Alles gar kein Wunder:
Nationalismus im Zeitalter der Globalisierung
Ein
Interview mit Rav Michael Laitman, Bnej Brak, Vorsitzender der
Jeschiwath Bnej Barukh, Israel
Wir beobachten heute, auch in Russland, ein starkes Anwachsen
nationalistischer Bewegungen. Ist dies ein gemeinsames Problem der
modernen Welt, oder handelt es sich um ein Spezifikum bestimmter
Regionen?
Um dieses Phänomen besser zu verstehen und einordnen zu können, müssen
wir erst einmal anerkennen, dass die Hauptkraft menschlichen Strebens,
also jene Kraft, die auch gesellschaftliche Veränderungen herbeiführt,
der Egoismus ist. Die Geschichte der Menschheit kann als Entwicklung
verstanden werden: aus Sklaverei wurde Feudalismus, Absolutismus, später
Kapitalismus, Sozialismus. Heute wissen wir nicht so recht, in welchem "ismus"
oder "Post-Ismus" wir gerade leben.
Eine Gesellschaftsform ist auch der Faschismus, den der Baal haSulam
folgendermaßen erklärt: Das Wort "Faschismus" kommt von "Fascio" (ital.
"Bund", "Verbindung"). Dieser "Bund" kompensiert in gewisser Weise den
in uns wachsenden Egoismus. Man könnte also versucht sein, darin eine
wünschenswerte Entwicklung zu sehen, und in der Tat sind schon viele
dieser Versuchung erlegen. So bezeichnete sich der deutsche Faschismus
sogar als National-"Sozialismus", und manche Unterstützung, die Hitler
erfuhr, entsprang einer Hoffnung auf Gemeinsamkeit, Verteilung,
Gleichheit. Hitler kam mit Unterstützung des Volkes an die Macht. Eine
ähnliche Unterstützung werden auch die Faschisten in Russland und
anderen Ländern erhalten.
Sollte es uns nicht gelingen, der Menschheit das Gesamtbild zu
vermitteln und klarzumachen, wohin die momentane Entwicklung führt und
was der eigentliche Sinn der Menschheitsgeschichte ist, wird sich der
natürliche Egoismus zum Nazismus ausweiten. Das wird in allen Ländern
geschehen, auch in Westeuropa und in Amerika...
Der gesellschaftliche und politische Aufbau eines Landes hängt von der
Stufe des Egoismus ab, den die jeweilige Gesellschaft gerade erreicht
hat. Der Egoismus wächst ständig und manifestiert sich in
unterschiedlichsten Formen.Warum treten
diese Erscheinungen in unterschiedlichen Ländern in unterschiedlichem
Maße und zeitlich versetzt auf?
Die verschiedenen Gesellschaften und Staaten befinden sich auf
unterschiedlichen Entwicklungsstufen. In den 30er Jahren des 20.
Jahrhunderts war Deutschland das am weitesten entwickelte Land.
Wissenschaft, Kunst, Literatur, Philosophie, Film, Theater – Deutschland
war wissenschaftlich und kulturell das Zentrum der Welt.
Aus zahlreichen Zeitzeugenberichten hören wir, wie erstaunt viele der
US-Soldaten waren, als sie 1945 Deutschland befreiten und sich über den
hohen Standard, der dort herrschte wunderten. Viele fragen sich noch
heute, wie es sein konnte, dass ein kulturell so hochstehende
Gesellschaft in solch barbarische Verbrechen verüben konnte.
Nach den Lehren des Baal haSulam, müssen wir uns nicht
so sehr wundern.
Der hohe Standard, der Deutschland in den zwanziger
Jahren mehr Nobelpreise einbrachte als allen anderen Ländern, war das
Resultat eines erfolgreichen Strebens und Forschens vieler einzelner und
starker Egos innerhalb der damaligen Gesellschaft.
Die starke Ausprägung dieser Egos und Egoismen in der
Gesamtgesellschaft, machte sie aber nicht nur erfolgreich, sondern auch
empfänglich für die Perversion im Faschismus, der eine vereinigende
innere Ordnung versprach.
Sobald der Egoismus eine entsprechende Stufe erreicht
hat, erwacht in den Menschen die unbewusste Neigung zum Faschismus.
Solche Ideologien oder Gesellschaftsentwürfe werden weniger von
einzelnen erfunden, sie entstehen vielmehr aus der gesellschaftlichen
Entwicklung heraus. So war es auch mit Feudalismus und Kapitalismus.
Niemand erfand diese Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens
bewusst. Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens entstehen auf
natürliche Weise aus den Formen des Egoismus, der in den Menschen zutage
tritt.
Dann ist das Auftreten von Nationalismen in der
modernen Welt keine überraschende Erscheinung?
Nein, der Nationalismus ist das Ergebnis unseres
inneren Zustandes. Seine Erscheinungsformen können wir heute bereits in
der ganzen Welt beobachten, weil heute alles sehr dichtgedrängt ist.
Man kann im Nationalismus auch einen Verteidigungsmechanismus erkennen,
mit dem sich die Menschen, die einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft,
gegen Selbst- oder Fremdvernichtung schützen wollen. Die gleichen Jungs,
die heute in Moskau in schwarzen Hemden patrouillieren und angeblich
gegen jemanden kämpfen, würden anderenfalls beginnen, einander zu
vernichten. Das ist eine unbewusste Reaktion des Selbsterhaltungstriebs:
wenn wir zusammen stehen, dann vernichten wir uns wenigstens nicht
gegenseitig.
Man könnte also von "kollektivem Egoismus" sprechen? Warum nimmt
dieser gerade zu Beginn des 21.Jahrhunderts nationalistische Formen an?
Der "kollektive Egoismus" ist Nationalismus. Die Menschen verstehen,
dass der individuelle Egoismus die Gesellschaft vernichtet, und der
kollektive Egoismus – eine Verteidigung vor dem innerem und dem äußeren
Feind – die Gesellschaft vereint.
Im antiken Babylon, wo unsere Zivilisation ihren Anfang nahm, lebten
Menschen wie Brüder. Das erste Entfachen des Egoismus sowie sein
anschließendes Wachstum führten zur Entfremdung zwischen Menschen: es
entstanden Völker, Rassen, später Klassen.
Im Prinzip ist der Faschismus eine Antwort auf Entfremdung und Hass, die
zwischen den Menschen entstehen. Dazu benötigt er aber eine bestimmte
Gruppe von Menschen oder sogar ein ganzes Volk, das er der gesamten
restlichen Welt gegenüberstellt. Dies entspricht in etwa dem Wachstum
einer Krebszelle, die ihre Ausbreitung über den gesamten Organismus
stellt. Im deutschen Faschismus sprach man von den "Herrenmenschen" oder
der "Herrenrasse".
Heute erhebt sich der Mensch über die gesamte Welt. Der Egoismus der
Menschheit finden keine Befriedigung, überschreitet alle Grenzen. Wir
interessieren uns nicht für uns selbst, noch für unsere Familie. Auch
das Land oder die Menschheit lassen uns kalt. Der Egoismus wird
allumfassend und richtet sich - noch unbewusst, auch auf das
Spirituelle. Er befällt alle Schichten der Gesellschaft. Er zeigt sich
nicht mehr klassenweise, oder nach sonstigen Merkmalen eingegrenzt,
sondern in der Gesellschaft als Ganzes.
Die gesamte Menschheit ist in zunehmender Globalisierung begriffen,
Entfernungen verschwinden, wir stellen fest, dass alle Menschen nahe
beieinander leben. Das geschah so schnell, dass die Menschheit es noch
nicht geschafft hat, eine neue Religion oder andere Formen gegenseitigen
Respekts herauszuarbeiten um ein annehmbares Zusammenleben zu
gewährleisten. Liegt das Problem an der Globalisierung selbst?
Das glaube ich nicht, in Wirklichkeit tun wir selbst nichts. In uns
entwickeln sich ständig egoistische Impulse, die verschiedene Wünsche
hervorrufen – private und allgemeine, und wir verwirklichen sie.
Sie wissen doch nicht, was Sie im nächsten Moment werden wollen, das
Programm Ihres Lebens kennen Sie nicht – es existiert irgendwo in Ihrem
Inneren, und Sie realisieren es.
Es scheint uns nur, dass die Globalisierung heute in einem rasanten
Tempo voranschreitet. Dieser Prozess findet in Entsprechung mit unserem
Egoismus statt und zeigt an, in was für einem Gegensatz wir zur
umgebenden Natur stehen. Verbindung zur Natur bedeutet nicht "zurück in
die Höhlen". Eine Verbindung zur Natur ist eben eine Verbindung, eine
Angleichung an das altruistische Naturgesetz.
Heute werden Ihnen viele Astrophysiker, Biologen, Soziologen –
Wissenschaftler, die sich mit allgemeinen Problemen der Menschheit
befassen, sagen, dass die Natur in Wirklichkeit über einen Verstand
verfügt, und dass ein komfortabler Zustand eines jeden Teils der Natur
und insbesondere des Menschen davon abhängt, wie sehr er sich ins
Gleichgewicht mit der Natur und diesem Gesetz bringt.
Wir waren auch schon früher miteinander verbunden, viel mehr, als wir es
heute wahrnehmen. Diese Verbindung wird sich offenbaren, sobald Sie und
ich unsere absolute Abhängigkeit voneinander verspüren werden. Ihnen
wird plötzlich bewusst, dass Sie von sieben Milliarden Feinden umgeben
sind, die Sie hassen, die Sie durch nur einen schlechten Gedanken
vernichten können. Und so wird sich jeder im Bezug auf den Anderen
fühlen. Das ist die Welt, in der wir uns selbst plötzlich vorfinden
werden.
Heute ist sie noch von uns verborgen, und in dem Maße, wie diese
Verbindungen vor uns verhüllt sind, ist es uns auch nicht möglich, sie
zu nutzen. Sie werden allmählich zutage treten, und das wird ein
schreckliches Bild sein. Doch im Endeffekt wird es uns dazu zwingen, uns
zu verändern, denn einen anderen Ausweg gibt es nicht.
Kann ich eine grundlegende Frage stellen? Ist die Kabbalah die
Rettung von sich selbst oder ist es die Rettung der Welt, der
Menschheit?
Die Rettung von sich selbst und die Rettung der Welt sind das Gleiche.
Meine Rettung sehe ich darin, aus mir selbst, aus meinem eigenen
Egoismus herauszutreten, und mit allen Anderen zu kooperieren, als ein
altruistischer, integraler Teil.
Wir sind sieben Milliarden. Wir alle stellen ein einziges allgemeines
energetisches oder spirituelles System dar. Nennen wir es, zum Beispiel,
"Seele". In diesem System sind wir von vorn herein in einer starren
Verbindung untereinander erschaffen. Jeder von uns ist wie eine einzelne
Zelle im Organismus, wir wissen nicht einmal, wie sehr sie miteinander
verbunden sind. Jede von ihnen ist einfach unentbehrlich.
Die Natur erschafft nichts umsonst! Das haben wir immer wieder
festgestellt, als wir versucht haben, etwas in ihr zu korrigieren. In
der Natur gibt es keine Geheimnisse. Diese Geheimnisse existieren nur im
Bezug auf uns. Die Kabbalah als Wissenschaft zeigt auf wie alles in
Wirklichkeit aufgebaut ist. Man schlägt dem Menschen vor, in diesem
System zu sein, doch eigentlich ist man schon in ihm drin. Es ist nur
noch vor uns verborgen.
Doch je nach Ausmaß der Nichtübereinstimmung mit der Natur, oder dem
Naturgesetz des Altruismus, schwört der Mensch "korrigierende Kräfte"
auf sich herab: Leiden, ökologische Katastrophen und was nicht.
Wozu sollen wir uns dem aussetzen? Denn sie beginnen mit immer größerer
Härte zutage zu treten, weil der Egoismus in jedem von uns wächst.
Entweder wir begeben uns "unter die Flagge" des eigenen natürlichen
Egoismus und laufen dem Nationalismus bis zum Zusammenbruch hinterher.
Oder wir gehen, vom selben Egoismus getrieben, nicht dem
national-erhabenen Taumel nach, sondern nutzen seine Kraft und beginnen
ihn zu korrigieren, ihn in Einklang mit der Natur zu bringen.
Ich glaube, dass nur die Bildung hierbei helfen kann, und davon spricht
die Kabbalah. Und zwar nicht durch Zwang, sondern eben freiwillig, aber
je breiter, je weiter desto besser. Diese Wissenschaft wird die Welt auf
eine neue spirituelle Stufe führen. Zumindest gibt es heutzutage schon
Millionen, Millionen Menschen in der Welt, die danach streben.
Von Tag zu Tag treibt der Egoismus die Menschen auf die Suche nach der
richtigen Selbstverwirklichung, und diese Menschen wollen etwas lernen,
so wie es der Ari in Zfath gesagt hat. Die
Bildung breiter Massen ermöglichen:
Kabalah bekannt
machen
Im Israel von 1940, damals Britisches Mandatsgebiet und "Palästina"
genannt, war eine kabbalistische Veröffentlichung ein ungewöhnliches
Unterfangen. Doch Rabbi Yehuda Ashlag, einer der bekanntesten
Kabbalisten des zwanzigsten Jahrhunderts, dachte, dass es Zeit war neue
Wege auszuprobieren...
Onlinekurs - auf deutsch und kostenlos:
Wer darf Kabbala
studieren?
Jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht, Herkunft,
Religion oder Nationalität darf die Wissenschaft der Kabbalah
studieren...
Die G'ttlichkeit in dieser Welt
erkennen:
Was ist Kabbalah?
Obwohl ihr Ursprung schon im antiken Babylon
liegt, blieb die Kabbalah den meisten Menschen 4000 Jahre lang
verborgen... |