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25.Elul
Nach dem talmudischen Rabbi Elieser feiern wir an
Rosch haSchanah die Erschaffung der Welt. Mit der Erschaffung des Menschen
fand die Schöpfung am 1. Tischri, dem Rosch haSchanah A, ihre Vollendung.
Der in der Torah als erster Tag der Schöpfung beschriebene Tag ist damit der
25. Elul.
Der 1. Tischri ist sozusagen der Geburtstag Adams, des ersten Menschen.
ZU DEN HOHEN FEIERTAGEN:
Sind wir auf dem richtigen Weg?
Der Oberrabbiner der
Israelitischen Kultusgemeinde, Wien, Paul Chaim Eisenberg (Ansprache 5759)
Eine chassidische Geschichte erzählt von einem Milchmann (sein Name war
nicht Tevye) der einmal vor Rosch Haschana zu seinem Rebben kam und ihm ein
Geständnis machte. Er hatte seine Milch in den letzten Jahren mit ein wenig
Wasser verdünnt und so einige Liter mehr verkauft und einige Kopeken mehr
verdient. Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen und wollte - so etwas gab
es früher einmal - eine freiwillige Buße auf sich nehmen.
Der Rebbe sagte ihm, daß er eine Woche darüber nachdenken wolle.
Gleichzeitig befahl er aber seinem Chassid, sofort die Täuschung aufzugeben
und seinen Kunden ab sofort ''Vollmilch" zu liefern. Nach einer Woche kam
der Milchmann erschüttert zum Rebben und sagte: ''Rebbe, jetzt - wo ich den
Leuten echte Milch bringe - wollen sie meine Milch nicht mehr trinken! Sie
sagen, sie schmeckt nicht wie richtige Milch''.
Vor einiger Zeit habe ich zufällig eine interessante Radiosendung gehört,
die auf den ersten Blick genau das Gegenteil erzählt.
Es ging da um moderne Lebensmittelchemie und mein Interesse war geweckt,
weil ich hoffte, etwas neues über Kaschruth zu erfahren. Immerhin werden
unsere gegen wärtigen Lebensmittel mit so vielen verschiedenen chemischen
Konservierungsmitteln, Emulsifikatoren und dergleichen versetzt, daß ein
Rabbiner, der einen Hechscher (ein Koscherzertifikat) für ein Produkt geben
will, entweder selbst ein Chemiker sein oder einen anderen zu Rate ziehen
müßte.
Doch es war etwas anderes, das mich bei dieser Sendung besonders
beeindruckte. Ein Professor erklärte, dass man noch vor 20 Jahren eine
naturbelassene Marmelade gut verkaufen konnte. Für den Gaumen eines
Konsumenten an der Schwelle zum dritten Jahrtausend aber schmeckt die
gleiche natürliche Marmelade fad. Wenn man aber einige Aromaverstärker
hinzumischt, die nicht immer natürlich und gesund sind, dann findet diese
Marmelade wieder reißenden Absatz. Nebenbei sei erwähnt, daß besonders junge
Menschen lieber zu diesem Produkt greifen. Diese Aussage gab mir zu denken
und mir fiel ein, daß sie nicht nur für unseren Geschmackssinn Geltung hat.
Denken wir nur an die Lautstärke und den Rhythmus unserer Musik.
Und ich meine nicht nur die Musik der Discos, die ich gar nicht so gut
kenne, sondern die Lautstärke der Bands (nicht mehr Kapellen) bei unseren
Bar-Mizwes und Chassenes. In den letzten Jahren wird diese Musik immer
schneller und lauter. Oft sind es nur die Jüngeren, die das verlangen und
die Eltern (Älteren) halten sich die Ohren zu, aber es bleibt dabei.
Andere Beispiele:
Sicher ist es von Vorteil, wenn es schnellere Flugzeuge gibt und man heute
über Internet schneller als je zuvor fast jede Information erhalten kann.
Aber ist nicht unser ganzes Leben ein Wettrennen geworden? Die Werbung und
auch die Nachrichten (nicht nur die Inhalte, sondern die Präsentation)
werden immer drastischer, Filme immer brutaler, die Zeit wie lange unsere
Kinder ausbleiben dürfen, immer später und das Alter, in dem sie reif genug
für ''Parties" sind, immer jünger ... Hier höre ich mit einer detaillierten
Beschreibung auf und überlasse es meinen Lesern, mit eigener Phantasie noch
Beispiele hinzuzufügen, damit man nicht auch als Beispiel hinzufügt, daß die
Artikel der Rabbiner immer ärger werden.
Doch leider ist die Geschichte gar nicht lustig. Wir leben in einer Zeit der
Reizüberflutung. Kinder sitzen entweder beim Fernseher oder bei brutalen
Videospielen und sind kaum für ein gutes Buch, einen Ausflug oder einen
Besuch im Museum zu gewinnen.
Aber auch uns Erwachsene hat das Fieber gepackt. Wir schauen vielleicht
nicht mehr Superman im Fernsehen an, aber wir wollen - und das ist schlimmer
- Superman oder Superwoman in einer Superwelt sein.
Geschäfte müssen Supermärkten weichen. Waschmittel müssen Ultraweiß
waschen. Manche von uns machen mehr Überstunden, als wir Arbeitsstunden
haben, weil wir nur so den größeren Fernseher mit dem Hypersystem und dem
Maxiformat kaufen können, oder weil wir einen teuereren Urlaub machen müssen
als der Nachbar!
Erinnern Sie sich noch an die erste Geschichte mit der Milch? Wenn nicht,
lesen Sie sie noch einmal!
Sie scheint das Gegenteil unserer heutigen Fehler anzuprangern.
Heute ist alles überkondensiert und überdosiert (Overdose).
Das ist es, was der heutige Rebbe anprangert! Der frühere war gegen das
Verwässern und wollte konzentrierte Milch!
Und dennoch wollen wir beide das Gleiche, nämlich die natürliche Mitte,
oder - wie es ein gläubiger Mensch ausdrücken würde - zurück zur von G'tt
gewollten Schöpfungsordnung!
Oder - sekulär ausgedrückt - ein Einsetzen der Vernunft an Stelle des sich
Treiben lassen. Der Fehler unserer heutigen Zeit ist, daß wir das Wichtige
verdünnen und uns auf Nebensachen konzentrieren!
Wir glauben vielleicht, daß wir unseren Familien etwas Gutes tun, wenn
wir alle Zeit und Kraft in Arbeit und Konsum (auch für die Familie) stecken,
und doch sind ein paar Abende, die ein Vater mit seinen Kindern, ein Ehemann
mit seiner Frau verbringen kann, viel wertvoller als die materiellen Güter.
Doch ist man einmal in der Dynamik drinnen, kann man schwer zurück. Wir
gewöhnen uns allzu schnell an Dinge, die uns zunächst verrückt erscheinen
(Denken wir nur an die Mode) und die Spirale - größer, schneller, lauter,
teurer - scheint sich unaufhaltbar weiterzudrehen. Die Bewohner des Schtettl
hatten sich so lange an die verwässerte Milch gewöhnt, bis die echte ihnen
nicht mehr schmeckte. Wir in unserer verrückten Zeit haben uns so sehr an
Geschmacksverstärker (und -verwirrer) gewöhnt, bis das Natürliche uns nicht
mehr reizt.
Das Judentum erkennt diese Gefahr und bietet uns auch ein Rezept gegen
sie an!
Wir haben in jeder Woche einen Tag, an dem wir pausieren und diesen Circulus
vitiosus durchbrechen können!
Warum wurde der Schabbat, der siebente Tag, von G'tt gesegnet, und nicht der
erste Tag der Schöpfung?
''...denn an ihm ruhte der Ewige von seinem Werk, das er geschaffen hatte."
Bereschit(2,3).
Der Ewige war sicher nicht so erschöpft von der Schöpfung, daß er ruhen
mußte! Aber er wollte seinen Geschöpfen damit wohl sagen, daß auch wir, wie
er, immer wieder eine Pause einlegen sollten, um nachzuprüfen, ob wir noch
auf dem richtigen Weg sind. Der Schabbat soll uns an die Schöpfung erinnern
und gleichzeitig unseren Schaffensprozeß und Lebensrhythmus zwar nicht
knebeln, in gemäßigte Bahnen lenken.
Wir sprechen in unseren Gebeten zu Rosch Haschana ''Hajom Harat Olam"
- Heute ist der Geburtstag der Schöpfung! Genauer ist es der Tag, an dem
der erste Mensch geschaffen wurde. Und so werden wir wieder an die Schöpfung
erinnert und an die Rast des Ewigen am siebenten Tag!
So sollten diejenigen von uns, die noch nicht erkannt haben, daß der
Schabbat, wenn auch tausende Jahre alt, die modernste Therapie für unsere
Zeit ist, zumindest die Hohen Feiertag als Ruhetage und Tage der Reflektion
feiern.
Nicht, weil wir G'tt damit einen Gefallen tun, sondern uns selbst!
Schana
Tova! Ein gutes, gesundes und bedachtes Jahr!
Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg
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