Diese Welt:
Nichts bleibt unerklärthaOlam haseh (diese Welt) und
das kabbalistische Gesetz von Wurzel und Zweig
Genau wie diese Welt nicht ohne Regeln existieren
kann, richtet sich auch die Höhere Welt nach bestimmten Regeln. Und
obwohl wir diese nicht wahrnehmen können, betreffen sie uns.
Wenn wir die Phänomene, die sich in unserer Welt
offenbaren, verstehen wollen, müssen wir zuerst deren Ursprung
begreifen. Wenn wir die Realität ehrlich untersuchen, müssen wir
zugeben, dass wir keine Ahnung davon haben, warum in der Welt geschieht
was geschieht.
Das beginnt bei den einfachsten Phänomenen, wie dem Wetter, unserer
Stimmung, Gesundheit, Krankheit, einer zufälligen Begegnung mit einer
Stimme aus der Vergangenheit oder einem Kriegsausbruch.
Wenn einmal etwas schief geht, finden wir tausend Gründe dafür, je nach
Ausprägung unserer Einbildungskraft: "Ich bin heute krank, weil ich mich
gestern nach dem Duschen nicht warm genug angezogen habe." Damit kann
man aber in den wichtigen Momenten keine Entscheidungen treffen und
daher verlieren wir, denn letztendlich sind das alles keine Erklärungen
sondern nur Ausreden.
Die Weisheit der Kabbalah befasst sich hingegen mit den Quellen, aus
denen sich all diese Phänomene entwickeln. Anstatt die Realität als eine
Folge von Ereignissen zu behandeln, beschreibt sie die Geschehnisse
dieser Welt in Übereinstimmung mit den absoluten Naturgesetzen, die sich
der Kenntnis eines normalen Menschen entziehen.
Ein Beispiel dafür ist die Schwerkraft. Wenn wir auf
einem Stuhl stehen und hinunterspringen, kann das gut sein. Doch wenn
wir aus dem dritten Stock eines Gebäudes springen, wird das
wahrscheinlich tragisch ausgehen. In diesem Beispiel ist der Fehler und
die Konsequenz daraus offensichtlich, daher können wir die Wirkung
direkt mit der Ursache verbinden: Ich haben Schmerzen, weil ich aus dem
dritten Stock sprang.
Wenn wir uns vorstellen, dass es zwischen dem Sprung
und dem daraus resultierenden Schmerz eine Verzögerung gibt, werden wir
verstehen, worüber die Kabbalah spricht. Die Kabbalah sieht die Ursache
und die Wirkung, während wir nur die Konsequenzen spüren, ohne die
Ursache zu verstehen.
Die Schwerkraft ist ein Naturgesetz. Es kann nicht
umgedreht oder geleugnet werden. Wir können es höchstens studieren und
uns entsprechend verhalten. Doch wenn wir nichts davon wüssten, und den
Zusammenhang zwischen der Schwerkraft und ihren Konsequenzen sehen, wie
würden wir den nächsten Sturz vermeiden?
Kabbalisten beantworten diese Frage klar: Das Gesetz
nicht zu kennen schützt dich nicht vor Strafe. Du kannst nicht aus dem
dritten Stock springen und dann sagen, "Ups, leider, ich wusste
nicht..." Die Gesetze, über die die Kabbalah spricht, arbeiten auf
dieselbe Weise; wenn du das Leben genießen und voll verstehen willst,
musst du diese Gesetze kennen.
Das
Gesetz von
Wurzel und Zweig
Das erste Gesetz, das wir kennen lernen werden nennt
man "Gesetz von Wurzel und Zweig." Dieses Gesetz bestimmt, dass alles
was in der Materie passiert eine Nachbildung von Ereignissen darstellt,
die ihren Platz in der höheren Welt haben. Kabbalisten erzählen uns von
der für unsere Sinne unsichtbaren Höheren Welt. Sie nehmen sie aber als
sehr deutlich wahr. So deutlich, dass sie diese andere Welt spüren und
sie als Ursache für alles, was in unserer Welt geschieht, betrachten.
Sie nennen diese andere Welt "Welt der Ursachen" oder "Welt der Wurzeln"
und sprechen von der unseren als "Welt der Konsequenzen" oder "Welt der
Zweige."
Alles was wir denken, fühlen, uns vorstellen, sehen
und hören ist in einer Höheren Welt vorbestimmt, ohne dass wir davon
wissen. Rabbi Yehuda Ashlag, der Baal HaSulam*, schreibt: "Es gibt in
unserer Realität kein Element oder Ereignis, das du nicht auch in der
Höheren Welt finden würdest, genau wie zwei Tropfen in einem Teich. Sie
werden "Wurzel und Zweig" genannt. Das bedeutet, dass das Element in der
niedrigeren Welt als "Zweig" seine Entsprechung in der Höheren Welt als
"Wurzel" hat. Das Element der niedrigeren Welt wird sozusagen in der
Höheren Welt gebildet."
Was lernen wir daraus?
Kabbalisten zeigen uns einen Weg, wie wir in dieses
System eingreifen und unser Schicksal verändern können. Die Veränderung
beginnt zunächst mit dem Erlernen der Funktion dieses Systems: Wenn ich
in meinem derzeitigen Zustand unfähig bin etwas zu ändern, gibt es
zumindest einen anderen Ort, wo ich mein Schicksal ändern und meine
Zukunft mitbestimmen kann. Ich muss dies unbedingt erkennen, damit ich
nicht meine Zeit mit erfolglosen Versuchen glücklich zu werden
verschwende, so wie ich es schon immer getan habe.
Weiters ist wichtig, dass ich beginne, nach dem
Weg zu diesem Ort zu suchen, an dem es möglich ist, das System zu
beherrschen. Wenn es jemanden auf dieser Welt gibt, der bereits gelernt
hat, das System der Gesetze zu beherrschen, dann kann ich es auch, genau
wie du oder jeder andere.
Die
einzige verbleibende Frage ist, ob es mir überhaupt wichtig genug ist,
zu einer Reise zur Erkenntnis der Höheren Welt aufzubrechen.
Interessiert und fasziniert mich das spirituelle Ziel so sehr, dass ich
bereit bin, den Kabbalisten zuzuhören und von ihnen zu lernen, wie man
die ewige und vollständige Glückseligkeit erreicht?
*) Wegen seines epochalen Kommentars zum gesamten
Sohar, wurde Rabbi Yehuda Leib haLevi Ashlag
auch mit dem Ehrennamen Baal HaSulam ausgezeichnet. Sein Kommentar
"haSulam", also "die Leiter", ist das umfangreichste uns vorliegende
Werk zum Sohar, den Rabbi Ashlag außerdem vom Aramäischen ins Hebräische
übersetzte.
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