Mosche Ivgi über Chanukah, Israel und die freie Welt:
Zuerst war ich nur neugierig
Moshe
Ivgi wurde vor allem als Kinostar weltbekannt. In Israel ist er auch als
Schauspieler am Theater und im Fernsehen bekannt und geschätzt.
Zahlreiche Preise sind Ausdruck der Anerkennung seines Schaffens im In-
und Ausland.
Ivgi, der immer wieder zu
gesellschaftspolitischen Themen befragt wird, sprach zu Chanukah mit
Yoav Bernstein über Spiritualität und ihre Auswirkungen auf die Probleme
Israels und der freien Welt.
Y.B.: Mosche, was bedeutet dir
Ruchanjuth (Geistigkeit, Spiritualität)?
Yoav, schon in meiner Kindheit war ich
oft verwirrt und erstaunt, wenn ich meine Umwelt betrachtete. Meine
Eltern lebten konservativ, traditionell. Mein Vater ist ein religiöser
Mann, der sich und seinem Glauben treu bleibt, dabei aber nie versuchte,
anderen seinen Glauben aufzuzwingen. Wer mit ihm gehen möchte, gerne! Er
wird ihm lange erklären und mit ihm diskutieren, aber er wird zu
niemandem sagen, mache es so wie ich.
Natürlich nahm er mich mit in die Synagoge. Ich erinnere mich an
Slichoth und daran, dass ich klein war und es aufregend war, mit den
Großen zu sein. Ich nahm durchaus die spezielle Atmosphäre war.
Mit elf habe ich revoltiert und wurde richtig fromm. Ein B'al Tschuwah
(d.h. einer der sich dem Glauben zuwendet, wörtl. Herr der Antwort). Ich
ging dann in eine Jeschiwah (Schule für Talmud Torah) in Tiberias. Dort
habe ich zweieinhalb Jahre gelernt und war ein ausgezeichneter Schüler.
Ich habe vieles auswendig gelernt, Talmud, Gmarah, Schulchan arukh. Ich
lernte von sechs Uhr in der Früh bis elf in der Nacht. Das war echt
stark. Manchmal saß ich ganz alleine in der Synagoge, alle schliefen,
und ich lernte Gmarah oder las Psalmen und weinte vor Bewegung und
Mitgefühl.
Y.B.: Warst du damals mit dir im
Reinen?
Nun, nach zweieinhalb Jahren habe ich
die Jeschiwah verlassen und ich bin nie wieder dort hin gegangen. Ich
lernte danach im religiösen Jugenddorf "Chassidim" und ausgerechnet dort
kehrte ich wieder um - zur Frage (im Gegensatz zur Antwort des B'al
Tschuwah (s.o.).
Auf einmal hat sich mein Verständnis von G'tt verändert. Ich glaube, als
ich in der Armee war, sagte ich ihm, geh du deinen Weg und lass mich
meinen Weg gehen. Ich hörte auf, an ihn zu glauben. Ich dachte, wenn es
einen G'tt gibt, dann ist er sicher nicht der, dem wir all diese vielen
Eigenschaften zuordnen. Vielleicht ist G'tt eine hohe Macht, eine Macht,
die in der Natur wirkt, auch in uns; aber sicher nicht so definierbar,
dass man sagen könnte, G'tt gehöre den Juden, den Christen, den
Muslimen, den Säkularen oder den Frommen. Er gehört keinem.
Y.B.: Sondern allen?
Ja. Aber weist du, ich kann dir sicher
nicht sagen, was ich unter dem Schöpfer (haBore) verstehe, wie ich ihn
beschreiben könnte oder erklären oder welche Aufgabe er hat. Das sind
sehr schwierige Fragen, fast schon Fragen eines Idioten. Aber dennoch,
es sind beunruhigende Fragen, denn jedesmal wenn du fragst "was war
vorher?", lautet die Antwort, "er war schon immer". Und das führt eben
zur nächsten Frage, denn, was soll das denn heißen, "er war schon
immer"? Woher kommt "haBore", etwas, das der Schöpfer genannt wird?
Y.B.: Hast du das Studium der
Kabalah begonnen, weil dich solche Fragen beschäftigen?
Wie gesagt, ich war mal in einer
Jeschiwah und habe mich mit Talmud Torah befasst. Der Kabalah habe ich
mich eher von der negativen Seite her genähert. Ich hörte alle möglichen
eigenartigen Dinge, von roten Bändchen bis zu geheiligten Wassern. Ich
sagte mir nur, aha, da machen wieder welche Geld aus der Gutgläubigkeit
der Leute. Immer wieder wird versucht den Leuten das goldene Kalb zu
verkaufen, immer wieder in neuem Gewand die gleichen alten Schmattes.
Ökonomisierte Spiritualität nenne ich das.
Y.B.: Und das hat dich
abgeschreckt?
Nun ja, zum einen hat es mich
abgeschreckt und zum anderen hat es der ganzen Thematik der Kabalah
einen schlechten Ruf eingebracht. Als Kind hatte ich auch schon gelernt,
dass es verboten sei, Kabalah zu studieren, da man erst mal Erwachsen
sein müsse, mindestens vierzig Jahre alt. Nun ja, mit all dem kam ich zu
einem Gespräch mit Rav Laitman und ich wusste erst nicht, was ich ihn
fragen sollte, aber ich war neugierig und so kam es zu einem sehr
angeregten Gespräch.
Mich hatte schon früher einmal die Frage der "zerbrochenen Gefäße"
beschäftigt und so fragte ich ihn, wie es denn sein könne, dass nach der
Kabalah die Welt zwar perfekt erschaffen wurde, dann aber durch das
"Bersten der Gefäße" (Schwirath haKelim) herabstürzte bis auf das Niveau
unserer Welt. Warum war es notwendig die Welt zu zerbrechen, wenn sie
doch so perfekt und ganz war?
Laitmans Antwort hat mich überrascht: Das System des "ersten Menschen",
des Adam haRischon, musste zerbrechen, damit wir den ganzen Weg noch
einmal gehen können, dass wir noch einmal dorthin gehen können, wo es
seinen wunderbaren Anfang hat - doch dieses Mal bewusst - und aus freiem
Willen!
Man könnte sagen, der Mensch sollte noch einmal mit Verständnis den Weg
für sich gehen. Bewusst und frei und eben nicht wie ein Golem.
Hier wird auch deutlich, dass wir, wenn wir reden, fühlen, zweifeln,
denken, lieben, etwas bemerken, das eben nicht von unseren materiellen,
chemischen, motorischen, biologischen Mechanismen bestimmt ist. Dass es
etwas darüber hinaus gibt.
Y.B.: Meinst du es fehlt uns etwas?
Ich denke schon, dass die Menschen
heute den Weg aus den Augen verloren haben. Die Menschen sind heutzutage
sehr materialistisch, es fehlt das Geistige.
Es fehlt an Spiritualität. Wir müssen dieses materialistische Denken
einschränken damit wir Platz schaffen für Geistiges. Wir wollen immer
mehr Besitz, arbeiten zwanghaft, leiden und fügen Leiden zu. Wir
beurteilen Menschen viel zu oft nach dem was sie besitzen.
In einer freieren Welt würde ein Aufstieg eben nicht bedeuten, dass man
alle paar Wochen neue Möbel oder neue Kühlschränke anschafft, sondern
dass man sich geistig weiterentwickelt und aufsteigt.
In der heutigen Gesellschaft ist es ein Aufstieg, wenn man andere
materiell übertrumpfen kann, dabei sollte es doch verdienstvoller sein,
wenn jemand anderen spirituelle Anregung zukommen lässt. Dabei brauchen
wir doch genau diese Anregung und den Freiraum uns spirituell
weiterzubilden. Die Weisen reden immer wieder vom Licht, das die Welt
erfüllen soll, auch zu Chanukah. Das Licht der Torah, der Glanz des
Sohar. Jedes Verstehen soll ein neues Licht in die Welt bringen und das
Licht soll die Welt heilen. Wir müssen uns an diese Weisheiten wieder
erinnern.
Y.B.: Ist das dein Traum?
Mein Traum ist es, dass alle Menschen
erkennen, dass wir hier eine Aufgabe haben, nämlich unsere Natur zu
ändern. Aus uns herauszugehen und auf andere zu wirken.
Der einzelne Mensch darf sich nicht zum einsamen Zentrum der Welt
machen, versessen nur auf seine persönliche Ehre, auf die Anerkennung
seiner Leistung. Wir müssen viel mehr erkennen, dass wir alle eins sind.
Wenn ich dir Gutes tue, dann tue ich mir Gutes, denn wir sind eins. Wenn
wir in diesem Bewusstsein gemeinsam handeln würden, könnten wir enormes
bewirken.
Y.B.: Wir sprachen schon vom Or,
vom Licht. Das passt zum Chanukah, zum Lichtfest. Was wünschst du uns
zum Fest?
Nun, unsere Lage ist sehr schwierig.
Und das liegt nicht an den Arabern. Unsere Weisen sagen, wir sollen das
Licht für die Völker der Welt sein. Aber da wir unserer Aufgabe, die
Welt anzuregen und anzuführen im Streben nach Höherem, nach geistiger
Verbesserung, nach Tikun ruchani, nicht nachkommen, leiden wir selbst
immer wieder als erste und am meisten an den Fehlern und Auswüchsen der
Menschheit.
Wir wurden ausgesucht und mit der Aufgabe betraut, unseren Mitmenschen
den Weg zu weisen, doch wir verzetteln uns selbst. Das bringt uns in
eine noch viel schwierigere Lage als die übrigen Völker.
Es ist traurig, sich unsere mentale Entwicklung von der Staatsgründung
bis heute anzuschauen. Ich denke, wir haben uns seither nicht zum Guten
entwickelt. Aber ich hoffe wir werden uns wieder erholen.
Ich hoffe, dass wir in den entscheidenden Positionen Leute bekommen, die
eine stärkere Beziehung zum Spirituellen haben. Menschen, die Werte
nicht nur auf dem Kontoauszug erkennen können.
Wir müssen uns ehrlich fragen, was ist die Aufgabe des jüdischen Volks,
wozu sind wir da? Und wir müssen darüber in Dialog treten mit unseren
Nachbarn und den anderen Völkern der Welt. Abraham war der erste
Kabalist und der erste Jude. Er bewirtete jeden und lehrte jedem, der zu
ihm kam, seine Weisheit. Wir müssen uns auf diese inneren Werte und auf
diese Aufgabe besinnen. Das ist die einzige Rettung, die ich für dieses
Volk - und die Welt - sehe.
Wenn
wir spirituell etwas entwickelter wären, dann müssten wir weder mit
unseren Nachbarn noch miteinander so erbittert kämpfen.
Ich wünsche uns einen Aufstieg auf der Leiter der geistigen Sicherheit.
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