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Koscher leben...
 
 

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Die fliegende Raupe, 3. und letzter Teil

Avris Geschichte von der fliegenden Raupe:
Bis zum Himmel

von Gilad Shadmon
Übersetzung von Peter Staaden / dg

Avri hatte lange neben der Puppe gewartet und wollte schon die Geduld verlieren, als sie sich plötzlich bewegte.

Dieses Schauspiel brachte ihm die Hoffnung zurück. Nach und nach begann sich die Puppe langsam zu spalten, bis ein Riss sich gänzlich auftat... und ein kleiner schwarzer Kopf daraus hervorschaute. Einige Sekunden rüttelte es so stark, dass Avri einen Sprung rückwärts machte.

Die Puppe hatte sich in zwei Teile geöffnet, und zwei farbige Flügel, die genauso aussahen wie jene, die er während seines Absturtzes gesehen hatte, entfalteten sich majestätisch. Sie machten eine Bewegung in der Luft und brachten einen prächtigen Schmetterling Stück für Stück, vor dem Hintergrund des blauen Himmels, zum Vorschein. Avri fuhr erschreckt zusammen und sein Herz bebte.

Avris Geschichte - Erster TeilEr sah um sich herum, um diesen Anblick mit den anderen Raupen zu teilen, aber niemand bemerkte, was sich gerade ereignet hatte. Sie waren alle damit beschäftigt, die Blätter zu verzehren, sich von den Vögeln zu verstecken und neue grüne Blätter zu suchen. Er hätte "Hallo, schaut doch, ich habe Recht gehabt!" schreien können, aber er wusste, dass niemand es hören würde. Die Tage des sehr angespannten Wartens, die ganze Aufregung sowie die Enttäuschung, die auf die lange Einsamkeit zurückzuführen war, quälten ihn. Er hörte nun einfach auf, sich am Blatt festzuhalten, hob seine Beine nach vorne, streckte sie nach oben, so als ob er um Hilfe bitten würde, und er begann zu fallen, gänzlich gefühllos gegenüber dem, was ihn umgab.

Als er wieder bewußt wurde, verstand er nicht sofort, wo er sich befand. Der Ton eines fröhlichen Gesangs erinnerte ihn an den ersten Sturz, aber dieses Mal war er sehr viel näher, klarer und viel wahrnehmbarer. Die Blätter des Baumes glitten mit hoher Geschwindigkeit vor seinen Augen vorüber, aber zu seinem großen Erstaunen, bewegten sie sich von links nach rechts, und nicht von oben nach unten. "Vielleicht, hat mich ein Vogel mitgenommen" dachte er, "aber das stimmt nicht", unterbrach er sich selbst.

Er sah hinter sich und blickte in Augen, die ihm sehr bekannt erschienen. Aber das sind doch die Augen der alten Raupe, die sich in eine Puppe verwandelte. "Ich hatte es Dir versprochen, ich halte mein Wort" sang sie, und lächelte. "Warum singst du?" fragte er, und "wo bin ich"? "Ich singe, weil es jetzt meiner Natur entspricht, du bist zwischen meinen Beinen, wir fliegen zusammen".

Avri hatte es schwer, Überblick zu bekommen und die Situation, die sich ihm eröffnete, zu erfassen. Der Schmetterling stieg immer höher und höher, und zum ersten Mal in seinem Leben sah er den Maulbeerbaum von oben. Er sah die ganz grünen und die abgenagten Bereiche, das Zusammenströmen der Raupen, einige in Richtung der Baumkrone, und er sah sogar die benachbarten Bäume. "Wo möchtest Du, dass ich dich ablege?" sang der Schmetterling. "Wer möchte abgelegt werden" antwortete ihm Avri, indem er die Melodie des Schmetterlings wieder aufnahm.

Sogar, als sie auf einen, der am meisten bevölkerten Zweige herabflogen, bemerkte sie niemand. Ein alter Schmetterling hatte sich in der Nähe von ihnen niedergelassen, um Eier zu legen.

"So passiert es also?" fragte Avri.

Der Schmetterling sah ihn lächelnd an, sein Gesicht strahlte vor Glück: "Was habe ich nur für ein großes Glück, mit einer Raupe zu sprechen!".

"Wie meinst Du das ?" entgegnete Avri.

"Ich habe noch nie mit Raupen gesprochen" antwortete er ihm, "das heißt, seit dem Zeitpunkt, wo ich aufgehört habe, selbst eine Raupe zu sein".

"Weswegen tragt ihr nicht alle Raupen über dem Baum?" sprach Avri sehr interessiert.

"Es gibt nichts, was wir uns mehr wünschen würden, aber wir können es nicht tun".

"Aber wie konntet ihr es denn für mich machen?" erwiderte Avri, ohne Ruhe zu geben.

"Weil Du es wolltest." sagte er ihm "Du hast Deine Beine hochgehoben und nach oben gestreckt, weil es genau das war, was du wirklich wolltest, und nichts anderes. Deshalb konnte ich dich an den angehobenen Beinen nehmen, erinnerst Du Dich daran?" fügte die ehemalige alte Raupe hinzu, und machte einen Flügelschlag.

Seit diesem schicksalhaftenTag flog Avri lange lange Zeit mit den Schmetterlingen umher. Nach und nach lernte er mehrere ihrer Melodien, und er machte sich zahlreichen Freunde unter ihnen. Von jedem lernte er etwas Neues aus der Welt der Schmetterlinge, und er genoss dabei ein unermessliches Vergnügen.

Sogar, als er wieder begann Blätter zu nagen, fand er an ihnen einen Geschmack, den er bis dahin nie kannte. Er gab ihm den Namen "Krönender Geschmack" oder "Sinn des Lebens". Jetzt, zum ersten Mal in seinem Leben, sah er in dem eintönigen Abnagen der Blätter einen Sinn. Er wusste, dass er, wenn er viel äße, viel Kraft für eine lange Zeit des Fliegens hätte, und so den Schmetterlingen, die mit ihm im himmlischen Gewölbe spazierten, ein riesiges Vergnügen bereiten würde. Er genoss das Vergnügen, das er ihnen bereitete, und sein Glück hatte keine Grenzen mehr.

Allerdings began er mit der Zeit, sich immer mehr für seine Brüder die Raupen zu beunruhigen. "Wenn sie nur wüssten, was ihnen entgeht" dachte er bei sich, indem er den Kopf hochhob und nach den Flügeln der Schmetterlinge Ausschau hielt. "Würden sie nur zu knabbern aufhören, um die unaufhörlichen Gesänge zu hören, sie würden ihre Beine nach oben ausstrecken, fest davon überzeugt, nicht fallen zu können. Denn mit Sicherheit würde ein Schmetterling sie auffangen, bevor sie auf den Boden fielen". Er fühlte, dass seine Einsamkeit unter den Artgenossen mit dem Glück und der Freude wuchs, die ihm die Welt der Schmetterlinge verschaffte.

"Ich bin sicher, dass man es Ihnen erklären kann" dachte er aus tiefstem Seelengrund, und er beschloss, sich einem neuen Unternehmen hinzugeben: den Raupen die Welt der Schmetterlinge zu erklären. "Vielleicht bin ich eine besondere Raupe, aber ich bin sicher, dass es noch mehr von meiner Sorte gibt, Suchende, die nicht wissen, was sie wollen, fehlgeleitet wie ein Blinder im Nebel. Ich werde ihnen den Weg zeigen. Beleidigen wird es niemanden, aber wenigstens habe ich versucht, jenen zu helfen, die Hilfe suchen."

Die Zeit war nun auch für Avri gekommen, sich in eine Puppe zu verwandeln, in aller Stille, und in dem Bewusstsein, dass er das Ziel seines Lebens als Raupe verwirklicht hatte. Als sein Erbe hinterließ er präzise Karten von der Struktur des Baumes und des Waldes, Pläne über die kürzesten Wege zur Baumkrone, eine detaillierte Anatomie des Aufbaus der Schmetterlinge, sowie den Ablauf des Eierlegens und des Schlüpfens und sogar Karten, der besonders zum Verzehr empfohlenen und geschützten Bereiche.

Er wusste, dass eine Raupe, wenn sie mit einem mächtigen Verlangen zu fliegen geboren würde, die von ihm hinterlassenen Informationen gut nutzen könnte, selbst dann, wenn die Mehrzahl der Raupen die Karten nur gebrauchen würden, um die grünsten und besten Blattzonen schneller zu finden.

Eine geringe Anzahl der Raupen ging mit Hilfe der Anleitungen auf die Suche nach der Baumkrone. Noch weniger von ihnen versuchten mit seinen Arbeiten die Struktur des Eies und der Puppe zu untersuchen, und nur vereinzelte seltene Unikate stellen sich die Frage: "Woher kommen seine so einfachen Lösungen für solch komplexe Probleme? Woher hatte er den Sinn für diese herrlichen Gesänge erhalten, die er komponierte? Wie können auch wir aus der Quelle dieser Erkentnisse schöpfen und teilhaben?"

Avri war der erste der fliegenden Raupen seiner Dynastie. Viele, die nach ihm zur Welt kamen, sind einen ähnlichen Weg gegangen, und jeder hat zu den Kenntnissen seiner Vorgänger etwas hinzugefügt. Sie haben die Welt der Schmetterlinge für jene beschrieben, die nach ihnen kommen würden. Sie wussten bereits, dass die Schmetterlinge die Raupen mehr lieben, als diese es sich jemals vorstellen können.

Kabbala:
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Sie wussten ebenso, dass der Tag kommen würde, an dem alle Raupen in die Lüfte fliegen würden, und die Schmetterlinge ihnen dabei helfen werden. Dann wäre der Höhepunkt der Vollendung und der Freude in der Welt der Schmetterlinge und in der Welt der Raupen erreicht. Auf diesen Tag warteten sie, und versuchten durch all ihre Möglichkeiten, ihn näher zu bringen.

Hier könnt ihr Teil 1 und 2 nochmal nachlesen.



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