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Die Enzyklopädie zu Purim:
Das Buch Esther
Nach Gaalyahu Cornfelds "haMikra baOlam"
1. Einordnung des Buches. 2.
Inhalt des Buches. 3.
Entstehungszeit und Verfasser. 4.
Historische Bedeutung. 5.
Archäologische Zeugnisse. 6.
Religiöse und moralische Bedeutung.
1. Einordnung des Buches
Das Buch Esther ist die
fünfte der Fünf Megiloth
(Schriftrollen), die in der hebräischen Bibel in der Reihenfolge angeordnet
sind, in der sie an bestimmten Festen des religiösen Festkalenders gelesen
werden. In der Übersetzung der Septuaginta und der Vulgata steht Esther als
letztes der Historischen Bücher. Das Buch enthält eine teils historische,
teils legendäre Geschichte über die Entstehung des jüdischen Purim-
(=Lose-) Festes. Das Buch kann nicht allzulange nach der persischen Epoche (s.Persien
und Israel) geschrieben worden sein.
Als Beweis für seine frühe Entstehungszeit führen einige
Wissenschaftler die Tatsache an, dass es keinerlei Spuren eines griechischen
Einflusses aufweist; freilich ist dies kein unbedingt zwingender Beweis. Es
wurde gelegentlich darauf hingewiesen, dass der Autor viele persische Worte
in seine Erzählung eingestreut hat. Er war mit persischen Bräuchen vertraut
und gab der ganzen Geschichte ein deutlich persisches Kolorit. Das
veranlasste viele Bibelwissenschaftler zu der Annahme, der Verfasser des
Buches Esther habe tatsächlich in Persien gelebt (s. unten 3).
2. Inhalt des Buches
Kap. 1 u. 2: Ahasveros, der König von Persien und
Medien, hielt in Susa (der alten Hauptstadt von Elam, das zu seinem Reich
gehörte) ein großes Gastmahl. Als der König in bester Weinlaune war, befahl
er, Vasthi, die Königin, herzubringen, um sie den Gästen vorzustellen. Die
Königin weigerte sich jedoch, zu erscheinen. Daraufhin wurde ihr eine harte
Strafe auferlegt. Sie wurde abgesetzt, und ihr königlicher Rang sollte
»einer anderen, die besser ist als sie« gegeben werden. Um eine Nachfolgerin
für Vasthi zu finden, brachte man »Jungfrauen von jugendlich schöner
Gestalt« aus allen Teilen des Reiches nach Susa. Esther war eine dieser
Jungfrauen. Der Jude Mordechaj (Mardochai) hatte sie nach dem Tod ihrer
Eltern, mit denen er verwandt war, adoptiert. Nachdem sie sich im Frauenhaus
der Pflege ihrer Schönheit gewidmet hatte, gefiel sie dem König, und er
machte sie an Stelle Vasthis zur Königin.
Damals deckte Mardochai eine Verschwörung gegen den König auf, und seine Tat
wurde für den König im Buch der Zeitgeschichte aufgezeichnet.
Kap. 3: Bald gelangte ein Mann namens Haman zu
höherer Stellung und Würde. Der König setzte ihn über alle seine Minister,
und alle Untergebenen hatten ihm zu gehorchen. Allein Mardochai widersetzte
sich dem königlichen Befehl und weigerte sich, vor Haman die Knie zu beugen.
Voller Zorn suchte Haman, Mardochais Landsleute, die Juden, auszurotten. Der
König gab seine Zustimmung.
Kap. 4 u. 5: Mardochai bat Esther um Fürsprache
beim König für ihre Landsleute. Esther sagte ihm, er solle ein dreitägiges
Fasten anordnen. Danach werde sie vor dem König erscheinen, obwohl sie nicht
gerufen sei und damit ihr Leben in Gefahr bringe. Denn niemand durfte
ungebeten vor den König hin treten. Tat er es dennoch, so wurde er dem
Gesetz und Brauch am Hofe gemäß getötet, - es sei denn, der Herrscher
streckte ihm das goldene Zepter entgegen.
Als sie drei Tage lang gefastet hatte, erschien Esther vor dem König. Als er
nach ihrem Begehr fragte, lud sie ihn ein, zusammen mit Haman zu einem
Gastmahl zu kommen, das sie am gleichen Abend geben wollte.
Auch am folgenden Abend sollte ein Gastmahl gehalten werden. Als Haman das
hörte, fühlte er sich geehrt und ging hocherfreut vom Hofe nach Hause. Er
hatte einen fünfzig Ellen hohen Pfahl errichten lassen, an dem er Mardochai
aufhängen wollte, sobald er des Königs Zustimmung hierzu erhalten hätte.
Kap. 6: In dieser Nacht konnte der König keinen
Schlaf finden. Er ließ sich daher von seinen Höflingen einen Abschnitt aus
der Chronik vorlesen, in dem beschrieben war, wie ihm Mardochai einmal das
Leben gerettet hatte. Da entdeckte der König, dass Mardochai für diese Tat
noch keine Belohnung erhalten hatte. Als nun Haman am folgenden Morgen kam,
um die Bestätigung für die Vollstreckung des Todesurteils an Mardochai zu
erhalten, fragte ihn der König, was wohl mit einem Mann zu geschehen habe,
den der König zu ehren wünsche. Haman, der glaubte, ihm selber sei diese
Ehre zugedacht, antwortete, einem solchen Mann seien königliche Gewänder
anzulegen und er sei auf dem Pferd des Königs durch die Straßen der Stadt zu
geleiten. So befahl denn der König, nach diesem Vorschlag mit Mardochai zu
verfahren.
Haman führte den königlichen Befehl aus, kehrte dann aber »traurig und
verhüllten Hauptes« nach Hause zurück.
Kap. 7 u. 8: Beim zweiten Gastmahl, das Esther dem
König und Haman gab, eröffnete sie dem König Hamans heimtückische Pläne.
Dieser befahl daraufhin, Haman sei an den Galgen zu hängen, den er für
Mardochai errichten ließ. Noch am gleichen Tag wurde Mardochai an Stelle
Hamans in dessen hohes Amt eingesetzt. Der König ordnete zudem an, die
Verfügung Hamans gegen die Juden sei zurückzunehmen; die Juden dürften sich
auch verteidigen.
Kap. 9: Am 13. Tag des Monats Adar schlugen die Juden ihre Feinde in
den Provinzen und am 13. und 14. Adar ihre Gegner in der Burg Susa und den
Städten und töteten die zehn Söhne Hamans. Daraufhin begingen sie am 14. und
15. Adar ein Festgelage zum Gedächtnis ihrer eigenen Befreiung und der
künftiger Geschlechter. Die beiden Festtage heißen »purim«, weil Haman zur
Vernichtung der Juden das »Los« ( = pur) geworfen hatte.
Kap. 10: Dieses Kapitel ist ein Epilog und scheint
dem Gesamtwerk als Anhang beigefügt worden zu sein. Man kann es dahin gehend
interpretieren, dass damit dem Buch Esther historische Glaubwürdigkeit
verliehen werden sollte, zumal es darin heißt, sein Inhalt sei »in der
Chronik der Könige von Medien und Persien« aufgezeichnet.
3. Entstehungszeit und Verfasser
Das Buch ist durchweg in einfachem und ansprechendem
Erzählerstil geschrieben und wird gewöhnlich als ein homogenes Werk
betrachtet, obgleich einige Wissenschaftler einige Verse am Ende des Buches
für einen Anhang halten. Wenn das Buch auch wahrend der sog. persischen
Periode entstanden zu sein scheint, so wird es weder selbst noch seine
Hauptgestalten bei Jesus ben Sirach (s.
Deuterokanonische Bücher) erwähnt; auch im
1. Buch der Makkabäer, das vom Nikanor-Tag berichtet, an dem das
Gedächtnis an die Niederlage des syrischen Generals am 13. Adar des Jahres
161 v. Chr. begangen wird, findet sich keinerlei Hinweis auf das Buch
Esther. Einige Bibelwissenschaftler glauben, aus dieser Tatsache eine
Verbindung zwischen der Esthergeschichte und den Makkabäerkrie-gen folgern
zu können. »Der Tag des Mardochai-Festes« wird jedoch im
2. Makkabäerbuch
(15,36) erwähnt, das, nach V. Tscherikower, um 120 v. Chr. zusammengestellt
wurde; damit ist allerdings nur bewiesen, dass bis dahin das Buch Esther
noch nicht unter die kanonischen Schriften aufgenommen worden war.
Bemerkenswerterweise ist Esther das einzige Buch des AT,
das sich nicht unter den Qumranschriften fand. Selbst noch zu Beginn der
amoraischen (talmudischen - 5.Jhdt. n.Chr.) Periode gab es Widerstände gegen
dessen Kanonisierung (Talmud Babyl., Megilla 7a). Erst als das Purimfest
immer mehr religiösen Charakter erhielt, betrachtete man das Buch Esther
nicht mehr als eine profane Schrift und nahm es in den Kanon auf. Die
Rabanim schrieben damals vor, das Buch sei am Vorabend und am Morgen des
Purimfestes zu lesen.
4. Historische Bedeutung
Über die historische Bedeutung des Buches Esther gibt es
zwei Auslegungen. Einige Wissenschaftler halten das Buch für eine
historische Erzählung, die mit einer Reihe literarischer Ausschmückungen
versehen ist. Andere halten die Geschichte für frei erfunden; ihr
historischer Kern sei im romantischen und literarischen Beiwerk
untergegangen. Dies sei durch die märchenähnlichen Bestandteile der
Erzählung bezeugt (das arme Mädchen, das wie Aschenbrödel groß und berühmt
wird; der Bösewicht, der in die Grube fällt, die er für einen Gerechten
gegraben hatte) und durch die Tatsache, dass in anderen Quellen nirgendwo
auf die im Buch berichteten Begebenheiten Bezug genommen wird.
Selbst jene, die einen historischen Kern des Buches annehmen, können keine
exakten Daten der geschilderten Ereignisse nennen, da man über jene ganze
Epoche viel zu wenig weiß. Zumindest sind aber die allgemeinen Verhältnisse
der Erzählung authentisch, denn das Buch zeugt von der Kenntnis der
persischen Sitten und Bräuche; z. B. der Kronrat (1,14), die Art wie Helden
oder königliche Günstlinge geehrt werden (6, 8), Einzelheiten über das
Boten-System des Reiches (3, 15; 8, 14), die Schilderung des luxuriösen
Hoflebens und der Gastmähler (1, 3-7) sowie der Austausch von Geschenken am
persischen Neujahrsfest.
5. Archäologische Zeugnisse
Ausgrabungsfeld
von Susa
Die Überreste von Persepolis - und noch mehr die von Susa
- bezeugen die im Buch erwähnten Ereignisse. Man hat Inschriften gefunden,
die zwischen Susa, der Königsburg, und Susa, der Stadt, unterscheiden. So
lässt das Buch denn auch ganz richtig das Mahl für das Volk in der »Burg
Susa« (1, 2), »auf dem Vorplatz des Gartens beim königlichen Schloß« (1, 5),
stattfinden. Ausgrabungen in Susa (Abb.) und Persepolis haben zahlreiche
Säulen zutage gefördert, zwischen denen farbige feine Baumwolltücher
gespannt wurden, so wie es in 1, 6 beschrieben ist.
Der
wiederaufgebaute Harem von Persepolis
In Susa wurde der Stadtplatz, »der vor dem Königstor lag«
(4,6), freigelegt; ebenso der Harem (Abb.), der einen Ausgang zum Palasttor
hatte. Dadurch wird die Genauigkeit der Beschreibung Esthers in allen
Einzelheiten bestätigt, wie sie im »inneren Hof des Königspalastes, dem
Palast gegenüber« stand, »während der König im Königspalast, dem Palasttor
gegenüber, auf seinem königlichen Throne saß« (5,1). Vom Harem führte ein
Korridor zur inneren Vorhalle des Palastes.
In dieser inneren Vorhalle, dem Korridor gegenüber, der vom Harem herführte,
befand sich der Thronsaal (die »Königshalle«, die in 5,2 erwähnt wird).
Das Relief aus der »Halle der hundert Säulen«, das in der zweiten Residenz
der Perserkönige in Persepolis (Abb.) freigelegt wurde, mag einen Eindruck
von diesem Thronsaal vermitteln (s.
Persien und Israel).
In der Mitte der Wand, gegenüber dem Eingangstor, stand der Hochthron, von
dem aus der König alle sehen konnte, die sich ihm näherten, indem er über
den Vorhang hinwegblickte, der ihn von den um Audienz Bittenden trennte.
Einen
Eindruck vom Palast in Susa mag auch der Hof der persischen Könige in der
zweiten Hauptstadt des Reiches, Persepolis, vermitteln
Auch die Beschreibung der Halle des Festmahls, die sich
zum Schlossgarten hin öffnete, erweist sich als in allen Einzelheiten
korrekt (7,7). Eine der Hallen im Königspalast zu Susa hatte Ähnlichkeit mit
dem Audienzsaal oder apadana des Darius zu Persepolis (Abb.).
Eine große Treppe führte zum Audienzsaal, der mit Reliefdarstellungen von
Soldaten und Tieren geschmückt war (Abb.).
Das
Buch Esther berichtet von Reliefdarstellungen von Soldaten und Tieren im
Palast zu Susa, derartigen Wandschmuck entdeckte man auch in Persepolis.
Trotz der Fülle archäologischer Zeugnisse ist es dennoch
unmöglich, irgendeinen historischen Beleg für die im Buch angeführten
Ereignisse zu finden.
Die Geschichte kennt nicht einmal die Namen der Hauptgestalten. Zudem
stimmen gewisse Einzelheiten, wie etwa die Darstellung des Verhältnisses
zwischen Juden und Nichtjuden, nicht mit den historischen Tatsachen überein.
Ebenso kann der erwähnte König Ahasveros unmöglich mit einem der persischen
Könige identisch sein.
Der Verfasser konnte allerdings Khschayärschä, der unter dem Namen Xerxes
(486-465 v. Chr.) besser bekannt ist, gemeint haben. Jedenfalls entsprach
die allgemeine Lage in Persien zur Zeit dieses Herrschers in etwa dem Bild,
das im Buch gezeichnet ist. Die Beschreibung des Königs als eines
grobsinnlichen Charakters paßt sehr wohl auf Xerxes, wie ihn Herodot und
Aischylos dargestellt haben. Allerdings würde diese Beschreibung auf andere
persische Herrscher ebenso passen; sie hilft daher sehr wenig zu einer
Identifizierung des Ahasveros im Buch Esther.
Ebenso fällt es schwer, ein persisches Wort zu finden, das
mit dem Wort Pur (mit der Bedeutung »Los«) identisch ist; denn davon ist der
hebr. Plural »purim« (3,7; 9,26) abgeleitet, nach dem das Fest benannt ist.
Anscheinend ist das Wort akkadischen Ursprungs
(s.Assyrien und Israel, Babylon und Israel).
Man muss den Versuch aufgeben, das Buch in die ihm gemäße historische Umwelt
einzufügen. Immerhin sind gewisse historische Elemente darin enthalten.
6. Religiöse und moralische Bedeutung
Es ist erstaunlich, dass im Buch Esther weder der Name
Gottes noch irgendeines der göttlichen Attribute vorkommt. Es hat den
Anschein, als ob sich alle Geschehnisse ohne jegliches göttliche Zutun
ereignet hätten; was bleibt, ist rein profane Volkssage.
Viele Bibelwissenschaftler vertreten die Ansicht, es sei eines der
spezifischen Anliegen des Buches, das jüdische Volk zu preisen und die
Heiden lächerlich zu machen. Dies sei den vielen Textpassagen zu entnehmen,
deren Humor einen gewissen satirischen Zug gegen die Perser verrät. Man hat
auch darauf hingewiesen, dass der Geist des ganzen Buches von einer Zeit
geprägt zu sein scheint, in der Juden und Heiden sich gründlich gehasst
haben müssen. Die Moral, die der ganzen Geschichte zugrunde zu liegen
scheint, dürfte wohl heißen: »Liebe die Deinen und hasse deine Feinde.«
Manche schließen daraus auf recht kämpferische Religiosität und
Nationalismus. Es kann jedoch auch auf eine sehr konsequente Moral
hingewiesen werden, wonach jegliches Übel gemäß seiner eigenen Bosheit
bestraft wird: Haman erhielt die Strafe, die er einem anderen zugedacht
hatte.
Das Buch Esther ist durchweg im jüdischen Geist gehalten. Mardochai weigert
sich, vor Haman niederzuknien (3,2); die Juden behalten ihre ihnen
eigentümlichen Bräuche bei (3,8); und der Bösewicht geht in die Falle, die
er dem Gerechten gestellt hatte.
Die moralischen Qualitäten der Erzählung wurden oft in Zweifel gezogen, weil
die darin vorkommenden Juden blutdürstig und rachgierig erscheinen. Aber
auch im Kampf der Juden zu ihrer eigenen Verteidigung gilt keine
Ausnahmemoral, im Gegenteil: es wird eigens darauf hingewiesen, dass sie nur
kämpften, um ihr Leben zu retten, »ohne jedoch Hab und Gut anzutasten«
(9,16). Das entspricht der Tradition des Gesetzes über den »Heiligen Krieg«
(s. Kriegführung). Das Fest wurde mit Frohsinn,
Trinken und unter lärmendem Jubel gefeiert (s. Feste
und Feiertage).
Es gibt verschiedene Theorien, die das Fest auf einen heidnischen Ursprung
zurückführen wollen; einmal soll es von einem persischen Frühlingsfest
hergeleitet sein, dann wiederum habe es sich aus einem zoroastrischen
Totenfest (s.Persien und Israel) entwickelt
- oder aber es liege ihm ein babylonisches Neujahrsfest zugrunde. Diese
Theorien sind allerdings reine Vermutungen.
Die
Bibel und ihre Welt.
Eine Enzyklopädie zur Heiligen Schrift in drei Bänden.
Herausgegeben von Gaalyahu Cornfeld

hagalil.com
28-03-2005
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