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Koscher leben...
 
 

OR - das Licht. Bildung gegen Dummheit und Antisemitismus.
[Reihe: Jüdisches Denken - Philosophie, Religion und Gesellschaft]


17. Jahrgang / 5690 Jan.—Febr. 1930

Nachbetrachtungen zu Chanukah: Athen und Jerusalem

Aus dem Aufsatz "Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs" von Joseph Carlebach (Teil 2 von 4)


Hermann Cohen

Gibt es denn noch immer eine zwiefache Wahrheit, ja eine zwiefache Wirklichkeit, die eine der Universität, die andere der Welt, die eine der Philosophie, die andere der Religion? Gewiss! Man bezeichnet das dann wohl durch die Formel, hierin spreche sich der Gegensatz von "Glauben und Wissen" aus, und verweist die Fakten der Religion in eine persönliche Sphäre des Gefühls, die jeder Einzelne als Lieblingsdomäne pflegen dürfe, mag sie gleich eine Illusion sein. Im Reiche der Vernunft und der Wissenschaft, deren stolze Vertreterin die Universität ist, kennt man sie nicht.

Vor allem der Gottesbegriff, die Gewissheit des lebendigen Gottes schrumpft in dieser philosophischen Welt immer mehr in Nichts zusammen. Wir leben ja in dem glücklichen "Jahrhundert der Immanenz". Die Neuzeit ist die Emanzipation der Natur und des Menschen, und für die Außerweltlichkeit ist kein Platz mehr geblieben. Der größte deutsche Philosoph, Kant hatte zwar in seinem ethischen System an Gott festgehalten, weil er anders das Problem der Theodizee, des Widerspruchs zwischen Gerechtigkeit und Schicksal, nicht auszugleichen vermochte. Aber es war mehr ein Dekorationsstück, keine wirklich konstitutive Notwendigkeit des gesamten Systems, und seine Kritik der Gottesbeweise hatte auf der anderen Seite zu soviel Missverständnissen geführt, dass der Theismus der Ethik wirkungslos wurde.

Man stelle sich demgegenüber einmal "jüdische Studenten" unserer klassischen Zeiten - etwa der Hillels - vor. Die Tatsächlichkeit, man möchte beinahe sagen die Schmeck- und Greifbarkeit der Nähe und Realität Gottes, die Macht der Religion, ist das zentrale Erlebnis des Lebens. Von ihr absehen hieße: auf dem Mond philosophieren. Alles Denken kreiste darum, die Konstruktion des Weltbildes konnte nur auf diesem Grunde geschehen. Man atmete die Gottesfurcht, und wenn das Wort der Philosophen, aus dem Athenäum an das Ohr der Weisen drang, so sahen sie in dem weiten Umkreis des jüdischen Schrifttums alle aufgeworfenen Probleme im Rahmen des jüdischen Weltbildes viel tiefer und eindringlicher gelöst.

Diese beiden Bilder das Einst und Jetzt muss man sich gegenüberhalten, wenn man den Ernst und die große Wichtigkeit der philosophischen Entwicklung erfassen will, die durch die beiden Namen Hermann Cohen und Franz Rosenzweig gegeben ist. Diese beiden Namen sind nicht voneinander zu trennen. Philosophisch bedeuten sie die Wiederentdeckung der religiösen Wirklichkeit, die Versöhnung von Philosophie und Religion, ja mehr noch als das, sie bedeuten die Erkenntnis, dass es keine Philosophie ohne Religion, dass die Offenbarung das Herzstück jedes philosophischen Weltbildes sein und werden muss. Dies besagt für das Judentum um so mehr im Hinblick auf die Persönlichkeit dieser beiden Männer. Cohen war ein Baal Teschuwa. Als Kind im Judentum erzogen, geht er den weiten Weg über die allgemeine Philosophie, um zuletzt als ihr A und O sein Judentum wieder zu finden. Rosenzweig gar kam ganz aus der Fremde; wie ein Komet, der aus dem Unendlichen kommt und in den Schwerbereich eines Sterns gelangt, diesen umkreisen muss; so wurde er durch eine glückliche Fügung, die ihn mit dem Judentum in Verbindung brachte, geradezu Entdecker jüdischen Altneulandes, um es dann mit genialer Intuition seinem philosophischen System einzuverleiben.

Cohen, der völlig voraussetzungslos die Grundlegung einer Orientierung in der Welt der Kultur suchte, war "zu seinem eigenen Erstaunen" schon in den Jahren, als er grundsätzlich das Judentum noch aus all seinen Forschungen herauslassen wollte, in seiner Ethik auf die Unumgänglichkeit des Gottesbegriffs geführt worden. Alle Sittlichkeit schwebte in der Luft, war nicht mehr als ein Traum und fromme Utopie, wenn nicht ein Bürge für die endliche Versittlichung der Menschen, für die Erfüllung der Natur mit dem Ideal, für den letzten Sieg des Guten vorhanden ist.
Dieser Bürge kann nur Gott sein. Der sittliche Gott und er ganz allein ist der Garant der "Wahrheit", der Bewährung des Sittlichen. Aber wenn anders Gott dieser Garant ist, so ist damit auch der Sieg und die Absolutheit des ethischen Gesetzes gewährleistet; so muss in immer sich steigernder, fortschreitender Linie Natur und Sittlichkeit, der Mensch und sein Ideal sich einander durchdringen. Damit war der Gedanke des Messianismus gegeben.

So kommt Cohen zu den beiden Grundthesen der prophetischen Religion; es gibt keine Ethik, also auch keine menschliche Kultur ohne den ethischen Monotheismus und ohne die messianische Idee der Propheten.

Damit war eigentlich schon in die Immanenzphilosophie die Bresche gelegt. Die Religion hatte sich Eingang erzwungen in das System der Philosophie. Die menschliche Kultur, die nicht ohne Liebe und Gerechtigkeit aufgebaut werden kann, kann auch nicht ohne die Gewissheit Gottes, ohne die Gewissheit einer messianischen Zukunft in Angriff genommen und zur Vollendung geführt werden.

Allerdings war der dadurch gewonnene Begriff der Religion zunächst ein äußerst kümmerlicher. Sie war gewissermaßen in Ethik verflüchtigt. Sie hatte nur den letzten Menschen messianischer Vollendung zum Gegenstand. Sie kennt nicht das menschliche Individuum wie es ist, sündebehaftet und ringend um die Reinheit der Seele; sie kennt kein Verhältnis des Menschen zu Gott, wo sich der arme, dürftige Mensch an seinen himmlischen Vater um Hilfe und Rettung wendet, wo der Mensch die Mittel und Wege von Gott erbittet und erhält, zur Reinheit, zur Gotteskindschaft zu gelangen.

Erst die letzten Jahre Cohens, nachdem er sein philosophisches Gesamtwerk vollendet hatte, ließen ihn den Mangel tiefer und tiefer empfinden, dass er mit seinem philosophischen System noch nicht das letzte Wort gesprochen habe. Was ihn religiös erfüllte und was die Religion dem Menschen und Juden wirklich bedeute, das war in der reinen Logik, Ethik und Ästhetik nicht unterzubringen. So schuf er in den letzten Jahren seines Lebens, scheinbar nur als Ergänzung seines Systems, in Wirklichkeit aber als eine Neufundierung des gesamten Weltbildes, sein epochales Werk: "die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums". Diese Religion der Vernunft ist aber mehr, als was die Ethik in ihre Pforten eingelassen hatte.
Die Ethik als die Lehre vom Menschen ist zwar vom Gottesgedanken untrennbar, aber indem Gott nur Bürge ist, bleibt er doch bei allem Tun und Lassen des Mensehen außen, wie jeder Bürge nur an der Peripherie der sich vollziehenden Rechtshandlung steht.
Der Religion der Vernunft liegt ein anderer Begriff zugrunde. Es ist nicht mehr die Lehre vom Menschen allein. Hatte Cohen früher den Unterschied von Monotheismus und Heidentum darin gesucht, dass dieses nur von den Göttern redet, während der Monotheismus vom Menschen spricht, so musste er jetzt für die Religion einen anderen Grundbegriff aufstellen, den vom Verhältnis Gottes zum Menschen — Cohen nennt ihn die Korrelation Gott-Mensch — und Monotheismus ist die Lehre vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott. Erst unter diesem neuen Aspekt enthüllt sich das Wesen echter Religion. Erst hier tritt jeder Mensch in all seiner Not der Seele wie des Leibes seinem Gotte gegenüber, und Gott erbarmt sich seiner in Liebe und Gnade. So ist plötzlich Raum geschaffen für alle die unsäglich zarten und feinen Gefühle und Empfindungen der Religion, für alle Innigkeit und Weichheit des frommen, zu Gott in Sehnsucht aufblickenden, betenden Menschen.
Gott ist nicht nur der Garant der letzten Zukunft der Menschheit, der sittlichen Verwirklichung der Endzeit, nein, in alle Gegenwart tritt er fürsorgend, erziehend, verzeihend dem Menschen näher.

Das war der Schlussstein im Gedankengebäude Cohens, seine Rückkehr zum Judentum und zur Religion. Will man diesen Entwicklungsgang in wenigen Worten zusammenfassen, so kann man sagen: Ist der Mensch das zentrale Problem alles Denkens, dann ist die Ethik als die Lehre von der sittlichen Bestimmung des Menschen das wesentlichste Gebiet alles Philosophierens, dann gibt es ohne Gott keine Gewissheit und keine Zukunft der sittlichen Menschheitsentwicklung, dann ist ohne Gott Menschsein ein Unding. Unser Dasein und alle Kultur hätten ihren Sinn verloren. Aber wir müssten an uns selbst irre werden, alle Gegenwart des Menschen, wie er nun einmal ist, müsste zur Verzweiflung führen, wenn nicht die Religion das Verhältnis Gottes zum Menschen zur Entdeckung bringen würde und damit die ganze religiöse und geschichtliche Entwicklung der Menschen in der Vorsehung Gottes, in dem immer wieder erneuerten heiligen Geist der Versöhnung und der Reinigung ihre Sinngebung und ihren beglückenden Wert erhielten.

An diesem Punkte konnte Rosenzweig einsetzen. Er nahm zunächst den Gedankenfaden vom Verhältnis Gottes und des Menschen auf.
... >>> wird fortgesetzt...


Einladung zur [Diskussion] im Forum

Teil 1 - Athen und Jerusalem:
Die religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs
Philosophie und Religion hatten geschichtlich getrennte Entwicklungen, was stets zur traurigsten Verwirrung der Geister den Anlass gab. Tritt der junge jüdische Akademiker in die Lehrhallen der Universität ein, dann wird ihm gesagt: Hellas ist das Land der Philosophie...

Religionsphilosophie:
Hermann Cohen

Gibt es denn noch immer eine zwiefache Wirklichkeit, die eine der Universität, die andere der Welt, die eine der Philosophie, die andere der Religion? Gewiss! Man bezeichnet das dann wohl durch die Formel vom Gegensatz von "Glauben und Wissen"...

Vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott:
Monotheismus und Heidentum
Das Heidentum, der Götzendienst, die Vielgötterei redet nur von den Göttern oder Götzen. Der Monotheismus redet vom Menschen...

Die Geheimnisse der Weltzusammenhänge:
Die Schlafenden zu erwecken
In Rosenzweigs Werk kommt das Wort Religion nicht vor. Philosophie wollte er geben, keine Religionsphilosophie, aber die Philosophie eines Juden. Aus dieser folgt der Blick auf das Ganze des Weltprozesses...

Mendes Flohr über Franz Rosenzweig:
Renaissance des deutschen Judentums
Geboren und aufgewachsen in einer Familie des assimilierten Judentums aus Kassel, hatte er sich zu einem tiefreligiösen Juden entwickelt...




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