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Koscher leben...
 
 

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FRIEDENSTAUBE ODER MAHNUNG?
JONA UND SADDAM - EIN VERGLEICH

In English: JONAH AND SADDAM - A COMPARISON

JOM KIPPUR 2002/5763.
Von Rabbiner Walter Rothschild, Berlin & München.

Heute feiern wir den Versöhnungstag, "Jom Kippur". Nicht nur das Fasten und das Gebet gehören zum Tagesablauf, sondern auch Lesungen aus der Bibel. Am Nachmittag liest man unter anderem das Buch Jona. Die Fragen, die dazu gestellt werden, lauten: "Warum?" und "Worauf kommt es an?"

Hierauf gibt es mehrere mögliche Antworten. Zum Beispiel, dass wir, die wir wie Jona oftmals versuchen, vor unserer Verantwortung und vor Gott zu fliehen, Gottes Befehl folgen müssen. Eine andere könnte diese sein: Wenn es Gott möglich ist, allen bösen Einwohnern einer Stadt zu verzeihen, dann kann es auch für uns Hoffnung geben. Gibt es überdies auch eine moderne, politisch relevante Lehre, die wir aus diesem Buch ziehen können?

Es ist ein merkwürdiges kleines Buch, vielleicht eher eine Novelle. Es sind nur vier kurze Kapitel. Was geschieht dort? Eines Tages - wann genau, wird nicht gesagt - spricht Gott, der Herr, zu Jona, dem Sohn Amittais. Er sagt: "Geh nach Nineveh, es ist eine böse Stadt, ich möchte sie zerstören." Das dritte und das vierte Kapitel spielt dort, in dieser Großstadt in Mesopotamien, dem heutigen Irak, nicht sehr weit entfernt vom heutigen Bagdad.

Warum? Warum gerade jetzt? Das wird uns nicht gesagt. Wie böse, wie schlecht war diese Stadt? Was wurde dort getan, dass sie solch eine Bestrafung verdient hatte? Der Text sagt uns nichts darüber.

Nineveh lag nicht weit entfernt von der heutigen Stadt Mosul, nördlich von Bagdad. Dorthin kam der König Sennacherib zurück, nachdem es ihm nicht gelungen war, Jerusalem im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zu erobern. (Siehe Könige II, Kap. 19:35-37 - Siehe auch Jesaja Kap. 37:36-38). Dort wurde er von seinen eigenen Söhnen ermordet. "Und es war in jener Nacht, da zog ein Engel des Ewigen aus und schlug im Lager Aschschurs hundertfünfundachtzigtausend. Und da man am Morgen aufstand, sieh, da waren sie alle Leichen, tot. Und Sennacherib, König von Aschschur, brach auf und zog fort und kehrte heim und blieb in Nineveh. Und es geschah, als er sich niederwarf im Hause Nisroch, seines Gottes, da erschlugen ihn Adrammelech und Schar'ezer, seine Söhne, mit dem Schwert; und sie entflohen nach dem Land Ararat. Und Esarchaddon, sein Sohn, ward König an seiner Statt.”

Nineveh war also Hauptstadt von Aschschur. Dort regierten König Esarchaddon und König Ashurbanipal. Sie waren mächtige Tyrannen. Es war eine alte und große Stadt, eine korrupte Stadt, eine Stadt, in der Söhne ihren Vater im Tempel ermorden konnten. (Ararat ist übrigens die Gegend, von der angenommen wird, dass dort die Arche Noachs landete. Auf jeden Fall befindet sich Ararat auf dem Gebiet des Nord-Irak und der Süd-Ost-Türkei. Dort versuchen heute die Kurden, ihren eigenen Staat zu gründen.)

In der hebraischen Sprache bedeutet “Jonah” Taube - für viele ist diese das Symbol des Friedens (Bereschit/Anfänge 8:8-12). Die gleichen Buchstaben könnnen aber auch “mahnen, irritieren, kritisieren” bedeuten - diese Verben spiegeln die Rolle eines Propheten wider. Sie können sogar “unterdrücken” bedeuten. Außerdem sind diese Buchstaben auch im Namen “Nineveh” zu finden. Nineveh war die damalige Haupstadt des großen und brutalen Reiches der Assyrier. Sie war ein Symbol für alles Übel, politisch wie moralisch. Die dortige Gesellschaft war brutal, auf Sklaven, auf Leid, auf Armut und auf einem Persönlichkeits-Kult gebaut. Die Herrscher waren allmächtig.

Warum spricht Gott gerade jetzt zu Jona? Das wissen wir nicht. Wenn Gott etwas gegen Nineveh geplant hat, war es ihm dann nicht möglich, direkt mit den König von Nineveh zu sprechen, ihn zu warnen, zu überreden, zu überzeugen, seine bösen Wege rechtzeitig zu verlassen? Doch Gott tut das nicht.

Ob Jona auch eine Frau und Familie hat, wissen wir ebenfalls nicht. (Übrigens erscheint in Könige II, Kap. 14, Vers 25 ein “Jona, Sohn Amittais, aus Gath-Hepher”. Er wurde als “Prophet, Diener Gottes” beschrieben und prophezeite, die Grenzen Israels würden “vom Eingang zu Chamat bis zum Meer der Arawah” wieder hergestellt werden - in moderner Terminologie also von Nord-Syrien bis Eilat - und er predigte während des 41-jährigen Reiches König Jerob'ams in Schomron, Samaria, dem heutigen Nablus.) Nur eines ist uns klar: er hat -unerwartet und ungewollt- von Gott den Auftrag bekommen, den Feind zu besuchen, den Feind zu mahnen und den Feind zu ändern, damit er kein Feind mehr sei. Eine schwierige Aufgabe für jeden von uns...

Das will er zunächst überhaupt nicht tun. Und das ist verständlich. Denn für einen Juden aus Samaria, einen Hofprediger, war es eine selbstmörderische Mission, ein Himmelfahrtskommando, nach Nineveh in Assyrien zu gehen. Es hatte bereits blutige Kriege zwischen diesen Völkern gegeben. Deshalb versucht Jona stattdessen vor Gott zu fliehen. Er geht nicht ostwärts sondern westwärts, eilt zum Hafen, sucht nach einem Schiff, das ihn so weit wie möglich nach Westen bringen kann, genau in die entgegen gesetzte Richtung. Nach Tarschisch -wahrscheinlich Tartessus in Spanien- an den Atlantik. Außerhalb der Reichweite.

Doch so einfach ist es nicht, Gottes Befehl zu entkommen. Gott schickt einen mächtigen Sturm. Es wurde lebensbedrohend. Die Matrosen auf dem Schiff sind nicht dumm. Sie verstehen, dass es hier um etwas außergewöhnliches geht. Irgendjemand, so denken sie, hat irgendeine Macht verärgert. Nachdem sie alles geopfert haben, was sie opfern können, rufen sie ihre Passagiere auf. Bis zur letzten Minute hoffen sie, jedes menschliche Leben an Bord retten zu können. Doch dann wird ihnen klar, dass dieser hebräische Passagier über Bord geworfen werden muss. Nur so können sie selbst weiter leben. Und plötzlich wird das Meer still. Und sie erkennen die Macht Gottes an. Die Matrosen sind die Helden in dieser Geschichte. Sie sind Unschuldige, die unwissend in diesen Konflikt - der nicht ihrer ist - geraten sind. Sie suchen die beste Lösung für alle, natürlich möchten sie dabei auch ihr eigenes Leben retten.

Jeder, der diese Geschichte gelesen hat -und wenn es nur in der Schule war-, denkt jetzt an den berühmten Walfisch. Doch dieser ist eigentlich nicht der wichtigste Teil der Geschichte. Er dient nur als Mittel, um Jona wieder an Land zu bringen. Seinem Schicksal kann Jona -trotz allem- nicht ausweichen. Nineveh braucht seine Mahnung, auch wenn die Stadt dies nicht weiß.

Er kommt; er predigt, er prophezeit; die Reaktion ist erstaunlich. Die Einwohner Ninevehs -vom König bis zum einfachsten Menschen- bereuen ihre Wege, sie ändern ihre Haltung gegenüber Gott und der Welt. Sie kleiden sich in Sack und Asche. Und Gott entscheidet: “Gut, Ich werde Meine Wege auch ändern, Ich werde sie nicht zerstören”. Als Jona, der sich diese Zerstörung natürlich gern angesehen hätte, enttäuscht und verärgert nach dem Warum fragt, antwortet Gott geduldig: “Weil es dort so viele unschuldige Menschen gibt und sogar Tiere, die nichts mit diesen bösen Dingen zu tun haben. Warum sollen die Unschuldigen mit den Schuldigen sterben? Und warum können nicht auch die Schuldigen ihre Wege ändern? Warum sollen sie nicht umkehren können?” (Gott warnt Jona auch, indem er fragt: “Warum hast du mehr Interesse an einen Baum als an mehreren tausend Menschen?” Dies ist eine interessante Frage für alle, die sich ZU sehr mit Umweltfragen beschäftigen, so sehr, dass sie die Menschen nicht mehr sehen können....).

Jona ist nicht ganz überzeugt, doch die Geschichte endet hier plötzlich. Ob er je nach Hause gekommen ist, wird uns in diesem Buch auch nicht erzählt. Es gibt eine moslemische Überlieferung, die besagt, dass er dort an einem Ort namens "Nebil Junis" begraben ist.

Gerade in der heutigen Zeit stehen wir vor einen ähnlichen Problem. Im gleichen Land, im ehemaligen “Mesopotamien” gibt es eine “böse Stadt” mit einem “bösen König”, als Teil einer “Achse der Bösen” beschrieben. Die dortigen Menschen -zumindest die führenden- sind feindselig. Sie haben allem Anschein nach kein Interesse am Dialog oder am Frieden, sondern nur grosses Interesse an Krieg, Unterdrückung, Bedrohung und an Waffen aller Art. Gibt es also eine bessere Lösung als Krieg und Zerstörung?

Wäre es möglich, diesen Menschen eine Botschaft zu schicken, damit sie ihre Wege ändern? Einen Jona, eine Taube, eine Friedensbotschaft? Oder ist dies unmöglich? Und wer wäre bereit, diese Aufgabe zu erfüllen? Werden auch unschuldige Menschen - wie damals die Matrosen - von dem Konflikt betroffen sein? Sollten wir nicht an die kleinen Leute denken, die ihre linke Hand nicht von der rechten unterscheiden können, und sollten wir nicht auch an die Tiere denken, bevor wir mit großer, zerstörender Kraft angreifen? Müssen wir sie tatsächlich töten, um die wirklich Bösen unter ihnen zu bekommen?

Aus der Bibel lernen wir vieles. Gott ist hier die Weltmacht - und Gott sieht eine böse Stadt mit einem bösen Herrscher. Gott allein kann die Leute in Nineveh nicht ändern - das müssen sie selbst tun. Gott kann nur einen mahnenden Propheten schicken, einen “Inspektor”, der die Aufgabe hat, zu prüfen, ob noch etwas zu retten ist.

Vergessen wir bei all dem nicht die Geschichte von Sodom (Bereschit/Anfänge Kap. 18 & 19). Auch dort gab es eine Stadt, die ihre Vernichtung “verdient” hatte. Dort konnte selbst Gott, nachdem er alles versucht hatte, keine Alternative finden. Gott hatte damals Engel, Boten, geschickt, um nur zehn Gerechte in der ganzen Stadt zu finden. Sie hätten genügt, um die Stadt zu retten. Sie waren jedoch nicht zu finden... Es regnete also Feuer und Zerstörung vom Himmel, bis nichts mehr übrig war. Dies kann auch eine Lösung sein, falls sie nötig ist.

Der Prophet, der Bote, kommt immer von außen; er ist kein Mitglied der normalen Gesellschaft. Er ist frei und unabhängig - und doch nur ein Mensch. Wenn die Menschen bereit sind zuzuhören, kann er allerdings viel erreichen. Er kann die Verwandlung der Gesellschaft bewirken, wenn der Herrscher bereit ist, sich zu demütigen und zuzuhören.

Man darf nicht vergessen, dass Nineveh später dann doch noch zerstört wurde! Nämlich von den Babyloniern. Dies war eine Generation später. Vielleicht hatten die Menschen dieses Mal nicht zugehört. Die Ruinen liegen jedenfalls noch immer dort.

Es gibt nichts neues unter der Sonne, sagt Koheleth, der Prediger. Nicht zum ersten Mal gibt es im heutigen Irak ein böses, zerstörerisches, gefährliches, bedrohendes und brutales Imperium. Nicht zum ersten Mal denken einige: “Es muss einen besseren Weg als die Zerstörung des ganzen Landes geben, um dieser Situation zu entkommen”. Die Frage lautet: Wer hat Recht?

Ist heute irgendjemand bereit, ein neuer Jona zu sein, der dorthin fährt? Ist irgendjemand bereit, sich so sehr enttäuschen zu lassen wie Jona? Er bekommt kein Lob, keinen Dank, keinen Friedensnobelpreis. Er macht nur, was er machen muss, nicht freiwillig, jedoch erfolgreich.

Wenn nicht, dann muss sich die Geschichte wiederholen. Wie die Geschichte von Sodom. Eine Stadt, die aus der himmlischen Perspektive ihr Existenzrecht verloren hatte. Es muss eine Macht von oben kommen, die bereit ist, die Bösen zu bestrafen.

Sowohl theologisch als auch politisch - und an Jom Kippur auch ganz persönlich - steht jeder von uns, steht die gesamte Welt vor einer schweren Entscheidung.

Gedanken zum Tischri

Die Torahlesung zu Rosch haSchanah:
Die Söhne Awrahams - Jizhak veJischma'el

Awrahams Zerrissenheit bei der Trennung von seinem Sohn Jischma'el erschüttert den Leser und läßt ihn mit vielen Fragen zurück. Die direkt nachfolgende Geschichte der Akedath Jizhak ist aber die wohl am allerschwersten verständliche Schilderung der gesamten Torah...

Paraschoth zu den Hohen Feiertagen

  • Paraschah für Rosch haSchanah (Gen. 21,1-31, Lev. 23,23-25 Maftir)
  • Paraschah für den 2.Tag Rosch haSchanah (Gen. 22,1-24, Lev. 23,23-25 Maftir)
  • Paraschah für Schabbat Schuwa (Wochenabschnitt)
  • Paraschah für Jom Kippur (Dtn. 29,9-14 u. 30,1-20, Lev. 23,26-32, Maftir, zu Minchah Lev. 19,1-18)

Haftaroth zu den Hohen Feiertagen

  • Haftarah für Rosch haSchanah (1. Samuel 1,1-2,10)
  • Haftarah für den 2.Tag Rosch haSchanah (Jeremia 31,1-19)
  • Haftarah für Schabbat Schuwa (Hos 14,2-20; Mi 7,18-20)
  • Haftarah für Jom Kippur (Jesaja 57,14-58,14)
     
  • Haftarah für Sukkot (1. Könige 8,22-30; 41-43)
  • Haftarah für den 1. Tag Sukkot (1. Könige 8,2-21)
  • Schabbat Chol haMoed Sukkot (Kohelet 2,1-26)
  • Haftarah für Schemini Azeret/Simchat Tora (Josua 1,1-9)

 SCHOFAR



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