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Die zwölfjährige Mona lernt Daniel und seine Familie kennen. Sie
befreunden sich und erzählen sich nach und nach vom Christentum und vom
Judentum:
Mona und die Mazah
Naomi Staszewski
... Etwas über eine Woche nach ihrem letzten
Ausflug rief Joel Schwarz bei Mona an. Er hatte Fotos von Daniels Bar Mizvah
mitgebracht und lud sie ein, sich die Aufnahmen in den nächsten Tagen bei
ihm anzusehen. Mona freute sich über dieses Angebot und versprach
vorbeizuschauen. Es dämmerte schon, als sie zwei Tage später an seiner Tür
klingelte.
''Du kommst genau richtig'', freute sich der alte
Herr. ''Wir haben gerade den Abendbrottisch gedeckt. Hast du Lust, mit uns
zu essen?''
Mona war etwas unentschlossen. Sie wusste nicht so
genau, ob sie stören würde. Aber Joel Schwarz hatte bereits einen Teller und
Besteck aus der Küche geholt und lud Mona ein, sich zu ihnen an den Tisch zu
setzen.
''Möchtest du etwas von dem Mazzebrei
probieren?'', fragte Channah. In der ihr eigenen Art legte sie Mona, ohne
die Antwort abzuwarten, eine Portion auf den Teller.
''Was ist das?'', fragte Mona neugierig. ''Das ist
eine Pessachspezialität. Sie besteht aus zerkrümelter Mazzah, Milch md Ei.
Du kannst sie entweder so oder mit Zucker bestreut essen.''
Mona kostete vorsichtig. Es sah überhaupt nicht
wie Brei aus, eher wie ein Brätling und schmeckte ganz gut.
''Was ist das für eine Spezialität?'', fragte sie
weiter.
''Diese Woche feiern wir Pessach'', begann Joel
Schwarz seine Erklärung. ''Du erinnerst dich doch sicher noch an die
Geschichte von Moses oder Mosche, wie wir ihn nennen, und den Auszug aus
Ägypten.'' Mona nickte mit vollem Mund. ''Mosche hatte vom Ewigen, gelobt
sei er, den Auftrag erhalten, unser Volk aus Ägypten herauszuführen und in
das Land zu bringen, das den Stammvätern Awraham, Jizchak und Jaakow von ihm
verheißen wurde. Mosche ging zu Pharao, dem Herrscher über Ägypten, und bat
ihn, die Israeliten ziehen zu lassen. Aber Pharao brauchte dieses Volk, denn
sie waren Bauarbeiter für seine Paläste und die Pyramiden. Deshalb schickte
Gott die zehn Plagen. Erst nach dem Tod der Erstgeborenen erlaubte Pharao
uns, Ägypten zu verlassen. Da das Volk Israel in aller Eile aufbrach, hatte
es keine Zeit mehr, den Sauerteig gären zu lassen und so wurde der
ungesäuerte Teig verbacken. Zur Erinnerung an dieses Ereignis feiern wir das
Pessachfest. Es dauert acht Tage. In dieser Zeit essen wir nichts Gesäuertes
und auch nichts, was sauer werden oder gären könnte. Anstelle von gesäuertem
Brot essen wir Mazzah. Du siehst sie hier auf dem Teller.''
''Und ich habe gedacht, ihr seid auf Diät und das
ist so eine Art Knäckebrot.''
"Nein", lachte jetzt Channah. "Zu Pesach Diät zu
machen ist fast unmöglich. Es gibt so viele gute Sachen, die man zu Pessach
isst, dass ich meistens nach Pessach eine Diät machen muss, um die Pfunde
wieder loszuwerden."
"Und wie feiert ihr dieses Pessachfest?", wollte
Mona weiter wissen.
"Die ersten und letzten beiden Tage der
Pessachwoche sind hohe Feiertage. Das bedeutet, dass wir an diesen Tagen
nicht arbeiten und in der Synagoge ein besonderer Gottesdienst abgehalten
wird. Am ersten Pessachabend, dem Erew Pessach, lesen wir während eines
Festmahles die Pessach-Hagadah, eine Sammlung von Gebeten, Liedern,
Erzählungen über den Auszug aus Ägypten und Interpretationen dieser Texte
von berühmten Rabbinern. Nach einer festen Ordnung werden ganz bestimmte
Speisen verzehrt, die uns an die Knechtschaft unseres Volkes in Ägypten und
unsere Befreiung erinnern sollen. Außerhalb Israels, in der Golah, wird
diese Zeremonie am zweiten Abend wiederholt. Es ist üblich, zum Sederabend
Gäste, auch Fremde einzuladen. Wir sollen uns immer daran erinnern, dass wir
Fremde waren in Ägypten und wie schlecht es uns deshalb dort ging. Der
Fremde genießt im Judentum einen besonderen Schutz."
"Weißt du, dass es zu Pessach einen ähnlichen
Brauch wie das Eiersuchen zu Ostern gibt?", ließ sich Channah vernehmen.
Ihr Mann schaute sie erstaunt an. "Was meinst du damit?", wollte er wissen.
"Unsere Kinder suchen keine Eier, aber dafür den Afikoman."
"Du hast Recht", stimmte ihr Joel Schwarz zu. "Während des Sederabends
werden drei Mazzot gesegnet. Die mittlere wird in zwei Stücke geteilt und
ein Teil davon versteckt. Bevor nach dem Hauptgericht die Hagadah
weitergelesen wird, müssen die Kinder dieses fehlende Teil des Afikoman, so
beißt diese besondere Mazzah, finden. Ohne sie kann in der Zeremonie nicht
Fortgefahren werden. Es ist Brauch, dass derjenige, der ihn findet, imTausch
dafür ein Geschenk erhält. Deshalb sind natürlich alle Kinder wild darauf,
dieses Stück Mazzah zu finden."
"Gibt
es noch mehr Ähnlichkeiten zwischen Pessach und Ostern?" Mona war hellhörig
geworden. Ihre Religionslehrerin hatte vor einiger Zeit erzählt, dass das
Christentum aus dem Judentum entstanden sei und vieles von dieser Religion
übernommen habe.
"Als du mir zum Erntedankfest in deiner Kirche
dein Lieblingsbild gezeigt hast, da habe ich versprochen, dir ein Buch mit
Bildern über das letzte Abendmahl zu zeigen." Joel Schwarz war aufgestanden
und hatte einen dicken Bildband aus dem Regal genommen. Viele verschiedene
Abbildungen des letzten Abendmahls aus unterschiedlichen Epochen waren da
gesammelt worden. Einige ähnelten dem Bild in ihrer Kirche. Manche sahen
auch ganz anders aus.
Joel Schwarz zog ein weiteres Buch aus dem Regal.
"Das ist der Nachdruck einer Hagadah
aus dem 18.Jahrhundert. Schau mal, dieses Bild ähnelt deinem Lieblingsbild
in der Kirche. Nur dass hier nicht Jesus mit seinen Jüngern um einen Tisch
sitzen, sondern ein Mann mit seiner Familie und seinen Gästen, die den
Sederabend begehen. Es könnte durchaus sein, dass Jesus mit seinen Jüngern
Pessach gefeiert hat. Schließlich war erJude."
Mona betrachtete gebannt das vor ihr
aufgeschlagene Buch.
"Es
gibt noch andere Anzeichen dafür, dass das Osterfest aus dem Pessachfest
entstanden ist", fuhr Joel Schwarz fort. "Pessach gehört zu den drei
Wallfahrtsfesten. Als der Tempel in Jerusalem noch stand, pilgerten die
Israeliten dreimal im Jahr dorthin, um dem Ewigen die vorgeschriebenen Opfer
zu bringen. Zu Pessach wurden die Erstlingslämmer geopfert. Heute opfern wir
keine Lämmer mehr. Aber immer noch pilgern viele Juden in der Pessachwoche
nach Jerusalem, und es ist etwas Besonderes, in dieser Zeit an der
Klagemauer zu beten, die als Einzige vom Tempelbezirk übrig geblieben ist,
und den Segen der Kohanim über das Volk Israel mitzuerleben."
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