
Aus dem Vorwort des Buches zum Sefer Tehilim
von Rabbiner Samson Rafael Hirsch
Tehilim 96
Schiru
- Schir chadasch!
...Fortsetzung des vorherigen
Teils.
Hischtachavu laAdonaj
beHaderath-Kodesch,
chilu mipanav kol-haArez!
Fallt nieder dem Ewigen in heilgem Schmuck, erbebet
vor ihm alle Erde!
V. 9. Hischtachavu
Legt euch mit allem Eurigen Gott zur Erfüllung Seines Dienstes zu Füssen.
beHaderath-Kodesch,
in der Herrlichkeitsentfaltung, die das Heiligtum dem Menschen verleiht.
Diese Herrlichkeit, dieses HDR ist aber Gott gegenüber selbst nur HDRH,
ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes.
chilu, chil sind wesentlich die kreissenden Geburtswehen. Die
ganze Erde möge
mipanav, vor dem Ernst Seines Angesichts, widerstandslos in die
kreissenden Wehen ihrer Wiedergeburt eingehen.
Amru
baGojim Adonaj Malakh, af-Tikon Tewel bal-Timot, jadin 'Amim beMejscharim.
Sagt bei den Völkern: 'König - der Ewige!' Gar sicher das
Festland - ohne Wanken. Er wird richten Nationen in Geradheit.
Siehe Ps.
93, 1. Sprecht es unter den als Machteinheiten gerüsteten Nationen aus,
nicht eher werde die Menschenwelt zur Ruhe gelangen, bis Gott die
Herrschaft auf Erden angetreten haben, und Er, Sein Wille, Sein Gesetz
die Menschengesellschaften in Mejscharim
richten wird.
Die Basis der auf Gottes Willen zu erbauenden Menschengesellschaft ist
ZeDeK, Recht, dessen Verwirklichung MiSCHPaT, die Rechtsordnung, und
dessen Anwendung auf den einzelnen Fall DIN, das Rechtsurteil heisst.
Allein eine Huldigung des Rechts, nach welcher jeder sich nicht nur mit
seinen Ansprüchen, sondern auch mit seinen Leistungen nur innerhalb der
vom Recht bezeichneten Grenzen hält, genügt weder für die sittliche
Vollendung des Menschen, noch für die Heilesgestaltung der
Menschengesellschaft.

LO
CHARWAH IRUSCHALAJIM
ELE AL SCHEHE'MIDU DIWREHEM
AL DIN TORAH
(Bawa Mezia 30b)
Der jüdische Staat
ist zugrunde gegangen, weil sie ihre Handlungsweise lediglich auf das
strikte Recht basierten.
Für unsere Leistungen muss zu dem Begriff ZeDeK der Begriff ZDaKaH
hinzukommen, der Begriff der Pflicht, der uns dem Nächsten auch das zu
leisten gebietet, worauf er aus sich keinen Anspruch hat, was aber
seiner Wohlfahrt und unserer, uns von Gott erteilten Bestimmung und
Aufgabe entspricht (Vgl. Pent. Bereschit 15, 6; 18, 19; Dewarim S.235).
Dieses wohltuende Pflichtleben heisst hier MISCHaRIM, das JaSCHaR, das
Gerade, unserer Natur und Bestimmung Entsprechende (vgl. Pent. Dewarim
6, 18; 12, 25).
Jismechu
haSchamajim vetagel
haArez, jre'am
haJam uMleoo.
Es freue sich der Himmel und es juble die Erde, es tose das Meer
und was es füllt.
Ja'los Sadej vekhal-aschär-bo,
as jeranenu
kol-'Azej-Ja'ar,
Es jauchzt das Feld und alles was darauf, dann jubeln alle
Bäume des Waldes,
lifenej
Adonaj, ki ba, ki ba lischpot haArez, jischpot-Tewel beZedek
ve'Amim
beÄmunatho.
vorm Ewigen, denn er kommt, denn er kommt zu richten die
Welt, richten das Festland in Gerechtigkeit und Völker in seiner Treue.
V. 11-13.: Nicht nur hier, überall,
wo im heiligen Schrifttum die einstige Erlösung der Menschheit von der
Sünde und deren Rückkehr zu ihrer ureigenen sittlich reinen Bestimmung
unter Gott gefeiert wird, begegnen wir zugleich einer wieder
aufblühenden Verjüngung der Natur. Es ist dies keine poetische Floskel.
Es besteht ein inniges Band zwischen dem sittlichen Verhalten der
Menschen und dem Gedeihen oder Gehemmtsein der Naturwelt, in welche Gott
zur Lösung seiner Aufgabe den Menschen eingesetzt (siehe Pent. zu
Bereschit 3, 17 — 19). Allein abgesehen davon: Wenn die Menschheit
ihre Bestimmung erreicht, dann gelangt auch alles, was dem Menschen
reift, und von ihm für seine Zwecke verwendet wird, zu seiner
eigentlichen, höheren Bestimmung.
Allein, solange der Mensch alles, was seinem Dasein und Wirken dient, und
was er Seiner Herrschaft unterwirft, nur in dem Dienst seiner
Sinnlichkeit verbraucht, dann trauert der Himmel, wenn er sieht, welches
Leben er mit dem Licht seiner Sonne weckt und mit seinen Regen- und
Tautropfen großzieht, und, nach einem Ausdruck der Weisen, seitdem die
Erde ihren Mund geöffnet, um das Blut eines Menschen von der Mörderhand
seines Bruders aufzunehmen, seitdem hat sie ihren Mund nicht wieder zum
heiteren Ausdruck aufgetan, sondern verstummt in stummem Weh über das
Nichtige und Verbrecherische des Menschenlebens, zu dessen Erzeugerin,
Trägerin und Ernährerin sie verurteilt ist.
Äcker und Felder freuen sich, wenn ihre Gaben zu einem gottgefälligen
Menschenleben verwendet, und aus einem unfreien, physischen Naturleben,
in den Bereich gottnaher, sittlicher Freiheit gehoben werden. Wird aber
die Kraft, welche die Ähre dem Muskel verleiht, zu brudermörderischer
Handlung, der Wein, den die Traube spendet, zu Genussvertierung
verwendet, dann trauern Ähre und Traube.
Ganz besonders treten in diesen Schilderungen immer die
Bäume des Waldes hervor. Der Wald ist gleichsam die Stadt der
Tierwelt, und, gefällt, dienen seine Bäume dem Häuserbau und den
mannigfachsten Zwecken des Einzel- und Verkehrslebens des Menschen.
Steigt der Mensch auf Bergeshöhen und fällt Waldesriesen, um seine
Bauten aufzuführen, und in diesen Bauten ein wahrhaft menschliches Leben
zu entfalten, dann freuen sich die Bäume; sie haben früher einem
schuldfreien, aber vernunftlosen Tierleben als Herberge gedient, und
sind nun Wohnungen, in denen sich der gottgleiche Adel eines geistigen
und sittlichen, gottgeweihten Strebens entfaltet. Müssen aber Zeder und
Eiche von ihrer Höhe herabsteigen, um nichtigen Bestrebungen der
Üppigkeit und der Gewalt zu dienen, dann weint und klagt der Wald: Was
hat der Mensch für ein Recht, in die vernunftlose aber schuldfreie Natur
einzugreifen, wenn er, der Vernunftfähige, sie einem vernunftwidrigen,
schuldbesteckten Leben dienstbar macht?
Darum freut sich der Himmel, freudig laut wird die Erde, es jubeln die Gefilde,
dann jauchzen auch alle Waldesbäume, wenn Gott eingreift in den irdischen Kreis,
die Erde zu ordnen, die Ordnung der Menschenwelt auf der Basis des Rechts
herzustellen und die Menschengesellschaften durch Seine, sie nimmer verlassende
Treue zu ihrem Heil zu erziehen.
Mitten in der Schilderung der freudigen Erregung der
ganzen Natur steht
jre'am haJam uMleoo.
Nun ist R'AM sonst nicht der Ausdruck einer freudigen Erregung. Speziell
heisst es ja: Donner, und kommt auch sonst nur in ernster Anwendung vor,
R'AM SCHRIM VTRU'AH, vom Kriegslärm (Ijow 39,25), R'AMU PNIM (Jecheskel
27,35), eine Bestürzung, wie vom Donner gerührt. Ahnlich: B'AWUR HR'AMIH
(Schemuel 1. 6). Es bedürfte der Erwägung, in welchem Sinn dieser
Ausdruck hier zu verstehen sei. Vielleicht braust das Meer im Donner
seiner Wogen heran, in der Erwartung, dass es beim bevorstehenden
Gottesgericht über die Menschen als Strafwerkzeug der verdienten
Vernichtung dienen solle, nicht ahnend, dass jetzt die beglückende
Unterordnung unter Gottes Heilesleitung beginnen soll, und die Erde
vielmehr in freudiger Erregung diesem endlichen Anbruch des
Gottesreiches auf Erden entgegensehe.
Transliteration
und Translation
(ohne Kommentar)
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