Jüdische Welt verstehen:
Kaparoth und Hohe FeiertageAus dem
11. Kapitel "Die Hohen Feiertage" des
Buches "Jüdische
Welt verstehen" von Rabbiner Alfred J. Kolatch
Kaparoth:
Warum vollziehen Juden einen Tag vor dem Versöhnungstag die Zeremonie des
"Kappore-schlagens"?
Der Brauch des Kapporeschlagens (kappara =
Sühneopfer) hat sich aus dem alten Glauben entwickelt, daß Krankheiten,
Schmerzen, Ärger und Sünden auf ein lebendes oder totes Objekt übertragen
werden können.
Beim "Kapporeschlagen", das auch heute noch bei manchen Juden Brauch ist,
wird ein Huhn dreimal über dem Kopf geschwungen und folgende Formel
aufgesagt: "Dies ist mein Ersatz, dies ist meine Auslösung, dies ist meine
Buße 33. Dieses Huhn
(oder dieser Hahn) wird sterben, und ich werde mich eines guten und langen
und friedlichen Lebens erfreuen."
Mit dem Brauch geht die Lesung von ausgewählten
Abschnitten aus den Psalmen oder dem Buch Hiob einher. Danach wird das
Geflügel 34 rituell
geschlachtet und vom Besitzer verzehrt oder an Arme verschenkt. Der
ursprüngliche Grund für die Verwendung von Hähnen und Hühnern lag darin, daß
nach der Zerstörung des Tempels kein Tier mehr von der Art, wie sie im
Tempel geopfert wurden, für einen ähnlichen Zweck im jüdischen Leben
verwendet werden durfte. Gab es keinen Hahn oder kein Huhn, wurden andere
Tiere wie etwa Gänse oder Fische genommen. 35

Abb.: A Hahn ist ein Huhn, und ein Huhn ist ein
Hihn...
©
Grzegorz Pawlowski
Der im Talmud nicht erwähnte Brauch des Kapporeschiagens ist wahrscheinlich
bei den Juden von Babylon aufgekommen. Einen entsprechenden Hinweis gibt es
in den Schriften der Geonim des 9.Jahrhunderts. Wenngleich die
meisten religiösen Führer diesen Brauch als barbarisch verurteilten
36, hat Rabbi Moses Isserles ihn gebilligt,
woraufhin er sowohl von den deutschen als auch den polnischen Juden
beibehalten wurde.

Abb.: Zedaka für Waisen und Witwen...
©
Grzegorz Pawlowski
Da der Brauch aber äußerst umstritten ist, verwenden
mittlerweile viele Gläubige statt des Geflügels Geldmünzen
37, die dann für wohltätige
Zwecke eingesetzt werden.
- 33 Daher die Bezeichnung kapparot = Bußen (Plural von Buße)
- 34 Meist Hahn oder Huhn; nach J. Schwarz in "Ruth" ist es ein Hahn für
einen Mann, ein Huhn für eine Frau.
- 35 Wahrscheinlich wollte man auf diese Weise an die alten Opferriten
von Jom Kippur zur Zeit des Tempels erinnern.
- 36 Zu den höchsten religiösen Autoritäten, die sich dem
entgegenstellten, gehörte sogar Rabbi Joseph Karo, der Autor des
Schulchan Aruch.
- 37 Als Gegenwert und in dem Glauben des zedaka tazil mi-mawet:
"Nächstenliebe schützt vor dem Tode".
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Jüdische Welt
verstehen
Nach einer inhaltlichen und sprachlichen Neubearbeitung von Miriam Magall
liegt nun eine Neuausgabe des Buches von Rabbiner Alfred J. Kolatch vor. Um
jüdischem Leben in all seiner Vielfalt begegnen zu können, ist dieses Buch
eine wahre Fundgrube...
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hagalil.com
28-09-2005
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