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haGalili hakathan
Die fliegende Raupe, Teil 2 (von 3)
Avris
Geschichte:
Das Geheimnis der Puppe
von Gilad Shadmon
Übersetzung von Peter Staaden /
dg
Avri schlüpfte aus einem grauen Ei auf
die Welt, und das war schon ein sicheres Zeichen für zukünftige Probleme.
Kaum kam Avri auf die Welt, da fragte er auch schon: "Welches ist der
kürzeste Weg, um die Spitze zu erreichen?" Die Alten haben so gut wie
möglich versucht, ihn zu bremsen, aber leider vergeblich. Er wollte so
schnell wie möglich groß werden, deshalb machte er so ziemlich alle
Dummheiten, die eine Raupe so anstellen kann...
Avri schlüpfte aus einem grauen Ei auf
die Welt, und das war schon ein sicheres Zeichen für zukünftige Probleme.
Die Mehrzahl der Raupen, die aus grauen Eiern zur Welt kamen, wurden später
zu keiner Puppe. Und es ist eine Tatsache, dass Avri nach dem er auf die
Welt gekommen war, als erstes fragte: "Welches ist der kürzeste Weg, um die
Spitze zu erreichen?" Die Alten haben so gut wie möglich versucht, ihn zu
bremsen, aber leider vergeblich. Er wollte so schnell wie möglich groß
werden, deshalb machte er so ziemlich alle Dummheiten, die eine Raupe so
anstellen kann.
Er rückte schnell vor, er aß die Blätter
von der Oberseite. Er hatte einfach nicht die Zeit, auf der Unterseite zu
rutschen. Ständig hatte er nur ein Ziel vor den Augen: das oberste Ende der
Baumkrone zu erreichen. Alle anderen Raupen, die seinen Weg kreuzten, rieten
ihm langsam zu machen, sich zu beruhigen, sich auszuruhen und sich um sich
selbst zu kümmern, doch er hörte nicht auf sie. Nach zwei ein halb Wochen
hatte er fast die Krone erreicht, und schritt von Zweig zu Zweig fort. Seine
Beine waren fest, seine Kiefer waren stark geworden, und die Klauen hatten
sich geschärft, aber trotzdem war er mager, weil er sich nicht die Zeit
nahm, richtig viel zu essen, und weil er viel Energie für seinen
erschöpfenden Marsch verbrauchte. Je weiter er aufstieg, desto mehr erschien
im das Licht der Sonne, und das ermutigte ihn.
Die Blätter wurden immer grüner und
ließen Stücke blauen Himmels erscheinen. Er hatte viele Raupen gesehen, die
in der Mitte des Baumes angekommen waren und dort blieben. Einige Raupen
erreichten sogar das obere Viertel und waren damit zufrieden, ganz wenige
hatten fast das Ende der Baumkrone erreicht und waren dort angehalten. "Ihr
habt doch so viel Energie verbraucht" fragte sie Avri "weswegen macht ihr
nicht noch eine kleine Anstrengung, um zu schauen, was es auf der Spitze
gibt?".
Als Antwort hörte er alle möglichen
Rechtfertigungen: "Ich habe keine Kraft mehr", "Ich habe Hunger", "Hier sind
die Blätter schon sehr viel grüner als jene, die wir vorhin hatten" und "Der
Baum hat kein Ende, er wächst schneller als wir" und noch viele andere
Ausflüchte. Als er das höchste Blatt erreichte, traf er dort eine graue, gut
genährte Raupe, die damit beschäftigt war, das Ende eines Blattes abzunagen.
"Ist es gestattet, mich dazuzugesellen",
fragte er höflich. "Natürlich" antwortete ihm die Raupe, während sie weiter
an dem Blatt knabberte. Das war ihr letztes Wort, und Avri sah nur noch, wie
sie wehrlos zwischen den zwei Zangen eines dunklen Schnabels davongetragen
wurde. Vor lauter Schreck wurde er ganz starr. Erst recht als er bemerkte,
dass das Blatt auf dem sie saßen sich wohl gelockert hatte und nun immer
schneller zu Boden schwebte.
Wieder auf der Erde angekommen, rappelte
Avri seine verbliebenen Lebensgeister zusammen, um sich bewusst zu werden,
was gerade passiert war. Sein Sturz hatte nur einige Sekunden gedauert, aber
während dieser Zeit hatten sich eine Menge außergewöhnlicher Dinge ereignet,
die seine Angst zum Verschwinden brachten, ihm sogar im Gegenteil Vergnügen
bereiteten.
Am Anfang sah er die anderen Raupen, die
mit tief gesenktem Kopf damit beschäftigt waren, Blätter zu verzehren. Er
hatte geschrien, um gesehen zu werden, aber niemand hatte ihn gehört. Der
Lärm der nagenden Kiefer erstickte jeden anderen Laut. Dann sah er schöne
mehrfarbige Kreaturen, die neben den Raupen und zwischen den Blättern hin
und herflogen. Sie drückten sich gegeneinander oder legten Eier. "Das sind
wahrscheinlich Schmetterlinge" dachte er.
Er hätte schwören können, dass er gehört
hätte, wie sie untereinander sprachen, oder genauer gesagt, untereinander
sangen, und dieser Gesang war überaus angenehm zu hören. Er begann zu
denken, dass er wohl gestorben war, und in der anderen Welt sei, aber er
fühlte noch diesen fürchterlichen Schock, und hatte sich deshalb zum
Ausruhen, auf einen am Boden liegenden Blätterteppich ausgestreckt. Das ließ
ihn wieder in die Wirklichkeit zurückkehren, die er soeben für einige
Sekunden verlassen hatte: nun war er nur noch eine einfache, kleine, graue
Raupe.
Nach einer erschöpfenden Reise, die eine
weitere Erzählung wert wäre, kehrte Avri in die Gesellschaft der Raupen
zurück. Sehr schnell begriff er, dass er nichts Gemeinsames mehr mit den
anderen hatte. Die grünen Blätter interessierten ihn nicht mehr, sogar die
Baumkrone war eine Etappe, die zur Vergangenheit gehörte. So beschloss er,
Schmetterling zu werden. Man sagte ihm: "Seitdem du gefallen bist, stimmt
irgend etwas nicht in Deinem Kopf, lass uns in Ruhe und webe Dir eine
Puppe!"
Diese Worte stellten in der Welt der
Raupen eine Beleidigung dar, und Avri gehörte nicht zu denen, die Worte auf
die leichte Schulter nahmen, auch nicht, wenn sie im Zorn gesagt wurden. So
begann er, das Phänomen der Verpuppung zu untersuchen. Er erinnerte sich,
dass die Schmetterlinge sehr stark den Raupen ähnelten, aber dass sie Flügel
hatten. Könnte es sein, dass es geflügelte Raupen sind?
Kabbala:
[BESTELLEN?]
Eine Sache war sicher und vom Beginn der
Nachforschungen an klar, keiner hatte es bisher für nötig gehalten, ihm
diesen Vorgang irgendwie zu erklären. Es interessierte ganz einfach
niemanden. Wenn es jemand mit guten Absichten untersucht und überprüft
hätte, wäre bestimmt bemerkt worden, dass von den Raupen innerhalb der Puppe
keine Spur zurückblieb. Wo gingen sie also hin? Könnte es denn sein, dass
sie ganz einfach nur so verschwinden?
Avri beschloss, einer alten Raupe zu
folgen und den gesamten Vorgang zu untersuchen. Er beobachtete, dass sie mit
der Zeit immer größer und größer wurde, immer mehr ermüdete, und sprach,
dass sie genug davon habe, Blätter zu essen, dass, selbst wenn man ihr ein
gutes, kleines frisches Blatt vom Ende des Baumes brächte, es sie nicht mehr
reizen würde. Dann hörte er sie endlich sagen – worauf er schon so lange
gewartet hatte -, dass sie zur Puppe werden wolle.
"Es ist ein ganz natürlicher Vorgang"
sagte die alte Raupe, und sie begann, damit ein Tuch zu weben. "Tue mir
einen Gefallen" bat Avri, "wenn Du nach der Verpuppung ein Schmetterling
wirst, kommst Du mich besuchen, einverstanden?" "Hör’ doch mit diesen
Dummheiten auf", antwortete ihm die Raupe, "du und ich, wir wissen, dass die
Puppe das Ende ist." Aber Avri flehte sie immer wieder an, bis sie
schließlich einverstanden war, damit er endlich aufhörte, sie zu belästigen,
während sie ihre Puppe weiterwob. Nach zwei Tagen war die Raupe durch einen
schönen runden Kokon bedeckt, bis sie schließlich ganz in seinem Inneren
verschwand.
Aber Avri gab nicht auf. Der Eigensinn
war in ihm bereits durch seine grauen Gene vorherbestimmt, und er nutzte
diese Qualität bis zum Schluss. Tage und Nächte verbrachte er bei der Puppe,
und lehnte es ab, den abschreckenden Reden seiner Freunde zuzuhören, die
versuchten, ihn davon zu überzeugen, wieder in ein normales Leben
zurückzukommen. "Ich habe überhaupt keine Lust und Appetit, mir Blätter zu
erträumen, wenn ich mein Leben in einer Puppe beenden muss, wenigstens will
ich wissen, was aus mir wird".
Er schlief praktisch nicht mehr, denn er
befürchtete, dass etwas passieren könne, während er ruhte. In den dunklen
Nächten, als die Sicht stark begrenzt war, schlummerte er ein wenig, indem
er sich auf die Puppe stützte, um geweckt zu werden, wenn diese auch nur die
geringste Bewegung machte. Und genau dies geschah. Gerade, als die ersten
Zeichen von Hoffnungslosigkeit sich in ihm breit machten, als der Hunger ihm
seinen leeren Magen verdrehte, begann die Puppe sich zu bewegen...
Morgen geht die Geschichte weiter...
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