hagalil.com
Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!

Newsletter abonnieren
Koscher leben...
 
 

Ej Hewel Achikha?
Jenseits von Eden

Eine Generation nach der Schöpfung ruft G'tt wieder nach dem Menschen. Es ist die erste Generation jenseits von Eden. In Eden rief G'tt nach Adam, jenseits von Eden ruft G'tt nach Kajn und fragt ihn: "Ej Hewel Achikha?" - "Wo ist Hewel dein Bruder?"
Kajn antwortet: "Lo jadati - haSchomer Achi anokhi?" - "Ich weiss nicht - Hüter meines Bruders - ich?".

Nach Schimon bar Jochai fragt Kain: "Du G'tt bist doch G'tt. Du bist doch meines Bruders Hüter. Du hast doch den Menschen erschaffen - hüte Du ihn!" Kajn schiebt G'tt die Verantwortung zu. Er, G'tt, hätte ihn, Kajn, hindern sollen - am Mord.

Die Tatsache, dass G'tt diese Frage nicht beantwortet, bedeutet nicht, dass es keine Antwort gibt. Es verdeutlicht aber, dass der Mensch nicht nur frei ist zu entscheiden, was er tut, er ist sogar frei zu entscheiden, warum er es tut - er ist verpflichtet die Antwort (Tschuwah) selbst zu suchen.

Der Mensch ist zur Freiheit verpflichtet. Er steht neben G'tt. G'tt hat ihm Raum gegeben. Nicht nur Raum zu existieren, sondern auch Raum zu bestimmen, sich selbst zu bestimmen.
Die Kabalah spricht vom Zimzum, dem Zusammenziehen der G'ttlichkeit. G'tt verringert seinen Raum um Platz zu schaffen für die Welt. Er nimmt sich zurück, für den Adam (hebr. Mensch) und seine Nachkommen (Bnej Adam, hebr. Menschen, Kinder des Adam).

G'tt setzt sich zurück, um des Menschen willen. Er kennt den Menschen und ruft den Menschen. Der Mensch, konfrontiert mit seiner Sterblichkeit, erkennt sich als eine vergängliche und verletzliche Hülle. Im Gebetbuch zu den Hohen Feiertagen finden wir uns beschrieben: Als verdorrendes Gras, der Wind streicht über uns, wir vergehen. Wir empfinden uns wie ein Hauch, nichtig (d.h. hewel, was auch die hebräische Schreibweise des Namens Abel ist). Unser Tun: Voll eitler Eitelkeiten, ein Jagen nach Wind (Hewel, Hawalim, hakol hewel, s. Buch Koheleth).

G'tt antwortet nicht auf Kajns Anklage und Frage: "Wer ist schuld am Tod Hewels?"  G'tt schweigt und sein Schweigen wirft uns auf unsere Verantwortung zurück, es verlangt eine Antwort - von uns selbst.

Wir sind wie Staub, dem Erdboden gleich. Der Natur und der Welt gegenüber sind wir gering. G'tt gegenüber aber sind wir aufgefordert zur Partnerschaft. All unsere Nichtigkeit in dieser Welt steht im Gegensatz zu unserer Bedeutung für G'tt. G'tt sucht sich in uns. Für G'tt sind wir keinesfalls nichtig, sondern alles: Sinn und Zweck und Erfüllung.

G'tt gibt uns mit der Freiheit Würde und Verantwortung. G'tt ruft nach uns und fordert uns. Wir sollen uns ihm zuwenden und ebenbürtig mit ihm diese Welt gestalten. Egal wie begrenzt und ohnmächtig wir uns auch fühlen mögen, wie sehr wir auch erkennen mögen, dass unser Verstehen und Wissen, unser Können und unsere Kraft jeden Tag an Grenzen stoßen und bedeutungslos erscheinen: Für G'tt sind wir alles.

G'tt gegenüber ist unsere Freiheit unbegrenzt. Er hat uns nicht nur in G'ttes Bild erschaffen, schon dies ist ungeheuer und kaum ermessbar in seiner Bedeutung, nein, er hat es uns, den Menschen, sogar wissen lassen. Durch dieses Wissen sind wir nicht nur einfach frei, sondern sogar zur Freiheit verpflichtet.  Daraus folgt die Verantwortung des Menschen - für sich und für alle seine Taten. In den Pirkej Awoth (3-18) lesen wir: "Geliebt der Mensch - erschaffen im Ebenbild. Ein weiteres an Liebe, offenbarte es ihm, dass er geschaffen im Ebenbilde G'ttes" - "Hawiw Adam scheniwra beZelem, Chibah jeterah noda'ath lo scheniwra beZelem".

Jeder einzelne von uns ist Vertreter G'ttes auf Erden, denn ''...nur um ein ganz weniges geringer als G'tt selbst hat er den Menschen erschaffen'' (Tehilim/Psalmen) ...

Es sind wir, die sich für eine g'ttliche - und damit ein menschliche Welt entscheiden müssen: "Siehe ich habe Dir vorgelegt, das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch. Du aber sollst das Leben wählen, Du und Dein Same".

Immer wieder rief G'tt nach dem Menschen, von Adam über Noah, Awraham, und Moscheh - bis heute. Niemals gab G'tt die Menschheit auf.

Die Torah liest sich oft wie ein nicht endendes Streitgespräch in einer Spannung zwischen G'tt und dem Menschen. Wo ist der Mensch und wo ist G'tt? Wo war G'tt in Auschwitz? Warum hat G'tt dieses Grauen nicht verhindert? Wo ist die Relevanz G'ttes in einer Welt in der derartiges Grauen geschieht?

Was ist G'tt, wenn sein Ebenbild zu solchen Verbrechen fähig ist? Warum hat G'tt Aufstachelung zum Hass, zur Barbarei und zum Völkermord nicht verhindert? Warum hat sich das Meer nie wieder geteilt? Amud haEsch? Millionenfacher Mord! Warum hat sich G'tt damals und dort nicht verherrlicht und erhöht? Warum hat er sich nicht erhoben, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm?

Hätte er damit die Welt und die Menschheit erniedrigt? Wäre denn eine tiefere Erniedrigung noch möglich gewesen? Hätte er damit bekundet, dass er endgültig am Menschen verzweifelt sei? Worin liegt das Geheimnis der g'ttlichen Hoffnung? Hätte G'tt mit einem deutlichen Eingreifen dem Menschen die Freiheit genommen - die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben, zu wählen oder abzulehnen? Hätte er mit seinem Eingreifen den Menschen für immer die Chance abgesprochen die Welt - aus eigenem freien Willen - zu G'tt zurückzubringen?

"Du aber sollst das Leben wählen, damit Du lebst!"

Ist diese Forderung vertretbar in einer Welt nach Auschwitz?
Gibt es eine Antwort?

Wie können wir wissen ob G'tt noch immer an seine Schöpfung glaubt? Woher wissen wir, wie weit G'ttes Zurückgezogenheit im Unendlichen reicht, wie weit sein Zimzum ihn von uns entfernt hat?

Wir leben - und wir sind zurückgeworfen.

Fundamentalisten dulden keine Fragen. Für sie gilt nur die Antwort. Ihre Antwort. Sie entscheiden für andere und sie benutzen den Namen G'ttes und maßen sich an zu richten über Leben und Tod.

"Du aber sollst das Leben wählen, damit Du lebst!"

Sie reden von G'tt und Heiligen Kriegen. Die Frage ist aber weniger die Frage nach G'tt, als vielmehr die Frage nach dem Menschen: "Wo war und wo ist der Mensch?"

Die Torah ist Ausdruck der Liebe G'ttes. Diese Liebe findet ihre Steigerung in der Tatsache, dass er Israel erkennen ließ, dass diese Lehre die Lehre G'ttes ist: "Eine gute Lehre gab ich euch, es ist meine Lehre, verlasst sie nicht."

"Ki Lekach tow natati lakhem, Torati - al-t'asowu". G'tt hat Israel dazu verpflichet, immer wieder den Menschen zu G'tt zu rufen. Immer wieder zu bekennen: "Der EWIGE ist unser G'tt, der EWIGE ist der Einzige".

Die Lehre G'ttes lehrt uns im Midrasch Sanhedrin, dass ein einzelner Mensch so wertvoll ist wie die gesamte Schöpfung. So wertvoll wie alles, was G'tt erschuf. Auf der einen Seite das All und alles was darin, alles was war, was ist und was sein wird, alles! - und auf der anderen Seite: Ein Mensch, jeder Mensch!

Eine gute Lehre habe ich Euch gegeben, eine Lehre zum Leben, damit Ihr lebt! Verlasst meine Lehre nicht! Torati - al-t'asowu!

Wir sind die Hoffnung G'ttes, und unsere Hoffnung ist G'tt:
der Heilige, gelobt sei ER!

  1. Jahre der Hoffnung:
    Die Geschichte von G‘tt und der Welt
  2. BeReschith bara Elohim...
    Das Gute und das Böse
  3. Ej Hewel Achikha?
    Jenseits von Eden
  4. Gegen den Pessimismus:
    Die beste aller möglichen Welten

    Wenn wir uns die Ereignisse der letzten Monate - oder auch Jahre - Revue passieren lassen, so finden sich etliche gute Gründe pessimistisch in die Zukunft zu blicken....

dg / hagalil.com 26-09-00 / 16-09-01

 SCHOFAR      
Gedanken zum Tischri



Fragen an die Rebbezin...
Jüdische Weisheit
haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München

1995-2014... © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved
ehem. IDPS, Kirjath haJowel