Jedem Tag der Omerzeit ist ein bestimmter
Zustand der kabbalistischen Sefiroth zugeordnet. Die Sefiroth, die Sphären
des Lebensbaums, sind ausstrahlende g'ttliche Energie, durch welche G'tt mit
der Welt interagiert*.
Jede der sieben Wochen ist mit einem der sieben Gefäße (Sfiroth)
verbunden, ebenso wie jeder der sieben Wochentage. So ergeben sich 49
Kombinationen. An jedem Tag konzentrieren wir uns auf eine Verbesserung im
Bereich dieser speziellen zugeordneten Eigenschaften. Am 36. Tag der
Omerzählung, das sind 5 Wochen und 1 Tag der Zählung, wären dies z.B.
Bescheidenheit (5) und Liebe (1,
siehe Abb.).
Die Omerzeit ist eine Zeit der Trauer. In diesen sieben Wochen starben
24.000 Talmudgelehrte, allesamt Schüler des großen Rabbi Akiba. Nur an einem
Tag, am L'G baOmer, hielt die Seuche inne.
Wir gedenken in dieser Zeit aber auch der Opfer des Bar Kochba Aufstands.
Bar Kochba war ein von Rabbi
Akiba fälschlicherweise als Messias ausgerufener Heerführer, dessen
Aufstand
katastrophale Folgen hatte. Die letzten Reste jüdischer Selbstverwaltung in
Judäa gingen verloren, historische Quellen sprechen von einer Million
jüdischer Opfer.
Außerdem denken wir in diesen Tagen an die
49 Stufen der Unreinheit**,
die Israel in Ägypten bereits hinabgestiegen war. Symbolisch versuchen wir
diese Stufen der Spiritualität wieder hinauf zu steigen, in Erinnerung an
die Schüler des Rabbi Akiba, von denen wir wissen, dass ihr Studium keinen
Bestand hatte, weil sie nicht respektvoll miteinander umgingen und in
Erinnerung an den Eifer Bar Kochbas, dessen fanatische Entschlossenheit
soviel Zerstörung brachte.
Wir finden also auch in der Zeit zwischen Pessach und Schawu'oth eine
Warnung, die ganz ähnlich ist, wie die, die wir uns am 9. Aw, dem Gedenktag
der Tempelzerstörung, vergegenwärtigen sollen:
Sinath chinam, grundloser
Hass, wird uns dort als Ursache der Zerstörung vorgehalten, während der
Untergang der Schüler Akibas mit mangelhafter Achtung, die sie sich
untereinander entgegenbrachten, begründet wird.
Wir beginnen die Omerzählung nach den ersten Pesachtagen. Der Seder
erinnert uns an das Fehlen des Tempels und an den Grund seiner Zerstörung,
den "sinnlosen Hass". Das eigentliche Pesachopfer kann erst dann wieder
stattfinden, wenn das Beth haMikdasch, der Tempel, wieder steht, und dies
wird erst dann der Fall sein, wenn wir den Fehler von Sinat chinam und
unsere Zerstrittenheit überwunden haben.
Die Omerzeit lehrt uns zu zählen, und Chasal, unsere Weisen, betonen:
Jeder einzelne ist wichtig! Vergiss keinen deiner Nächsten! Ziehe jeden
hinzu und schließe keinen aus. Beurteile jeden zum Guten und rede gut über
deinen Nächsten, ganz besonders dort, wo sein Name gerade wenig gilt, setze
dich für ihn ein.
Bakesch Schalom veradfehu!
Du sollst nicht nur jeden Gruß freundlich erwidern, sondern sogar versuchen,
jedem im Gruß zuvorzukommen. Dort wo Konflikte sind, versuche zu vermitteln
und Frieden zu stiften, zwischen Mensch und Nebenmensch und natürlich
zwischen Mann und Frau.
Die Torah verlangt nicht, dass man sich zur Erfüllung einer Mizvah eilig
drängen müsse. Nur eine einzige Mizvah hebt sie hier hervor und formuliert
dringend: "Fordere den Frieden und jage ihm nach!"
So ist es auch, wenn dir von Streitigkeiten unter deinen Nächsten Kunde
wird. Lass dich nicht lange bitten, es sei dir vielmehr ein dringendes
Bedürfnis Frieden zu stiften. So wie es auch heißt im Gebet "Elu Dewarim"
(TB,
Schabath 127 a), denn nur
so können wir Tikun Olam bewirken und den Himmel auf die Erde und den Tempel
nach Jerusalem bringen.