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Aus dem Buch "So wie im
Himmel, so auf der Erde"
von Rabbiner Ezriel Tauber
Im Anfang - beReschith:
Derekh Erez geht der Torah voraus!

Im Anfang schuf G"tt Himmel und Erde
(beReschith / Im Anfang / Genesis /
1.B.M. 1:1)
Das Wort "Himmel" im Eröffnungsvers der Thora heißt nicht
einfach "Himmel". Es beinhaltet auch alle geistigen Geschöpfe: Die Seele,
die Engel etc. Im Gegensatz dazu beinhaltet das Wort "Erde" alles
Materielle, Temporäre und Endliche.
Obwohl die himmlischen Geschöpfe offensichtliche Vorteile
gegenüber den Menschen haben, erzählt uns der erste Vers, dass beide,
"Himmel und Erde", die Geschöpfe von G"tt sind. Als solche sind sie beide so
perfekt wie es nur sein kann.
Trotz dieser Perfektion befand sich die Erde in einem latenten, ungeordneten
Zustand.
Und die Erde war chaotisch und leer, mit Dunkelheit über dem Angesicht der
Tiefe... (Genesis 1:2).
Die Erde ist ein potenzieller Himmel. Sie ist eine wahre
geistige Schatztruhe, voll mit himmlischen Möglichkeiten. Ihr Potenzial ist
abgeschlossen und außer Reichweite, weil der Anfang chaotisch, dunkel und
leer war. Der große Plan hinter diesem Entwurf war, der Menschheit die
Gelegenheit zu geben, am Prozess teilzunehmen, bei dem das irdische,
geistige Potenzial aufgedeckt wird, und es zu voller Fruchtbarkeit zu
bringen. Es soll der menschliche Zweck sein, die dunkle irdische Leere mit
himmlischer Substanz zu füllen, Ordnung ins Chaos zu bringen und die
irdische Existenz zu einem Spiegelbild der himmlischen Existenz zu machen.
Wie wir erklären werden (Kapitel
13), hat Adam dies nicht nur nicht erreicht, sondern seine Sünde hat
die Welt in ein noch größeres Chaos versetzt. Die Erde wurde eine wachsende
Leere, eine Höhle. Es ist unsere Aufgabe, diese Leere auszufüllen und die
Ordnung wieder herzustellen; die Erde gleich dem Himmel zu machen.
Um dies zu illustrieren, wollen wir uns zwei gleiche Bilder
vorstellen. Eines ist ein Bild und das andere ist ein zerschnittenes Puzzle
dieses Bildes. Das Bild (das nicht zerschnittene Puzzle) ist schön
anzuschauen, der Betrachter hatte aber nichts zu seiner Existenz
beigetragen; es ist ein fertiges Produkt. Er kauft das Bild und hängt es an
einer Wand auf. Das zerschnittene Puzzle ist aber nicht nur zum Anschauen
da, es kann demontiert und wieder zusammengesetzt werden. Derjenige, der es
zusammensetzt, hat eine persönliche Befriedigung, vor allem wenn es ein
schwieriges Puzzle war, bei dem der Zeitaufwand des Zusammensetzens sehr
groß war. Er wird ein stolzes Gefühl wegen des Puzzles haben, das er nicht
hätte, wenn er nur die Zeichnung besäße. Er hat selber Zeit und Ausdauer in
das Puzzle investiert und dies macht den Unterschied.
So ist auch das Leben. Die Schöpfung von G"tt beinhaltet
Himmel und Erde. Der Himmel ist das Bild; er ist da; Kunstwerk von G"tt und
ein Mensch kann sich nur zurück lehnen und es bewundern. Die Erde ist ein
"zerschnittenes Puzzle", sie ist genau das gleiche Bild, aber durcheinander
gemischt. Die Sünde von Adam machte alles noch chaotischer. Es war, als
hätte er alle Puzzleteile aus der Schachtel in die Luft geworfen und sie in
alle Ecken der Zimmers verteilt. Er verwandelte die Erde in einen Platz von
tiefer Leere, in einen Platz, an dem G"tt (und manchmal seine Gerechtigkeit)
verborgen zu sein scheint. Die menschliche Aufgabe ist es, diese Teile an
ihren ursprünglichen Platz zurückzustellen und das irdische Bild zu einer
perfekten Reflexion des himmlischen Bildes zu machen.
So wie im Himmel, so auf der Erde.
Weshalb den Anfang lernen?

Die Frage ist, wie wissen wir, welche Teile wohin gehören?
Wie können wir unser Leben auf der Erde in Übereinstimmung zu den
himmlischen Werten bringen? Die Antwort ist die Thora.
Thora heisst "lehren", der Zweck der Thora ist uns zu
"lehren", wie man in Harmonie mit dem g"ttlichen Willen lebt. Es gibt
deshalb 613 Gesetze; sie erzählen uns mindestens oberflächlich, wie wir aus
dem zerschnittenen Puzzle unserer physischen Existenz eine einheitliche
Reflexion des himmlischen Kunstwerks machen können.
Es stellt sich dabei eine Frage. Wenn es das Wichtigste ist,
das Thoraleben mit den 613 Gesetzen zu leben, warum beginnt die Thora mit
der Schöpfung, dem Garten Eden, den Geschichten von Adam, Noah, Abraham
etc.? So interessant diese Passagen auch sind - aber ist denn die Thora ein
Geschichtsbuch? Macht es wirklich etwas aus, ob wir wissen was in früheren
Zeiten geschah? Wenn die 613 Gesetze so wichtig sind, warum zählt die Thora
sie nicht einfach nacheinander auf (so etwa wie die zehn Gebote)? Mit
anderen Worten, was ist der Zweck des Buchs Bereschit (Genesis) und dessen
Geschichten als ein Teil der Thora?
Derekh Erez kommt vor Torah
Mein Mentor, Rabbi Michoel Ber Weissmandl, s.a., stellte dazu
folgenden Gedanken dar. Unsere Weisen lehren "Derech Erez kommt vor Thora".
Rabbi Weissmandl erklärte dies so: Wenn man keinen Derech Erez hat (wir
übersetzen dies normalerweise mit "respektvollem Benehmen"), kann man keine
Thora haben, unabhängig davon wie viel Kenntnisse von Büchern jemand hat.
Wenn jemand in der Tat keinen Derech Erez hat, dann wird er wahrscheinlich
die Thora für negative, destruktive Zwecke brauchen.
Rabbi Weissmandl fragte darauf: "Wenn Derech Erez eine
Voraussetzung für Thora ist, woher erhalten wir diesen dann? Wer lehrte uns,
damit anzufangen?" Seine Antwort war, "Unsere Erzväter lehrten uns die
Bedeutung von Derech Erez."
Deshalb ist Genesis das erste Buch der Thora, auch bekannt
als die Thora unserer Erzväter, der Originaltrakt Derech Erez (es gibt einen
ganzen Trakt im Talmud, der die Bedeutung von Derech Erez erläutert). Das
Buch Genesis hat relativ wenig Gesetze, denn das primäre Ziel ist es, uns zu
helfen unsere grundlegende Thorapersönlichkeit zu erlangen. Im zweiten Buch
der Thora (Exodus) fangen wir erst an, die Mehrheit der Gesetze zu lernen.
Die Thora der Väter (die Thora, die uns Derech Erez lehrt) kommt daher vor
der Thora von Moses (die Thora mit den 613 Gesetzen), denn Derech Erez ist
eine Voraussetzung für Thora.
Sich selber kennen
Was genau ist Derech Erez? Derech Erez (wörtlich "der Weg des
Landes") wird am besten mit "Respekt" übersetzt, denn es bezieht sich auf
mehr als nur Höflichkeit, Anstand, Manieren oder Techniken, um Freunde zu
gewinnen oder Leute zu beeinflussen. Derech Erez bedeutet Würde, andere mit
Würde behandeln und, sogar noch wichtiger, sich selbst mit Würde zu
behandeln. Die Suche nach Respekt beginnt zu Hause und deshalb ist
Selbstrespekt der Kern von Derech Erez.
Selbstrespekt ist das Wissen, wer wir sind. Wir sind eine
Schöpfung von G"tt, er schuf uns in seinem Ebenbild. Wenn wir wirklich
verstehen, dass wir im g"ttlichen Ebenbild erschaffen wurden, können wir uns
dann versagen, uns selbst mit Würde zu behandeln? Können wir es versäumen,
andere mit Würde zu behandeln?
Stellen Sie sich einen unbezahlbaren Schatz vor, der in einem
großen Safe eingeschlossen ist und einen Code bestehend aus einer Million
Zahlen für die Öffnung benötigt. Stellen Sie sich vor, dass Sie 999.999
Zahlen korrekt wissen und nur eine einzige Zahl falsch haben. Diese eine
falsche Zahl verhindert, dass Sie diesen Safe öffnen können. Jede einzelne
Person ist ebenfalls eine kritische Zahl im g"ttlichen Schema. Jeder Mensch
wurde für einen speziellen spezifischen Zweck erschaffen; jeder hat eine
spezielle und einzigartige Funktion zu erfüllen, um diesen großen Schatz
erschließen und die Welt erlösen zu können. Wenn eine Person in ihrer
Aufgabe versagt, bleibt der ganze Schatz verschlossen. So lehrte uns auch
Hillel: "Wenn ich nicht mache, was ich machen sollte, wer wird mich
ersetzen?"
Wenn Sie dies wissen, wie können Sie Ihren Nächsten nicht
gerne haben? Um so mehr, wie können Sie sich selbst nicht gerne haben? Rabbi
Akiva sagte: "Liebe deinen Nächsten so wie dich, dies ist eine große Regel
in der Thora." Sie können Ihren Nächsten nicht wirklich gerne haben, wenn
Sie nicht wissen, was es bedeutet, sich selbst zu lieben.
Das Erste, das man sich merken soll, ist, sich selbst zu
respektieren. Wer wirklichen Respekt vor sich selbst hat, wird niemals einen
anderen Menschen klein machen. Andere klein machen bedeutet, dass man seinen
eigenen Selbstwert noch nicht entdeckt hat. Man hat noch nicht verstanden,
dass man im göttlichen Ebenbild erschaffen wurde.
Begräbnis, Boxkampf und die Suche nach Derech Erez
Das Prinzip vom Respekt vor dem Menschen geht soweit, dass
man einen toten Körper begraben muss, unabhängig davon, ob dies ein Jude
oder ein Nichtjude, ein Armer oder ein Reicher, der Präsident oder ein
Kleinbauer, ein Heiliger oder ein Mörder war. Man darf keinen Körper
unbegraben lassen. Wer dies tut, bringt Schande über "das Ebenbild G"ttes".
Das jüdische Gesetz verlangt deshalb auch von jüdischen Soldaten, mit den
Körpern der Feinde so respektvoll wie möglich umzugehen. Ein anderes
menschliches Wesen mag ein Feind sein; aber die Tatsache, dass es im
Ebenbild von G"tt geschaffen wurde, bleibt bestehen. Wenn ein Mensch tot
ist. gehört der Körper G"tt und muss deshalb mit Würde behandelt und in die
Erde zurückgebracht werden, von wo G"tt ihn ursprünglich genommen hat."
Wir müssen uns im Klaren sein, dass mangelndes Bewusstsein
der angeborenen Göttlichkeit und Würde des menschlichen Wesens, das
Gegenteil von Derech Erez. sehr lief in der heutigen Gesellschaft verankert
ist. Stellen Sie sich einen Boxkampf vor, ein Ereignis, das normalerweise
die Aufmerksamkeit von Millionen von Zuschauern auf sich zieht. Zwei Männer
schlagen sich gegenseitig ins Gesicht, bis einer von ihnen bewusstlos
umfallt. Je fester der Schlag ist, desto mehr applaudiert die Menge.
Könnten Sie sich eine heilige Person, zum Beispiel den Chafez
Chajim, an einem Boxkampf vorstellen? Er würde beim Gedanken daran in
Ohnmacht fallen. Gemäß dem Talmud wird jemand, der dem anderen einen Schlag
gibt und ihm dadurch Beschämung verursacht, mit einer großen Geldsumme
gebüßt. Die menschliche Würde und das göttliche Ebenbild wurden verletzt.
Heutzutage schlagen sich Menschen während fünfzehn Runden ins Gesicht und es
ist ein Medienspektakel mit internationaler Beachtung.
Sogar "nicht-gewalttätige" Sportarten tendieren zu
Hässlichkeit. Die Sehnsucht nach Sieg, nach absoluter Dominanz ist die
Grundlage jeder Wettkampfart. Oft ist es nicht einmal der Sieg, der gesucht
wird, sondern die Tatsache, dass der Verlierer beschämt wurde. Es gibt
meistens bei den Fans ein sadistisches Vergnügen. Mit großem Jubel wird
gefeiert, dass die Gegnermannschaft gedemütigt und besiegt wurde. Warum sind
sie so aufgeregt? Weil der Ball im Netz gelandet ist; weil eine Mannschaft
zwei Punkte mehr hat? Was ist das große Vergnügen dabei?
Dies ist nicht nur beim Sport so, sondern auch in der
Politik. Die Schlammschlachten haben neue Dimensionen erreicht. Eine "gute"
Kampagne ist heute nicht gewonnen, wenn ein Kandidat seine Ansichten gut
darstellt, sondern wenn er möglichst viele Beschuldigungen, ob wahr oder
nicht, gegen seinen Opponenten bringen kann.
Die Ursache von all dem ist sehr einfach; die Menschen haben
die Bedeutung von menschlicher Würde verloren. Sie haben die wahre Bedeutung
von Derech Erez verloren. Im schlechtesten Fall versuchen sie aktiv, das
g"ttliche Ebenbild zu erniedrigen. Wer in der modernen Welt lebt, sogar
religiöse und sonst isolierte Juden, wird durch diesen generellen Trend
beeinflusst. Wir müssen deshalb mehr denn je Derech Erez betonen.
Keine Thora ohne Derech Erez
Derech Erez kommt vor der Thora. Wenn man würdig für die
Thora sein möchte und von den 613 Gesetzen der Thora profitieren will, muss
man zuerst ein Leben von Derech Erez leben. Wird dies nicht erreicht, welche
Religion praktiziert man in Wirklichkeit? Die wichtigste Lehre des
Eröffnungsbuchs der Thora, der Thora unserer Erzväter, ist die Lehre, dass
jeder Mensch, also auch Sie und ich, im Ebenbild von G"tt geschaffen wurde.
Nur wenn man diese erste Lehre von Derech Erez - menschliche Würde und
Selbstrespekt - lernt, ist man wirklich für die Fortsetzung bereit, nämlich
die Thora von Moses.
Jedes Detail von jeder Geschichte im Buch Genesis ist für
alle Juden äußerst bedeutsam, speziell heute. Die Beschreibung, wer der
Schöpfer ist, wie die Welt entstanden ist, wie der Schöpfer den Menschen in
seinem Ebenbild schuf, wie sich die menschliche Zivilisation entwickelte
(wie die Menschen G"tt entdeckten und ebenso, wie ihm nicht gehorchten oder
gegen G"tt rebellierten) etc. lehrt uns, wie wir wirklich den wahren Derech
Erez entwickeln sollten. Ein sorgfältiges Studium des Buchs Genesis ist
deshalb eines der besten Dinge, die man für sich selbst das ganze Jahr
hindurch machen kann.
Im Anfang schuf G'tt...
Die beste aller
möglichen Welten
Bereschith
- Im Anfang
(LauderBerlin) |
Bereschit
(haParaschah nach N.Leibowitz) |
BeReshith - Im Anfang
(Das erste Kapitel der Torah in der Buber-Rosenzweig Übersetzung) |
BeReshith
(Hebräischer Text - Sefer beReschith) |
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Haftarah zum Schabath BeReschith:
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23-10-2003
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