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KASCHES - VIER
FRAGEN
Teil I von Ronnie Golz
(Kasches - jiddisch: Fragen - eine
Anspielung auf das Pessachfest, wo das jüngste Familienmitglied vier
Fragen - die mit den hier gestellten natürlich nicht identisch sind -
beantworten muß)
Meshulash hat mir schwierige und
komplizierte Fragen gestellt und mich gebeten darauf einzugehen. Dieses
ist der Versuch:
"Welche jüdische Symbole möchten
Sie in das nächste Jahrtausend mitnehmen?"
Auf den Fensterbank meiner Berliner
Wohnung steht in dem Zwischenraum zwischen den beiden Doppelfenstern
eine Menora, die ich vor vielen Jahren von einer nicht jüdischen
Freundin geschenkt bekam. Da ich im ersten Stock, den sogenannten 'Belle
Etage' wohne, ist die Menora deutlich von der Straße aus zu erkennen.
Irgendwie ist diese Menora meine äußere Bekenntnis zu meinem Judentum,
denn sie ist für mich das älteste und wichtigste Symbol des Volkes
Israel, dem ich mich zugehörig fühle.
An der Schwelle zu meinem Zimmer ist
rechterhand an dem Türpfosten eine Mesusa angebracht, den mir ein
israelischer Freund am Ende seines Aufenthalts in Deutschland bei der
Aufgabe seiner Wohnung schenkte. Ich war damals sehr glücklich über das
Geschenk, denn sie erinnert mich immer wieder an den gemeinsamen
Erlebnisse in Berlin. Für mich ist diese Mesusa meine innere Bekenntnis
zu meinem Judentum.
Seit nun fast vier Jahren hängt ein Davidstern an einer Kette um meinen
Hals. Er ist mein 'Ehering' und wurde mir von meiner nicht - jüdischer
Frau zu unserer Hochzeit umgehängt. Ich trage ihn als Zeichen meiner
Liebe und Verbundenheit zu meiner Frau, aber ich habe Probleme ihn als
Zeichen meines Judentums zu akzeptieren.
Als erstes stört mich, dass der Davidstern
vor etwa dreihundert Jahren als jüdische 'Antipode' zum christlichen
Kreuz eingeführt wurde. Er fand schnelle Akzeptanz und Verbreitung in
Europa und wurde später zum politischen Symbol der zionistischen
Bewegung, womit wir bei meinem zweiten Problem mit diesem Zeichen
angelangt sind. Weiterhin belastet mich seine Verwendung als 'Gelber
Stern' im Nationalsozialismus zur Stigmatisierung, Isolierung und
Ermordung der Juden Europas. Die Tatsache, dass der Davidstern mit der
Gründung des Staates Israel zum Hoheitszeichen dieses Staates wurde,
macht mein Tragen dieses Symbols auch schwierig, denn für mich ist
Israel zweifellos ein jüdisches aber nicht ein europäisches Land, ich
aber bin ein jüdischer Europäer. Somit bin ich bei der nächsten Frage
angelangt.
"Was könnte eine
europäisch-jüdische Identität sein?"
Egal wie oder was eine europäisch-jüdische
Identität sein oder werden soll, darf nach Auschwitz einer Tatsache
nicht verkannt werden: als Jude in Deutschland zu leben, wird noch
lange, lange Zeit ganz spezifische Probleme innerhalb einer europäischen
Identität mit sich bringen. Ich, der hier lebe, muss mich nicht nur
gegenüber Juden aus Israel und Nordamerika, sondern auch gegenüber
andere europäischen Juden immer wieder rechtfertigen oder erklären. Und
in Berlin, dem ehemaligen Zentrum des Massenmords zu leben, konfrontiert
mich und den Besucher fast ständig mit dieser Vergangenheit. Positiv
gewendet, kann und sollte das jüdische Leben in Deutschland nicht nur
zur Behauptung jüdischen Daseins nach Auschwitz dienen, sondern anderen
Juden in Europa und außerhalb aufzeigen, dass es trotz Auschwitz sich
lohnt in diesem Land zu leben.
Unsere Lage als Juden in Europa hat
gänzlich andere Ausgangsbedingungen und Realitäten als in Israel oder
Nordamerika. Israel befindet sich in einer kulturellen
Auseinandersetzung zwischen europäischen und orientalischen Identitäten,
d.h. das Land bringt zwar wichtige Beiträge hervor, aber aus einer
anderen Sicht der Welt als in Europa, zudem wird der Alltag durch den
Kampf um Selbstbehauptung und Existenzrecht mitgeprägt.
Die große Mehrheit der Juden in Nordamerika, die weder Auschwitz
erfahren haben noch den heutigen Existenzkampf Israels als Alltag
erleben, haben eigentlich die besten Voraussetzungen ihre kulturelle,
gesellschaftliche und religiöse Identität unbelastet von Vergangenheit
oder Gegenwart zu entfalten. Aufgrund ihre kulturellen Wurzeln sind ihre
Beiträge vielfach von einer europäischen Hintergrund geprägt, aus diesem
Grund werden amerikanisch jüdische Ansätze in jüdisch-europäischen
Kreisen mit großem Interesse und viel Neugier aufgenommen. Ein wichtiger
Unterschied zeigt sich dennoch: das Fehlen der multikulturellen und
multiethnischen Prägungen der heutigen europäischen Juden zwischen
Moskau und Dublin, Oslo und Sevilla. Hinzu kommt eine viel größere
Unterschied im Alltag für europäische Juden zwischen dem Ural und dem
Atlantik im Vergleich zum jüdischem Leben zwischen Boston und Los
Angeles.
Schauen wir auf unsere Lage in Deutschland. Es war das Herzland der
ashkenasischen Diaspora. Die deutsche Sprache ist die Grundlage der
jiddischen Sprache und der jiddischen Kultur in Osteuropa gewesen.
Deutschland ist Heimat für Moses-Mendelsohn und der jüdischen
Reformbewegung gewesen. Deutschland hat hervorragende jüdische
Persönlichkeiten in Wissenschaft, Kultur und Politik hervorgebracht, die
europäische Kulturgeschichte mitgeprägt haben. Die 'jüdische' Neuzeit
hat ihre Heimat in Europa. Ich meine, dass das europäische Judentum
Entscheidendes zu einer kulturellen jüdischen Identität in der heutigen
Welt beigetragen hat.
Wir brauchen uns, trotz Auschwitz, als deutsche und europäische Juden
nicht hinter den Leistungen der Juden in Israel oder Nordamerika zu
verstecken. Um eine starke eigenständige europäische Identität zu
entwickeln ist es erforderlich dass wir den spezifisch jüdischen Beitrag
zur europäischen Kultur seit der Entstehung der ersten jüdischen
Gemeinde in Rom aufarbeiten und Kenntnisse darüber verbreiten. Eine
jüdisch-europäische Identität kann aber nicht allein eine
wissenschaftlich-theoretische sein. Wir müssen durch eigenständige
europäische Beiträge unseren Platz neben den Juden in Israel und
Nordamerika definieren und ausbauen. Hierzu gehört die Entfaltung einer
spezifisch europäische Ausprägung bzw. Fortentwicklung des religiösen
Lebens. Durch große transeuropäische Konferenzen, Treffen und
Begegnungen in den Bereichen Kultur, Religion, Wissenschaft und Politik
können wir neue Aspekte in die Diskussion über das Judentum im nächsten
Jahrhundert einbringen. Die europäisch-jüdische Stimme sollte sich auch
publizistisch niederschlagen in Form einer mehrsprachig
europäisch-jüdischen Magazin. Schon jetzt werden Filme mit jüdischem
Inhalt für Fernsehen und Kino überall in Europa produziert und tragen
somit zur vielstimmigen Austausch unter den Juden innerhalb und
außerhalb Europas bei.
Die Solidarität unter europäischen Juden aufgrund des überall noch
vorhandenen Antisemitismus ist meiner Meinung nach mit konstitutiv für
die Herausbildung einer europäisch-jüdischen Identität. Die
Gratwanderung bei der Herausbildung einer europäisch-jüdischen Identität
wird zwischen Assimilierung und religiöse Borniertheit, dass heißt
Intoleranz verlaufen.
"Wer ist Jude?"
möchte Meshulash nun wissen.
Mein Vater hieß Goldlust und seine Familie stammte aus Galizien. Seine
Großmutter hieß Bernstein und stammte zuletzt aus Beuthen in
Oberschlesien. Meine Mutter hieß Reiss und ihre Familie stammte aus dem
Bereich von Südmähren wo, sie Hunderter von Jahren lebten. Beide haben
einen ellenlangen 'reinrassigen' jüdischen Stammbaum. Es gibt keinen
Zweifel ich bin 'Volljude' im Sinne der Halacha und nach Auffassung von
Adolf Hitler! Aber was nützt dieser Art der Definition, wenn ich in
keiner Weise jüdisch leben, denken oder handeln würde? Wenn ich mich
selber nicht als 'Jude' empfinde? Wenn ich nichts an jüdischem Wissen
oder Alltag an meine Kinder weitergebe? Es zeigt sich, dass zum 'Jude'
sein deutlich mehr gehört als eine jüdischer Mutter! Und nicht mal die
brauche ich nach orthodoxer Auffassung, wenn ich die Konversion zum
Judentum vollziehe. Überall in der jüdischen Welt außerhalb von Israel
werden Kinder, die 'nur' einen jüdischem Vater haben in vielen jüdischen
Gemeinden aufgenommen, vorausgesetzt sie nehmen als Kinder mehr oder
weniger aktiv am religiösen und kulturellen Leben der Gemeinden teil und
machen den Bat / Bar Mitzwa.
Das Grundproblem liegt in der Tatsache begründet, dass ein
'Keiner-Ahnung-Nul-Bock-Jude' jederzeit mit dem Geburtschein seiner
jüdischen Mutter sofort Aufnahme in allen jüdischen Gemeinden,
gleichgültig welche religiöse Richtung, findet. Dieses 'unbefriedigend'
zu nennen ist noch britisches 'Understatement'!
Also, positiv herum: meiner Meinung nach, soll jeder 'Jude' sein dürfen,
der oder die sich mit dem Judentum religiös und/oder kulturell
beschäftigt hat und sich diesen Inhalten 'zugehörig' fühlt. Dieses
ergäbe eine viel interessanteres Aufnahmegespräch als manche der
Prozeduren, die heute verlangt werden. Ein solcher Herangehensweise
bedeutet vermutlich das Ende der Einheitsgemeinde, was sowieso eine
deutsche Besonderheit im europäischen Chor darstellt. Ich würde diese
'würdige' Institution jederzeit Opfern, wenn ich dafür eine Gemeinde von
hochengagierten Juden im Tausch bekäme! Ich will nicht verhehlen, dass
es natürlich deutliche mentale Unterschiede in meiner 'Traum-Gemeinde'
geben würde. Menschen wie ich, der durch Auschwitz große Teile seine
Familie verloren hat, oder Juden, die sehr religiös aufgewachsen sind,
werden mental deutlich anders geprägt sein, als jemand der zum Judentum
übertritt, aber diesen Unterschied gibt es schon heute, denn selbst die
orthodoxen Strömungen nehmen Konvertierte auf.
Jude wird man auch durch den historischen und täglichen Antisemitismus.
Jude als Schicksalsidentität spielt eine große Rolle nicht erst seit
Auschwitz. Die Geschichte zeigt, dass jede bedrängte Gruppe mehr oder
weniger zusammengeschweißt wird und der Druck von außen Gegendruck
erzeugt nach der Art jetzt-erst-recht-Jude-sein.
Was könnte jüdische Kunst sein?
Alles was vom Inhalt sich mit dem Alltag
von Juden in der Welt beschäftigt. Jüdische Künstler schaffen nicht
jüdische Kunst durch ihre Abstammung. Es kommt auf die Inhalte an. Somit
können Nicht-Juden selbstverständlich zur jüdischer Kunst beitragen –
auch wenn dieses einige nicht passen sollte. Vielleicht möchten die
Kritiker gerne, dass der Künstler zuerst konvertiert, bevor er jüdische
Kunst schafft?
Ich möchte, dass jüdische Kunst mich bestärkt in meiner jüdischen
Identität – auch durch kritisches Hinterfragen.
Ich möchte, dass jüdische Kunst mich über jüdisches Leben woanders in
der Welt informiert.
Ich möchte, dass jüdische Kunst mich amüsiert und unterhält bei der
Auseinandersetzung mit dem jüdischen Alltag.
Ich möchte, dass jüdische Kunst mit Interesse, Neugier und Freude von
der nicht-jüdischen Umwelt auf- und angenommen wird.
Ich hoffe, dass dieser 'jüdischer' Beitrag dem geneigten jüdischen und
nicht-jüdischen Leser gefallen hat!
Teil II von Iris
Weiss
Dieser Beitrag erschien in der 1. Ausgabe
des europäisch-jüdischen Magazins
GOLEM
im Dezember 1999. GOLEM wird von der Gruppe
Meshulash
herausgegeben.
Jewish Life in
Berlin
haGalil onLine
18-04-2000
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