Jom Kipur:
Das jährlich wiederkehrende himmlische Gericht
Das himmlische Gericht
Die zusammenhängenden Feste,
Neujahr und Versöhnungstag, stellen das jährlich wiederkehrende
himmlische Gericht dar. Am Neujahrstag wird das Urteil für das kommende
Jahr über jeden einzelnen geschrieben und am Versöhnungstag, am letzten
der zehn Bußtage, besiegelt.
Während dieser zehntägigen Zeitspanne geht es nicht um historische
Erinnerungen, sondern allein um unser Jetzt und Hier, um die Frage nach
der Ausrichtung des eigenen Lebens. Zehn Tage lang stehen wir vor Gott,
in Selbstüberprüfung, im Versuch, uns trotz der Schwerkraft in uns zu
erheben. Wir stehen vor dem Heiligen und haben Anteil an Seiner Zeit,
die Er uns gab, um vor Ihm zu bestehen.
An keinem Tag stehen wir in
unserem Schauen so nah vor Gott wie an Jom Kipur, dem Tag des Sühnens.
Der biblische Bezug
Mose soll an diesem
Tag, dem 10.Tischrej, die Bundestafeln zum zweiten Mal überbracht haben.
Wieder verbrachte er vierzig Tage am Berg Sinai, wieder empfing er das
Wort aus nächster Nähe. Doch als er diesmal zurückkehrte, konnte er die
Botschaft verkünden, daß Gott die Sünde des Goldenen Kalbes vergeben
habe. Und dieser Tag der Vergebung wurde von Gott als immer
wiederkehrender Versöhnungstag gegeben (Tanchuma', ki tissa', 31).
Das Festgebot
Am zehnten des siebten Monats,
das ist Tischrej, verrichtete der Hohepriester besondere
Sühnerituale, um sich selbst und seine Priesterbrüder, das Heiligtum —
zu erst das »Zelt der Begegnung«, später den Tempel — und das Volk zu
läutern. Das Volk aber sollte sich kasteien: ... ihr sollt euch
kasteien und keinerlei Arbeit tun, weder der Einheimische noch der
Fremde, der unter euch wohnt. Denn an diesem Tag wird Er euch sühnen, um
euch zu reinigen, von all euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem
Ewigen.« (Leviticus 16: 29-30, vgl. auch Leviticus 23: 27-32 und
Numeri 29: 7).
Das Festritual
Jom Kipur war der Tag im Jahr, an dem
der Mensch von allen Vergehen, auch denjenigen, die im Lauf des Jahres
ungesühnt geblieben waren, geläutert werden sollte. Diese Aufgabe, der
längste und äußerst komplexe Tempeldienst, oblag dem Hohenpriester. Zu
diesem Ritus gehörten unter anderem Opfergaben, Sündenbekenntnisse, das
Aussetzen eines Sündenbockes in die Wüste (»Und ein Bock wird auf sich alle
ihre Vergehungen tragen in ein ödes Land.. .«, Leviticns 16:22) sowie
das Betreten des Allerheiligsten, das nur an diesem einen Tag geboten und
nicht ungefährlich war.
In großer Ausführlichkeit werden
Opferhandlungen, Bedeutung und Hergang der Zeremonie in der Torah
beschrieben. Das Sühnerirual muß dem Volk so viel bedeutet haben, daß »noch
bevor der Hahn gekräht hatte, der Israelhof mit Menschen voll war«
(Mischnah, Joma' 1:8). Sieben von acht Kapiteln des Mischnahtraktats
Joma »Tag«, sind der chronologischen Beschreibung des Rituals gewidmet.
Das Ritual nach der Mischnah
Eine Woche vor Jom Kippur verließ der
Hohepriester Familie und Haus und zog sich in eine besondere
Tempelkammer zurück. In dieser Woche bereitete er sich auf den heiligen
Dienst durch strenge Reinigung und Studium der rituellen Einzelheiten vor.
Gemeinsam mit den Weisen und Ältesten verbrachte er die Nacht des
Versöhnungstages mit dem Lesen der Torah. Wenn der erste Sonnenstrahl die
Zinnen des Tempels erhellte, erschien der Hohepriester in seinem goldenen
Gewand und brachte das tägliche Opfer dar, sprach mit dem versammelten Volk
das Schma'-Gebet und segnete es. Danach legte er sein Prachtgewand ab, ging
im weißen linnenen Gewand eines einfachen Priesters in den Altarhof und
bekannte im Angesicht des Opfertiers zunächst sich selbst und sein Haus als
sündig, beim zweiten Opfer die Priestergemeinschaft und schließlich beim
dritten das ganze Volk. Für die Sünden des Volkes wurden vor ihn zwei
gleiche Opfertiere gebracht, eines brachte er als Sühnopfer dar, das andere
schickte er in die Wüste als Symbol dafür, daß die Sünden fortgetragen
werden an einen Ort, wo nichts lebt.
In jedem Sündenbekenntnis wurde der
sonst nie auszusprechende heilige Name Gottes dreimal laut und deutlich
ausgesprochen. Dieser Name soll aus 42 Buchstaben bestanden haben, so Ha'j
Ga'on (939-1038). Wenn Priester und Volk im Priesterhof und im Israelhof und
im Vorhof den Klang des Namens hörten, fielen sie auf die Knie, warfen sich
nieder, neigten ihr Gesicht zur Erde und riefen: »Gepriesen sei der Name der
Herrlichkeit seines Reiches in aller Ewigkeit«. Dann betrat der Hohepriester
das Allerheiligste mit einer Pfanne voll Glut, streute darauf das
Räucherwerk, so daß eine Rauchwolke entstand. In diesem für das Beten
besonders günstigen Augenblick sprach er ein kurzes Gebet für das Wohl des
Volkes und des Heiligtums.
Für die Sühne der »inneren Sünden«
mußte er wieder in das Allerheiligste, um mit dem Blut der Tieropfer den
Deckel der Bundeslade, kapporet, den trennenden Vorhang, parrochet, und den
goldenen Räucheraltar zu besprengen. Im Allerheiligsten des zweiten Tempels
stand nur noch 'Ewen haSch'tijah, »der Grundstein«, da die Bundeslade mit
den heiligen Tafeln bei der Zerstörung des ersten Tempels verlorengegangen
war. Der Vorhang trennte das Allerheiligste vom heiligen Vorraum, Heichal,
in dem sich der goldene Räucheraltar und der siebenarmige Leuchter befanden.
Das Verweilen im Allerheiligsten, dem Ort der »Einwohnung Gottes«,
Sch'chinah, war für den Priester der Höhepunkt seiner transzendenten
Erfahrung, konnte aber auch tödlich für ihn enden, erreichte er die hohe
Stufe der Läuterung nicht.
Für das Volk hätte dies bedeutet, daß keine Sühne, keine Versöhnung mit Gott
stattgefunden hätte. So wartete das Volk in Sorge und Spannung, daß er aus
der unmittelbaren Gegenwart Gottes heil zurückkehrte, und wenn der
Hohepriester wieder erschien, soll sein Gesicht herrliches Licht
ausgestrahlt haben, wie das Gesicht Mose, nachdem er mit Gott geredet hatte.
Emet mah nehdar
In Anlehnung an das Buch Ben Sira
beschreibt Meschullam ben Kalonymus (er wirkte um 1100, zuletzt in Mainz)
diesen Augenblick in einem Pijuth, der heute noch zur Liturgie gehört:
Wie war der Hohepriester
herrlich,
Wenn er hervortrat aus des Tempels Vorhang!
So strahlt der Morgenstern am Himmel droben,
So glänzt der Vollmond in des Frühlings Tagen,
So blinkt der Sonne Gold auf Zions Tempel,
So leuchtet im Gewölk der Regenbogen,
So blüht die Rose in dem jungen Lenz...
Gebet anstelle der
Opferhandlungen
Seit der Zerstörung des
Tempels existiert das alles nicht mehr. Doch die innere Kraft,
das Bemühen um Reinigung, hat sich bis heute erhalten. Und mit
ihr die Sehnsucht. Nicht die Sehnsucht nach den Opferhandlungen,
sondern nach dem Heiligtum, dem Ort der Heiligkeit und dem
Erlebnis des Heiligen.
Es bleiben die Worte und
die Umkehr, jene innere Verfassung, die auch damals dem Ritual
seine Bedeutung gab. Auf sie wies bereits der Prophet Hosea (14:
3) hin: »...sprecht zu ihm: Vergib alle Schuld und hole das Gute
hervor, und wir werden die Stiere als Sprache unserer Lippen
darbringen.«
So begründet die
historische Schilderung des Tempeldienstes, Awodah,
»Heiliger Dienst«, genannt, ein dramatisches Erlebnis im synagogalen
Gebet: Dreimal trägt der Vorbeter, stellvertretend für den
Hohenpriester, das Sündenbekenntnis vor, man antwortet und wirft
sich nieder, wie damals das Volk im Israelhof.
-
Das Fest der Läuterung
-
Ritual und Gebet
-
Umkehr und Vergebung
-
Viduj und Ne'ilah
Quelle:
Das Buch der jüdischen Jahresfeste
von Efrat Gal-Ed
Rosch haSchanah und Jom Zom Kipur

Click!
|