild zu akzeptieren; ohne dadurch
das Judentum in seinem Kern aufgeben zu müssen, vollzog sich in Hinkunft
im abendländischen Bereich: im christlichen Spanien und vor allem in der
Provence. Hierbei kam Maimonides die Rolle einer Symbolfigur zu; die
jüdischen intellektuellen Kreise spalteten sich in Maimonisten und
Antimaimonisten, in solche, die die Beschäftigung mit aristotelischer
Philosophie und deren Ausgleich mit der Religion als legitim und
notwendig akzeptierten, und diejenigen, die die Philosophie als der
Religion feindlich erachteten und sie daher prinzipiell ablehnten.
Dieser Kampf wurde mit einer ausserordentlichen Heftigkeit geführt und
erschütterte die jüdischen Gemeinden während des 13. Jahrhunderts in
starkem Masse. Gegenseitig sprachen Vertreter der beiden Richtungen
übereinander den Bann aus, und die allen Veränderungen abholden
Vertreter der althergebrachten Tradition gingen sogar so weit, die
Inquisition zu Hilfe zu rufen und die angeblich ketzerischen Schriften
des Maimonides verbrennen zu lassen. Die Kirche von der Gefährlichkeit
der Maimonidischen Lehren zu überzeugen war nicht allzu schwierig, da
Maimonides im Lichte der aristotelischen Philosophie biblische
Formulierungen interpretiert hatte, die für das Christentum gleichfalls
verbindlich waren. Während für Juden und Christen eine gemeinsame
Textgrundlage der Offenbarung besteht, mussten die im Rahmen des Islams
tätigen Philosophen auf die Lehren des Korans, nicht auf die der Bibel
Rücksicht nehmen.
Die gesamte jüdische Philosophie der Epoche nach Maimonides knüpft an
diesen an, wobei sie in ihrem Aristotelesverständnis über ihn
hinausgeht, da sie die Interpretationen, die Averroes den
aristotelischen Lehren gegeben hatte, zugrunde legen konnte: Dazu fühlte
sie sich um so mehr berechtigt, als Maimonides die Kommentare des
Averroes empfohlen hatte, obwohl er selbst sie für sein Werk nicht
benutzt hat. So nimmt es nicht wunder, dass die Aristoteleskommentare
des Averroes uns in hebräischen Versionen vor liegen, aus denen später
die lateinischen Übersetzungen geflossen sind. Im arabischen Original
ist von den Werken des Averroes weit weniger erhalten geblieben, so dass
er für die Nachwelt mehr ein hebräischer und lateinischer Autor als ein
arabischer ist. Die Sprache der jüdischen Philosophie in der Zeit nach
Maimonides ist hebräisch, nicht mehr arabisch. Damit ist die jüdische
Philosophie, die sich im christlichen Bereich entwickelte, in stärkerem
Masse von ihrer nichtjüdischen Umwelt isoliert, als das in einer
arabischsprachigen Umgebung der Fall gewesen war, wo gesprochene Sprache
und Wissenschaftssprache übereinstimmten. In den christlichen Ländern
hingegen unterschied sich die Sprache der Wissenschaft von der des
täglichen Lebens. Während diese Christen und Juden gemeinsam war, bedien
ten sich die Christen in der Wissenschaft des Lateinischen, während die
Juden hebräisch schrieben und die Bildungssprache Europas, das
Lateinische, selten beherrschten...
...
weiter: Das 13. Jahrhundert in der
Entwicklung der jüdischen Philosophie...
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Geschichte der jüdischen
Philosophie
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Marie Simon
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Moses ben Maimon
H. Simon und M. Simon -
Geschichte der jüdischen Philosophie
[Judentum
- Jahaduth] |