An Schawuot erinnern wir
uns an die Offenbarung auf dem Berg Sinai. Eine Offenbarung, bei der unser
erstes (nicht letztes, nicht endgültiges!) Gesetzessystem gegeben wurde.
Was sind Gesetze? Gesetze sind Regeln, die
eine Gesellschaft ertragbar machen. Menschen, die in der gleichen Stadt, im
gleichen Land leben müssen (oder möchten), brauchen ein verständliches System,
damit sie miteinander leben können. Sonst gibt es Chaos, Anarchie; die Stärksten
reißen alles an sich...
Und deswegen brauchen wir Gesetze. Nehmen
wir, als kleines Beispiel, Verkehrsregeln. Wer darf Auto fahren, und wo, und wie
schnell, in welche Richtung ? Wer soll seine Fähigkeiten, seine Gesundheit,
seine Augen prüfen lassen, und wie oft? Wer soll wie sein Auto prüfen lassen?
Wer ist zuständig, wenn irgendein Autofahrer sich nicht an die Regeln hält? Wer
ist zuständig dafür, dass neue Autofahrer richtig ausgebildet werden, dass es
Verkehrsschilder und Straßenbeleuchtung gibt und dass sie gewartet werden?
Man könnte diese Metapher weitertreiben.
Einige Grundfaktoren sind schwer miteinander zu vergleichen. Ist es einfacher in
Meilen statt in Kilometern zu rechnen? Ist es sicherer, wenn Autos auf der
linken und nicht auf der rechten Seite fahren? (Als Engländer weiß ich, dass
beides möglich ist – die Hauptgefahr entsteht dann, wenn auch nur einer oder
einige die Regeln selber ändern möchten!)
Natürlich gibt es manchmal mehrere mögliche
Antworten. Keine zwei Länder haben das gleiche System, die Juristen arbeiten
immer nach neuen Interpretationen. Ab und zu kommen völlig neue Probleme vor –
Auto- und Straßenverkehr waren natürlich vor einem Jahrhundert etwas ganz Neues.
Jetzt stehen wir vor Fragen wie Stammzellenforschung, Klonen, Euthanasie,
Genmanipulation usw. Also – was ist zu tun? Hier möchte ich keine Antworten
geben, hier möchte ich einfach sagen – wie Kohelet, der Prediger – „es gibt
nichts Neues unter der Sonne“.
Moses und die Kinder Israels standen auch
vor Problemen. Sie waren gerade aus der Knechtschaft in Ägypten befreit worden.
Sie hatten bisher keine Struktur für ihre Gesellschaft. Sie standen vor neuen
Aufgaben in einer neuen Welt – der Wüste. Sie waren jetzt „frei“, aber Freiheit
bringt viele Verantwortlichkeiten mit sich. Ihre Pflichten anderen Menschen
gegenüber, Familienmitgliedern oder Stammesbrüdern gegenüber, Gott gegenüber,
ihr Verhältnis zu einem bestimmten Land, zu Tieren – all dies und vieles mehr
musste geregelt werden. Für Mosche keine leichte Aufgabe – und, wie wir lesen,
war es auch für Gott nicht so einfach.
Gab es Alternativen? Eigentlich ja. Einige
wollten zurück nach Ägypten gehen; einige wollten selbst die Führung übernehmen;
die Mehrheit hatte Angst, vorwärts zu gehen – hatte nicht genügend
Selbstvertrauen, nicht genug Vertrauen in Gott. Und so lesen wir in den vier
Büchern von Schemot weiter – einfach war es nicht.
Aber – ohne solche Bestrebungen, ohne solche Gesetze, ohne ein solches System
wäre es viel schlimmer gewesen. Das wissen wir aus anderen Epochen, als die
Gesetze ungerecht waren ...
In der Torah werden Richter "Elohim"
genannt – sie vertreten Gott vor den Menschen, indem sie für Gerechtigkeit
arbeiten. Die Priester vertreten die Menschen vor Gott – aber die Richter
vertreten Gott, und Gottes Willen, vor dem Volk. Ein interessantes Konzept. Wir
reden nicht von trockener, abstrakter Theorie, sondern von Menschen, die Hilfe
brauchen, damit sie miteinander leben können.
Hag Sameach!
Rabbiner Walter
Rothschild, Siwan - Tamus 5762