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H. Simon und M. Simon -
Geschichte der jüdischen Philosophie
Teil 2
Medizin
Die Medizin erhält bei Maimonides eine ethische Fundierung und wird
dadurch in seine philosophische Gesamtkonzeption einbezogen. Da das Übel
in der Welt etwas Negatives ist und die G'ttgewollte Harmonie der Welt
stört, hat der Mensch die Aufgabe, durch den Kampf gegen das Übel an der
Verwirklichung der göttlichen Absicht mitzuwirken. Auf diese Weise wird
der Kampf gegen die Krankheit, und vor allem auch die Erhaltung der
Gesundheit, zur religiösen Pflicht. Maimonides kennt den Wert der
Prophylaxe und legt infolgedessen grossen Wert auf die Hygiene; außerdem
postuliert er, dass zur ärztlichen Tätigkeit die seelische Behandlung
gehören müsse. Den Grundsatz, die Heilung von Krankheiten müsse man G'tt
überlassen, lehnt er mit aller Schärfe ab, und ebenso schroff wendet er
sich gegen Wunderkuren aller Art. Die medizinischen Werke des
Maimonides fanden nicht nur im arabischsprachigen Raum, sondern auch im
christlichen Europa weithin Beachtung und Anerkennung. Jedoch sind die
Arbeiten des Autors auf talmudischem und philosophischem Gebiet von weit
grösserer Originalität und nachhaltigerer Bedeutung (vgl. M. Meyerhof,
The Medical Work of Maimonides, in: Essays an Maimonides, ed. S. W
Baron, New York 1941, 265-299).
Religion
Noch während seines Aufenthaltes in Spanien begann Maimonides, in
arabischer Sprache einen Kommentar zur Mischna, der mündlichen Lehre, zu
verfassen, den er im Jahre 1168 in Ägypten zum Abschluss brachte. Dieser
Kommentar, dessen hebräische Übersetzung vielen Mischnaausgaben beigedruckt
ist, zeichnet sich durch das Bemühen um eine Systematisierung des Stoffes
aus. Maimonides liebt es, die allgemeinen Regeln und Grundsätze jeweils
zusammen zufassen und geordnet darzustellen. Das geschieht besonders in den
Einleitungen, die er dem ganzen Werk und der Behandlung einzelner
Mischnatraktate voranstellt. Unter philosophischem Aspekt sind besonders die
»Acht Kapitel« von Interesse, die Einleitung zum Traktat Awot, den »Sprüchen
der Väter«, einer Sammlung von Sentenzen jüdischer Schriftgelehrter. In
dieser Einleitung bietet uns Maimonides einen Abriss seiner Ethik, deren
Aufgabe es sei, die Eigenschaften des Menschen zu veredeln und seinen Cha
rakter zu vervollkommnen. Er behandelt in diesem Zusammenhang auch die
menschliche Seele und ihre Kräfte, die Frage der menschlichen
Willensfreiheit, die Prophetie und die G'tteserkenntnis als Ziel des
menschlichen Daseins. Auch das religionsgesetzliche Hauptwerk des
Maimonides, der hebräisch geschriebene Mischne Tora, zeigt das Bemühen,
Lehren der Religion mit dem Stand der Wissenschaft zu harmonisieren, und
ist darum in philosophischer Hinsicht ebenfalls wichtig. Der im Jahre
1180 abgeschlossene Mischne Tora - der Titel ist dem Bibeltext
entnommen, und die Septuaginta übersetzt die Worte mit »Deuteronomion« -
ist ein Talmudkompendium, das den gesamten gesetzlichen Lehrstoff
zusammenfasst und systematisiert. Die literarische Anlage des Talmuds,
in dem den Lehrsätzen der Mischna, der mündlichen Lehre, sich jeweils
die Diskussio nen der Gelehrten, die Gemara, anschliessen, machen dieses
Werk ausserordentlich unübersichtlich, da sich die Diskus sinnen oft
weit von den Problemen entfernen, von denen sie ausgehen. Daher
erscheinen Rechtsentscheidungen der Gelehrten häufig in Zusammenhängen,
wo sie nicht zu er warten sind. Da jedoch der Talmud die Grundlage des
gesamten Rechts bildete und der Richter aus ihm seine Entscheidungen
abzuleiten hatte, waren äusserst subtile Kenntnisse erforderlich, die
nicht immer ohne weiteres vor ausgesetzt werden konnten. Maimonides
begründet die Notwendigkeit seines Werkes mit dem Rückgang der
rabbinischen Bildung und stellt darum die dem Talmud zu entnehmenden
juristischen Entscheidungen nach sachlichen Gesichtspunkten und
infolgedessen übersichtlich zusammen. Der Intention nach umfasst der
Mischne Tora alle Vorschriften des Judentums für das religiöse und
profane Leben, wenn wir hier zur Verdeutlichung diese Sphären
unterscheiden wollen, obgleich eine solche Differenzierung dem
gesetzestreuen Judentum unbekannt ist. Die rituellen und kultischen
Vorschriften werden ebenso behandelt wie das Zivil und Strafrecht; auch
alle Satzungen, die seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und
durch das Leben in der Diaspora keine aktuelle Bedeutung mehr besassen,
sind enthalten. Nicht nur durch die systematische Zusammenfassung des
Zusammengehörigen unterscheidet sich der Kodex des Maimonides von der
talmudischen Darstellungsweise; sondern auch dadurch, dass der Verfasser
nur die Ergebnisse der talmudischen Diskussionen bietet und abweichende
Ansichten der Gelehrten unberücksichtigt lässt. Da es indessen im Talmud
nicht nur klare Entscheidungen gibt, sondern vielfach die Festlegungen
verschiedene Auslegungsmöglichkeiten offen lassen, ist die Tatsache,
dass Maimonides Entscheidungen fällt, ohne anzumerken, worauf sich diese
stützen, bereits bei seinen Zeitgenossen auf Kritik gestossen.
Maimonides hat den Talmud nicht nur systematisiert, er hat ihn auch
modernisiert, indem er alles das übergeht, was seiner Meinung nach vom
Standpunkt der Wissenschaft nicht mehr haltbar ist. Dazu gehören Lehren
und Schlussfolgerungen, die auf dem Glauben an Dämonen beruhen, und
astrologische Anschauungen, die die Menschenschicksale von
Gestirnkonstellationen abhängig machen. Ebenso liess er solche Lehren
aus, die den seit der talmudischen Zeit erheblich gewachsenen
medizinischen Kenntnissen wider sprachen. Statt dessen nutzt er die
naturwissenschaftlichen Kenntnisse seiner Zeit und baut sie in sein Werk
ein. Daher ist der Mischne Tora nicht nur eine Zusammenfassung der
bereits vorliegenden talmudischen Vorschriften, sondern das Werk steht
auch gleichzeitig auf der Höhe der Wissenschaft der Zeit, indem es sich
griechischer Wissenschaft und griechischer, und zwar aristotelischer
Philosophie bedient. Das Vorgehen des Maimonides ist wie das Wirken
jedes Reformers heftig angegriffen worden und hat auf der anderen Seite
auch leidenschaftliche Befürworter gefunden. Der Autor selbst
rechtfertigte sein Vorgehen einmal in einem Brief mit den Worten: »Die
Augen sind vorne und nicht hinten.« Seine Absicht, die rechtlichen
Vorschriften des Talmuds mit dem neuesten Stand der Wissenschaft zu
verbinden, wird in seinem Religionskodex vor allem daran sichtbar, dass
er das erste Buch dieses aus 14 Büchern bestehenden Werkes zunächst den
Problemen der Physik und der Metaphysik widmet, das infolgedessen eine
Art religionsphilosophisches Lehrbuch darstellt. Der Autor sammelt und
systematisiert in diesem »Buch der Erkenntnis« genannten ersten Buch
seines Religionskodex Mischne Tora nicht nur dasjenige, was sich an
philosophischen Gehalten verstreut im Talmud findet, sondern bringt
vieles, was im Talmud nicht nur nicht enthalten, sondern ihm auch nicht
gemäss ist. Da das Judentum eine Gesetzesreligion ist, geht es bei einer
Kodifizierung weniger um weltanschauliche Lehrmeinungen als um die
Reglementierung des Handelns. Daher ist es zunächst nicht ohne weiteres
ersichtlich, warum Physik und Metaphysik in diesen Rahmen gehören.
Besonders betrifft das den Bereich der Physik, die ganz im Sinne der
aristotelischen Philosophie von Maimonides behandelt wird. Er findet
aber einen Weg, diese dem Judentum ursprünglich fremden Anschauungen als
Voraussetzung für die Rechtsvorschriften sinnvoll einzubauen, indem er
die Physik ethisiert. Maimonides knüpft sie an das Gebot der G'ttesliebe
und der Ehrfurcht vor G'tt: Nur wenn wir das Weltall betrachten,
können wir zur Liebe G'ttes gelangen, denn aus der Ordnung der Welt, aus
dem Verständnis ihres Aufbaus und ihres Funktionierens wird uns G'ttes
Weisheit bewusst, die uns dazu bringt, G'tt zu lieben. Ebenso erwächst
in uns, wenn wir unser kleines Ich dem grossen All gegenüberstellen, ein
Gefühl der Ehrfurcht G'tt gegenüber. Die Behandlung der Metaphysik,
besonders des Problems der G'tteserkenntnis, erklärt sich durch die
rationalistische Einstellung des Maimonides, dass die Liebe zu G'tt aus
der G'tteserkenntnis resultiere. Auch Probleme der Ethik werden im
ersten Buch des Mischne Tora behandelt. Obwohl die Grundlegung der Ethik
auf der Religion beruht, hält sich Maimonides im einzelnen weitgehend an
die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er übernimmt die Aristotelische
Einteilung der Tugenden in ethische und dianoetische und erkennt den
letzteren wie Aristoteles den Vorrang zu. Die Aristotelische Definition
der Tugend als Mitte zwischen zwei Extremen findet Maimonides bereits in
der Bibel, indem er den Satz »Richte gerade das Geleise deines Fusses«
(Sprüche 4,26) im Sinne des Wägens versteht, bei dem die Waagschalen ins
Gleichgewicht gebracht werden. Der Einbau philosophischer Lehren in ein
religionsgesetzliches Werk machen den Mischne Tora zu etwas unerhört
Neuartigem, so dass sich schon zu des Maimonides Lebzeiten der Kampf der
Orthodoxie gerade gegen das erste Buch dieses Kodex richtete. Als das
vom philosophischen Standpunkt bedeutsamste Werk des Denkers gilt sein
»Führer der Unschlüssigen«, der gegen 1190 vollendet wurde. Das in
arabischer Sprache geschriebene Buch, dessen Originaltitel »Leitung der
Rat losen« lautet, wurde bereits zu Lebzeiten des Maimonides von Samuel
ibn Tibbon, der in der Provence lebte, ins Hebräische übertragen. Diese
Übersetzung ist in ständiger Konsultation mit dem Autor angefertigt
worden, der sie sachlich gebilligt und auch den hebräischen Titel
»Führer der Unschlüssigen« sanktioniert hat. Die hebräische Übersetzung
des Samuel ibn Tibbon, die unmittelbar vor dem Tode des Maimonides im
Jahre 1204 abgeschlossen wurde, hat den Text den Juden ausserhalb des
arabischsprachigen Gebietes zugänglich gemacht. Wenig später wurde durch
den Dichter Jehuda Alcharisi eine zweite Übersetzung des »Führers«
hergestellt, die sich von der des Samuel ibn Tibbon durch grössere
sprachliche Eleganz, aber geringere Genauigkeit unterscheidet. Sie ist
insofern zu philosophiehistorischer Bedeutung gelangt, als sie, nicht
aber die Übersetzung des Samuel ibn Tibbon, zur Grundlage der
lateinischen Version wurde, aus der die europäische Scholastik ihre
Kenntnis der Lehren des Maimonides bezogen hat. Bei den Juden hat sich
die hebräische Übersetzung des Samuel ibn Tibbon durch gesetzt, während
die Arbeit seines Rivalen, der zwar in sprachlicher und stilistischer
Hinsicht gewandter; im Verstehen und exakten Wiedergeben der
gedanklichen Inhalte jedoch weniger erfolgreich war, in den Hintergrund
trat. Die Aufgabe; die sich Maimonides im »Führer der Unschlüssigen«
stellt, ist die Leitung derer, die sich nicht ent scheiden können,
welchen Weg sie einschlagen sollen, die zwischen demjenigen schwanken,
was die religiöse Überlieferung vorschreibt, und dem, was die Ratio,
'das philosophische Denken für wahr erkennt. Es geht dem Autor also um
das für das Mittelalter zentrale Problem des Verhältnisses von Glauben
und Wissen. Das ist eine durchaus philosophische Fragestellung, trotzdem
aber ist es schwer, den »Führer« ein philosophisches Werk zu nennen.
Maimonides selbst formuliert die Aufgabe, die er sich gestellt hat, mit
den Worten: »Das Ziel dieser Darlegung ... ist die wahre Wissenschaft
des Gesetzes, (das Werk) hat den Zweck, demjenigen eine Anleitung zu
geben, welcher der Religion kundig und mit dem Gesetz vertraut ist, der
an die Wahrheit der Tora glaubt und in seinem Glauben und Charakter
untadlig ist, der aber Philosophie studiert hat und ihre Probleme kennt
und den die menschliche Vernunft angezogen hat ...« (I, Einleitung). Die
wahre Wissenschaft des Gesetzes ist im Gegensatz zur
Gesetzeswissenschaft, die Maimonides im Mischne Tora behandelt, mit den
Grundlagen des Religionsgesetzes befasst, ist also dasjenige, was die
islamische Tradition als Kalam bezeichnet. Zwar identifiziert sich
Maimonides weder mit den Methoden noch mit den Thesen der Vertreter des
Kalam; im Gegenteil, er lehnt sie nachdrücklich ab. Aber doch besteht
eine Übereinstimmung in der Zielsetzung, denn auch Maimonides geht es um
den Beweis der Richtigkeit der Religionslehren. Verstehen wir
Philosophie in dem Sinne, wie Maimonides sie aufgefasst hat, nämlich als
das aristotelische System in derjenigen Form, die ihm Alfarabi und
Avicenna gegeben hatten, als umfassende und für das Verstehen aller
Welträtsel im Prinzip völlig ausreichende wissenschaftliche Erklärung,
dann war Maimonides kein Philosoph und sein »Führer« kein
philosophisches Werk. Vielmehr geht der Denker von der Gewissheit der
absoluten Richtigkeit und unbedingten Gültigkeit der biblischen Lehren
aus und will dafür den Beweis erbringen. Maimonides bestreitet also den
Anspruch der Philosophie, sie könne die Wahrheit, die in der Religion
nur in verhüllter und dem Verständnis der ungelehrten Menge angepasster
Form enthalten sei, deutlich erweisen, so dass, falls alle Menschen zur
Weisheit gelangten, durch die Wissenschaft die Religion aufgehoben
würde. Die Absicht des Maimonides ist im Grunde theologisch: Das
heisst aber nicht, dass er die Bedeutung der Philosophie bestritten
hätte. Wenn sie auch nach seiner Meinung als Gesamtsystem zur Erklärung
der Welt unzureichend sei und ihre Behauptungen nicht beweiskräftig
seien, so akzeptiert er sie dort, wo ihre Beweise stichhaltig sind.
Insoweit Aristoteles für die Erklärung bestimmter Probleme stringente
Beweise geliefert hat, macht sich Maimonides diese zu eigen, und in
diesem Sinne ist er als Aristoteliker zu bezeichnen, weil der
Aristotelismus als Philosophie die richtige ist. In einem 1199
geschriebenen Brief an seinen Übersetzer Samuel ibn Tibbon betont der
Autor, dass die Werke des Aristoteles die Grundlage der
wissenschaftlichen Literatur seien. Um sie richtig zu verstehen, müsse
man sich der Kommentare des Alexander von Aphrodisias und des Themistios
bedienen, in denen die peripatetische Philosophie noch klarer dargelegt
sei als in den Werken des Aristoteles selbst. Besonders empfiehlt er
auch die Kommentare des Averroes, obwohl er selbst, soweit wir wissen,
sie zur Zeit der Abfassung des Führers« nicht kannte und daher nicht
berück sichtigen konnte. Über andere philosophische Literatur der
Griechen äussert sich Maimonides sehr ablehnend: Die Werke des
Empedokles, des Pythagoras, des Hermes - es handelt sich hier um
pseudepigraphische spätantike Schriften und um die hermetische Literatur
- und des Porphyrios seien nicht wert, die Zeit damit zu verschwenden;
Platons Werke seien dunkel und bilderreich, sie seien durch Aristoteles
überholt und folglich entbehrlich. Durch diese Haltung ist
selbstverständlich die Tatsache, dass der Aristotelismus der Araber sich
nie restlos von platonischen Elementen lösen konnte, nicht aus der Welt
geschafft: Für das Studium der Logik empfiehlt Maimonides besonders die
Werke von Alfarabi, auch Avicennas Schriften seien nützlich, wenn gleich
von geringerem Wen. Besonders den ersten Vertreter der aristotelischen
Schule in Spanien Ibn Badja (in der Scholastik als Avempace bezeichnet)
schätzt Maimonides als grossen Philosophen. Der »Führer der
Unschlüssigen« ist im Gegensatz zu den anderen Werken des Autors nicht
für eine breite Öffentlichkeit bestimmt, sondern richtet sich an eine
intellektuelle Elite, die durch die Kenntnis der Wissenschaften in
Konflikt mit den biblischen Anschauungen gekommen ist. Maimonides geht
es darum, diesen Personenkreis dazu zu befähigen, den Bibeltext nicht in
seinem äusseren Wortsinn zu verstehen, sondern die Geheimnisse des
Gesetzes, den eigentlichen Sinn und die richtige Interpretation der
Offenbarungslehren zu erfassen. Unter Geheimnissen der Bibel sind im
wesentlichen zwei Problemkomplexe zu verstehen, die Lehre vom
Schöpfungswerk und die Lehre vom göttlichen Thronwagen, im Anschluss an
die Vision des Propheten Ezechiel. Beide Themen wurden bereits in
talmudischer Zeit diskutiert, doch stellten sie eine Geheimlehre dar und
durften nicht vor einem breiteren Publikum behandelt wer den. Die
Mischna verbietet die Erörterung der Schöpfungsproblematik vor mehr als
einem Schüler, die Lehre vom göttlichen Thronwagen, von den himmlischen
Dingen, darf sogar auch vor einem nur dann behandelt werden, wenn dieser
weise ist und die Sache aus eigener Einsicht versteht. Selbst in diesem
Falle darf man ihm nicht die Einzelheiten, sondern nur die Hauptpunkte
mitteilen. Maimonides identifiziert die Thematik der Schöpfung mit dem
Gegenstand der Physik, die theosophische Spekulation mit dem der
Metaphysik, er behandelt also in seinem »Führer« Fragen der Metaphysik
und Prinzipien der Physik, wobei er aber das beiseite lässt, was seiner
Meinung nach der Aristotelismus bewiesen hat, und sich auf Probleme
beschränkt, die darüber hinausgehen. Um das talmudische Verbot nicht
zu verletzen, über Physik und Metaphysik in der Öffentlichkeit zu
handeln, schickt Maimonides dem Werk einen Brief an seinen Schüler Josef
ben Jehuda voraus, so dass die Fiktion aufrechterhalten wird, der
»Führer« sei nur für eine Person bestimmt. Auch hält sich
Maimonides an die Vorschrift, nur die Hauptpunkte mitzuteilen, und
überlässt es dem entsprechend vorgebildeten Leser, aus Andeutungen den
Sinn zu erfassen. Dadurch ist der »Führer« ein nicht leicht lesbares
Buch. Formal gesehen besteht das Werk aus drei Teilen, deren erster
sich mit der Gewinnung eines geläuterten, von allen Anthropomorphismen
freien G'ttesbegriffs befasst, während der zweite Teil sich mit dem
Beweis des Daseins G'ttes beschäftigt und G'ttes Verhältnis zur
intelligiblen Welt erörtert, der dritte Teil schliesslich Ezechiels
Vision vom göttlichen Thronwagen und die Beziehung G'ttes zum Menschen
behandelt. Wer jedoch den »Duxperplexorum« zu lesen beginnt, gerät
zunächst in gerade die Verwirrung, die das Buch zu beheben sich
anheischig macht; denn Maimonides schreibt in der Einleitung seines
Werkes, seine erste Aufgabe sei es, die Bedeutung gewisser biblischer
Wörter zu erläutern und ferner sehr dunkle im Bibeltext vorkommende
Gleichnisse zu erörtern. Dieser Zielstellung entsprechend, beginnt er
seinen »Führer« unvermittelt mit Erklärungen zahlreicher einzelner
Wörter, so dass der Eindruck entsteht, er beabsichtige in erster Linie
eine vorwiegend philologische Exegese. Es handelt sich hauptsächlich um
Wörter, die, wenn sie auf G'tt bezogen werden, den Eindruck vermitteln
könnten, er sei ein körperliches Wesen. Maimonides will in dessen
nachweisen, dass die Wörter, die er einleitend behandelt, verschieden
aufgefasst werden können, weil sie polysem sind, also je nach ihrem
Kontext variierende Bedeutungen haben. Auf diese Weise schafft er sich
die Möglichkeit, zu zeigen, dass die jeweils richtige Bedeutung erst
ermittelt wer den muss. Daraus leitet er für sich die Berechtigung her,
den Bibeltext dann umzuinterpretieren, wenn er mit bewiesenen
philosophischen Ergebnissen kollidiert. So ist die terminologische
Erörterung, mit der der »Führer« anhebt, eine nicht nur philologische,
sondern auch philosophisch relevante Textexegese. Die Tatsache, dass
das erste Buch des »Führers« Worterklärungen bietet, lässt sich unschwer
aus didaktischen Absichten des Autors erklären: Auf diese Weise sollten
diejenigen überzeugt werden, die nicht ohne weiteres geneigt waren,
seine philosophischen Ansichten zu akzeptieren. Wenn es ihm aber gelang,
diese zu der Einsicht zu bringen, dass die Worte der Bibel nicht nach
ihrem äusseren Sinn zu verstehen seien, und er die Leser seinen
diesbezüglichen Erläuterungen geneigt machen konnte, dann durfte er
hoffen, auch für seine übrigen Ausführungen Verständnis und Zustimmung
zu finden. Die Erörterung der. einzelnen Wörter lässt keinen klaren
Aufbau erkennen; die Darlegung springt von einem Gegen stand zum
anderen, wird auch durch anderes, nicht Da zugehöriges unterbrochen.
Obwohl meist Bezeichnungen behandelt werden, die, wenn auf G'tt bezogen,
diesen vermenschlichen, so findet sich z. B. zwischen Wörtern, die G'tt
einen Ort und räumliche Bewegung zusprechen, eine Begriffsbestimmung des
Wortes Mensch (hebräisch: adam)
und ein Kapitel, das davon handelt, dass die Schöpfungslehre ein
esoterischer, nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Gegenstand sei.
Erst mit dem 50. Kapitel des ersten Teils des Werkes, in dem der Autor
zur Behandlung des Problems der göttlichen Attribute kommt, beginnt eine
einigermassen fortlaufende und folgerichtige Darstellung. Es scheint
allerdings, dass dieser merkwürdige Anfang des Buches, der nicht unseren
Vorstellungen von theoretischen Abhandlungen entspricht, nicht auf
kompositorischen Schwächen beruht, sondern dar auf, dass Maimonides
vorsätzlich eine Form der Darstellung gewählt hat, die den Üblichkeiten
widerspricht; denn er er klärt nachdrücklich, sein Werk sei sehr
sorgfältig und nach einem genauen Plan aufgebaut, die Worte seien nicht
willkürlich gewählt, sondern mit grosser Genauigkeit und nichts werde an
falscher Stelle erklärt (I, Einleitung). Vorausgesetzt, dass die
Darstellungsweise des Maimonides intentionell ist, liegt es nicht fern,
sie mit derjenigen der Bibel zu vergleichen: Auch der uns vorliegende
Bibeltext überrascht immer wieder durch Sprünge, Unterbrechungen des
fortlaufenden Berichtes, Wiederaufnahmen früherer Themen; die dann oft
in veränderter Form behandelt wer den. Die moderne Bibelwissenschaft
erklärt solche Erscheinungen dadurch, dass sie verschiedene
Quellenschriften annimmt, bei deren Zusammenfügung redaktionelle
Ungeschicklichkeiten nicht völlig vermieden sind. Für Maimonides jedoch
ist die biblische Offenbarung ein Werk aus einem Guss, und daher muss
dasjenige, was dem kritischen Leser zunächst als ungereimt erscheint;
beabsichtigt sein. Deshalb gilt es, die Gründe dafür zu finden, warum
die biblische Darstellung im gegebenen Fall so und nicht anders
gestaltet ist. So' ist die Bibel zugleich ein exoterisches und
esoterisches Buch, sie spricht in der Sprache der Menschen und ist
folglich für jedermann verständlich, doch andererseits hat sie noch
einen tieferen, verborgenen Sinn, der nur dem Gelehrten offenbar werden
kann und den nach der Meinung des Maimonides nur die philosophische
Interpretation enthüllt (vgl. I,33). Durch richtige, rationale
Interpretation kann man den verborgenen Sinn der scheinbaren, jedoch
vorsätzlichen Unordnung des biblischen Textes ergründen, und ebenso ist
beim Studium des »Führers« vorzugehen. Darum schärft Maimonides seinem
Leser ein, die Kapitel des Werkes auf einander zu beziehen und vor allem
den Sinn jedes Wortes zu erfassen, weil jedes Wort, das er mit
Vorbedacht wählt, durch die genaue und richtige Interpretation eine
Einsicht aufleuchten lässt, die beim flüchtigen Überlesen verborgen
bleibt. Der Denker will in seinem Werk die Geheimnisse der Bibel
gleichzeitig enthüllen und auch verhüllen, um nur demjenigen, der die
notwendigen philosophischen Voraussetzungen besitzt, den Weg zum
Verständnis durch Andeutungen und Hinweise zu zeigen. Die vermeintliche
Unordnung im Aufbau seines Werkes dürfte darum beabsichtigt sein als
eine wohlerwogene, nur dem geschulten Leser zugängliche Methode der
Darstellung. Die philosophische Bedeutung des Maimonides beruht
weniger auf der Neuartigkeit der behandelten Einzelprobleme als vielmehr
auf der synthetisierenden Kraft, mit der er ein umfassendes System
zusammengefügt hat. Aus jüdischer Religion und aristotelischer
Philosophie hat er ein Gesamtgebäude errichtet, indem er diese beiden
heterogenen Komponenten einander anzugleichen und zu harmonisieren
suchte, was allerdings nur auf dem Wege des Kompromisses erreicht werden
könnte. Der zentrale Begriff des Systems des Maimonides, von dem aus
alle Rätsel und Geheimnisse der Tora zu betrachten und zu verstehen
sind, ist der G'ttesbegriff. Darum widmet sich der Autor zunächst der
Aufgabe, diesen Begriff so präzise, wie es irgend möglich ist, zu
erfassen. Dazu bedient er sich des Mittels der negativen Theologie, wie
sie - ausgehend von Philon über den Kalam in die jüdische Philosophie
ein gedrungen und dort heimisch geworden war. Maimonides hat also die
Theorie der negativen Attribute G'ttes bereits vorgefunden, aber ihm
kommt das Verdienst zu, diese Lehre am konsequentesten durchdacht und am
umfassendsten aus gearbeitet zu haben. Dem Bestreben, den
G'ttesbegriff mit Hilfe negativer Bestimmungen zu erfassen, steht der
kanonische Wortlaut der biblischen Schriften entgegen, wo an einer
Vielzahl von Stellen von G'tt Aussagen gemacht werden, die ihn als
Person in Analogie zum Menschen erscheinen lassen. Infolge dessen
bestand für Maimonides die Aufgabe zunächst darin, diese
Anthropomorphismen zu beseitigen, die bei wörtlicher Auffassung G'tt zu
einem körperlichen Wesen machen würden. Da die Bibel sich an alle
Menschen wendet, spricht sie in der Sprache der Menschen und verwendet
Bilder, die indessen in ihrer Sinnbildlichkeit als Umschreibungen zu
verstehen sind. In seinem Bemühen, den wahren Sinn der biblischen
Bildersprache zu erfassen, bedient sich Maimonides der bereits in der
jüdisch-alexandrinischen Tradition und im Kalam praktizierten Methode
der Allegorese. Er sucht auf diese Weise nicht nur Formulierungen zu
interpretieren, die die Körperlichkeit G'ttes nahe legen könnten,
sondern auch Berichte über Wunder in übertragenem Sinne zu verstehen,
wenn sie philosophischen Erkenntnissen widersprechen, obgleich
grundsätzlich das Wunder als Möglichkeit aus seinem Weltbild nicht
ausgeschaltet wird. Im Unterschied zu den arabischen Philosophen, denen
es nicht um die Einbeziehung der Religion in ihr System ging, sondern um
ein Nebeneinander der Meinungen der Menge und der der Elite, macht
Maimonides es der Allgemeinheit zur Pflicht, zu einem von allen
anthropomorphen Zügen gereinigten G'ttesbegriff zu gelangen.
weiter:
Teil 3
Nachwirkungen des
Maimonidischen Systems auf das Denken der Folgezeit
Geschichte der jüdischen
Philosophie
von Heinrich Simon,
Marie Simon
Reclam Verlag Leipzig (1999)
Taschenbuch, ca.24,00DM |