Der "More newuchim" wird verbrannt:
Der Kampf gegen den RaMBaMRationalisten, Antirationalisten und die Lehre von der
"doppelten Wahrheit"
Von Josef Kastein, eine Geschichte der Juden
pp. 372, VIERTES KAPITEL, MARTYRIUM UND MYSTIK
(Teil 3)
Die jüdische Welt spaltete sich im Laufe des 13. Jahrhunderts in Rationalisten und
Antirationalisten. Doch blieb auch Raum für eine seltsame
Mittelstufe, für eine Denkform, die sich zum unbedingten Glauben wie
zur unbedingten Vernunft nebeneinander bekennt und so, da ihr die
Synthese nicht gelingen will, zum Dualismus ihre Zuflucht nimmt.
Es
ist die Lehre von der »doppelten Wahrheit«, wie ein Isaak Albalag
sie formuliert hat: »Denn auf Grund meiner wissenschaftlichen
Einsicht bin ich oft davon überzeugt, dass sich etwas mit
Naturnotwendigkeit auf eine bestimmte Weise verhalte, und doch
glaube ich auf Grund der Worte der Propheten, dass «ich auf
unnatürliche Weise das Gegenteil zugetragen habe.« Es ist
bemerkenswert, dass diese Kampfstellung zwischen zwei Extremen samt
der Zwischenstufe von der »doppelten Wahrheit« sich zu gleicher Zeit
auch im Christentum einstellte. Die Scholastik unternahm den
gleichen Versuch, den Maimonides schon vorher unternommen hatte: die
Lehre der Religion mit der Lehre eines Aristoteles zu versöhnen.
Während Thomas von Aquino sich dahin entschied, die Philosophie habe
die »Dienstmagd der Theologie« zu sein, entschlossen andere sich für
den Dualismus der doppelten Wahrheit, eine Einstellung, die dem
Bannfluch verfiel. Solche Gleichzeitigkeiten, wie sie uns auch
späterhin bei der Kabbala begegnen werden, beweisen, dass es bei
aller Verschiedenheit der Ebene doch ein Fluidum geistiger
Gemeinsamkeit gibt. Darin liegt eine der stärksten Hoffnungen für
die zukünftige Gestaltung des Menschengeschlechts, auch wenn tausend
Kräfte bemüht sind, sie zu zerstören.
Der orthodoxe Kampf gegen den RaMBaM
Für den Kampf, den die Orthodoxie jetzt eröffnet,
stehen ihr nicht nur in Deutschland und in Frankreich, sondern auch
in Spanien und in den Provence Kräfte zur Verfügung. Kein Aufschwung
des philosophischen Denkens hatte verhindern können, dass der
Einfluss des Talmud und die seit langem geübte Art dieses Studiums
ständig auch in Spanien wuchsen. Es ist, als habe der Instinkt der
Juden dieser frühen Blüte einer geistigen Freiheit nicht getraut und
habe auf die Kraft der überkommenen und so vielfach bewährten
Sicherungen nicht verzichten wollen.
Spanien besaß in dem schon erwähnten RaMBaN eine Autorität der
rabbinischen Wissenschaften, in Salomo ben Adret (Raschba) in
Barcelona einen großen tossafistischen Dialektiker und gegen Ende
des 13. Jahrhunderts in dem von Deutschland zugewanderten Ascher ben
Jechiel (Rosch) einen Vertreter des engsten deutschen Rabbinismus.
Der Kampf beginnt mit einem Bann, den R. Salomo
ben Abraham vom Berge aus Montpellier in der Provence zusammen mit
dem Rabbiner von Gerona, Jona Gerondi, über alle verhängt, die sich
mit profanen Wissenschaften und Philosophie befassen, insbesondere
mit den Werken des Rabbi Moses Ben Maimon (RaMBaM). Andere
provenzalische Gemeinden antworten, indem sie Salomo in den Bann
erklären. Saragossa und einige andere Gemeinden verhängen den Bann
über Montpellier. In dem Hin und Her spitzen sich die Gegensätze so
zu, dass R. Salomo ben Abraham die Werke Maimons beim
Inquisitionsgericht denunziert.
Es versteht sich, dass das Gericht sowohl das »Buch der Erkenntnis«
wie den »Führer der Irrenden« zum Scheiterhaufen verurteilt (1232).
Die wilde Entrüstung darüber in Spanien und der Provence bringt wohl
den Denunzianten zu tiefer Reue, aber die Gegensätze sind dennoch
für die Dauer aufgezeigt und verlangen ihren Austrag. Zu Beginn des
14. Jahrhunderts (1303) eröffnet wieder Montpellier unter Führung
des Don Astruc de Lunel den Feldzug. Sein Verbündeter wird Raschba
in Barcelona. Dort wird (1305) als der Abschluss erbitterter
Auseinandersetzungen folgender Bannfluch verkündet: »Wir haben
angeordnet und es uns und unserer Nachkommenschaft zur Pflicht
gemacht, unter Aufbietung des Cherem darauf zu bestehen, dass kein
Gemeindemitglied unter 25 Jahren, heute und fürder fünfzig Jahre
lang, sich mit dem Studium von griechischen Büchern über Naturkunde
und Theologie... befassen soll... Von dieser Verordnung ist nur das
Studium der Medizin ausgenommen... weil die Thora die Ausübung der
ärztlichen Kunst ausdrücklich gestattet.«
Der Philosoph und Astronom Jakob ben Machir, Dekan der
philosophischen Fakultät von Montpellier, in der mittelalterlichen
Wissenschaft bekannt als Profiat oder Profatius, ist Führer der
Opposition. Sie erlässt einen Bann gegen jeden, der es wagt,
Maimonides zu verketzern oder Menschen am philosophischen Studium zu
hindern. Zur Verteidigung der Wissenschaft und des Rechts auf Wissen
erheben sich überall Gelehrte. Aber der Kampf kann nicht ausgetragen
werden. In seinen Höhepunkt fällt die Ausweisung der Juden aus
Frankreich. Wieder unterbrechen fremde Gewalten die organische
Entwicklung im jüdischen Bezirk und zwingen die Juden, mit der Last
unausgelebter Probleme weiterzuexistieren.
Die Flucht in die Mystik
Doch in einem anderen Bezirk, in dem nicht
gekämpft, sondern heimlich und stetig aufgebaut wird, stellt das
Problem: Philosophie oder Religion, Vernunft oder Glaube, sich
erneut zur Beantwortung. Hier wird Antwort gegeben nicht aus der
Helle und nicht aus der Dunkelheit, sondern aus dem Zwielicht, aus
dem geheimnisvollen Leuchten: aus der Mystik.
Da ist die Vernunft ein schwacher Begriff und der
Glaube in seiner traditionellen Form unzureichend. Denn es gibt
etwas, was der Vernunft nicht zugänglich ist und was auch der
schlichte Glaube nicht erfasst: das Geheimnis, in dem das Wesen
Gottes und Aufbau und Sinn von Himmel und Welt beschlossen liegen.
Die Welt, in der solches erkannt werden kann, ist die der Kabbala.
Die Kabbala teilt mit dem Talmud das Geschick, als abgegriffenes
Wort in aller Mund zu sein und ihre Beurteilung zu erfahren nach dem
Wissen aus zehnter Hand. In der marktgängigen Bewertung liegt der
Ton auf Auswüchsen, die man als sinnlos und verspielt bezeichnet.
Dabei bleibt unbeachtet, dass die Kabbala in ihrer Entstehung ein
Bedürfnis war.
Vom Menschlichen aus gesehen: weder der Rationalismus
noch der Talmudismus konnten das Bedürfnis nach fortdauernder
religiöser Gestaltung und religiösem Erleben befriedigen. Es darf
nicht einen Augenblick außer acht gelassen werden, dass im Judentum
durch die Jahrhunderte und ohne Unterbrechung das wirkliche
Bedürfnis nach solchem religiösen Erleben bestand. Ein Jude ohne
religiöse Triebkraft gleich, in welcher Form sie sich äußert, ob
als Treue gegen das jüdische Gesetz oder als Treue gegen die
jüdische Idee ist eine Sinnwidrigkeit und ein Zerfallprodukt. In
der Kabbala hat sich, mit dem 13. Jahrhundert sichtbar werdend, das
Judentum einen Bezirk geschaffen, in dem das religiöse Erleben sich
sogar ungestört von der Kontrolle der Vernunft und der nichts als
verpflichtenden Härte der talmudischen Welt entladen konnte.
Kabbala bedeutet: Überlieferung für den Eingeweihten, Geheimlehre
für den, der hinter Wort und Ausdruck der Bibel die
verborgene Schicht sieht. Noch aus der Zeit der Erzväter und Mosches
ist auf geheimen Wegen solch tieferer Sinn übermittelt. Er enthüllt,
dass im Anfang alles Seins Gott steht, Ejn Sof, der Endlose, der
Grenzenlose, der Unendliche. Er hat keine Eigenschaften und keine
Attribute. Er ist Urkraft, die Ausstrahlungen, Emanationen aus sich
entlässt, schöpferische Energien, in der Sprache der Kabbala Sefiroth
genannt. Sefira heißt an sich Zählung; aber hier soll das Wort mit
Klang und Sinn sich dem Begriff »Sphäre« des Aristoteles annähern.
Die erste Sefira, aus Gott selbst entlassen, hat wieder die zweite
aus sich entlassen, die wieder die dritte und so fort bis zur
zehnten. Diese Sefiroth haben die Welt erschaffen und halten sie in
Ordnung. Jede von ihnen hat eine besondere Funktion, die einen für
die höchste geistige Weltordnung, andere für die sittliche
Weltordnung und wieder andere für die Welt der Sinne. Diese Sefiroth
sind theosophische Welten, und die Mystik, die in das Geheimnis der
Schöpfung eindringen will, begreift sie als Stufen des
Schöpfungswerkes, als die Kategorien, in die die Welt des sinnlich
Wahrnehmbaren geordnet ist, als Wege auch des Menschen zu Gott, denn
er kann durch sein Gebet auf die Sefiroth einwirken und sich auf
diese Weise in unmittelbare Beziehung zu Gott setzen. Die Sefiroth
sind, auf ihre Urkraft Gott bezogen, ihm wesensähnlich, aber nicht
wesensgleich.
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Da stehen wir plötzlich vor Begriffen der christlichen Gnosis. Das
haben die Gegner der Kabbala schon sehr früh erkannt und ihren
Anhängern den Vorwurf gemacht, dass sie die christliche
Dreieinigkeit durch eine Zehneinigkeit ersetzen; dass sie an Stelle
der klaren Gliederung Gott Weltschöpfung Weltexistenz eine
gnostische Geschichtsphilosophie stellten, die mit dem Judentum
nichts zu tun habe. Hier entsteht in aller Deutlichkeit ein ungemein
wichtiges Problem der jüdischen Theologie; denn wenn auch die frühen
Kabbalisten den Begriff der Einheit Gottes sehr konsequent wahrten,
konnten die Spätem nicht verhindern, was das Schicksal aller
gnostischen Ideen
ist: dass die Kräfte, die als Auswirkungen gedacht sind, eine immer
wachsende Selbständigkeit bekommen. Eines Tages überwuchern die
Mysterienwelten, eigenlebig geworden, sogar ihren Ursprung: Gott.
Das ist ein erregender Prozess. Wie der Versuch, aus Ratio und
Offenbarung eine Synthese zu schmieden, bei der unauflösbaren
Antithese von beiden landete, so endete der Versuch, aus der
mystischen Versenkung Gott zu finden, bei der Notwendigkeit, ihn von
neuem suchen zu müssen. So ist das religiöse Leben des Juden aus
seiner eigenen Bewegtheit heraus immer von neuem vor einen Anfang
gestellt.
Wir können im Rahmen dieses Überblicks den Einzelheiten in der
Entwicklung der kabbalistischen Welt und Lehre nicht nachgehen. Wir
müssen uns vorerst damit begnügen, aufgezeigt zu haben, dass das
Judentum imstande war, noch in der Überbelastung seiner äußeren
Existenz die innere Existenz zu retten.
Die mystische Welt der
Kabbala empfing ihr ersten Ausprägungen und literarischen
Gestaltungen in der Provence und in Spanien, in diesen beiden
Gebieten, von denen man als den letzten sagen konnte, dass sie dem
Juden noch einen tragbaren Lebensraum gewährten. Wir werden uns bald
mit Spanien als dem Lande zu beschäftigen haben, in dem für den
Juden der apokalyptische Begriff der Hölle seine Verwirklichung
fand.
Das christliche Abendland, mit Italien als der einzigen Ausnahme,
hat gegenüber dem jüdischen Problem, das sich ihm darstellte, keine
andere Lösung gefunden als die, die Träger, die Objekte des Problems
zu vertreiben.
Am Ende des 13. Jahrhunderts vertreibt England seine
Juden, am Ende des 14. Jahrhunderts Frankreich, am Ende des 15.
Jahrhunderts Spanien und Portugal, und in der ganzen Zwischenzeit
ist Deutschland der Schauplatz freiwilliger und erzwungener
Auswanderung.
hagalil.com
10-02-05 |