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Jüdisches Gebet:
Von der Bedeutung der Liturgie

Rabbiner Walter Rothschild

In diesem Artikel möchte ich gerne liturgische Fragen erörtern. Das ist zur Zeit ein „heißes Eisen”, denn eine Liturgiekommission hat über mehrere Wochen getagt und ist nun mit einem neuen Gebetbuch hervorgetreten. Die Fragen, was eigentlich darin stehen soll und wie es gelayoutet werden sollte, haben zu großen Debatten unter den Mitgliedern und Betenden geführt.

Was ist Liturgie? Es ist das Material, aus dem eine religiöse Handlung, ein Gottesdienst besteht. Wie die Liturgie gebraucht wird – wer den Gottesdienst leiten darf, wo er dann steht, wo und wie eine Prozession durchgeführt wird usw., ist eine Frage des Rituals. Aber der Kontext – die Worte und die Melodien und die Reihenfolge, nach der Gebete und Hymnen und Gedichte und Texte verlesen und gesungen werden – das ist Liturgie. Und mich als Rabbiner fasziniert Liturgie.

Die Entwicklung der Liturgie

Es gibt so viele Fragen, die man stellen muß, wenn eine Gruppe sich trifft, um gemeinsam zu beten. Als Allererstes – können wir davon ausgehen, daß sie alle zum selben Gott beten? Na, hoffen wir’s einmal! Tatsächlich wird diese Frage durch die Liturgie abgesichert, denn wenn die Liturgie klar und verständlich ist und wenn die Betenden ehrlich sind, dann ist jeder, der einem anderen Gott oder einem anderen Ding huldigt, höflich ausgeschlossen.

Wenn die Liturgie hingegen nicht klar ist, wenn also Betende nicht verstehen, was sie eigentlich da lesen oder singen, und lediglich von Musik oder der schönen Atmosphäre fortgetragen werden, dann funktioniert das natürlich nicht. Deshalb halte ich als Rabbiner eine klare und eindeutige Liturgie für so wichtig.

Es gibt mehrere traditionelle jüdische Liturgien. Alle sind sie natürlich menschliche Konstrukte und alle sind sie „relativ spät”. Damit meine ich, daß uns nirgendwo in der Thorah ein Hinweis darauf gegeben wird, wie wir zu beten haben. Die Bibel spricht von einem Ritual und weniger von Liturgie. Die Betenden haben sich an einem bestimmten Ort zu versammeln – dem Tempel –, zu bestimmten Zeiten – so zum Beispiel am Schabbat und an Festtagen. Manchmal sollen sie zu Erntezeiten erscheinen, manchmal geschieht es aus dem Bedürfnis, Rat oder Vergebung zu erbitten. Aber keines von ihren Worten ist uns überliefert, und auch nicht, wie wir sprechen sollten.

Zur Zeit des Talmud, nach der Zerstörung des Zweiten Tempels, finden wir Verweise auf bestimmte Gebete, die gesprochen, wie auch bestimmte Psalmen, die gesungen wurden. Niemand aber weiß, wer beispielsweise als erster die Amidah dichtete. Niemand weiß, wer bestimmte Gebete vor und nach dem Schema schrieb, und niemand, wer als erster das Kaddisch verfaßte. Wir haben zwar Theorien, bruchstückhafte Informationen, aber keine „Erstausgaben” oder Angaben zu den Autoren. Wir wissen nur, daß diese Gebete Formen annahmen, die sich etablierten und populär wurden – so populär, daß sie niedergeschrieben und später gedruckt wurden, und noch später als „klassisch” galten. Lieder von Kabbalisten des 16. Jahrhunderts wurden zum Eingangs-Gottesdienst von Schabbat (Kabbalat Schabbat) hinzugefügt. Pijjutim mittelalterlicher Dichter fanden Aufnahme in die Liturgie. Der Prozeß geht bis zum heutigen Tag fort, denn die Gebetbücher sind dynamisch geblieben, nicht statisch und reflektieren – dies ist zu hoffen! –, was jede Betgruppe beten möchte. Wenn etwas gut und bedeutsam ist, kann man es aufnehmen. Ist etwas überholt oder irrelevant, kann es neugefaßt oder aber weggelassen werden.

Worum sollen wir beten?

Wir haben also ein System und gleichzeitig keines – was zu interessanten Diskussionen führt. Einerseits haben wir ein System, durch das theoretisch jeder Gemeinde erlaubt ist, ihre eigene Liturgie zusammenzustellen, die ihren Bedürfnissen entspricht. Es gibt keinen einzigen autorisierten Text, wie dies im Gegensatz dazu bei der Torah der Fall ist. Andererseits gibt es aber verschiedene gewichtige Traditionen und Bräuche und gewisse Grundlagen, die wirklich beinhaltet sein müssen, was auch immer man sonst an der Liturgie ändert. Wie also soll man eine Balance finden?

Ich halte es für wesentlich, daß man nur um das beten sollte, was man will oder glaubt oder wenigstens glauben möchte oder zu wünschen glaubt. Das bedeutet: Ebensowenig, wie ich in ein Restaurant gehen und etwas bestellen würde, von dem ich glaube, daß ich es wohl nicht mögen werde, würde ich nicht in ein Gotteshaus gehen und um etwas beten, was ich nicht wollte. Was mich betrifft wäre das die Wiedererrichtung des Tempels oder die Wiederherstellung der Tieropfer oder die neuerliche Einführung einer irdischen Monarchie nach dem Vorbild der davidischen Monarchie. Ich hätte Mühe, zu Gott um die Erhaltung eines korrupten Regimes oder eines Tyrannen zu beten. Mir fiele es schwer, um Krieg zu beten.

Als Rabbiner der Synagoge in der Oranienburger Straße möchte ich hoffen, daß die Mehrheit derer, die dort beten, diese Grundideen teilen. Ich habe bisher nur die negativen Aspekte dargelegt, man könnte aber auch positive Gedanken angeben, wie zum Beispiel das Gebet um Frieden für alle Menschen in der Welt, um Gerechtigkeit für alle, für die Rechte von Männern und Frauen bei der Teilnahme am Ritual (und der Liturgie) und so weiter. Da wir einen akkuraten Kalender haben, der auf den in Israel abgestimmt ist, wäre ich ganz glücklich, wenn sich nicht alle Feste über zwei Tage hinziehen müssten, weil man sich versehentlich um einen Tag vertun könnte.

Obwohl ich mir – wie wir alle – nicht ganz sicher bin, was ich eigentlich glaube, bin ich mir in manchen Dingen sehr sicher, daß ich sie nicht glaube, und daher möchte ich nicht darum beten. Das wäre töricht, heuchlerisch und möglicherweise sogar gefährlich. Denn wenn ich auch darum bete, woran ich nicht glaube, wie kann ich Gott dann von meiner Ernsthaftigkeit überzeugen, wenn ich um etwas bete, woran ich tatsächlich einmal glaube, und wie würde ich wohl reagieren, falls – verhüte Gott! – die falschen und nicht ernsthaften Gebete als erstes erhört würden? Es sind dies theologische Fragen, die ihre Gültigkeit besitzen.

Unwissenheit ist gefährlich

Darum halte ich es für wichtig, daß jedes Gebetbuch, das wir benützen, klare und verständliche Übersetzungen enthält, und daß der Gottesdienst den Betenden erlauben sollte, zu verstehen, was gelesen und gesungen wird. Unwissenheit ist gefährlich. Es fallen uns genügend Menschen ein, die „Hare Krischnah” singen, ohne zu wissen, was sie damit meinen – weil die Melodie so nett ist – und dasselbe kann man von der Lateinischen Messe sagen. Nur weil etwas ein nettes Liedchen ist – oder „traditionell” ist -, heißt dies nicht, daß es darum im Hier und Jetzt passend für uns ist! Für mich ist der Inhalt wichtiger als die Form – Liturgie ist wichtiger als Ritual.

Die Liturgiekommission beschloß, Transliterationen (Umschriften) ins Gebetbuch einzufügen, damit jene Betenden, die laut auf Hebräisch lesen wollen (aber nicht fließend Hebräisch lesen können) eine Möglichkeit dazu haben. Eine schöne Idee, denn sie erlaubt diesen Menschen, sich als ein Teil der Gruppe zu fühlen, und verhindert, daß sie verlorengehen und beschämt werden. Wenn das tatsächlich hilft, bin ich ganz dafür. Wenn aber das Singen auf Hebräisch nur mehr zum rhythmischen Mantra werden sollte, bar jeder Bedeutung, und die Betenden es unterlassen, die Übersetzung zu lesen – dann wird das Ritual die Oberhand gewonnen haben, und wir haben eine Gemeinde spiritueller Zombies.

Und wer wollte solch eine Gemeinde haben?

Schalom und ein gutes Beten

Rabbiner Walter Rothschild

Gekürzte Fassung eines Artikels für die Oranienburger Straße, Berlin vom Februar 2000

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Das Prinzip des Dialogs:
Das gesungene Gebet in der Synagoge
Will man vom Synagogengesang sprechen, so muss man sich erst einmal mit dem religiösen Ritual der Juden auseinandersetzen. Dieses hat seine ersten Anfänge bereits zu Zeiten da von Moses, der Grundstein zum kollektiven Gottesdienst gelegt wurde...

Zur Erinnerung an Harry Foß und Leo Roth:

Die Erhabenheit der Stimme des Menschen

Kantorale Gesänge gehören im Judentum zu den wichtigen Ausdrucksformen der Frömmigkeit. Besonders in den osteuropäischen Gemeinden, wie sie vor ihrer Vernichtung existierten, waren sie das Herzstück des Gottesdienstes und der Vorbeter oder Kantor, auf hebräisch "Chasan", war das Herz der Gläubigen und bewegte ihre Herzen in und mit seinem Gesang...

Synagogale Musik:
I
n jedem Gesang und in jedem Lied...
Das Kaddisch können wir so verstehen, dass der Name des Heiligen, gelobt sei er, erhaben und erhoben sei, in jedem Gesang und in jedem Lied, durch jedes Lob und jeden Trost, durch jedes Gebet und alle Worte, die jemals in dieser Welt gesagt oder gedacht, gesungen oder gerufen werden...



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