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Jüdische Ethik:
Maimonides - ein "jüdischer Aristoteles" - und erster Sozialarbeiter des Mittelalters?

von Susanne Zeller

"Ein Fürst Gottes, zum Zeichen gesendet": so preist Josef ben Jehuda ibn Schaurun seinen Lehrer, den Rabbiner Mosche ben Maimon (1135-1204). 1935, als sich der Geburtstag des Rambam zum 800. Mal jährte, veröffentlichte Ismar Elbogen anhand von Briefen und anderen Quellen die Biographie dieses Gelehrten. Im Jahre 2004, anlässlich seines 800. Todestages, stehen weltweit Konferenzen auf dem Programm. Das Abraham Geiger Kolleg wird sich im Rahmen seiner Studientage "Rambam Remembered: Maimonides' Meaning for Modern Jews" vom 19.-21. Mai 2004 ausführlich mit Maimonides' Werk befassen - ein Werk, das auch in unserem Alltag Orientierung bietet, etwa in der Sozialarbeit.

Wie kann man den größten jüdischen Denker, Arzt und die rabbinische Autorität des Mittelalters, die in unserem Kulturraum unter dem Namen Moses Maimonides (1135-1204) bekannt ist, mit dem modernen Beruf Sozialarbeit in Verbindung bringen? Manchmal müssen wir zurückblicken, um vorwärts gehen zu können. Angesichts der sich zuspitzenden Situation der Verarmung in unserer Gesellschaft unter den zu erwartenden Sozialreformen wird die Aufrechterhaltung berufsethischer Mindeststandards und Grundwerte, wie sie in Verfassung, Bundessozialhilfegesetz und den Menschen- und Sozialrechten niedergelegt sind, immer schwieriger. Besonders die Fachdisziplin Sozialarbeit, die sich als (eine) "Menschenrechtsprofession" versteht, sucht nach ihren berufsethischen Wurzeln für die Aufrechterhaltung von Sozialstaatlichkeit, die aber in Gefahr ist, immer mehr in den Sog von sozialpolitischen "Weichspülern"zu geraten.

Ethik als Auftrag

Eines dieser programmatischen Ethiktheorien lassen sich bei dem berühmten jüdischen Gelehrten des 12. Jhdts. finden. Das unruhige Leben als Emigrant unter islamischen Herrschern Andalusiens, Marokkos und Ägyptens spiegelt die wechselvolle Geschichte jüdischer Gemeinden unter dem Islam wider; mit Phasen der Duldung, höchsten kulturellen Anerkennungen und Einfluss auf die maurische Kultur bis zur Vertreibung. Ungeachtet dieser äußeren biographisch schwierigen Umstände, der Anstrengungen eines Brotberufs als Leibarzt am Hofe des Kalifen Salah 'Din in Fostat, heute Alt-Kairo sowie als geistiges Oberhaupt ("Nagid") der ägyptischen jüdischen Gemeinden, hinterließ der RAMBAM ein bahnbrechendes wissenschaftliches Lebenswerk.

Berühmt wurde er vor allem mit seinen religionswissenschaftlichen Arbeiten zum Talmud, ethischen Abhandlungen sowie Schriften zur Philosophie und Medizin. Er war auch leidenschaftlicher Pädagoge und Sozialethiker. Begriffe wie Gemeinsinn, Gerechtigkeit, Wohlwollen, Mitfühlen, gegenseitiger Respekt und Toleranz haben sein Denken und Handeln charakterisiert. Die biblische Aufforderung im 3. Buch Mose, den Blick über die eigene Person und Bevölkerung hinaus immer auch auf die Mitmenschen und Fremden zu richten und "einander Gutes durch Taten" zukommen zu lassen, zielen auf den Verpflichtungscharakter sozialer Dienstleistungen jüdischer Ethik, die unseren Kulturkreis und damit auch die Geschichte sozialer Arbeit tief geprägt hat. Diese Verpflichtung unterliegt nicht der individuellen Freiwilligkeit. Das biblische Grundprinzip der Gerechtigkeit fordert die Einhaltung von Schutzrechten gegen Verarmung und Deklassierung. Danach handelt es sich also weniger um Gefühle, oder um eine kaum je wirklich einzulösende "Liebe" jedem Menschen gegenüber.
Es geht vielmehr um engagierte Zuwendungen, die unabhängig von persönlichen Gefühlslagen die Hilfsbedürftigen real in die Lage versetzen sollen, von fremder Hilfe dauerhaft nicht mehr abhängig sein zu müssen. Diese frühen Formen der Armenfürsorge existierten vor dem Hintergrund der biblischen Sozialvorschriften in der Torah im jüdischen Gemeinwesen bereits seit dem 5. Jahrhundert v.u.Z. Die Auslegung der biblischen Sozialmassnahmen finden wir im Talmud. Da Maimonides diese rabbinischen Sozialtraditionen noch einmal ganz konkret zusammengefasst und systematisiert hat, finden wir also bereits im späten 12. Jahrhundert Vorformen "sozialstaatlicher" Strukturen, wie sie uns heute vertraut sind.

Hilfe zur Selbsthilfe

In seinem "rabbinischen Warenkorb" focussierte der RAMBAM genaue Sozialleistungen für ein Leben in Würde. Diese erinnern uns an den "Warenkorb" heutiger Sozialhilfe nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) §12: "Notwendiger Lebensunterhalt" und § 21: "Laufende und einmalige Leistungen". Dabei galt damals wie heute in der modernen Sozialarbeit das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe als oberstes ethisches Prinzip. Vor diesem Hintergrund müssen wir die charakteristischen Züge einer traditionellen Praxis jüdischen Gemeinsinns betrachten, die wir bei Maimonides auch in einer qualitativen Achtstufen-Werteskala des Helfens konkretisiert finden.

Helfen wird in der rabbinischen Sozialethik nicht als Ausdruck einer individuellen und meist hierarchisch strukturierten Großzügigkeit des Besitzenden dem sozial Schwachen gegenüber verstanden. Es stellt also keine freiwillige Leistung dar, sondern die Erfüllung einer (von G'tt) auferlegten Pflicht, der man sich nicht entziehen darf. Im Talmud ist mit dem Begriff "Gmiluth Chasadim" also das ganz konkret und unmittelbar ausgeübte soziale Engagement gemeint. Mit der Einlösung sozialer Verpflichtungen ist immer auch das Ziel der Gerechtigkeit verknüpft. In der rabbinischen Literatur wird dieses Anliegen mit dem Begriff "Zedaka" umrissen. Und das Ziel gesellschaftlicher Gerechtigkeit wird zur höchsten religiös-ethischen Verpflichtung erklärt. Neben den Menschenrechten sollte moderne Sozialarbeit an diesen Errungenschaften abendländischer Kultur wieder bewusst anknüpfen bei ihrer Suche nach Aufrechterhaltung berufsethischer Prinzipien in schwierigen Zeiten.

Prof. Dr. Susanne Zeller wurde 1951 geboren, ist im heutigen Namibia aufgewachsen, lebt in Berlin und lehrt seit 1991 Theorie, Professionalisierungsgeschichte und Sozialethik für Sozialarbeitswissenschaft an der Fachhochschule Erfurt, Fachbereich Sozialwesen.
Quelle: Keschet, Tewet-Adar 5764 (II.2)

Moses ben Maimon
H. Simon und M. Simon - Geschichte der jüdischen Philosophie

[Judentum - Jahaduth]

hagalil.com 25-10-2003



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