Gottes Gegenwart in unserem Leben:
Die Suche nach Gott
Es gibt Fragen, die den Glauben untergraben und Glaubende im
Verborgenen, die sich selbst zum Trotz glauben.
"Womit soll ich in Gottes Gegenwart kommen, was soll ich Gott
in der Höhe bringen, wenn ich mich vor ihm verbeuge?"
(Micha 6,6)
Nun spreche ich: "Da komme ich mit der Rolle eines Buchs,
auf mir ist's geschrieben"...
(Tehil. 40,8)
Von Natalia Ginzburg
Zweifellos ist es für einen glaubenden Menschen sehr
leicht, seinen Glauben völlig zu vergessen und sogar mehrere Jahre lang
völlig ohne einen Gedanken an Gott zu leben: Sei es, dass dieser Mensch zu
glücklich ist oder zu sehr in seinem Glück aufgeht, als dass er einen Nutzen
in Gott finden könnte, oder sei es, dass dieser Mensch durch sein Leiden so
hilflos ist, dass er keine Beschimpfungen oder Klagen mehr an Gott richten
kann, sondern das Schweigen vorzieht.
Mit Gott zu reden würde bedeuten, dass er auch zu sich selbst reden müsste,
aber er spricht nicht mehr zu sich selbst. Ein solcher Mensch fühlt sich wie
aus Stein. Manchmal erinnert er sich verwirrt, dass Gott mit Steinen nichts
zu tun hat. ...
Es gibt Zeiten, in denen er sich voller Ärger an Gott wenden könnte, und
dies sind die einzigen Zeiten, in denen Worte in ihm hochkommen, die er Gott
sagen könnte. Er möchte Gott strafen, wie man einen Menschen ins Gesicht
schlägt, einen Menschen, dessen Verhalten sinnlos, unverständlich und absurd
scheint und voller unwiderruflicher Fehler. Er sieht sich und sein Leben
umgeben von Fehlern und Unglück; er sieht sich selbst und die Menschen, die
er kennt, in hoffnungslosen Situationen zappeln. ...
Und dennoch, wenn er an diese Momente zurückdenkt, dann ist er sich nicht
völlig sicher, ob Gott Missfallen an ihnen hatte. Andere Augenblicke müssen
Gott um einiges mehr missfallen haben. Zum Beispiel, als er sich feige für
Handlungen hingab, die schwach und unehrenhaft waren; als er einem Menschen
undankbar war, dem er sehr viel verdankte; als er mit eitlen oder zynischen
Ideen spielte; als er gleichgültig war oder unkonzentriert zu jemandem, der
ihn um Hilfe gebeten hatte oder als er Hilfe versprochen hatte, aber dann
nichts dergleichen tat. ...
Wenn diese Person auf ihren Zornausbruch zurückblickt, kann sie plötzlich
etwas Komisches darin finden. Und wenn dies geschieht, dann lacht sie über
sich selbst. Wie jedesmal, wenn sie herzhaft über sich selbst lacht, spürt
sie, ganz tief im Innern ihrer Seele, zitternd und schwebend, etwas, das
nach einem Moment schon wieder verschwunden ist, und dabei handelt es sich
vielleicht um Gott.
Nach Jom Kipur:
Gottes Abwesenheit
Gott zu begegnen kann recht einfach sein. - Wenn es nicht
einfach ist, wenn keine Stimme in unsere Stille spricht, wenn keine Hand zu
uns ausgestreckt wird, die wir vertrauensvoll fassen könnten, dann sollten
wir uns die folgenden Fragen stellen, denn das Problem könnte an uns selbst
liegen... |