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Jüdische Feiertage - Pessach

Pessach:
Ein Leitfaden durch den Seder

II.Teil von Rabbiner Walter Rothschild, Berlin

4. Ur’chaz

Wörtlich: „und wasche" – vom Hebräischen R’chaz. Normalerweise würde man den passenden Segensspruch zum Waschen der Hände sagen – in diesem Falle aber ißt man nicht mehr als einen kleinen Appetithappen, und dadurch wird der Segen für die nächste Gelegenheit aufbewahrt, Schritt 6 der Ordnung, die Rachzah.

5. Karpass

Dieses eigenartige Wort taucht in den jüdischen Schriften nur drei oder vier Male, und zwar im Jerusalemer Talmud auf und soll „Petersilie" oder „Sellerie" heißen. Im ‘Schulchan Aruch’ wird Rettich empfohlen. Wie dem auch sei, der Karpas ist ein grünes Kraut oder Gemüse, das man als Aperitif in eine bittere Sauce – Essig oder Salzwasser – eintunkt. Und das nimmt auf jeden Fall den Weingeschmack!
Der Segensspruch ist der reguläre über Gemüse, es gibt keine spezielle Tradition, nach der Karpas überhaupt etwas repräsentiert und es ist wahrscheinlich einfach nur ein Überbleibsel alter Essensbräuche, in denen man mit einer „Vorspeise" beginnt, um den Gaumen zu kitzeln und die Geschmacksknospen in Stimmung zu versetzen.

6. Jachaz

Drei Mazzot wurden oben auf den Tisch gestellt – die „rituellen" Mazzot im Unterschied zu den übrigen, den die Menschen über den Abend hin und den Rest der Woche essen werden. Warum drei? Eine traditionelle Antwort ist, daß sie die drei Unterteilungen des jüdischen Volkes repräsentieren – „Cohen", „Levi" und „Israel". Anschaulich zwar, aber relativ unwahrscheinlich mehr als ein Versuch, eine Verbindung mit einer weiteren Zahl drei herzustellen. Warum sollte schließlich eine „Levi"-Mazza entzweigebrochen werden? Wahrscheinlicher ist es, daß drei die Mindestzahl sein muß, um eine „mittlere" zu haben. Alles was bisher geschieht, ist, daß derjenige, der den Seder leitet (in manchen Haushalten nennt man ihn den „Vater" oder „Hausherrn"!, obwohl es keinen Grund gibt, warum eine Frau nicht ebenso den Seder leiten sollte), die mittlere Mazza in zwei Teile bricht. Eine Hälfte wird als Afikoman verwendet und im Verlaufe versteckt, um nach dem Essen gesucht zu werden.

7. Maggid

„Maggid" bedeutet einfach „Erzählung" – aus der selben Wurzel wie "Haggada" – und die Erzählung dauert bis zu den symbolischen hors d’œuvres, die dem Mahl vorangehen. Die Mazza, das symbolische Brot der Armut (Deut. 16:3) ist die Erinnerung daran, daß wir einst arm und in Kummer waren. Es dient daher als Stimulus für das, was folgt. Der Satz „Ha Lachma Anja" ist in Aramäisch und umfaßt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Armut und Gastfreundschaft, Sklaverei und Freiheit in vier kurzen Sätzen.

8. Das zweite Glas

Das zweite Glas wird symbolisch auf und nieder gehoben, bevor es zum Trinken angehoben wird. Es ist auch jenes Glas, das dazu verwendet wird, um unsere Gefühle über die Plagen auszudrücken (Siehe Teil 14).
Traditionell wird roter Wein zum Seder verwendet – es gab aber Momente in der jüdischen Geschichte, in denen dies recht riskant sein konnte, insofern als mißtrauische Nachbarn denken konnten, es enthalte Blut. Entsprechend erlaubten und ermutigten die Rabbiner zum Gebrauch von Weißwein in Zeiten der Gefahr.

9. Die vier Fragen

Wirklich, es sollte dies die Mindestanzahl an Fragen sein, und die Anwesenden (besonders die Kinder) sollten dazu ermuntert werden, all das zu fragen, was sie möchten. Die Fragen selbst spiegeln eine Realität wieder, die sich von unsrer heutigen unterscheidet – zum Beispiel essen wenige von uns ihre Mahlzeiten regelmäßig mit Mazza (obwohl es während des Jahres frei erhältlich ist), oder lehnen sich bei einem normalen Abendessen gegen ein Kissen. Die Idee ist, daß man etwas bemerkt, was außerhalb des Normalen liegt – also hängt viel von dem ab, was normal ist. Und weiter noch: würden keine Fragen gestellt, so gäbe es kein Stichwort zur Antwort.

10. Die Antwort

Die Antwort beginnt mit einer sehr fundamentalen Feststellung: Wäre die Geschichte anders verlaufen, wäre auch die Gegenwart nicht das was sie ist! In unser aller Leben können wir an etwas denken, das geschehen oder nicht geschehen ist, von seltsamen Glücksfällen und Ereignissen, die unsere Eltern und vor ihnen unsere Großeltern zusammenbrachten..... Aber anstatt über unser eigenes Wissen und Taten stolz zu werden, ist es uns wichtig im Gedächtnis zu behalten, wie glücklich wir sind, am Leben zu sein und in der Lage, so frei über unsere Vergangenheit und unsere Hoffnung für die Zukunft zu reden.

Die Geschichte mit den fünf Rabbinern ist mysteriös, und man findet sie nirgendwo sonst in der rabbinischen Literatur. Weil sie in der Zeit des Bar Kochba Aufstandes lebten, wurde postuliert, daß die Geschichte eigentlich ein Verweis auf ein strategisches Treffen in Vorbereitung auf die Revolte ist und der Exodus war tatsächlich nur ein Code (sollten Spione horchen) für die politische Befreiung von den Römern, die geplant wurde. Daher kann die folgende Anekdote von Rabbi Elasar ben Asarja eine Anspielung an eine Philosophie sein, die verlangt, daß man die wunderbaren Kräfte Gottes nicht nur in guten Zeiten erinnert - "den Tagen" - sondern auch in den schlechten- "den Nächten" . Die anderen vier jedoch überstimmen ihn, indem sie den Terminus "alle Tage" als einschließlich der messianischen Zeiten lesen - Bar Kochba wurde von vielen als der Messias gesehen und seine Revolte als der Beginn des messianischen Königreiches.

11. Die vier Söhne

Vielleicht ist es bedeutsam, daß wir ausgerechnet an dieser Stelle, wieder in ritualisierter Form einen Verweis auf die verschiedenen Arten, die Geschehnisse zu begreifen und zu interpretieren. Was für manche ein politischer Kampf gewesen sein mag, war für andere messianisch - und andere wiederum hätten sich gut und gerne davon ferngehalten. Wir sehen einen Widerhall dieser Debatten noch heute in den verschiedenen Positionen, die verschiedene Juden noch immer zur Wiedergeburt des Staates Israel einnehmen.
Der weise Sohn möchte alles wissen und ihm kann man alles ganz sorglos anvertrauen, selbst bis zu mystischen, esoterischen Details über den Afikoman.
Der böse Sohn (wichtig - nicht der "Dumme") möchte sich von den Abläufen distanzieren, und wird scharf angeredet, so nach dem Motto: "Diese Haltung hätte dir aber in der Vergangenheit wenig genutzt und tut es auch jetzt nicht!"
Der einfältige Sohn ist der, der mit allzu komplexen Dingen nicht umzugehen weiß, der aber noch immer eine gesunde Neugier besitzt, die befriedigt werden muß, damit er sich als Teil des Ganzen fühlen kann.
Der noch nicht fragen kann - ja, warum eigentlich kann er nicht? Traditionell sehen wir ihn als kleines Kind - aber er kann behindert oder stumm sein oder aber unfähig zu verstehen, was passiert und ist deshalb zu schüchtern, um irgendeine Frage zu verstehen.... aber selbst er muß in die Runde eingebunden werden.

Man sollte bedenken, daß in einem liberalen Kontext auch die Töchter in diesen Teil gehören.

12. Die Zeit des Seder
Dieser Abschnitt illustriert nur die Art und Weise rabbinischen Denkens und deduktiver Logik, die immer auf jene Dinge angewandt wird, indem man von kleineren Details im geschriebenen Text ausgehend arbeitet.

13. "Unsere Vorfahren waren Götzenanbeter"
Nicht gerade schön, das zuzugeben - aber genau deswegen wird es hier unterstrichen. Die ganze patriarchale Zeit wird mit ein paar kurzen Sätzen wiedergegeben, dann wird die Aufmerksamkeit auf die Einzelheiten der Unterdrückung in Ägypten gelenkt, und das wiederum wird als nur ein Beispiel für ein Problem gesehen, das in jeder Generation existiert hat. Die Verse von Deuteronomium 26:5-8 werden mit Erläuterungen ausgereizt und einem Verweis auf das direkte Eingreifen von Gott selbst, und keines Abgesandten. Exodus 12:12 bildet dazu die Grundlage.

14. Die Plagen

Sie sind immer ein Problem für viele Menschen gewesen. Es scheint nicht recht zu sein, wenn wir mit Fröhlichkeit von den Leiden, die andere überkamen berichten. Und außerdem: Wenn Pharao Ägypten als Autokrat regierte, warum mußte dann der Rest der Bevölkerung für etwas leiden, das sie nicht verhindern konnte?
Es gibt mehrere mögliche Antworten auf dieses Problem:

Erstens bleibt festzuhalten, daß wir uns nicht vollkommen an den Plagen erfreuen. Sie werden als historischer Fakt im Zusammenhang mit der Geschichte des Exodus gesehen, eine unglückliche Notwendigkeit (wie jeder Todesfall in einem Krieg). Aus diesem Grunde verschütten wir absichtlich einen Tropfen Wein beim Erwähnen jeder einzelnen Plage - so daß unser eigener "Kelch der Freude" nicht voll ist.
Zweitens, wenn man den Text genau betrachtet, scheint Pharao eine Menge Unterstützung im Volk gehabt zu haben was seine repressiven Maßnahmen gegen die Israeliten angeht (Siehe Ex. 1:8-14; 3-7; 5:10-14 etc.). Dies kann natürlich die Leiden der Tiere und Kinder nicht erklären.
Die dritte Annäherung soll darauf hinweisen, daß die ersten neun Plagen zwar Unannehmlichkeiten und Ärgernis bedeuteten, aber nicht lebensbedrohlich waren. (Einzige Ausnahme war der Hagel, aber selbst in diesem Fall gab es eine Warnung, im Hause zu bleiben - so daß nur diejenigen, die sich nicht daran hielten eigentlich litten. Ex. 9:18-21, 25)
Eine vierte Antwort sieht die Plagen als Teil einer theologischen Auseinandersetzung, in der Gott selektiv die ägyptischen Gottheiten entweder absetzt oder zerstört, als wollte er sagen: "Traut den Nil-Gottheiten nicht - es lohnt nicht - ich kann den Fluß in Blut verwandeln, das Symbol eher von Tod als von Leben. Huldigt nicht dem Skarabäus - es lohnt nicht. Ich kann das ganze Land in Finsternis versenken und er kann nichts dagegen tun!" und so weiter...... Einer nach dem anderen werden die ägyptischen Götter von Gott lächerlich gemacht, bis zum Schluß die Erstgeborenen ausgelöscht werden. Die Erstgeborenen sind nicht unbedingt "unschuldig" oder zufällige Opfer. Die Erstgeborenen wären den verschiedenen Tempeln geweiht worden, entweder als Priester oder als Opfer. Also zeigt Gott, daß Er das gesamte heidnische System zerstören kann, wenn er will.
Rabbi Jehudas Abkürzung der Anfangsbuchstaben der Plagen als mnemotechnisches Zeichen wird von manchen als Kode verstanden. Ein mittelalterlicher Priester erklärte, es stehe für das hebräische "Wir haben alle Blut eingefordert, wie uns in den Tempelzeiten befohlen", und die Rabbinen gaben ihm als Antwort, daß sie für Folgendes stünden "Die Worte unserer Unterdrücker sind Verleumdung, die Anschuldigungen über das Blut sind falsch. Die Kinder Abrahams sind unschuldig".

"Dam zrichim kulanu, al derech Sche assu Beoto Isch Hachamim Bijeruschlajim" oder
"Diwrej Zerorenu Kazaw; Alilot Dam Scheker; Benej Awraham halila besot".

Trotz der ethischen Zweifel, die oben erwähnt sind, gehen wir zu einem Teil über, der rabbinische Denkweisen anwendet, um die Anzahl der Plagen noch zu erweitern und dann zu einem Teil, der unterstreicht, daß dies nicht tatsächlich wichtig ist, denn selbst ein kleiner Teil von Gottes Erlösung wäre genug gewesen.

...Fortsetzung
15. Dajjenu
16. Rabban Gamliel
17. Hallel...

haGalil onLine 17-04-2000



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