OR - das Licht.
Bildung gegen Dummheit und Antisemitismus.
[Reihe: Jüdisches Denken - Philosophie, Religion
und Gesellschaft]

17. Jahrgang / 5690 Jan.—Febr. 1930
Franz Rosenzweig
Aus dem Aufsatz "Die
religionsphilosophische Stellung Franz Rosenzweigs" von Joseph
Carlebach (Teil 3 von 4)
Hermann Cohen hatte ursprünglich den Unterschied zwischen Monotheismus
und Heidentum darin gesucht, dass das Heidentum, der Götzendienst oder die
Vielgötterei nur von den Göttern oder Götzen redet, während der Monotheismus
vom Menschen spricht. Später musste Cohen aber einen anderen Grundbegriff in
den Mittelpunkt stellen, nämlich den vom Verhältnis Gottes zum Menschen:
Monotheismus ist die Lehre vom Verhältnis Gottes zum Menschen und des
Menschen zu Gott.
Hier konnte nun Franz Rosenzweig einsetzen: Gott und Mensch müssen
sich als zwei Elemente des Alls gegenüberstehen, zunächst einander
unzugänglich, einander "transzendent", um mit der Sprache der Wissenschaft
zu reden. Aber Gott kann nicht transzendent bleiben, sondern muss sich dem
Menschen erschließen, um ihn zu seiner ethischen Bestimmung zu erwecken.
Der Mensch kann nicht in sein Selbst verschlossen bleiben, er muss
seinerseits sich erschließen, um die ihm aus Liebe gegebene sittliche
Bestimmung entgegenzunehmen und zur Verwirklichung zu bringen. Aber woran
vollbringt der Mensch seine sittliche Bestimmung? An der Welt, deren er
selbst mit seinem Leibe als ein Teil eignet. Also muss auch die Welt nicht
als ein Abgeschlossenes, Fertiges sich darbieten. Zum Verhältnisse Gottes
zum Menschen muss das Verhältnis Gottes zur Welt und der Welt zum Menschen
treten, und wollen wir alles Geschehen im Innersten begreifen, so haben wir
also als die drei Elemente Gott, Welt und Mensch und ihr gegenseitiges
Verhältnis zugrunde zu legen.
Dieses gegenseitige Verhältnis ist aber nichts anderes als erstens:
die Schöpfung und Erhaltung der Welt durch Gott, seine allgemeine auf das
Weltganze gerichtete Vorsehung; zweitens:
die Offenbarung, d. h. die Erweckung des Menschen zu seiner sittlichen und
religiösen Aufgabe, als Gottes liebende Fürsorge und väterliche Leitung des
Menschen; und drittens:
als die Arbeit des Menschen an der Welt, der tränenerfüllten, der an sich
sinnlosen, zu ihrer Emporführung zu immer höheren Gestaltungen, zur
Beseelung alles Dinglichen, zur Durchgeistigung und Sinnerfüllung alles ewig
Gleichmäßigen, zur Bruderliebe und Menschheitsbeglückung. Diese Arbeit, das
Verhältnis des Menschen zur Welt, ist die Erlösung.
Der Stern dar Erlösung
Damit ist der Sechs-Stern der Grundbegriffe gegeben, der den Titel zu
Rosenzweigs großem philosophischen Werk geliefert hat, dem "Stern dar
Erlösung". Dieser Sechs-Stern ist umfassend, Er lehrt das All überblicken in
all seinen Teilen und in seinem gesamten Prozess von Uranfang bis an aller
Zeiten Ende. Die ewige Gesetzmäßigkeit des Physischen, des Kosmischen, die
Logik und Mathematik alles naturwissenschaftlichen Begreifens der Welt ist
ein Unterkapitel der Schöpfung, die Gott erneuert Tag um Tag. Das ewige
Ringen des Menschen um Erkenntnis, um sittliche Befreiung, um Erfassung
seiner höheren Bestimmung, die Erleuchtung der Geister, alles ist
Offenbarung Gottes an den Menschen, ist seine Erweckung zur Seele, ist die
immer neuhervortretende Liebe des Offenbarer-Gottes, der jedes Menschenwesen
mit Namen zu seinem Dienste ruft, jeglichen Menschen und jegliches Volk nach
ihrer Besonderheit und Weise bedenkt, der Israel ausgezeichnet hat zur
tiefsten Erkenntnis aller Weltzusammenhänge und zur höchsten Verwirklichung
der sittlichen Forderung. Endlich tritt jede erfinderische und entdeckende
Tätigkeit des Menschen an der Welt, jede Gestaltung zur Nutzbarmachung, zur
Erschließung ihrer Kräfte, alles wirtschaftliche und gewerbliche Tun, alle
Völker- und Staatenbildung, alle Lehre und Unterricht, alle Organisation zu
Idealzwecken, alle religiöse Gemeinschaft und jede Tat der Mizwa, der
Heiligung, der Versittlichung, der Liebe und der Gerechtigkeit als ein
Dienst an der Welterlösung, als Fortschritt zum Messianismus uns ins
Bewußtsein.
Und wenn Du fragst, was wird aus dem großen Einheitsstreben der
Philosophie, das die Menschen seit Urzeit beherrscht hat, zum einheitlichen
Kern der Dinge vorzudringen, Bestrebungen, die im Pantheismus, im Monismus,
in fast allen philosophischen Schulen zu großartigen Systembildungen geführt
haben, so tritt in dieser Weltanschauung Rosenzweigs anstelle der Einheit
die Einigung, d. h. die Aufgabe, Schöpfung und Offenbarung zu Einheit und
Einklang zu fuhren, Gottes Schechina mit Welt und Menschheit zu vereinigen.
Die Einheit ist nicht ein Gegebenes, sondern ein Aufgegebenes, das letzte
Endziel, ihre Erreichung, der letzte Glockenschlag der Weltgeschichte.
Das ist das Jüdische dieser Philosophie, die ihr Schöpfer eine messianische
Erkenntnis-Theorie genannt hat, alles unter dem Gesichtspunkt messianischer
Ewigkeit und Verewigung zu erfassen, d.h. im Lichte des Gedankens, dass
alles Teil werden muss des kommenden Reiches Gottes. Das, was ist, was ewig
gesetzmäßig dem Logos unterworfen ist, das kann durch reine Vernunft erkannt
werden. Das, was seinsoll, was werden wird, was aus dem
ewigen Urquell alles Seins immer neu entspringt, das Ideal, das kann nur
durch Offenbarung dem Menschen zuteil werden und führt in jedem Augenblick
über alles nur Gegebene, gesetzmäßig Deutbare hinaus zur freien Liebestat,
zum Reiche der Erlösung.
Der gewaltigste Gedanke aber in dieser messianischen Erkenntnistheorie
ist der: Nicht Philosophie und Offenbarung stehen sich als zwei voneinander
getrennte, einander fremde und feindliche Mächte gegenüber, sondern alle
echte Philosophie ist selbst Offenbarung, ist Erweckung und Erleuchtung des
verschlossenen Menschen durch Gott zur Erfassung seiner Aufgabe, die
Erlösung herbeizuführen. Selbst wo diese Philosophie in ihren Ergebnissen in
die Irre geht, wo dem Weg des Gottesreiches zunächst ein Hindernis gebaut
wird, wird sie indirekt durch die Fürsorge Gottes Beitrag zur Erweckung der
Seele, ebenso wie der sündige Mensch, der noch festgehalten wird von dem
Urbösen seiner unerschlossenen Natur, unbewusst letztlich mitdienen muss an
den Zielen des Weltganzen. Denn Gott ist, wie er Gott der Offenbarung ist,
auch der Gott der Erlösung, der über alle Verirrung und Torheit und
Hartnäckigkeit des Menschen hinweg Sein Reich herbeiführt.
... >>> wird fortgesetzt...
Die Geheimnisse der Weltzusammenhänge:
Die Schlafenden zu erwecken
In Rosenzweigs Werk kommt das Wort Religion nicht vor. Philosophie wollte er
geben, keine Religionsphilosophie, aber die Philosophie eines Juden, eines
Kindes aus dem Volke der Offenbarung...
Wir hoffen, dass sich
zur [Diskussion] ausreichend
Fachkundige einfinden werden.
Ein Zentrum der Forschung:
Kassel und
Franz Rosenzweig
Kassel ist jetzt um einige tausend Briefe, Fotos und
Dokumente reicher. Ein bedeutender Teilnachlass des jüdischen
Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) konnte zum Aufbau eines
Rosenzweig-Archivs erworben werden...
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