In
diesem Artikel möchte ich gerne liturgische Fragen erörtern. Das ist zur
Zeit ein „heißes Eisen”, denn eine Liturgiekommission hat über mehrere
Wochen getagt und ist nun mit einem neuen Gebetbuch hervorgetreten. Die
Fragen, was eigentlich darin stehen soll und wie es gelayoutet werden
sollte, haben zu großen Debatten unter den Mitgliedern und Betenden
geführt.Was ist Liturgie? Es ist das Material, aus dem eine religiöse
Handlung, ein Gottesdienst besteht. Wie die Liturgie gebraucht wird –
wer den Gottesdienst leiten darf, wo er dann steht, wo und wie eine
Prozession durchgeführt wird usw., ist eine Frage des Rituals. Aber der
Kontext – die Worte und die Melodien und die Reihenfolge, nach der
Gebete und Hymnen und Gedichte und Texte verlesen und gesungen werden –
das ist Liturgie. Und mich als Rabbiner fasziniert Liturgie.
Die Entwicklung der Liturgie
Es gibt so viele Fragen, die man stellen muß, wenn eine Gruppe sich
trifft, um gemeinsam zu beten. Als Allererstes – können wir davon
ausgehen, daß sie alle zum selben Gott beten? Na, hoffen wir’s einmal!
Tatsächlich wird diese Frage durch die Liturgie abgesichert, denn wenn
die Liturgie klar und verständlich ist und wenn die Betenden ehrlich
sind, dann ist jeder, der einem anderen Gott oder einem anderen Ding
huldigt, höflich ausgeschlossen.
Wenn die Liturgie hingegen nicht klar ist, wenn also Betende nicht
verstehen, was sie eigentlich da lesen oder singen, und lediglich von
Musik oder der schönen Atmosphäre fortgetragen werden, dann funktioniert
das natürlich nicht. Deshalb halte ich als Rabbiner eine klare und
eindeutige Liturgie für so wichtig.
Es gibt mehrere traditionelle jüdische Liturgien. Alle sind sie
natürlich menschliche Konstrukte und alle sind sie „relativ spät”. Damit
meine ich, daß uns nirgendwo in der Thorah ein Hinweis darauf gegeben
wird, wie wir zu beten haben. Die Bibel spricht von einem Ritual und
weniger von Liturgie. Die Betenden haben sich an einem bestimmten Ort zu
versammeln – dem Tempel –, zu bestimmten Zeiten – so zum Beispiel am
Schabbat und an Festtagen. Manchmal sollen sie zu Erntezeiten
erscheinen, manchmal geschieht es aus dem Bedürfnis, Rat oder Vergebung
zu erbitten. Aber keines von ihren Worten ist uns überliefert, und auch
nicht, wie wir sprechen sollten.
Zur Zeit des Talmud, nach der Zerstörung des Zweiten Tempels, finden
wir Verweise auf bestimmte Gebete, die gesprochen, wie auch bestimmte
Psalmen, die gesungen wurden. Niemand aber weiß, wer beispielsweise als
erster die Amidah dichtete. Niemand weiß, wer bestimmte Gebete
vor und nach dem Schema schrieb, und niemand, wer als erster das
Kaddisch verfaßte. Wir haben zwar Theorien, bruchstückhafte
Informationen, aber keine „Erstausgaben” oder Angaben zu den Autoren.
Wir wissen nur, daß diese Gebete Formen annahmen, die sich etablierten
und populär wurden – so populär, daß sie niedergeschrieben und später
gedruckt wurden, und noch später als „klassisch” galten. Lieder von
Kabbalisten des 16. Jahrhunderts wurden zum Eingangs-Gottesdienst von
Schabbat (Kabbalat Schabbat) hinzugefügt. Pijjutim
mittelalterlicher Dichter fanden Aufnahme in die Liturgie. Der Prozeß
geht bis zum heutigen Tag fort, denn die Gebetbücher sind dynamisch
geblieben, nicht statisch und reflektieren – dies ist zu hoffen! –, was
jede Betgruppe beten möchte. Wenn etwas gut und bedeutsam ist, kann man
es aufnehmen. Ist etwas überholt oder irrelevant, kann es neugefaßt oder
aber weggelassen werden.
Worum sollen wir beten?
Wir haben also ein System und gleichzeitig keines – was zu
interessanten Diskussionen führt. Einerseits haben wir ein System, durch
das theoretisch jeder Gemeinde erlaubt ist, ihre eigene Liturgie
zusammenzustellen, die ihren Bedürfnissen entspricht. Es gibt keinen
einzigen autorisierten Text, wie dies im Gegensatz dazu bei der Torah
der Fall ist. Andererseits gibt es aber verschiedene gewichtige
Traditionen und Bräuche und gewisse Grundlagen, die wirklich beinhaltet
sein müssen, was auch immer man sonst an der Liturgie ändert. Wie also
soll man eine Balance finden?
Ich halte es für wesentlich, daß man nur um das beten sollte, was man
will oder glaubt oder wenigstens glauben möchte oder zu wünschen glaubt.
Das bedeutet: Ebensowenig, wie ich in ein Restaurant gehen und etwas
bestellen würde, von dem ich glaube, daß ich es wohl nicht mögen werde,
würde ich nicht in ein Gotteshaus gehen und um etwas beten, was ich
nicht wollte. Was mich betrifft wäre das die Wiedererrichtung des
Tempels oder die Wiederherstellung der Tieropfer oder die neuerliche
Einführung einer irdischen Monarchie nach dem Vorbild der davidischen
Monarchie. Ich hätte Mühe, zu Gott um die Erhaltung eines korrupten
Regimes oder eines Tyrannen zu beten. Mir fiele es schwer, um Krieg zu
beten.
Als Rabbiner der Synagoge in der Oranienburger Straße möchte ich
hoffen, daß die Mehrheit derer, die dort beten, diese Grundideen teilen.
Ich habe bisher nur die negativen Aspekte dargelegt, man könnte aber
auch positive Gedanken angeben, wie zum Beispiel das Gebet um Frieden
für alle Menschen in der Welt, um Gerechtigkeit für alle, für die
Rechte von Männern und Frauen bei der Teilnahme am Ritual (und der
Liturgie) und so weiter. Da wir einen akkuraten Kalender haben, der auf
den in Israel abgestimmt ist, wäre ich ganz glücklich, wenn sich nicht
alle Feste über zwei Tage hinziehen müssten, weil man sich versehentlich
um einen Tag vertun könnte.
Obwohl ich mir – wie wir alle – nicht ganz sicher bin, was ich
eigentlich glaube, bin ich mir in manchen Dingen sehr sicher, daß ich
sie nicht glaube, und daher möchte ich nicht darum beten. Das
wäre töricht, heuchlerisch und möglicherweise sogar gefährlich. Denn
wenn ich auch darum bete, woran ich nicht glaube, wie kann ich Gott dann
von meiner Ernsthaftigkeit überzeugen, wenn ich um etwas bete, woran ich
tatsächlich einmal glaube, und wie würde ich wohl reagieren, falls –
verhüte Gott! – die falschen und nicht ernsthaften Gebete als erstes
erhört würden? Es sind dies theologische Fragen, die ihre Gültigkeit
besitzen.
Unwissenheit ist gefährlich
Darum halte ich es für wichtig, daß jedes Gebetbuch, das wir
benützen, klare und verständliche Übersetzungen enthält, und daß der
Gottesdienst den Betenden erlauben sollte, zu verstehen, was gelesen und
gesungen wird. Unwissenheit ist gefährlich. Es fallen uns genügend
Menschen ein, die „Hare Krischnah” singen, ohne zu wissen, was sie damit
meinen – weil die Melodie so nett ist – und dasselbe kann man von der
Lateinischen Messe sagen. Nur weil etwas ein nettes Liedchen ist – oder
„traditionell” ist -, heißt dies nicht, daß es darum im Hier und Jetzt
passend für uns ist! Für mich ist der Inhalt wichtiger als die Form –
Liturgie ist wichtiger als Ritual.
Die Liturgiekommission beschloß, Transliterationen (Umschriften) ins
Gebetbuch einzufügen, damit jene Betenden, die laut auf Hebräisch lesen
wollen (aber nicht fließend Hebräisch lesen können) eine Möglichkeit
dazu haben. Eine schöne Idee, denn sie erlaubt diesen Menschen, sich als
ein Teil der Gruppe zu fühlen, und verhindert, daß sie verlorengehen und
beschämt werden. Wenn das tatsächlich hilft, bin ich ganz dafür. Wenn
aber das Singen auf Hebräisch nur mehr zum rhythmischen Mantra werden
sollte, bar jeder Bedeutung, und die Betenden es unterlassen, die
Übersetzung zu lesen – dann wird das Ritual die Oberhand gewonnen haben,
und wir haben eine Gemeinde spiritueller Zombies.
Und wer wollte solch eine Gemeinde haben?
Schalom und ein gutes Beten
Rabbiner Walter Rothschild
Gekürzte Fassung eines Artikels für die Oranienburger Straße, Berlin
vom Februar 2000