Nachbetrachtungen zu Chanukah: Athen und Jerusalem
Aus dem Aufsatz "Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs"
von Joseph Carlebach (Teil 1 von 4)
Athen und Jerusalem:
Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs
Philosophie und Religion hatten geschichtlich getrennte Entwicklungen,
was stets zur traurigsten Verwirrung der Geister den Anlass gab. Tritt
der junge jüdische Akademiker in die Lehrhallen der Universität ein,
dann wird ihm gesagt: Hellas ist das Land der Philosophie (1/4)...
Religionsphilosophie:
Hermann Cohen
Gibt es denn
noch immer eine zwiefache Wirklichkeit, die eine der Universität, die
andere der Welt, die eine der Philosophie, die andere der Religion?
Gewiss! Man bezeichnet das dann wohl durch die Formel vom Gegensatz von
"Glauben und Wissen" (2/4)...
Vom
Verhältnis Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott:
Monotheismus und Heidentum
Das Heidentum, der Götzendienst, die Vielgötterei
redet nur von den Göttern oder Götzen. Der Monotheismus redet vom
Menschen (3/4)...
Die Geheimnisse der
Weltzusammenhänge:
Die Schlafenden zu erwecken
In Rosenzweigs Werk kommt das Wort Religion nicht vor.
Philosophie wollte er geben, keine Religionsphilosophie, aber die
Philosophie eines Juden. Aus dieser folgt der Blick auf das Ganze des
Weltprozesses (4/4)...
Die
religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs
Die geistige Entwicklung des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig,
den ein tragischer Tod im dreiundvierzigsten Lebensjahrs uns entrissen hat,
wird für die Gegenwart von außergewöhnlicher Bedeutung sein und bleiben. In
einer Zeit, in der unsere Intelligenz meist den Weg aus dem Judentum heraus
in die eisige Welt formal-philosophischer Gedankengänge wählt, kann ein
Phänomen nicht unbeachtet bleiben, wenn der unbestritten begabteste, tiefste
Denker unter den Unseren den Weg in entgegengesetzter Richtung gegangen ist.
Wie das Kant-Laplace'sche Himmelssystem eine Erschütterung erfuhr, als man
Sterne "rückläufiger" Bewegung entdeckte, die nicht in demselben Sinne wie
alle anderen Planeten ihre Zentralsonne umkreisen, so dürfte auch am
geistigen Himmel des Judentums die Erscheinung eines jüdischen Denkers der
"Rückläufigkeit" und der Umkehr zur Revision und Überprüfung der
theoretischen Grundlagen unseres Seins führen. Wir wollen voll wehmütiger
Erinnerung an den dahingegangenen großen Sohn unseres Volkes in einigen
Strichen seine ganz andersartige Haltung zu den philosophischen Problemen
anzudeuten versuchen.
Philosophie und Religion hatten geschichtlich getrennte Entwicklungen,
was stets zur traurigsten Verwirrung der Geister den Anlass gab. Tritt der
junge jüdische Akademiker in die Lehrhallen der Universität ein, dann wird
ihm gesagt: G r i e c h e n l a n d ist das Land der
Philosophie. Der erste Philosoph war Thaies von Milet. Er war es "zuerst",
der das Wesen der Welt untersuchte, ihr "Sein" feststellen wollte; wenn er
auch noch eine primitive Antwort gab. Auf ihrem Grunde aber erhebt sich dann
der große, immer tiefer dringende Streit der jonischen Philosophenschulen,
ob das Sein oder das Werden, die Zahl oder die Atome, die Ideen oder die
Entelechie das Wesen der Welt ausmache, um zu ewig klassischen Höhenpunkten
des Denkens zu führen. Vor allem sei unter den Griechen auch das Phänomen
eines Sokrates entstanden, der in Überwindung der Sophisten die Tugend zum
Problem gemacht und damit unter Opferung seines Lebens die Grundlage zu
einer Ethik als Wissenschaft gelegt.
Dem jüdischen Studenten wird bei alledem etwas unheimlich zumute. Er hat
in seiner Jugend Tagen doch etwas vom jüdischen Volke gehört, von Mosche und
den Propheten, die alle noch mehr als tausend Jahre älter waren als diese
griechischen Gedankenhelden, die mächtige Lehren über Welt, Mensch und Gott
uns kund getan haben; über alle diese geht das philosophische Katheder mit
Stillschweigen hinweg. Sie müssen also wohl philosophisch ganz irrelevant
sein. Und da doch die Philosophie die Königin im Reiche des Geistes ist, so
kommt er sich in seinem Sinn tief beschämt vor, wie arm doch eigentlich
unsere geistige Vergangenheit vor dem allein maßgeblichen Richterstuhl des
Denkens sich ausnimmt. Enthüllt sich ihm dann der weitere geschichtliche
Verlauf der Weisheitslehre, dann erfährt er zu seiner neuen Beschämung, dass
zwar das Christentum einen gewaltigen Impuls für die ethische Vertiefung des
Denkens gegeben habe, dass aber echte Philosophie erst dann wieder zum
Durchbruch kam, als die Väter der neueren Philosophie die
religiös-zentrierte Weltbetrachtung überwunden hatten, als die Philosophie
der Immanenz begann.
Die religiöse Weltbetrachtung muss ihm daher als etwas Kindliches,
Unreifes erscheinen; ja jede Wertephilosophie überhaupt. Denn selbst die
Ethik tritt in den Hintergrund gegenüber den anderen philosophischen
Fragestellungen. Wenn immerhin Kant mit dem großen Gewicht seiner Kritik der
praktischen Vernunft den Pflichtbegriff als kategorischen Imperativ
zeitweilig in die Mitte des Interesses gerückt hat, so bleibt doch durch die
ganze nachherige Entwicklung hindurch die Ethik ohne ein absolutes,
gesichertes Fundament. Moral predigen bleibt leichter, um ein Wort
Schopenhauers anzuwenden, als Moral begründen. Die Metaphysik aber wird
immer mehr der Prügelknabe der Philosophie, ein Geschöpf des Mitleids, über
dessen Geburtsurkunde man lieber schweigt wie bei einem Findlingskinde. Die
Fragen der Erkenntnistheorie, von den Grenzen unserer Vernunft bilden das
Zentrum alles Denkens.
Diese Erkenntnistheorie aber relativiert alle Ergebnisse des Denkens. Die
Naturwissenschaft in ihrem Siegeslauf gibt für alles die Maßstäbe,
Naturphilosophie hat die Hegemonie. Ihre Methodik allein führt zu
brauchbaren, also wahren Ergebnissen. Der Wahrheitsbegriff bekommt
unversehens von hier aus seine einzige Prägung.
Das religiöse Weltbild zerflattert unserem jungen Studenten mehr und
mehr. Religionsphilosophie weicht der Religionspsychologie, d. h. es bleibt
nur noch die Frage: wie erklären sich psychologisch die religiösen Gefühle
und Vorstellungen der Menschen? In diesem Psychologismus wird alle
Objektivität und Tatsächlichkeit der Religionsgeschichte vergessen und
verflüchtigt.
Tritt der Adept aus dem Kolleg hinaus in die Welt, so ist das Bild wohl
ein anderes. Es gibt sogar theologische Fakultäten an eben der gleichen
Universität; Gotteshäuser erheben sich überall; tief eingreifend gestaltet
die Religion das Leben; eine "heilige Schrift" befindet sich in aller Hände
als Urkunde einer Offenbarung, und ein ganzes Land ist konkreter Zeuge
einer religiösen Geschichte. Aber von alledem weiß der Meister der
philosophischen Lehre nichts...