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Gedanken zum Neuen Jahr:
Der goldene Mittelweg
Von Oberrabbiner
Chaim Eisenberg
Rabbi Josef Karo schreibt im
Schulchan Aruch Orach Chaim Kapitel 603: Auch wer das ganze Jahr (koscheres)
Brot, das von einem Nichtjuden gebacken wurde, isst, soll in den zehn
Bußetagen (den Tagen beginnend mit Rosch Haschana und endend mit Jom Kippur)
besonders darauf achten, nur von einem jüdischen Bäcker gebackenes Brot zu
essen.
Generell könnte man sagen, dass der
Schulchan Aruch uns vorschreibt, in den Asseret jemej Teschuwa (eben diesen
zehn Bussetagen) frömmer zu sein als im Rest des Jahres. Dies mag zwar
lobenswert sein, aber welchen Wert hat dieses Verhalten, wenn wir wissen,
dass wir sofort nach Jom Kippur wieder in den alten Trott verfallen? Will
denn der Schulchan Aruch, dass wir den Ewigen, aber auch uns selbst
betrügen?
Um eine Antwort auf diese Frage zu
geben, wenden wir uns einer Theorie zu, die Rabbi Mosche ben Maimon (der
Rambam) in seinen Hilchot Deot (Die Vorschriften über die Ideologien)
aufstellt.
Dort postuliert er (Kapitel 1, Halacha 4): Der gerade Weg, den der Mensch
wählen soll, ist der Mittelweg in allen Eigenschaften, in der Mitte zwischen
den beiden Extremen. Als Beispiele führt er an, dass ein Mensch nicht zu
lustig aber auch nicht nur traurig sein soll, dass er nicht knausrig sein,
aber auch nicht das Geld mit beiden Händen beim Fenster hinauswerfen soll,
etc.
Rambam erwähnt zwei Ausnahmen, bei
denen der Mensch nicht den Mittelweg gehen, sondern sich bemühen soll, das
(bessere) Extrem zu wählen. Wenn es um Bescheidenheit oder Stolz geht, soll
der Mensch nicht genau die Mitte zwischen den beiden Extremen anstreben,
sondern sich eher bescheiden verhalten. Auch wenn er zwischen Zorn und
Sanftmut wählen soll, ist nicht die Mitte dazwischen erstrebenswert, sondern
man möge sich vom Zorn fernhalten.
Sonst allerdings ist der Mittelweg der richtige.
Maimonides setzt fort:
Wenn der Mensch an sich erkennt, dass er in einer Eigenschaft den Mittelweg
nicht verwirklicht, sondern zum Beispiel besonders geizig ist, so soll er
sich eine Zeit lang zwingen, genau die gegenteiige Eigenschaft zum
Verhaltensmuster zu wählen, also besonders viel Geld ausgeben. Dann wird er
letztlich das Gleichgewicht finden und somit den vom Rambam erwünschten
Mittelweg gehen.
Ein späteres Werk, das Sefer
haChinuch, beschreibt diesen Vorgang auch mit den Worten, dass es nicht
immer unsere Ideologie ist, die unsere Taten hervorruft, sondern dass es
umgekehrt auch die Taten sein können, die unser Herz beeinflussen.
Kehren wir nun zu dem eingangs
erwähnten Beispiel des Schulchan Aruch zurück.
Wenn dieser uns auffordert, in den Tagen um Rosch Haschana und Jom Kippur
besonders vorsichtig mit den Mizwot (Geboten) umzugehen, dann heißt das
nicht, dass wir den Ewigen oder uns selbst betrügen sollenl Vielmehr steckt
dahinter die Hoffnung, dass von dem besonders guten Benehmen doch etwas auch
nach Jom Kippur überbleibt.
In unserer Generation ist das
Phänomen der Baale Teschuwa, der Rückkehrer zur jüdischen Religion besonders
häufig. Nach dem Suchen um einen Sinn im Leben auf verschiedenen Gebieten -
sei es Wissenschaft, fremde Glaubenslehren, Esoterik, manchmal sogar Drogen
- finden viele zu den alten jüdischen Traditionen zurück. Oft werden solche
Menschen von anderen (solchen, die schon von klein auf fromm waren oder
anderen, die es nicht waren und auch nicht geworden sind) belächelt. Und
zwar aus dem Grund, dass sie meist besonders (für manche übertrieben) fromm
sind.
Ich glaube, dass für manche dieser
Baale Teschuwa das gleiche Prinzip gilt, das der Rambam entwickelt hat,
nämlich, dass sie, um die vielen Jahre auszugleichen, in denen sie gar
nichts gehalten haben, jetzt zum anderen Extrem neigen, um sich vom alten
Weg vollends zu lösen. Manche bleiben auch so, andere wieder finden später
einen Mittelweg (wahrscheinlich nicht genau die Mitte sondern näher zur
Tradition).
Das Sternzeichen des Monats Tischre,
in den Rosch Haschana und Jom Kippur fallen, ist eine Waage. Dies wird oft
so gedeutet, dass der Ewige unsere guten und bösen Taten gegeneinander
abwägt.
Ich glaube, man könnte noch eine zweite Deutung geben:
Die Tage des beginnenden neuen Jahres sind dazu da, damit wir unser
Gleichgewicht wieder finden können, wie das Gleichgewicht einer Waage.
Ich wünsche Euch allen:
LeSchana towa tikatewu wetechatemu.
Ein gesundes und glückliches Jahr, ein Jahr des Friedens und des
Gleichgewichts.
Wollen Sie mehr darüber erfahren, so
kommen Sie zum
Talk im Tempel, in der Seitenstettengasse 4. Weitere Informationen:
IKG
Wien.

Das offizielle Organ der
Israelitischen
Kultusgemeinde Wien
Gemeinde / Wien 09-2001
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