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Diese und viele andere
Fragen beantwortet Rabbiner Walter Rothschild in seinem soeben erschienenen
Buch. Trotz der gebotenen Kürze werden die jeweiligen Sachverhalte so prägnant,
anschaulich und differenziert - wie es in einer solchen Einführung möglich ist -
erklärt und Fragen auch auf ihre Vielschichtigkeit hin beleuchtet, wie etwa in
dem einleitenden Artikel
A wie Anfang - Wer sind eigentlich die Juden?
Das Buch setzt keine Kenntnisse voraus - es versteht sich als "Einstieg in das
Judentum" und ist lexikalisch aufgebaut. Ein 3seitiges Stichwortverzeichnis am
Ende des Bandes erleichtert das Auffinden weiterer Begriffe. Deshalb geht der
Informationswert weit über die "99 Fragen" hinaus. Man merkt dem Buch die reiche
pädagogische Erfahrung des Verfassers an.
Meist beschränken sich
solche einführenden Bücher auf die orthodoxe oder die liberale Sichtweise. Die
Stärke der vorliegenden Einführung liegt auch darin, daß Walter Rothschild auf
die unterschiedlichen Sichtweisen von orthodoxen und liberalen Juden hinweist.
Es ist inhaltlich anregend, vielfältig und macht Lust darauf, sich weitere
Inhalte zu erschließen. Deshalb hätte man sich noch eine kleine Literaturliste
gewünscht.
Leider muß bemerkt werden, daß der ansonsten für seine theologischen
Publikationen renommierte Gütersloher Verlag dem Buch keine angemessene
Betreuung im Hinblick auf die deutsche Übersetzung des englischen Orginals und
das Lektorat zuteil werden ließ.
Der Übersetzer wollte vermutlich den Sprachduktus eines mündlichen Vortrags
wiedergeben. Die Satzkonstruktionen in der deutschen Übersetzung sind teilweise
sehr umständlich und holpern sich durch ganze Passagen, z.B. "er (d.h.der
Grabstein - die Rezens.) pflegte gewöhnlich die folgende Inschrift auf hebräisch
zu erhalten ..." oder wenn es um die vor den Mahlzeiten zu sprechenden
Segenssprüche geht:
"Daher - indem man vor dem Essen anerkennt , dass die Nahrung nicht einfach
‘aus dünner Luft heraus kam’, sondern ein Teil der Schöpfung Gottes ist, dankt
man Gott für das Recht und die Fähigkeit zu essen, und man wandelt einen bloßen
körperlichen Vorgang - die Aufnahme gewisser Kalorien und Vitamine - um in einen
‘heiligen Akt’ der Erhaltung der eigenen Gesundheit und der eigenen Fähigkeit,
weiterhin Gott zu preisen" (S. 116).
Der Übersetzer meinte Rabbiner Rothschild einen Sprachstil in den Mund legen zu
müssen, der dem der Rezensentin bekannten englischen Orginal in weiten Teilen
nicht entspricht. Auch das von dem Briten Walter Rothschild gesprochene Deutsch
ist wesentlich stilsicherer als das seines Übersetzers.
Der Übersetzer vermochte sich so wenig vom englischen Orginal zu lösen, daß
Behauptungen aufgestellt werden, die nicht den Tatsachen entsprechen.
Auf S. 114 heißt es über den Vortrag der Torah in bestimmten Melodienfolgen:
"dies wird leyning genannt". Das mag in England zutreffen, aber hier in
Deutschland wird die Torah nach wie vor "geleint" oder "gelejnt" (je nach
Umschriftvariante).
Bodenlos wird es aber, wo der Übersetzer ins Orginalmanuskript Fehler
hineinübersetzt oder Bezüge falsch wiedergibt. So wird die Menora (S.81) zum
"sechsarmigen Leuchter" erklärt. Beim Chanukkafest wird durch die Zuschreibung
"Fest des Lichts" (im deutschen Orginaltext mit Anführungszeichen) der Eindruck
erweckt, daß es sich hier um eine Bezeichnung für das Chanukka- fest handeln
würde. Später wird dann behauptet, Chanukka bedeute "Widmung".
Tatsächlich ist es das "Fest der Tempelweihe" - jedoch waren dem Übersetzer die
unterschiedlichen Bedeutungsebenen des englischen Begriffs "dedication"
offensichtlich nicht geläufig. Außerdem fehlte ihm die Unterscheidungsfähigkeit
zwischen "verwirrten" und "verwirrenden" Berichten. Auch gebratene Krapfen zu
diesem Fest sind eine neue kulinarische Variante des Übersetzers. Die Sufganjot
werden - wie alle anderen Krapfen (Pfannkuchen) - in Fett oder Öl gebacken.
Und was soll sich ein Einsteiger vorstellen, wenn übersetzt wird, daß es üblich
ist "beim Besuch eines Grabes "einen kleinen Kieselstein oder ähnliches auf den
Grabstein zu legen" (S. 45). Was ist hier unter "ähnliches" zu verstehen?
Auch die Transkription (Umschrift) der hebräischen Begriffe ist ein trauriges
Kapitel. Wenn sich der Verlag schon nicht an die gängigen Leuenberger Regeln zur
Transkription hält, dann sollte zumindest ein in sich konsistentes System der
Umschrift das Buch durchziehen. Für den siebten Tag der Woche findet sich
wechselweise Sabbat, Sabbath oder Schabbat. Es wäre schon hilfreich gewesen,
wenn das in englischen Transkriptionen verwendete "y" als "j" wiedergegeben
worden wäre, die verschiedenen s-Laute sauber unterschiede- nen worden wären und
auf die Richtigkeit von Mitlautverdoppelungen geachtet worden wäre ("ketuba" und
nicht "ketubba"). So werden Einsteiger sich gelegentlich schwer tun, wenn sie
bestimmte Begriffe mit Hilfe anderer Literatur vertiefen wollen.
Da in der gleichen Reihe noch "99 Fragen zum Islam" und "99 Fragen zum
Buddhismus" geplant sind, kann man den Verfassern nur wünschen, daß der Verlag
deren Manuskripten eine qualitativ bessere Betreuung angedeihen läßt.
Leseproben:
[
Tipp: Am 29. März 2001 um 21.30 h wird Rabbiner Rothschild im
haGalil-Chat zu Gast sein zum Thema:
Wer ist Jude - was ist jüdische Identität? ]
zum Weiterlesen bei haGalil:
Interview
mit Rabbiner Rothschild
Chanukka - eine liberale
Betrachtung v. Rabbiner Rothschild
Leitfaden durch den
Pessach-Seder v. Rabbiner Rothschild
Iris Noah
haGalil onLine
21-03-2001
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