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[Reihe: Jüdisches Denken - Philosophie, Religion und Gesellschaft]

Jüdische Ethik:
Spinoza und der Spinozastreit

von PD Dr. Ursula Goldenbaum, Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- u. Technikgeschichte der TU Berlin, z.Zt. Emory University, Atlanta, USA

Gewöhnlich wird der Spinozastreit (1785) und das darin bekannt gewordene Bekenntnis Lessings zu Spinoza für das Ereignis gehalten, durch das der bis dahin verfolgte und verfemte Philosoph plötzlich zu erstaunlicher Anerkennung gelangte. Aber lange vorher, vor fast genau dreihundert Jahren, erschienen 1755 in Berlin ohne Angabe des Verfassers "Philosophische Gespräche". Darin wurde Spinoza erstmals uneingeschränkt als ein großer Philosoph vorgestellt, auch wenn seine Auffassungen diskutiert wurden. Vor allem wurde er gegenüber allen geltenden moralischen Vorwürfen gerechtfertigt; zeitlebens habe ihn allein seine Liebe zur Wahrheit geleitet.

Der Autor dieser "Philosophischen Gespräche" war Moses Mendelssohn, dem dann im Spinozastreit von Jacobi so übel mitgespielt wurde. Mendelssohn hat aber in Spinoza anders als die späteren christlichen Verehrer Spinozas - wie Jacobi, Goethe, Herder, Novalis und andere - nicht den Verächter der jüdischen Religion gesehen, sondern das offenbare Faktum, dass "auch ein andrer als ein Christ" ein großer Philosoph sein kann. Eine Vorstellung, die noch lange*nach Mendelssohn christlichen Philosophen Schwierigkeiten machte und sich bis heute gegen Mendelssohn selbst richtet. Seit Mendelssohns "Rettung" Spinozas ist dieser für jüdische Intellektuelle lange Zeit eine faszinierende und herausfordernde Persönlichkeit geblieben und seine Schriften gehörten noch bis in die 1920er Jahre zur selbstverständlichen Lektüre.

Spinoza wurde 1632 als Kind portugiesischer Juden, die vor der Inquisition in Portugal ins liberalere Holland geflohen waren, in Amsterdam geboren. Er erhielt den portugiesischen Namen Bento, den er auch als Geschäftsmann nutzte; als Jude trug er den hebräischen Namen Baruch und später nannte er sich als Gelehrter Benedictus de Spinoza. Alle Vornamen bedeuten dasselbe. Seit 1637 besuchte er die Schule Ez Chajim. Bald darauf verlor er 1638 seine Mutter. Als der Vater 1654 starb, übernahm er gemeinsam mit einem Bruder das väterliche Handelsgeschäft. Zu dieser Zeit hatte er aber bereits angefangen Latein zu lernen, - die damalige Sprache der Wissenschaft. Er hatte sich also auf die schwierige Suche nach der Wahrheit gemacht, was auch in seinem Fall zum Konflikt mit der Tradition und der Religion führte. 1656 wurde er mit dem Bann belegt und also aus der Jüdischen Gemeinde ausgeschlossen.


Randnotizen zu Spinozas "Tractatus Theologico-Politicus" 1670, in dessen eigener Handschrift

Erfand zunächst Anschluss in der Lateinschule von Franz van den Enden, in der außer Latein auch Mathematik und Philosophie gelehrt wurde. Dort konnte Spinoza zuerst ausführlich die Schriften Descartes', die moderne Mathematik und Optik studieren. Descartes hat ihm nach eigenem Bekunden in seinen Zweifeln einen neuen Weg aufgezeigt. Aber nach gründlicherem Studium schien ihm dieser Philosoph auf halbem Wege stehen geblieben und Spinoza verfasste deshalb um 1660 eigene philosophische Überlegungen. Sie sind uns nur in einer holländischen Abschrift überliefert: "Körte Verhandeling van God, de Mensch en deszelves welstand". Solche Abschriften kursierten unter den Freunden Spinozas. 1660 wurde Spinoza aus Amsterdam verbannt und ließ sich in Rhijnsburg nieder, wo er vom Linsenschleifen lebte, damals ein sehr neues und viel mathematische und optische Kenntnisse voraussetzendes Handwerk. Auch unterrichtete er Studenten der Leidener Universität in der noch verbotenen cartesischen Philosophie. Aus seinen Aufzeichnungen dazu entstand 1663 seine erste Veröffentlichung, eine Darstellung von Descartes' "Prinzipien der Philosophie" nach geometrischer Methode.

1663 übersiedelte er nach Voorburg, in die Nähe von Den Haag, dem Sitz der Regierung unter dem Ratspensionär de Witt. Vermutlich auf Wunsch der Regierungspartei um de Witt unterbrach Spinoza 1665 seine Arbeit an seiner eigenen Philosophie und wendete sich angesichts der politisch brisanten Situation in den Niederlanden der Ausarbeitung des "Tractatus theologico-politicus" zu. Diese Schrift, die 1670 anonym in Amsterdam, aber mit falschem Druckort, erschien, hat Spinoza in kürzester Zeit berühmt und berüchtigt gemacht, - weil er darin die Texte der Bibel wie einen historisch überlieferten Text mit historisch-kritischer Methode behandelt. Die dennoch unbezweifelbare Botschaft der Hl. Schrift ist allein deshalb göttlich zu nennen, weil sie die göttliche Lehre von der Nächstenliebe lehrt, die auch durch die Vernunft gefordert wird. Außerdem wird in diesem Buch die Demokratie erstmals in der Neuzeit als bestmögliche Staatsform dargestellt. Nach dem Sturz de Witts und der Machtübernahme durch Wilhelm von Oranien wird 1674 der "Tractatus theologico-politicus" verboten.


Einst ein populäres Postkartenmotiv: Spinoza im Arm von Uriel Acosta (1585-1640). Dem Vorkämpfer des
Liberalismus wurde großer Einfluss auf Spinoza zugeschrieben

1675 hat Spinoza sein philosophisches Hauptwerk, die "Ethica", vollendet und wollte es in Amsterdam drucken lassen. Dies scheitert am Widerstand der Cartesianer, die infolge einer so radikalen Position eine Gefährdung ihrer eigenen Situation befürchten. Die "Ethica, ordine geometrico demonstrata" wird erst im Rahmen der "Opera posthuma" 1677 erscheinen, die von seinen Freunden in Amsterdam herausgegeben werden. Am 21. Februar 1677 ist Spinoza friedlich gestorben und in Den Haag auf dem Friedhof der lutherischen Neuen Kirche begraben worden.

Die "Opera posthuma" wurden 1678 verboten, aber nicht nur Leibniz kauft und liest sie mit großem Interesse. 1679 kommt der "Tractatus theologico-politicus" auf den Index der Katholischen Kirche, später auch die "Opera posthuma". 1743 erscheint die erste deutsche Übersetzung der "Ethica" (anonym in Frankfurt und Leipzig publiziert, von Johann Lorenz Schmidt), die auch die hauptsächliche Textgrundlage des berühmten Spinozastreits 1785-86 geworden ist. Der "Tractatus", allen Gelehrten in lateinischer Sprache zugänglich und diesen weithin bekannt, wird erst 1787 erstmals ins Deutsche übersetzt. Der Übersetzer bleibt immer noch anonym.

Seit dem Spinozastreit ist es üblich geworden, Spinoza als großen, tiefen und religiösen Philosophen zu verehren, sogar als allerchristlichen Philosophen (Novalis), dagegen den jüdisch gebliebenen Mendelssohn als flachen Denker abzuwerten, der Spinozas Gedanken nicht habe folgen können. Dieser von der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte kanonisierten Darstellung der Meinungen der "Klassiker" Herder, Goethe oder Hegel liegt aber nicht nur eine große Unkenntnis sowohl des Spinozastreits als auch Mendelssohns zugrunde, sondern meines Erachtens auch ein manifester AntiJudaismus.

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Baruch (Benedictus) Spinoza (1632-1677), einer der größten Philosophen der westlichen Welt und des Judentums, verdiente seinen Lebensunterhalt als Schleifer und Polierer von Linsen. Er schrieb eine Anzahl von außerordentlich bedeutenden Ausführungen, darunter "Tracatus" und "Ethik". Er war ein Pionier in seinem Kampf für die Freiheit der Gedanken und Demokratie, er beeinflusste zahlreiche westliche Philosophen und half, den Weg für die Säkularisation und Modernisierung Europas zu ebnen...

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