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Der Weg... Wir haben die Sicherheit
von Sklaven verloren,
aber die endgültige Freiheit noch nicht erlangt.
Es ist wichtig, die Rahmenbedingungen vor Augen
zu haben: Wir sind auf einer Reise aus einem Land der Versklavung in ein
Land der Verheißung. Was immer wir auch unter der Versklavung verstehen,
in jedem Fall ist sie ein Ort oder ein Zeitraum, in dem unser Leben von
anderen fremdbestimmt wird, vielleicht auch von unbekannten Mächten oder
Kräften.
Unsere Versklavung ist so, dass wir sie nicht als
solche erkennen. Wir leiden unter ihr und fürchten uns vor ihr, aber wir
haben noch größere Angst vor Veränderungen. Widerwillig, unmutig und
ängstlich lassen wir uns in die Wüste ziehen.
Da gibt es ein Land der Verheißung - ein Traum,
eine Vision, eine Phantasie. In manchen Zeiten ist es unsere
Kraftquelle, in anderen haben wir den Eindruck, es sei ein schlechter
Scherz. Die Wüste ist unsere Wirklichkeit. Es ist wichtig, die
Rahmenbedingungen vor Augen zu haben.
Wir sind nicht allein in der Wüste. Wir können
einander dort helfen oder uns gegenseitig behindern. Wir sind
vernünftige und lernfähige Menschen. Wir schlagen unser Lager auf. Wir
lassen unsere Familien, unsere Stämme, unsere Völker Aufstellung nehmen.
Wir legen eine Marschroute fest.
Wir bestimmen und benennen die Stationen - da gibt es einen Ort, der
,,Bitterkeit" genannt ist, da gibt es die ,,Wasser der Zwietracht" und
da ist der ,,Berg G'ttes".
Im Zentrum des Lagers ruht unser Geheimnis. Es ist
jene Kraft, die uns aus der Sklaverei gezogen hat, die uns unerbittlich
vorantreibt. Weil sie uns befreit hat, bereitet sie uns Angst: Wir haben
Angst vor ihrer Dringlichkeit und vor dem Preis, den sie fordert. Wir
haben die Sicherheit von Sklaven verloren, aber die endgültige Freiheit
noch nicht erlangt.
Wir hüten unser Geheimnis mit Sorgfalt. Es ist die
Quelle unserer Kraft. Wenn wir es in unserer Kontrolle haben, kann es
uns in unser Land führen. Wenn es uns misslingt, es unter Kontrolle zu
halten, kann es uns vernichten. Wir feiern und wir besänftigen. Wir
freuen uns und warten beobachtend ab.
Wir bauen ein Heiligtum. Sorgfältig, genau und mit
Geschick tragen wir unseren Teil zu dieser Arbeit bei. Unser Verstand,
unsere schöpferischen Kräfte, unsere finanziellen Mittel, unsere Hände -
jedes Handwerk, das wir beherrschen, leistet seinen Beitrag zu dieser
Arbeit. Denn die Reise ist wahrhaftig weit, und das Land der Verheißung
liegt fern. Wir verschenken unser Herz, um einen Ort für G'tt, den Strom
der Liebe, zu gründen. Welch ein überfließender Eifer ist da am Werk,
wie viele Gaben kommen da zusammen - mehr, als für die Arbeit nötig
gewesen wäre!
Und der Bau wächst, Stück für Stück, jedes Teil
wird fein und freudig geschmiedet. Und wir sind nicht so töricht, die
Teile für mehr zu halten, als sie sind. Wir feiern unser schöpferisches
Können, aber wir verehren G'tt, unseren Schöpfer. Und wir benennen die
Teile und tragen Stück für Stück unsere hervorragenden Arbeiten
zusammen. Wir bauen unsere Stiftshütte für G'tt mit Genauigkeit, denn
sie ist so greifbar, so begrenzt. Sie ist die Struktur, die Form, die
Klarheit. Sie ist Ritual, Gewohnheit, Verantwortung. Sie ist Neigung,
Erziehung und Selbstaufopferung. Sie ist Symbol, Beispiel und
Ausdrucksform. Sie ist das, was uns formt und prägt und unsere Identität
in der Wüste ausmacht. Sie erinnert uns an das, was wir waren, und
daran, wohin wir gehen. Doch ist sie manchmal auch Gefängnis,
Unterdrückung oder Tod.
,,Wann immer die Wolke sich von der Stiftshütte
erhob, brachen die Kinder Israels auf, solange ihre Reise andauerte".
(Ex 40,36)
Jedesmal bauen wir unsere Stiftshütte wieder
auseinander, ordnen die Teile, reparieren und erneuern und setzen unsere
Reise fort. Wir bewahren und wir verändern. Wenn die Wolke sich bewegt,
müssen wir folgen, oder wir werden in der Wüste sterben.
Denn wir sind ein Haufen ehemaliger Sklaven,
aneinander gebunden, gegen unseren Willen unterwegs auf dem Weg in ein
Land der Verheißung. Wir murren und streiten, und dennoch haben wir
gemeinsam ein Heiligtum gebaut. Und gemeinsam halten wir Ausschau,
ängstlich, staunend, ungeduldig, und warten darauf, dass die Wolke sich
bewegt.
(Rabbiner Jonathan Magonet,
Seder haTfiloth)
           

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