Gibt es denn noch immer eine zwiefache Wahrheit, ja eine zwiefache
Wirklichkeit, die eine der Universität, die andere der Welt, die eine der
Philosophie, die andere der Religion? Gewiss! Man bezeichnet das dann wohl
durch die Formel, hierin spreche sich der Gegensatz von "Glauben und Wissen"
aus, und verweist die Fakten der Religion in eine persönliche Sphäre des
Gefühls, die jeder Einzelne als Lieblingsdomäne pflegen dürfe, mag sie
gleich eine Illusion sein. Im Reiche der Vernunft und der Wissenschaft,
deren stolze Vertreterin die Universität ist, kennt man sie nicht.
Vor allem der Gottesbegriff, die Gewissheit des lebendigen Gottes schrumpft
in dieser philosophischen Welt immer mehr in Nichts zusammen. Wir leben ja
in dem glücklichen "Jahrhundert der Immanenz". Die Neuzeit ist die
Emanzipation der Natur und des Menschen, und für die Außerweltlichkeit ist
kein Platz mehr geblieben. Der größte deutsche Philosoph, Kant hatte zwar in
seinem ethischen System an Gott festgehalten, weil er anders das Problem der
Theodizee, des Widerspruchs zwischen Gerechtigkeit und Schicksal, nicht
auszugleichen vermochte. Aber es war mehr ein Dekorationsstück, keine
wirklich konstitutive Notwendigkeit des gesamten Systems, und seine Kritik
der Gottesbeweise hatte auf der anderen Seite zu soviel Missverständnissen
geführt, dass der Theismus der Ethik wirkungslos wurde.
Man stelle sich demgegenüber einmal "jüdische Studenten" unserer
klassischen Zeiten - etwa der Hillels - vor. Die Tatsächlichkeit, man möchte
beinahe sagen die Schmeck- und Greifbarkeit der Nähe und Realität Gottes,
die Macht der Religion, ist das zentrale Erlebnis des Lebens. Von ihr
absehen hieße: auf dem Mond philosophieren. Alles Denken kreiste darum, die
Konstruktion des Weltbildes konnte nur auf diesem Grunde geschehen. Man
atmete die Gottesfurcht, und wenn das Wort der Philosophen, aus dem Athenäum
an das Ohr der Weisen drang, so sahen sie in dem weiten Umkreis des
jüdischen Schrifttums alle aufgeworfenen Probleme im Rahmen des jüdischen
Weltbildes viel tiefer und eindringlicher gelöst.
Diese beiden Bilder das Einst und Jetzt muss man sich gegenüberhalten,
wenn man den Ernst und die große Wichtigkeit der philosophischen Entwicklung
erfassen will, die durch die beiden Namen
Hermann Cohen und
Franz Rosenzweig gegeben ist. Diese beiden
Namen sind nicht voneinander zu trennen. Philosophisch bedeuten sie die
Wiederentdeckung der religiösen Wirklichkeit, die Versöhnung von Philosophie
und Religion, ja mehr noch als das, sie bedeuten die Erkenntnis, dass es
keine Philosophie ohne Religion, dass die Offenbarung das Herzstück jedes
philosophischen Weltbildes sein und werden muss. Dies besagt für das
Judentum um so mehr im Hinblick auf die Persönlichkeit dieser beiden Männer.
Cohen war ein Baal Teschuwa. Als Kind im Judentum erzogen, geht er den
weiten Weg über die allgemeine Philosophie, um zuletzt als ihr A und O sein
Judentum wieder zu finden. Rosenzweig gar kam ganz aus der Fremde; wie ein
Komet, der aus dem Unendlichen kommt und in den Schwerbereich eines Sterns
gelangt, diesen umkreisen muss; so wurde er durch eine glückliche Fügung,
die ihn mit dem Judentum in Verbindung brachte, geradezu Entdecker jüdischen
Altneulandes, um es dann mit genialer Intuition seinem philosophischen
System einzuverleiben.
Cohen, der völlig voraussetzungslos die Grundlegung einer Orientierung in
der Welt der Kultur suchte, war "zu seinem eigenen Erstaunen" schon in den
Jahren, als er grundsätzlich das Judentum noch aus all seinen Forschungen
herauslassen wollte, in seiner Ethik auf die Unumgänglichkeit des
Gottesbegriffs geführt worden. Alle Sittlichkeit schwebte in der Luft, war
nicht mehr als ein Traum und fromme Utopie, wenn nicht ein Bürge für die
endliche Versittlichung der Menschen, für die Erfüllung der Natur mit dem
Ideal, für den letzten Sieg des Guten vorhanden ist.
Dieser Bürge kann nur Gott sein. Der sittliche Gott und er ganz allein ist
der Garant der "Wahrheit", der Bewährung des Sittlichen. Aber wenn anders
Gott dieser Garant ist, so ist damit auch der Sieg und die Absolutheit des
ethischen Gesetzes gewährleistet; so muss in immer sich steigernder,
fortschreitender Linie Natur und Sittlichkeit, der Mensch und sein Ideal
sich einander durchdringen. Damit war der Gedanke des Messianismus gegeben.
So kommt Cohen zu den beiden Grundthesen der prophetischen Religion; es
gibt keine Ethik, also auch keine menschliche Kultur ohne den ethischen
Monotheismus und ohne die messianische Idee der Propheten.
Damit war eigentlich schon in die Immanenzphilosophie die Bresche gelegt.
Die Religion hatte sich Eingang erzwungen in das System der Philosophie. Die
menschliche Kultur, die nicht ohne Liebe und Gerechtigkeit aufgebaut werden
kann, kann auch nicht ohne die Gewissheit Gottes, ohne die Gewissheit einer
messianischen Zukunft in Angriff genommen und zur Vollendung geführt werden.
Allerdings war der dadurch gewonnene Begriff der Religion zunächst ein
äußerst kümmerlicher. Sie war gewissermaßen in Ethik verflüchtigt. Sie hatte
nur den letzten Menschen messianischer Vollendung zum Gegenstand. Sie kennt
nicht das menschliche Individuum wie es ist, sündebehaftet und ringend um
die Reinheit der Seele; sie kennt kein Verhältnis des Menschen zu Gott, wo
sich der arme, dürftige Mensch an seinen himmlischen Vater um Hilfe und
Rettung wendet, wo der Mensch die Mittel und Wege von Gott erbittet und
erhält, zur Reinheit, zur Gotteskindschaft zu gelangen.
Erst die letzten Jahre Cohens, nachdem er sein philosophisches Gesamtwerk
vollendet hatte, ließen ihn den Mangel tiefer und tiefer empfinden, dass er
mit seinem philosophischen System noch nicht das letzte Wort gesprochen
habe. Was ihn religiös erfüllte und was die Religion dem Menschen und Juden
wirklich bedeute, das war in der reinen Logik, Ethik und Ästhetik nicht
unterzubringen. So schuf er in den letzten Jahren seines Lebens, scheinbar
nur als Ergänzung seines Systems, in Wirklichkeit aber als eine
Neufundierung des gesamten Weltbildes, sein epochales Werk: "die
Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums". Diese Religion
der Vernunft ist aber mehr, als was die Ethik in ihre Pforten eingelassen
hatte.
Die Ethik als die Lehre vom Menschen ist zwar vom Gottesgedanken untrennbar,
aber indem Gott nur Bürge ist, bleibt er doch bei allem Tun und Lassen des
Mensehen außen, wie jeder Bürge nur an der Peripherie der sich vollziehenden
Rechtshandlung steht.
Der Religion der Vernunft liegt ein anderer Begriff zugrunde. Es ist nicht
mehr die Lehre vom Menschen allein. Hatte Cohen früher den Unterschied von
Monotheismus und Heidentum darin gesucht, dass dieses nur von den Göttern
redet, während der Monotheismus vom Menschen spricht, so musste er jetzt für
die Religion einen anderen Grundbegriff aufstellen, den vom Verhältnis
Gottes zum Menschen — Cohen nennt ihn die Korrelation Gott-Mensch — und
Monotheismus ist die Lehre vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des
Menschen zu Gott. Erst unter diesem neuen Aspekt enthüllt sich das Wesen
echter Religion. Erst hier tritt jeder Mensch in all seiner Not der Seele
wie des Leibes seinem Gotte gegenüber, und Gott erbarmt sich seiner in Liebe
und Gnade. So ist plötzlich Raum geschaffen für alle die unsäglich zarten
und feinen Gefühle und Empfindungen der Religion, für alle Innigkeit und
Weichheit des frommen, zu Gott in Sehnsucht aufblickenden, betenden
Menschen.
Gott ist nicht nur der Garant der letzten Zukunft der Menschheit, der
sittlichen Verwirklichung der Endzeit, nein, in alle Gegenwart tritt er
fürsorgend, erziehend, verzeihend dem Menschen näher.
Das war der Schlussstein im Gedankengebäude Cohens, seine Rückkehr zum
Judentum und zur Religion. Will man diesen Entwicklungsgang in wenigen
Worten zusammenfassen, so kann man sagen: Ist der Mensch das zentrale
Problem alles Denkens, dann ist die Ethik als die Lehre von der sittlichen
Bestimmung des Menschen das wesentlichste Gebiet alles Philosophierens, dann
gibt es ohne Gott keine Gewissheit und keine Zukunft der sittlichen
Menschheitsentwicklung, dann ist ohne Gott Menschsein ein Unding. Unser
Dasein und alle Kultur hätten ihren Sinn verloren. Aber wir müssten an uns
selbst irre werden, alle Gegenwart des Menschen, wie er nun einmal ist,
müsste zur Verzweiflung führen, wenn nicht die Religion das Verhältnis
Gottes zum Menschen zur Entdeckung bringen würde und damit die ganze
religiöse und geschichtliche Entwicklung der Menschen in der Vorsehung
Gottes, in dem immer wieder erneuerten heiligen Geist der Versöhnung und der
Reinigung ihre Sinngebung und ihren beglückenden Wert erhielten.
An diesem Punkte konnte Rosenzweig einsetzen. Er nahm zunächst den
Gedankenfaden vom Verhältnis Gottes und des Menschen auf.
... >>> wird fortgesetzt...