hagalil.com
Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!

Newsletter abonnieren
Koscher leben...
 
 

OR - das Licht. Bildung gegen Dummheit und Antisemitismus.
[Reihe: Jüdisches Denken - Philosophie, Religion und Gesellschaft]


17. Jahrgang / 5690 Jan.—Febr. 1930

Nachbetrachtungen zu Chanukah: Athen und Jerusalem
Aus dem Aufsatz "Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs" von Joseph Carlebach (Teil 1 von 4)

Athen und Jerusalem:
Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs
Philosophie und Religion hatten geschichtlich getrennte Entwicklungen, was stets zur traurigsten Verwirrung der Geister den Anlass gab. Tritt der junge jüdische Akademiker in die Lehrhallen der Universität ein, dann wird ihm gesagt: Hellas ist das Land der Philosophie (1/4)...

Religionsphilosophie:
Hermann Cohen

Gibt es denn noch immer eine zwiefache Wirklichkeit, die eine der Universität, die andere der Welt, die eine der Philosophie, die andere der Religion? Gewiss! Man bezeichnet das dann wohl durch die Formel vom Gegensatz von "Glauben und Wissen" (2/4)...

Vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott:
Monotheismus und Heidentum
Das Heidentum, der Götzendienst, die Vielgötterei redet nur von den Göttern oder Götzen. Der Monotheismus redet vom Menschen (3/4)...

Die Geheimnisse der Weltzusammenhänge:
Die Schlafenden zu erwecken

In Rosenzweigs Werk kommt das Wort Religion nicht vor. Philosophie wollte er geben, keine Religionsphilosophie, aber die Philosophie eines Juden. Aus dieser folgt der Blick auf das Ganze des Weltprozesses (4/4)...

Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs

Die geistige Entwicklung des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, den ein tragischer Tod im dreiundvierzigsten Lebensjahrs uns entrissen hat, wird für die Gegenwart von außergewöhnlicher Bedeutung sein und bleiben. In einer Zeit, in der unsere Intelligenz meist den Weg aus dem Judentum heraus in die eisige Welt formal-philosophischer Gedankengänge wählt, kann ein Phänomen nicht unbeachtet bleiben, wenn der unbestritten begabteste, tiefste Denker unter den Unseren den Weg in entgegengesetzter Richtung gegangen ist.

Wie das Kant-Laplace'sche Himmelssystem eine Erschütterung erfuhr, als man Sterne "rückläufiger" Bewegung entdeckte, die nicht in demselben Sinne wie alle anderen Planeten ihre Zentralsonne umkreisen, so dürfte auch am geistigen Himmel des Judentums die Erscheinung eines jüdischen Denkers der "Rückläufigkeit" und der Umkehr zur Revision und Überprüfung der theoretischen Grundlagen unseres Seins führen. Wir wollen voll wehmütiger Erinnerung an den dahingegangenen großen Sohn unseres Volkes in einigen Strichen seine ganz andersartige Haltung zu den philosophischen Problemen anzudeuten versuchen.

Athen und Jerusalem

Philosophie und Religion hatten geschichtlich getrennte Entwicklungen, was stets zur traurigsten Verwirrung der Geister den Anlass gab. Tritt der junge jüdische Akademiker in die Lehrhallen der Universität ein, dann wird ihm gesagt:  G r i e c h e n l a n d  ist das Land der Philosophie. Der erste Philosoph war Thaies von Milet. Er war es "zuerst", der das Wesen der Welt untersuchte, ihr "Sein" feststellen wollte; wenn er auch noch eine primitive Antwort gab. Auf ihrem Grunde aber erhebt sich dann der große, immer tiefer dringende Streit der jonischen Philosophenschulen, ob das Sein oder das Werden, die Zahl oder die Atome, die Ideen oder die Entelechie das Wesen der Welt ausmache, um zu ewig klassischen Höhenpunkten des Denkens zu führen. Vor allem sei unter den Griechen auch das Phänomen eines Sokrates entstanden, der in Überwindung der Sophisten die Tugend zum Problem gemacht und damit unter Opferung seines Lebens die Grundlage zu einer Ethik als Wissenschaft gelegt.

Dem jüdischen Studenten wird bei alledem etwas unheimlich zumute. Er hat in seiner Jugend Tagen doch etwas vom jüdischen Volke gehört, von Mosche und den Propheten, die alle noch mehr als tausend Jahre älter waren als diese griechischen Gedankenhelden, die mächtige Lehren über Welt, Mensch und Gott uns kund getan haben; über alle diese geht das philosophische Katheder mit Stillschweigen hinweg. Sie müssen also wohl philosophisch ganz irrelevant sein. Und da doch die Philosophie die Königin im Reiche des Geistes ist, so kommt er sich in seinem Sinn tief beschämt vor, wie arm doch eigentlich unsere geistige Vergangenheit vor dem allein maßgeblichen Richterstuhl des Denkens sich ausnimmt. Enthüllt sich ihm dann der weitere geschichtliche Verlauf der Weisheitslehre, dann erfährt er zu seiner neuen Beschämung, dass zwar das Christentum einen gewaltigen Impuls für die ethische Vertiefung des Denkens gegeben habe, dass aber echte Philosophie erst dann wieder zum Durchbruch kam, als die Väter der neueren Philosophie die religiös-zentrierte Weltbetrachtung überwunden hatten, als die Philosophie der Immanenz begann.

Die religiöse Weltbetrachtung muss ihm daher als etwas Kindliches, Unreifes erscheinen; ja jede Wertephilosophie überhaupt. Denn selbst die Ethik tritt in den Hintergrund gegenüber den anderen philosophischen Fragestellungen. Wenn immerhin Kant mit dem großen Gewicht seiner Kritik der praktischen Vernunft den Pflichtbegriff als kategorischen Imperativ zeitweilig in die Mitte des Interesses gerückt hat, so bleibt doch durch die ganze nachherige Entwicklung hindurch die Ethik ohne ein absolutes, gesichertes Fundament. Moral predigen bleibt leichter, um ein Wort Schopenhauers anzuwenden, als Moral begründen. Die Metaphysik aber wird immer mehr der Prügelknabe der Philosophie, ein Geschöpf des Mitleids, über dessen Geburtsurkunde man lieber schweigt wie bei einem Findlingskinde. Die Fragen der Erkenntnistheorie, von den Grenzen unserer Vernunft bilden das Zentrum alles Denkens.

Diese Erkenntnistheorie aber relativiert alle Ergebnisse des Denkens. Die Naturwissenschaft in ihrem Siegeslauf gibt für alles die Maßstäbe, Naturphilosophie hat die Hegemonie. Ihre Methodik allein führt zu brauchbaren, also wahren Ergebnissen. Der Wahrheitsbegriff bekommt unversehens von hier aus seine einzige Prägung.

Das religiöse Weltbild zerflattert unserem jungen Studenten mehr und mehr. Religionsphilosophie weicht der Religionspsychologie, d. h. es bleibt nur noch die Frage: wie erklären sich psychologisch die religiösen Gefühle und Vorstellungen der Menschen? In diesem Psychologismus wird alle Objektivität und Tatsächlichkeit der Religionsgeschichte vergessen und verflüchtigt.

Tritt der Adept aus dem Kolleg hinaus in die Welt, so ist das Bild wohl ein anderes. Es gibt sogar theologische Fakultäten an eben der gleichen Universität; Gotteshäuser erheben sich überall; tief eingreifend gestaltet die Religion das Leben; eine "heilige Schrift" befindet sich in aller Hände als Urkunde einer Offenbarung, und ein ganzes Land ist konkreter Zeuge einer religiösen Geschichte. Aber von alledem weiß der Meister der philosophischen Lehre nichts...
... >>> wird fortgesetzt...


Einladung zur [Diskussion] im Forum

Ein Zentrum der Forschung:
Kassel und Franz Rosenzweig

Kassel ist jetzt um einige tausend Briefe, Fotos und Dokumente reicher. Ein bedeutender Teilnachlass des jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) konnte zum Aufbau eines Rosenzweig-Archivs erworben werden...




Fragen an die Rebbezin...
Jüdische Weisheit
haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München

1995-2014... © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved
ehem. IDPS, Kirjath haJowel