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Koscher leben...
 
 

Chabad Lubawitsch:
Der Messias als Gott - oder christliches Denken in der Orthodoxie

2. Teil eines Artikels von Micha Brumlik (Teil 1 hier)

Die Neuentstehung des christlichen Gedankens

Man kann den Kern des christlichen Gedankens, wie er sich im Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels herausbildete, so fassen: Der Gott Israels schickte sein erlösendes Wort unter Israel und die Menschen, wobei dieses erlösende Wort in Gestalt eines Menschen auftrat, der zugleich die Aufgabe hatte, Israel und die Welt zu erlösen.

Dieser Glaube hat die vom rabbinischen Judentum in Reaktion darauf strikt abgelehnte Konsequenz, dass erstens Gott selbst sich in einem Menschen manifestiert und - zweitens - dass auch ein toter Messias Messias bleibt.

Der jüdische Religionswissenschaftler Alon Goshen-Gottstein zitiert 2005 im dem christlich-jüdischen Dialog gewidmeten "Freiburger Rundbrief" in einem Beitrag zur jüdischen Inkarnationstheologie aus einer Ansprache des verstorbenen Schneerson: "So wie Israel und die Tora und Gott im wörtlichen Sinne eins sind, und nicht nur indem sich Israel an die Tora bindet und die Tora an Gott, so ist es mit der Bindung der Chassidim an den Meister, wobei es sich nicht um zwei Dinge handelt, die vereint werden, sondern sie werden buchstäblich "einer". Und der Meister ist nicht ein "dazwischentretender Vermittler", und deshalb sind für den Schüler Meister und Gott "einer". Deshalb ist nicht nach einem Vermittler zu fragen, denn sein Sein und sein Wesen haben in ihm Platz genommen.

Handelt es sich um Götzendienst? Läuft die in der Fluchtlinie der spätmittelalterlichen Kabbala liegende Spekulation von der Göttlichkeit der jüdischen Seelen tatsächlich auf eine Vergottung des jüdischen Volkes und daraus abgeleitet auf eine Vergottung des letzten Messias, Menachem Mendel Schneerson hinaus? Auf die Angriffe etwa des sephardischen Oberrabbiners Ovadia Joseph reagierten Schneersons Jünger mit umfangreichen Belegstellen aus Bibel und Talmud, so dass inzwischen von einer ernsthaften, mit Gründen geführten Auseinandersetzung zu sprechen ist.

Als bedeutendste gelehrte Stimme in dieser Auseinandersetzung kann der neoorthodoxe, als Professor für Jüdische Geschichte am Brooklyn College in New York wirkende David Berger gelten, dessen 2001 erschienenes Buch "The Rebbe, the Messiah and the Scandal of Orthodox Indifference" (Der Rebbe, der Messias und der Skandal orthodoxer Gleichgültigkeit) nicht nur ein weiteres Mal nachzeichnet, mit welch hohem strategischen Geschick die Sekte Einfluss in den Gemeinden auch in Nordamerika gewinnt, sondern auch den Nachweis fuhrt, dass die Messiasvergottung der Lubawitscher den Prinzipien des rabbinischen Judentums gemäß "Awoda Zarah", das heißt Götzendienst ist. Berger zeichnet nicht nur nach, dass die Messianisten unter den Lubawitschern tatsächlich so wie die ersten Christen den geradezu antirabbinischen Gedanken eines toten, beziehungsweise nach seinem physischen Tod "irgendwie" weiterlebenden Messias bekennen, sondern dass sie auch in ihren Gottesdiensten der Verehrung von Schneerson eine besondere Rolle zukommen lassen - vor allem durch die regelmäßige Einschaltung einer neuen, zentralen Beracha, eines Segensspruches folgenden Wortlautes: "Jechi Adonenu Morenu veRabenu Melekh haMoshiach leOlam va'ed", zu deutsch: "Es lebe unser Herr, unser Lehrer und unser Raw, der König Messias für immer."

Da der Titel "Adonaj" im jüdischen Gottesdienst bisher nur Gott selbst vorbehalten blieb, lässt sich auch hier eine Parallele zum frühen Christentum aufweisen: bekanntlich beglaubigten Paulus und andere den nach ihrer Überzeugung gekreuzigten und auferweckten Jesus von Nazareth mit dem griechischen Ausdruck "Kyrios", was wiederum nichts anderes bedeutet als "Herr" - "Adon".

Über diese zweideutigen, aber zentralen Glaubensbekenntnisse der Lubawitscher hinaus will David Berger noch weitere, freilich nun innerhalb der Lubawitscher Chassidim umstrittene Äußerungen gefunden haben. So etwa in einem 1996 erschienenen Erbauungsbuch, in dem sich nach einer Wundererzählung über Schneerson eine erweiterte Beracha nach dem "Jechi" findet: "...Adonenu, Rabbenu veBorenu, Melekh haMoshiach", zu deutsch: Es lebe unser Herr, Lehrer und Schöpfer, der König Messias in alle Ewigkeit". Die Belege, die Berger für diese Ansicht aus einer Fülle der Sekte entstammender Schriften vorlegt, sind überzeugend. Gleichwohl: Die Frage, ob der Messias Schneerson tatsächlich Gott ist, dass sich also Gott in ihm in besonderer, unüberholbarer Weise gezeigt hat, scheint in der Sekte selbst derzeit noch umstritten zu sein.

Konsequenzen?

Angesichts dieser seriösen Befunde kann es nicht länger angehen, der Sekte mit der dankbaren Haltung "Die tun halt was" ohne Diskussion ihrer theologischen Grundlagen in den Gemeinden mehr und mehr Raum zu geben. Anstelle dankbarer Entgegennahme missionarischer Wohltaten sollten die Gemeinden diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen und theologisch klären lassen. Denkbar wäre eine Anfrage an die beiden deutschen Rabbinerkonferenzen, ob sie der Auffassung sind, ob Chabad Lubawitsch bei allen sonstigen Verdiensten mit ihrer Vergottung Schneersons "Awoda Zara" betreiben oder nicht.

Es ist gut möglich, dass auch die hiesigen zwei Rabbinerkonferenzen wie so manche US-amerikanische Rabbinerkonferenz zu dem Schluss kommen, dass das nicht der Fall ist. Man muss sich freilich darüber klar sein, dass dann auch die Frage halachisch lebender, sogenannter Messianischer Juden, also Juden, die glauben, dass Jesus von Nazareth der "Moschiach" sei, nicht mehr mit den gleichen Abwehrreflexen beantwortet werden kann wie bisher. Vor einigen Jahren fragte ich bei einer Podiumsdiskussion den Rabbiner einer in Florida beheimateten konservativen Kongregation von an Jesus glaubenden Juden, wie sie es denn mit Menachem Mendel Schneersohn hielten. Die Antwort war kurz und bündig: "He opened the doors for us".

Prof. Dr. Micha Brumlik, Jg. 1947 lehrt an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt "Allgemeine Erziehungswissenschaft" und ist Mitglied und Mitgründer des Egalitären Minians der Frankfurter Jüdischen Gemeinde. Im September erschien sein Buch "Kritik des Zionismus -- eine systematische Vergewisserung zur Lage des jüdischen Volkes und zur Solidarität mit Israel

Buchtipp

David Berger:
The Rebbe, the Messiah, and the Scandal of Orthodox Indifference

The Littman Library of Jewish Civilization,
Oxford 2001, 206 Seiten

Berger erhielt seine Smicha von der Yeshiva University und ist Professor für Geschichte am Brooklyn College, an der City University of New York und Fellow der American Academy for Jewish Research.

Sue Fishkoß:
The Rebbe's Army. Inside the World of Chabad-Lubavitch

Trade Paperback, Random House (Schocken),
New-York 2005, 368 Seiten

Fishkoff schreibt u. a. für die "Jerusalem Post" und für "Moment". Sie erhielt Preise der National Newspaper Association. der American Jewish Press Association und des B'nai B rith World Center.

Jüdische Zeitung 2007

Chabad Lubawitsch:
Der Messias als Gott - oder christliches Denken in der Orthodoxie
Der Kern des christlichen Gedankens, wie er sich im Judentum zur Zeit des Zweiten Tempels herausbildete, besagt, der Gott Israels schickte sein erlösendes Wort unter Israel und die Menschen. Das erlösende Wort trat in Gestalt eines Menschen auf. Dieser Glaube hat die vom rabbinischen Judentum strikt abgelehnte Konsequenz, dass erstens Gott selbst sich in einem Menschen manifestiert und - zweitens - dass auch ein toter Messias Messias bleibt...

hagalil.com 15-10-2007



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