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Koscher leben...
 
 

Jom Kipur:
Das jährlich wiederkehrende himmlische Gericht
  1. Ein Fest der Läuterung
  2. Ritual und Gebet
  3. Umkehr und Vergebung
  4. Viduj und Ne'ilah
     

Fest der Läuterung

Stille, weiße Bekleidung, statt lederner schlichte Schuhe aus Stoff und eine ehrfürchtige Stimmung gehören zu dem Tag, an dem jeder um die eigene Reinheit vor Gott ringt. Auch wer das ganze Jahr nicht in die Synagoge geht, kommt an diesem Abend, um »mit den Sündern« zu beten. Das Licht vieler Kerzen, weiße, silberdurchwirkte Vorhänge und Decken schmücken die Synagoge.

In diesem Licht, in dieser Stille, beginnt die Weihe des höchsten Festes, erklingt das Gebet, das nur am Vorabend des Jom Kippur vorgetragen wird: Kol-Nidrej.

Man fleht, daß die Worte aufsteigen mögen, daß Er die Stimme höre, Gebet und Bekenntnis wohlwollend aufnehme.

Die osteuropäischen Chassidim legten besonderen Wert auf Hingabe und innige Ausrichtung im Gebet. Ein aufrichtig Betender war auch derjenige, der mit Gott haderte.

Die Hemmung

Am Vorabend eines Jom Kppur machte er sich bereit,  Kol Nidrej zu sagen, hüllte sich in den Tallit, stellte sich vor die Lade, verharrte aber in Schweigen. Ein Schauer ergriff die Gemeinde, die Sonne war untergegangen, Nacht war es in der Welt, die Kerzen flackerten, doch Rabbi Levi Jizchaq schwieg. Nach einer geraumen Weile wendete er sein Antlitz zur Gemeinde und fragte: »Ist Berl, der Schneider, im Bethaus?«

Man hielt Umschau und meldete ihm: »Nein!« Da sprach der Rabbi zu seinem Diener: »Geh hin und sag, ich hätte befohlen, daß er ins Bethaus kommen soll!«

Der ging und kam mit ihm.
Der Rabbi redete ihn an: »Berl, warum hemmst Du den Aufstieg der Gebete an diesem heiligen Abend?« Berl erwiderte: »Ich habe einen Rechtsstreit mit Gott. Würdet Ihr, heiliger Rabbi, das Richteramt annehmen, dann will ich die Gebete in ihrem Aufstieg nicht hemmen!«
»Leg mir den Rechtsstreit vor!« sagte der Rabbi.

Berl hub zu erzählen an: »Vor einigen Wochen schickte der Gutsherr von Janoschkowitz um mich, daß ich ihm einen Reisepelz mache. Er übergab mir eine große Anzahl von Wieselfellen, denn der Pelz sollte breit und lang sein. Ich stellte den Pelz fertig, breit und lang, und ersparte dennoch zehn Wieselfelle; Ihr wißt doch, Rabbi, daß mich Gott mit vielen Kindern gesegnet hat und daß ich auch eine Tochter zum Verheiraten habe. Nun zerbrach ich mir den Kopf, wie ich die Felle nach Hause bringe, daß man im Hofe nicht darauf komme. Endlich kam mir ein guter Gedanke: ich hatte vom Gutsherrn ein großes Brot geschenkt bekommen. Ich machte es hohl und versteckte die Felle darin, legte das Brot in einen Sack und ging nach Hause.

Ich hatte bereits eine Meile hinter mir, als ich den Galopp von Pferden vernahm. Mein Herz pochte stark, denn ich fürchtete, daß die Sache entdeckt sei, und beeilte mich, das Bündel in einem hohlen Baum zu verstecken. Und nun wartete ich. Bald rollte der herrschaftliche Wagen heran und Jasik, der gräfliche Kutscher knallte mit der Peitsche: 'He, Berko, zurück!' Ich erschrak: 'Die Wieselfelle!' dachte ich und kehrte um. Doch das Ganze war nicht der Rede wert: ich hatte vergessen, einen Hänger anzunähen. So nähte ich den Hänger an und ging wieder nach Hause. Als ich aber an jene Stelle kam, da fehlte das Bündel. Finster ward es um mich, ich legte mich hin und weinte bitterlich in meinem großen Schmerz. Ich sagte mir: 'Gott hat es getan, weil es ihm mißfiel, daß ein Jude, ein Glied seines auserwählten Volkes, stehle.' Nun dachte ich: ihnen, den Bauern, erlaubt er zu stehlen, uns Juden verbietet er es. Da will ich ihm zeigen: ich werde nicht mehr zu den 'Auserwählten' gehören. So sann ich im Herzen.

Als ich nach Hause kam, empfing mich mein Weib liebevoll und sprach: 'Berl, wasch Dir die Hände und setz Dich zu Tisch!' Ich nahm aber Speise und Trank, ohne mich zu waschen, unterließ es auch, den Segen zu sprechen. Seit jenem Tage habe ich nicht gebetet und kein Gesetz beobachtet. Es kamen die Slichah-Tage — ich machte mir nichts daraus. Zu Neujahr brachte ich es über mich, nicht in die Synagoge zu gehen, und unterließ es auch, das Blasen des Schofar zu hören. Ich war fest entschlossen, die 'Auserwählte Gemeinschaft' zu verlassen und zu 'ihnen' zu gehen. Doch es kam der heilige Tag, der Versöhnungstag. Ich dachte:

'Heute muß ich ihm verzeihen, vergibt doch auch er die Sünden, die man gegen ihn begeht'. Aber ich stellte eine Bedingung: Ich verzeihe nur, wenn er allen Missetätern, ohne Ausnahme, und mag ihre Schuld noch so schwer sein, verzeihen wird. Ich sprach zu Gott: 'Vergibst Du alle Sünden, dann will ich auch Dir die gegen mich begangene Sünde vergeben, wenn nicht, dann verzeihe ich auch nicht.' Und nun bitte ich Euch, heiliger Rabbi, zu entscheiden, ob ich recht habe oder nicht.«

Rabbi Jizchaq überlegte eine Weile, dann rief er mit Inbrunst: »Das Recht ist bei Dir! Das Recht ist bei Dir!«

Dann stimmte er das Kol-Nidrej an - und noch nie rief er den Satz: »Und Gott sprach: 'Ich habe vergeben!'« mit so großer Inbrunst wie an jenem Jom Kipur-Abend.

>> weiter: Ritual und Gebet

Quelle:
Das Buch der jüdischen Jahresfeste
von Efrat Gal-Ed

DM 22,90 / EUR 11,71 Taschenbuch
DM 48,00 / EUR 24,54 Gebunden
Erschienen 2001

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