Moses ben Maimon
H. Simon und M. Simon -
Geschichte der jüdischen Philosophie
Zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters gehört Moses
ben Maimon (1135-1204), auch als Maimonides oder Maimuni bekannt. Nach
den Anfangsbuchstaben seines Namens, Rabbi Moses ben Maimon = RMBM, wird
er auch als Rambam bezeichnet. Sein wissenschaftliches Werk hat nicht
nur die Entwicklung des Judentums in außerordentlich starkem Masse
beeinflusst, sondern auch auf die europäische Scholastik, namentlich auf
Albertus Magnus und Thomas von Aquino eingewirkt.Maimonides sah
es als seine Aufgabe an, aristotelische Philosophie und
Offenbarungsreligion zu einer Synthese zu bringen, und zwar nicht auf
dem Wege der weitgehenden Identifizierung, wie es Abraham ibn Daud
letztlich erfolglos versucht hatte, sondern durch die Abgrenzung des
wissenschaftlich Beweisbaren von demjenigen, das als Offenbarung
hingenommen werden muss. (Anm. Sein wichtigstes und deutlichstes Werk in
dieser Richtung ist der "Moreh Newukhim").
Durch die starke Wirkung über den jüdischen Kreis hinaus ist Maimonides
der wohl allgemein bekannteste jüdische Denker des Mittelalters
geworden. Die Formulierung, er sei der größte mittelalterliche jüdische
Philosoph gewesen, sollte man allerdings vermeiden, ohne dass auf diese
Weise seine wissenschaftliche Bedeutung eingeschränkt oder herabgesetzt
wird: Er war nach seinem Selbstverständnis kein Philosoph, denn als
Philosophen wurden diejenigen bezeichnet, die die Philosophie, vor allem
die aristotelische, als alleinigen Forschungsgegenstand und als Basis
ihres Weltbildes akzeptierten. Es kann auch in Frage gestellt werden, ob
der Versuch, Wissenschaft und Religion zu harmonisieren, die höchste
Aufgabe der Philosophie sei. Jedenfalls wäre das Aufstellen einer
Rangordnung gemäss der Bedeutung der Gelehrten Ergebnis einer weitgehend
subjektiven Wertung.
Über das Leben des Maimonides sind wir relativ
gut in formiert, besser als über das der anderen jüdischen Denker des
Mittelalters. Er wurde 1138 in Cordova geboren und entstammte einer
vornehmen und einflussreichen Gelehrtenfamilie. Sein Vater war Mitglied
des Rabbinatskollegiums und hat sich durch eine Reihe wissenschaftlicher
Werke einen Namen gemacht. Als im Jahre 1148 Cordova in die Hand der vor
allem gegen Andersgläubige intoleranten Almohaden fiel, verließ die
Familie die Stadt und hielt sich einige Jahre in verschiedenen Orten
Spaniens auf. Gegen 1159 siedelte sie dann nach Fes in Nordafrika über.
Da auch diese Stadt zum Herrschaftsbereich der Almohaden gehörte, ist es
nicht klar, warum die Familie des Maimon sich gerade dorthin wandte,
denn die Verhältnisse dürften in Fes im Prinzip kaum günstiger gewesen
sein als in Spanien.
Für die häufig vertretene Ansicht, die Familie
habe zum Schein den Islam angenommen, gibt es keine Beweise. Wohl aber
zeigt eine Schrift des damals noch nicht dreißigjährigen Maimonides, die
in Fes verfasst wurde, eine weitgehende Anpassung an die drückenden und
schwierigen Verhältnisse. Dieses in arabischer Sprache verfasste
Schreiben über den Glaubenszwang, stellte die Antwort auf ein Gutachten
eines jüdischen Gelehrten dar, der erklärt hatte, ein Scheinbekenntnis
zum Islam sei als Götzendienst anzusehen und darum müsse jeder, der
gezwungen werde, sich zum Islam zu bekehren, den Märtyrertod auf sich
nehmen. Wie uns Maimonides mitteilt, befand sich der Verfasser dieses
Gutachtens allerdings an einem Ort, wo das Problem nicht akut war, so
dass es ihm leicht fiel, einen kompromisslosen Standpunkt einzunehmen,
weil er für ihn selbst ohne Konsequenzen blieb.
Da dieses Gutachten
die Juden im Reich der Almohaden in erhebliche Gewissensnöte brachte,
sah sich Maimonides veranlasst, zu dem Problem Stellung zu nehmen: Er
vertrat die Meinung, die Aufforderung zur Selbstaufgabe gehe über das
Ziel hinaus und laufe dem Geist der jüdischen Religion zuwider. Der
Mensch solle mit den göttlichen Geboten leben,
nicht aber durch sie sterben. Da von den Juden jetzt nichts weiter
als eine verbale Anerkennung des Prophetentums Mohammeds gefordert
werde, ohne dass sie zu irgendwelchen Handlungen genötigt würden, die
gegen die göttlichen Gebote verstossen, so könne man sich durchaus einem
solchen Zwang beugen und zu überleben suchen. Maimonides steht also der
Situation durchaus realistisch gegenüber. Allerdings rät er seinen
Glaubensbrüdern, ein Land, in dem sie solchem Druck ausgesetzt sind,
nach Möglichkeit zu verlassen.
Die Familie des Maimon hat diese
Konsequenz gezogen, allerdings erst einige Zeit später: 1165 verließ sie
Nordafrika und segelte nach Akko. Nach kurzem Aufenthalt in Palästina
nahm sie dann in Fustat (Altkairo) ihren ständigen Wohnsitz: In Ägypten,
das damals unter der Herrschaft der Fatimiden stand, war die Lage der
Juden günstiger; die persönliche Situation des Maimonides jedoch wurde
bald schwierig. Der Vater starb kurz nach der Ankunft in Ägypten, und
nicht viel später kam der jüngere Bruder des Maimonides, der durch einen
Juwelenhandel die Familie erhielt, auf einer Geschäftsreise nach Indien
bei einem Schiffbruch ums Leben. Bis dahin hatte sich der Denker
ausschließlich seinen Studien widmen können, nun musste er danach
trachten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So begann er, als Arzt
tätig zu sein. Im Gegensatz zum christlichen Europa stand ja im
arabischsprachigen Raum die Medizin in engem Verhältnis zur Philosophie,
und der Erwerb medizinischer Kenntnisse gehörte zur philosophischen
Ausbildung, so dass Maimonides entsprechende theoretische Kenntnisse
besaß, die er nun praktisch anwenden konnte.
Er war als Arzt sehr
erfolgreich und brachte es schließlich bis zur Position eines Leibarztes
am Hof der Ajjubiden, die das Fatimidenkalifat beseitigt hatten (1171)
und Ägypten de facto souverän beherrschten. Auf Grund seines großen
talmudischen Wissens nahm Maimonides außerdem eine führende Position
innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Ägypten ein und wurde später
auch offiziell das geistige und politische Oberhaupt der ägyptischen
Juden, so dass er eine sehr große Arbeitslast zu bewältigen hatte. Er
starb in Fustat (1204); seine Leiche wurde nach Tiberias in Palästina
gebracht, wo
sein Grab
heute noch erhalten ist.
Die
Werke des Maimonides lassen sich grob in drei Hauptgruppen einteilen: seine
Arbeiten auf talmudischem Gebiet, seine philosophischen Schriften und seine
medizinischen Abhandlungen. Damit ist das Arbeitsgebiet des Maimonides nur
sehr ungenau umrissen, wenn man nicht berücksichtigt, dass zur Philosophie
im mittelalterlichen Sinne auch die gesamte Naturwissenschaft gehört und
dass die Verzweigtheit des talmudischen Stoffes den auf diesem Gebiet
Tätigen auf Themen aus allen Lebensbereichen führen kann.
Uns mögen diese
drei Hauptarbeitsgebiete des Maimonides als äußerst heterogen
erscheinen; für Maimonides selbst jedoch besteht zwischen ihnen ein sehr
enger Zusammenhang. Die Grundlage des Lebens der Menschen sind die
Satzungen, die für die Juden ihre Kodifizierung im Talmud gefunden
haben. Folglich befasst sich die Arbeit des Maimonides auf talmudischem
Gebiet im Grunde mit der Reglementierung des Lebens des einzelnen und
der Gesellschaft, also mit letztlich ethischen Fragen. Die
philosophischen Schriften des Maimonides beschäftigen sich mit dem
Sinn und Zweck der Gesetze; sie geben die rationale theoretische
Begründung für die Verbindlichkeit der rechtlichen Normen.