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Koscher leben...
 
 

Jom Kipur:
Das jährlich wiederkehrende himmlische Gericht

Der Vater

Inmitten des Gebetes am Jom Kippur, da die hohe Glut ihn überkam, rief Rabbi Levi Jizchaq von Berdytschew:

»Herr der Welt! Was willst Du von Deinen Kindern? Die sind böse und mißachten Deine Satzungen. Da frage ich Dich: Ist es hehr und heilig, wenn ein Vater brave, folgsame Kinder lieb hat und ihnen Gutes tut? Erhaben ist es, wenn ein Vater schlimmen Kindern, die seine Ermahnung mißachten und seinen Wünschen zuwiderhandeln, dennoch Liebe und Huld erweist, und darum flehe ich zu Dir, erbarme Dich unser, wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt!«

Vergebung

Im Mittelpunkt dieses erhabensten aller Tage stehen die göttliche Gnade und der Einzelne, der zu Gott, zur Umkehr gerufen wird, um geläutert zu werden. Der Segen des Tages ist das Erleben von Ganzheit und Harmonie. Aus kabbalistischer und chassidischer Sicht offenbart Vergebung die göttliche Gnade, die das Gesetz, das Gut und Böse bestimmt, außer Kraft setzen kann, die Kettenreaktion von Ursache und Wirkung aufhebt, die Verfehlungen der Vergangenheit tilgt und eine neue Gegenwart ermöglicht. Von dieser Vergebung spricht Jesaia (44: 22): »Ich lösche deine Verbrechen wie einen Dunst, deine Sünden wie eine Wolke, kehre zu mir zurück, denn ich erlöse dich.« Diese Vergebung, die das Geschehene ungeschehen macht, unterliegt nicht den Gesetzen von Raum und Zeit. Hier offenbart sich das Höchste und versetzt den Menschen in eine Wirklichkeit jenseits der Grenzen der Welt. Die Mischnah (Jama' 8: 9) macht unmißverständlich klar, was gesühnt werden kann:

  • Sünden zwischen dem Menschen und Gott sühnt Jom Kippur.
  • Sünden zwischen Mensch und Mensch sühnt er nicht, ehe nicht der Mensch den Menschen versöhnt hat.

Umkehr

Berichtigen, Wiederherstellen, Umkehr — das alles gehört  zum Wort T'schuwah. Es bedeutet Rückkehr, Zurückkehren zu Gott und seinen Satzungen, Umkehr der Lebensrichtung sowie Antwort. Das setzt nicht nur Gewissenserforschung voraus, sondern eine Zerstörung der Bilder unseres Selbst. T'schuwah benennt einen Prozeß der Befreiung von der niederen Natur mit ihrer Anziehungskraft und der Annäherung an das Göttliche. Alter Überlieferung nach wurde T'schuwah noch vor der Weltschöpfung erschaffen. Damit bekam der Mensch vor seiner Erschaffung die Möglichkeit zur Umkehr (Mischnah, P'ssachim 54:1).

Kasteiung

Wer sich an Jom Kipur vor Gott läutert, wendet sich vom Alltäglichen ab, verrichtet keine Arbeit und entsagt allen leiblichen Genüssen, damit seine ganze Aufmerksamkeit allein seinem Schauen vor Gott gewidmet ist. Die Enthaltung von Essen, Trinken und Sexualität und das Verbot, sich zu waschen und zu salben, sind nicht Zweck des Feiertags, sondern symbolisieren Abwendung vom Materiellen und Zuwendung zum Erhabenen, da alles Irdische ohne Bestand ist. Der Läuterungsprozeß entspringt dem inneren Willen, die Fesseln des eigenen Ichs zu sprengen, seine Begrenzungen zu überschreiten, das Göttliche zu erleben und in sich zu verwirklichen.

Abraham Jizchaq Kook (1865-1935) beschrieb in seinem Werk ,Oroth haTschuwah, »Lichter der Umkehr«, diesen inneren Prozeß: Der erste Schritt sei die Umkehr zu sich selbst, zur Wurzel der eigenen Seele, alsdann kehre man sofort zu Gott, zur Seele aller Seelen zurück.

Bedingungen der Umkehr

Zur Umkehr gelangen kann nur derjenige, der es wahrhaftig will. Denn — so die Mischnah (Joma' 8: 9):

»Wenn einer sagt: Ich will sündigen und umkehren, ich will sündigen und umkehren, dann wird ihm keine Möglichkeit gegeben, umzukehren. Sagt er: Ich will sündigen und Jom Kippur wird mich sühnen, dann sühnt Jom Kippur ihn nicht.«

Sa'adjah Ga'on

Sa'adjah Ga'on (882-942) benannte vier Aspekte der T'schuwah: vom Vergehen loskommen, es bereuen, um Sühne bitten und es nicht wiederholen.

Abbahu

Im Talmud (Bawli, B'rachat 34b) ist der lapidare Satz von Abbahu (gest. 309 n.d.Z.) überliefert: »Wo Umkehrende stehen, können vollkommen Gerechte nicht stehen.« Abbahu stellte die Umkehrenden höher als diejenigen, die ihre Makellosigkeit bewahren, und Maimonides (1135-1204) erklärt, warum:

Maimonides

Der Umkehrende ist dem Schöpfer lieb und nah, als habe er nie gesündigt, mehr noch: sein Verdienst ist größer, denn obwohl er die Sünde geschmeckt hatte, wandte er sich von ihr ab und bezwang seinen Trieb.
(Hilchoth Tschuwah 7:4)

Für Maimonides spielt das Bekennen der Schuld eine entscheidende Rolle, denn dadurch nimmt es der Bekennende auf sich, wiederherzustellen, was sich wiederherstellen läßt, und solche Taten in Zukunft zu unterlassen. Durch die Aneignung der Schuld löst sich der Bekennende gleichsam von ihr los.

Bekenntnis

Die Umkehr, das Ringen um die Läuterung und um die geistige Verbindung mit Gott werden durch das Gebet getragen und zum Ausdruck gebracht. Fünf Gebetszeremonien gibt es an Jom Kippur; und zehnmal wird das Viduj-Gebet, hebräisch »Bekenntnis«, gesprochen.

Darin forscht man nicht nach bestimmten Vergehen und Tatbeständen, sondern nach den verborgenen Kräften, in denen der Trieb zum Bösen sich äußert. Haß und Gier, Angst und Bequemlichkeit, Unzucht und Veruntreuung, Vorurteil, Stolz und Grausamkeit — alles Dunkle wird ans Licht gehoben. Wer dieses Gebet mit der Erschütterung, die es fordert, spricht und beantwortet, erkennt sich in einem Licht, das den Zugang zum höheren Selbst und zur eigentlichen Menschlichkeit eröffnet.

  1. Das Fest der Läuterung
  2. Ritual und Gebet
  3. Umkehr und Vergebung
  4. Viduj und Ne'ilah

Quelle:
Das Buch der jüdischen Jahresfeste
von Efrat Gal-Ed

Rosch haSchanah und Jom Zom Kipur
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