Jüdische Welt verstehen:
Die Hohen Feiertage
Einige Fragen (und Antworten) aus dem 11. Kapitel "Die Hohen Feiertage" des
Buches "Jüdische
Welt verstehen" von Rabbiner Alfred J. Kolatch
11.32 Warum betrachten die meisten Juden den Versöhnungstag (Jom
Kippur) als den heiligsten Tag des jüdischen Kalenders?
Im Gegensatz zu dieser öffentlichen Meinung ist der Sabbat der heiligste
Tag des jüdischen Kalenders, doch aufgrund des Fastengebots am
Versöhnungstag wird er meist als besonders heilig verstanden. Nach den
biblischen Gesetzen ist die Strafe für eine Verletzung des Sabbats (Tod)
viel schärfer als die Strafe für eine Verletzung des Versöhnungstages
(Ausschluss).
©
Grzegorz Pawlowski
11.33
Warum vollziehen die Juden einen Tag vor dem
Versöhnungstag (Jom Kippur) die Zeremonie des "Kapporeschlagens"?
Der Brauch des Kapporeschlagens (kappara =
Sühneopfer) hat sich aus dem alten Glauben entwickelt, daß Krankheiten,
Schmerzen, Ärger und Sünden auf ein lebendes oder totes Objekt übertragen
werden können...
weiter...
11.34 Warum lassen sich manche Juden einen Tag vor Jom
Kippur geißeln?
Die Sitte, sich vor Jom Kippur geißeln zu lassen,
ist alt und geht bis in die Zeit von Raschi zurück (11. Jahrhundert). Heute
kommt sie nur noch sehr selten vor.
Das Geißelungsritual geht wahrscheinlich auf die in der Bibel erwähnten
makot zurück, die einen Verbrecher mit neununddreißig Schlägen eines
Lederriemens auf den Rücken bestraften. Während der Geißelung beichtete der
Bestrafte seine Sünden.
11.35 Warum werden die challot, die zu der letzten
Mahlzeit vor dem Fasten an Jom Kippur gegessen werden, manchmal mit
einem Vogel verziert?
Am Versöhnungstag wird der Mensch manchmal mit einem Engel
verglichen (mit seinen Flügeln). Die Sitte, die challot mit Vögeln zu
verzieren, drückt die Hoffnung aus, die Gebete der Menschen mögen wie
geflügelte Wesen leicht und schnell zum Himmel schweben, um dort wohlwollend
aufgenommen zu werden. Ähnliche challot werden zum Neujahrsfest
gebacken.
11.36 Warum werden zu der letzten Mahlzeit vor dem Fasten
an Jom Kippur Kreplach (Krapfen) gereicht?
"Kreplach" heißen dreieckige Pasteten, die mit
Hackfleisch, Zwiebeln und Gewürzen gefüllt sind. Die kleingeschnittenen
Zutaten der Füllung sollen an die Peitschenhiebe erinnern, denen sich die
Juden früher vor dem Fasten unterzogen, um sich für die im vergangenen Jahr
begangenen Sünden zu bestrafen.
Traditionell werden die Kreplach zu Purim, zu
Hoschaana Rabba und zu Schawuot gebacken.
11.37 Warum fasten die Juden zu Jom Kippur
Das Fasten ist ein biblisches Gebot. Im 4. Buch Mose
(29,7) heißt es: "Am zehnten dieses siebenten Monats (Tischri) sollt
ihr eine heilige Versammlung halten, und ihr sollt eure Seelen demütigen"...
In der jüdischen Überlieferung wird der Ausdruck "Seelen demütigen" als
Aufforderung, sich aller Speisen zu enthalten, verstanden.
11.38 Warum fällt Jom Kippur nie auf einen Freitag,
einen Sonntag oder einen Dienstag?
Während andere Fastentage auf den Sonntag verschoben
werden, wenn sie auf einen Sabbat fallen, muß Jom Kippur an dem ihm
bestimmten Tag gefeiert werden: am zehnten Tag des Tischri, wie es in
der Bibel geschrieben steht. Der jüdische Kalender wurde aus diesem Grund
absichtlich so eingerichtet, dass der 10. Tag des Tischri nie auf
einen Freitag, einen Sonntag oder einen Dienstag fallen kann. (Vgl. Frage
11.10 in Jüdische
Welt verstehen).
11.39 Warum müssen Jungen unter dreizehn und Mädchen unter
zwölf Jahren nicht fasten?
Nach dem jüdischen Gesetz erreichen Jungen ihre religiöse
Mündigkeit mit dreizehn und Mädchen mit zwölf Jahren. Unterhalb dieser
Altersgrenze sind sie überhaupt keinem der Gebote unterworfen, die für die
Erwachsenen Gültigkeit haben, wenngleich es auch Sitte ist, die Kinder
relativ früh an die Einhaltung der Riten der Erwachsenen zu gewöhnen. Daher
beginnen die Jungen und Mädchen häufig schon einige Jahre bevor sie dazu
verpflichtet sind, an Jom Kippur einen ganzen oder halben Tag zu
fasten.
11.40 Warum tragen manche Juden zu Jom Kippur keine
Schuhe, die mit Leder verarbeitet wurden?
Zu den Annehmlichkeiten, die an dem feierlichen Tag von
Jom Kippur verboten sind, gehört das Tragen von Lederschuhen. (Untersagt
sind ferner Baden, Essen und Geschlechtsverkehr).
Das Tragen von Lederkleidung war in alten Zeiten ein Luxus, und so wurde es
gebräuchlich, zu Jom Kippur Gummi- oder Stoffschuhe anzuziehen, um
den "Tag der Reue" zu versinnbildlichen (bzw. den Tag der Klagen, der großen
Trauer, des tiefen Schmerzes; 3. Buch Mose 23,27).
Viele Juden vergessen, dass es in dieser Tradition um das Leder geht, das
verboten ist, und sie ziehen irrtümlicherweise Schuhe an, die z. B. seitlich
mit Leder verziert sind.
a) Verschiedene Juden glauben, daß man zu Jom Kippur
(auch zu Tischa Be-Aw und während der Trauerzeit) keine
Lederschuhe tragen soll, weil Leder an die Schlangenhaut, das Sinnbild der
Unreinheit, erinnert,
b) Andere Gläubige wiederum sind der Meinung, Lederbekleidung sei eine Folge
von Adams Sündenfall, da er im Garten Eden (Gan Eden) keiner Kleidung
bedurfte. Folglich war es der Sündenfall, der Tod und Zerstörung mit sich
brachte.
Das sind - im Sinne einer Erinnerung durch Enthaltung - zwei triftige
Gründe, um keine Lederschuhe zu tragen.
Anm. (haGalil): Eine weitere Begründung bezieht sich darauf, dass zum
Herstellen von Leder -schuhen, -riemen oder -taschen, erst ein Tier getötet
werden muss.
11.41 Warum müssen Kranke zu Jom Kippur nicht
fasten?
Jedes religiöse Gebot, das die Gesundheit eines Menschen
bedrohen könnte, wird - sogar zu Jom Kippur - ausgesetzt. Die Gebote
der jüdischen Überlieferung haben den Zweck, Leben zu bewahren, nicht, es in
Gefahr zu bringen. Wenn ein Arzt dazu rät, dann ist das Essen an Jom
Kippur erlaubt.
Weitere
Fragen und Antworten gefällig?
Sukkot, Schemini Azeret und Simchat Tora
Wenn auch Sukkot genau wie Pessach und
Schawuot ursprünglich ein bäuerliches Fest war, spricht ihm die Bibel
doch auch eindeutige historische Wurzeln zu: "Sieben Tage sollt ihr in
Laubhütten wohnen. Wer einheimisch ist in Israel, soll in Laubhütten wohnen,
daß eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel habe in Hütten wohnen
lassen, als ich sie aus Ägyptenland führte"... (3. Buch Mose 23,42-43).
Sechshundert Fragen und Antworten:
Jüdische Welt
verstehen
Nach einer inhaltlichen und sprachlichen Neubearbeitung von Miriam Magall
liegt nun eine Neuausgabe des Buches von Rabbiner Alfred J. Kolatch vor. Um
jüdischem Leben in all seiner Vielfalt begegnen zu können, ist dieses Buch
eine wahre Fundgrube...
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hagalil.com
28-09-2005
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