
Ej Hewel Achikha?
Jenseits von Eden
Eine Generation nach der
Schöpfung ruft G'tt wieder nach dem Menschen. Es ist die erste
Generation jenseits von Eden. In Eden rief G'tt nach Adam, jenseits von
Eden ruft G'tt nach Kajn und fragt ihn: "Ej Hewel Achikha?" - "Wo ist
Hewel dein Bruder?"
Kajn antwortet: "Lo jadati - haSchomer Achi anokhi?" - "Ich weiss nicht
- Hüter meines Bruders - ich?".
Nach Schimon bar Jochai fragt
Kain: "Du G'tt bist doch G'tt. Du bist doch meines Bruders Hüter. Du
hast doch den Menschen erschaffen - hüte Du ihn!" Kajn schiebt G'tt die
Verantwortung zu. Er, G'tt, hätte ihn, Kajn, hindern sollen - am Mord.
Die Tatsache, dass G'tt diese
Frage nicht beantwortet, bedeutet nicht, dass es keine Antwort gibt. Es
verdeutlicht aber, dass der Mensch nicht nur frei ist zu entscheiden,
was er tut, er ist sogar frei zu entscheiden, warum er es tut - er ist
verpflichtet die Antwort (Tschuwah)
selbst zu suchen.
Der Mensch ist zur
Freiheit verpflichtet. Er steht neben G'tt. G'tt hat ihm Raum gegeben.
Nicht nur Raum zu existieren, sondern auch Raum zu bestimmen, sich
selbst zu bestimmen.
Die Kabalah spricht vom Zimzum, dem Zusammenziehen der G'ttlichkeit.
G'tt verringert seinen Raum um Platz zu schaffen für die Welt. Er nimmt
sich zurück, für den Adam (hebr. Mensch) und seine Nachkommen (Bnej
Adam, hebr. Menschen, Kinder des Adam).
G'tt setzt sich zurück, um des
Menschen willen. Er kennt den Menschen und ruft den Menschen. Der
Mensch, konfrontiert mit seiner Sterblichkeit, erkennt sich als eine
vergängliche und verletzliche Hülle. Im Gebetbuch zu den Hohen
Feiertagen finden wir uns beschrieben: Als verdorrendes Gras, der Wind
streicht über uns, wir vergehen. Wir empfinden uns wie ein Hauch,
nichtig (d.h. hewel, was auch die hebräische Schreibweise des Namens
Abel ist). Unser Tun: Voll eitler Eitelkeiten, ein Jagen nach Wind
(Hewel, Hawalim, hakol hewel, s. Buch Koheleth).
G'tt antwortet nicht auf Kajns
Anklage und Frage: "Wer ist schuld am Tod Hewels?" G'tt schweigt
und sein Schweigen wirft uns auf unsere Verantwortung zurück, es
verlangt eine Antwort - von uns selbst.
Wir sind wie Staub, dem Erdboden
gleich. Der Natur und der Welt gegenüber sind wir gering. G'tt gegenüber
aber sind wir aufgefordert zur Partnerschaft. All unsere Nichtigkeit in
dieser Welt steht im Gegensatz zu unserer Bedeutung für G'tt. G'tt sucht
sich in uns. Für G'tt sind wir keinesfalls nichtig, sondern alles: Sinn
und Zweck und Erfüllung.
G'tt gibt uns mit der Freiheit
Würde und Verantwortung. G'tt ruft nach uns und fordert uns. Wir sollen
uns ihm zuwenden und ebenbürtig mit ihm diese Welt gestalten. Egal wie
begrenzt und ohnmächtig wir uns auch fühlen mögen, wie sehr wir auch
erkennen mögen, dass unser Verstehen und Wissen, unser Können und unsere
Kraft jeden Tag an Grenzen stoßen und bedeutungslos erscheinen: Für G'tt
sind wir alles.
G'tt gegenüber ist unsere
Freiheit unbegrenzt. Er hat uns nicht nur in G'ttes Bild erschaffen,
schon dies ist ungeheuer und kaum ermessbar in seiner Bedeutung, nein,
er hat es uns, den Menschen, sogar wissen lassen.
Durch dieses Wissen sind wir nicht nur einfach frei, sondern sogar zur
Freiheit verpflichtet. Daraus folgt die Verantwortung des
Menschen - für sich und für alle seine Taten.
In den Pirkej Awoth (3-18) lesen wir: "Geliebt der Mensch - erschaffen
im Ebenbild. Ein weiteres an Liebe, offenbarte es ihm, dass er
geschaffen im Ebenbilde G'ttes" - "Hawiw Adam scheniwra beZelem, Chibah
jeterah noda'ath lo scheniwra beZelem".
Jeder einzelne von uns ist
Vertreter G'ttes auf Erden, denn ''...nur um ein ganz weniges geringer
als G'tt selbst hat er den Menschen erschaffen'' (Tehilim/Psalmen) ...
Es sind wir, die
sich für eine g'ttliche - und damit ein menschliche Welt entscheiden
müssen: "Siehe ich habe Dir vorgelegt, das Leben und den Tod, den Segen
und den Fluch. Du aber sollst das Leben wählen, Du und Dein Same".
Immer wieder rief G'tt
nach dem Menschen, von Adam über Noah, Awraham, und Moscheh - bis heute.
Niemals gab G'tt die Menschheit auf.
Die Torah liest sich
oft wie ein nicht endendes Streitgespräch in einer Spannung zwischen
G'tt und dem Menschen. Wo ist der Mensch und wo ist G'tt? Wo war G'tt in
Auschwitz? Warum hat G'tt dieses Grauen nicht verhindert? Wo ist die
Relevanz G'ttes in einer Welt in der derartiges Grauen geschieht?
Was ist G'tt, wenn
sein Ebenbild zu solchen Verbrechen fähig ist? Warum hat G'tt
Aufstachelung zum Hass, zur Barbarei
und zum Völkermord nicht verhindert? Warum hat sich das Meer nie wieder
geteilt? Amud haEsch? Millionenfacher Mord! Warum hat sich G'tt damals
und dort nicht verherrlicht und erhöht? Warum hat er sich nicht erhoben,
mit starker Hand und ausgestrecktem Arm?
Hätte er damit die
Welt und die Menschheit erniedrigt? Wäre denn eine tiefere Erniedrigung
noch möglich gewesen? Hätte er damit bekundet, dass er endgültig am
Menschen verzweifelt sei? Worin liegt das Geheimnis der g'ttlichen
Hoffnung? Hätte G'tt mit einem deutlichen Eingreifen dem Menschen die
Freiheit genommen - die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben, zu
wählen oder abzulehnen? Hätte er mit seinem Eingreifen den Menschen für
immer die Chance abgesprochen die Welt - aus eigenem freien Willen - zu
G'tt zurückzubringen?
"Du aber sollst das
Leben wählen, damit Du lebst!"
Ist diese Forderung
vertretbar in einer Welt nach Auschwitz?
Gibt es eine Antwort?
Wie können wir wissen
ob G'tt noch immer an seine Schöpfung glaubt? Woher wissen wir, wie weit
G'ttes Zurückgezogenheit im Unendlichen reicht, wie weit sein Zimzum ihn
von uns entfernt hat?
Wir leben - und wir
sind zurückgeworfen.
Fundamentalisten
dulden keine Fragen. Für sie gilt nur die Antwort. Ihre Antwort. Sie
entscheiden für andere und sie benutzen den Namen G'ttes und maßen sich
an zu richten über Leben und Tod.
"Du aber sollst das
Leben wählen, damit Du lebst!"
Sie reden von G'tt und
Heiligen Kriegen. Die Frage ist aber weniger die Frage nach G'tt, als
vielmehr die Frage nach dem Menschen: "Wo war und wo ist der Mensch?"
Die Torah ist Ausdruck der Liebe
G'ttes. Diese Liebe findet ihre Steigerung in der Tatsache, dass er
Israel erkennen ließ, dass diese Lehre die Lehre G'ttes ist: "Eine gute
Lehre gab ich euch, es ist meine Lehre, verlasst sie nicht."
"Ki Lekach tow natati lakhem,
Torati - al-t'asowu". G'tt hat Israel dazu verpflichet, immer wieder den
Menschen zu G'tt zu rufen. Immer wieder zu bekennen: "Der EWIGE ist
unser G'tt, der EWIGE ist der Einzige".
Die Lehre G'ttes lehrt uns im
Midrasch Sanhedrin, dass ein einzelner Mensch so wertvoll ist wie die
gesamte Schöpfung. So wertvoll wie alles, was G'tt erschuf. Auf der
einen Seite das All und alles was darin, alles was war, was ist und was
sein wird, alles! - und auf der anderen Seite: Ein Mensch, jeder Mensch!
Eine gute Lehre habe ich Euch
gegeben, eine Lehre zum Leben, damit Ihr lebt! Verlasst meine Lehre
nicht! Torati -
al-t'asowu!
Wir sind die Hoffnung G'ttes,
und unsere Hoffnung ist G'tt:
der Heilige, gelobt sei ER!
- Jahre der Hoffnung:
Die Geschichte von G‘tt und der
Welt
- BeReschith bara
Elohim...
Das Gute und das Böse
-
Ej Hewel Achikha?
Jenseits von Eden
- Gegen den
Pessimismus:
Die beste aller möglichen Welten
Wenn wir uns die Ereignisse der
letzten Monate - oder auch Jahre - Revue passieren lassen, so finden
sich etliche gute Gründe pessimistisch in die Zukunft zu blicken....
dg / hagalil.com
26-09-00 / 16-09-01

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