Judentum und Israel
haGalil onLine - http://www.hagalil.com
     
Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!

hagalil.com


e-Postkarten

Newsletter abonnieren

Bücher / Morascha
Koscher leben...

Tourismus
Sie können haGalil auch mit "Flattr" ganz einfach unterstützen. Lassen Sie's einfach mal klicken...
Flattr this

 

 [Die Halacha im Jüdischen Jahreslauf] [Forum]

Fast- und Trauertage:
Die Bedeutung der Trauertage für unsere Zeit

Wenn wir nach den Ursachen für die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels, und damit dem entgültigen Verlust der jüdischen Eigenstaatlichkeit fragen, so müssen wir äußere und innere Gründe unterscheiden.

Von Zwi Braun und David Wasserstein, München

Die äußeren Ursachen, das waren die aufstrebenden Weltmächte Babylon und Rom, militärische und wirtschaftliche Riesen, deren Expansionsdrang und Eroberungssucht auch stärkere Staaten als das kleine Israel zum Opfer fielen. Aber war das Auftreten von Babylon und Rom notwendigerweise verbunden mit dem Verschwinden des jüdischen Staates? Folgte aus dem Großmachtstreben der beiden zwangsläufig, daß auch der jüdische Staat ihnen zum Opfer fallen mußte? Eine solche Denkweise würde beinhalten, daß der Gang der Geschichte alleine bestimmt wird von der Geltung der Waffen und des Geldes und von der Macht des Stärkeren. Dies aber widerspricht zutiefst jüdischem Geschichtsverständnis.

"Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen" verkündet der Prophet Secharja (Kap. 4, Vers 6).

Die Geschichte des jüdischen Volkes beweist dies in aller Deutlichkeit. Wieviele Großmächte sind längst in Schutt und Asche versunken, wie oft sind nicht einmal Spuren zurückgeblieben, während das schwache jüdische Volk sie alle überlebt hat!

Rom und Babylon waren zwar äußerer Anlaß für den Untergang des jüdischen Staates, nicht aber innere Ursache; mechanisches Werkzeug in der Hand G'ttes, aber nicht selbständig, aus eigener Dynamik heraus Handelnde.

Was waren die inneren Gründe, die den vielfach von den Propheten vorausgesagten und angedrohten Untergang herbeiführten?

Der Talmud faßt sie an einer Stelle mit der ihm eigenen kurzen Ausdrucksweise zusammen: "Warum wurde der erste Tempel zerstört? Wegen dreier Dinge: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen.
Der zweite Tempel aber, während dessen Dauer man sich mit Thora, Mitzwot und Wohltätigkeit befaßte, warum wurde er zerstört? Wegen "sin'at chinam", das ist zerstörender Haß ohne Anlaß. Das lehrt dich, daß "sin'at chinam" so schwer wiegt, wie die drei anderen Sünden: Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen" (Talmud, Traktat Joma 9b).

Die Anklagen, die die Propheten während des ersten Tempels vorbrachten, waren die der sozialen Ungerechtigkeit, der Ausbeutung der Armen, der Witwen und Waisen, waren Mißachtung des Rechtes und waren das mechanisch, ohne Sinn und innere Absicht dargebrachte Opfer. Die Sprache der Propheten, die immer wieder gewarnt haben, ist sehr eindrucksvoll und man sollte die entsprechenden Kapitel einmal selbst lesen, z. B. Jesaja Kap. 1 und 3, oder Jeremia, Kap. 2, in denen die damaligen Verhältnisse in aller Dringlichkeit geschildert sind.
Nicht nur in den Beziehungen von Mensch zu G'tt, sondern vor allem auch in den Beziehungen von Mensch zu Mensch, war der am Sinai geschlossene Bund gebrochen, und sein Sinn ausgehöhlt und ad absurdum geführt worden, so daß das g'ttliche Strafgericht eintraf.

Verbleiben wir einmal bei der Ursache für den Untergang des zweiten Tempels, dem "sin'at chinam". An einer Stelle im Talmudtraktat Gittin, 55 b, wird durch eine Geschichte, eine Aggada, dieser Begriff gut erklärt:

Ein Mann hatte einen Freund, Kamza, und einen Feind, BarKamza. Eines Tages gab er ein Festmahl und hieß seinen Bediensteten, seinen Freund Kamza einzuladen. Der Bedienstete jedoch irrte sich und brachte den Bar-Kamza.
Der Gastgeber sah diesen am Tische sitzen und herrschte ihn an: "Du bist doch mein Feind, was tust Du also hier? Steh auf und verschwinde!" Da erwiderte ihm Bar-Kamza: "Weil ich nun schon einmal gekommen bin, so laß mich hier und ich bezahle für alles, was ich verzehre." Der Gastgeber erwiderte: "Nein". "Ich bezahle Dir die Hälfte des ganzen Bankettes". "Nein". "Ich bezahle Dir das Ganze". "Nein", sprach der Gastgeber und ließ ihn hinauswerfen. Da sagte Bar-Kamza: "Weil die Gelehrten anwesend waren und nicht eingriffen, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen, so werde ich sie dafür beim römischen Kaiser verleumden".

Des weiteren erzählt nun der Talmud, wie Bar-Kamza als Provokateur wirkte und die Römer zum Eingreifen veranlaßte.

Jetzt verstehen wir auch den Spruch des Talmud, der sich über den Untergang des zweiten Tempels wundert, obwohl sich die Menschen doch mit der Thora befaßten. Dies war aber ein formelles, äußeres Lernen, das nicht vom Handeln gefolgt war. Die Gelehrten blieben untätig, als ein Mitbürger lächerlich gemacht, verhöhnt und erniedrigt wurde. Sie schritten nicht ein und so war ihr ganzes Lernen umsonst und sinnlos, denn es war nicht vom Handeln gefolgt. Indifferenz gegenüber dem Schicksal des Nächsten, gleichgültiges Beiseitestehen, passives Verhalten und aktives, haßerfülltes Handeln zerstörte die Grundlagen, auf die ein funktionierendes Gemeinwesen aufbaut.

Die zur gleichen Zeit entbrennenden Bruderkriege im jüdischen Königshaus vervollkommnen das Bild einer innerlich bereits baufälligen, ausgehöhlten Gesellschaft, der Rom nur den äußeren Todesstoß versetzte.

Von welch ungeheurer Bedeutung der innere Zusammenhalt, der innere Friede in einem Gemeinwesen und besonders im jüdischen ist, welch schützende Mauer das menschliche Miteinander und Füreinander darstellt, das schildert uns ein Midrasch:

Rabbi Eleasar aus Kapar sagte: "Groß ist der Frieden, denn sogar, wenn Israel Götzendienst treibt, doch sie bilden eine Einheit, kann ihnen das g'ttliche Gericht nichts anhaben"

Hier wird dem Gedanken Ausdruck verliehen, daß geregelte zwischenmenschliche Beziehungen sogar noch vor den Beziehungen von Mensch zu G'tt kommen.

Können wir für unsere Zeit eine Lehre daraus ziehen? Gerade heute, wo die jüdische Gesellschaft eine pluralistische ist, wo so viele Strömungen und Selbstverständnisse von Judentum existieren, die oft sehr stark von der reinen und echten Grundlage des Judentums, der Thora, abweichen oder ihr sogar manchmal entgegengesetzt sind, gerade heute ist der innere Friede das Vordringlichste, was Israel, sowohl das Volk als auch der Staat, benötigt. Nur bei Frieden im Inneren können wir auch dem äußeren Feind widerstehen, nur wenn das "weahawta lereacha kamocha" (Du sollst Deinen Nächsten lieben, er ist wie Du!) verwirklicht ist, und sei es das einzige Gebot der Thora, das uns Juden alle eint, nur dann haben wir auch Aussicht auf einen äußeren Frieden.

Sind die zwischenmenschlichen Beziehungen erst einmal intakt, dann können auch die Beziehungen zu G'tt verstärkt, vervielfacht und neu geknüpft werden. Dann haben wir bereits einen Grundstein für die Errichtung des Tempels gelegt und dürfen hoffen, daß er bald, bimhera bejamenu, erbaut werde.

Es ist müßig, darüber zu sprechen, welchen Einfluß die Zerstörung des zweiten Tempels auf das Schicksal des jüdischen Volkes hatte. Ist doch hier die Ursache zu suchen für das unruhige Leben, das die Juden, als Gäste in fremden Ländern und bei fremden Völkern mit anderen Religionen und Lebensanschauungen, während der letzten 2000 Jahre führen mußten, ständiger Willkür und ständigem Haß ausgeliefert.

Als am 9. Aw des Jahres 586 v. Nebukadnezar den Tempel und damit die Freiheit der Juden zum erstenmal zerstörte, war die Hoffnungslosigkeit groß. Genauso hoffnungslos mögen die Generationen vor uns, seit der Zerstörung des zweiten Tempels, gewesen sein. Wir aber erleben, daß die Juden wieder einen Staat besitzen, und daß sie ihre Freiheit und Sicherheit wiedergewonnen haben.

Der Prophet Secharja sagt in Kap. 8, Vers 19: So spricht der Ewige der Heerscharen: das Fasten des vierten, und das Fasten des fünften, und das Fasten des siebenten und das Fasten des zehnten, werden dem Hause Jehuda zu Jubel und Freude und zu fröhlichen Festzeiten.

Diese Zahlenangaben weisen uns auf die einzelnen Monate hin, in denen unsere Trauertage liegen; der vierte ist Tammus, der fünfte ist Aw, der siebente ist Tischri und der zehnte ist Tewet.

Aus den Worten des Propheten Secharja können wir also entnehmen, daß alle unsere Trauertage sich in Freudentage umwandeln werden, in den Tagen, wenn der Tempel wiedererbaut wird.

Tischa-be'aw, der Höhepunkt unserer Trauertage, hat in dieser Beziehung einen besonderen Glanz bekommen, denn nach unserer Überlieferung wird der Messias an einem 9. Aw geboren werden.

Wir begehen unsere Trauertage durch Fasten. Es läßt sich die Frage stellen, ob dieses Fasten zeitgemäß ist, denn Fasten gilt als eine der unangenehmsten Formen der Erfüllung eines Gebotes. Setzt man aber das große Unglück, welches Israel damals unmittelbar und im Verlauf der letzten 2000 Jahre mittelbar getroffen hat, in Relation zu einer angemessenen Form des Gedenkens, so wird man sich klar werden, daß das Fasten die einzig mögliche Form darstellt.

Das Fasten ist eine der größten Beschränkungen, die uns vom Gesetz auferlegt ist. Alle diese Beschränkungen haben aber neben ihrem direkten Bezug auf die Lebensweise des Menschen oder auf Ereignisse noch eine weitere Konsequenz: durch die auferlegten und eingehaltenen Beschränkungen hat sich der Jude abgehärtet, nicht einem jeden Verlangen sofort nachzugeben.

Das ist es, was ihn von anderen Völkern unterscheidet, und nur das ist letzten Endes der Grund, daß das jüdische Volk alle Katastrophen, die über Israel hereinbrachen, überstehen konnte.

  1. Vorwort
  2. I Tischa-be'aw
    II Dinim für Tischa-be'aw
  3. Schiva-aßar be'tammus
  4. Die "Drei Wochen"
  5. Die "Neun Tage"
  6. Aßara be'tewet
  7. Zom Gedalja
  8. Dinim und Minhagim für Shiva-aßar be'tammus, Aßara be'tewet und Zom Gedalja
  9. Die Bedeutung der Trauertage für unsere Zeit

Zwi Braun, München
David Wasserstein, München

Als allgemeine Literatur sei angegeben:

Aus "Die jüdischen Feiertage - unter Betonung der religiösen Praxis, der Halacha".



Fragen an die Rebbezin...
Jüdische Weisheit
haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München

1995-2010... © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved