
Erkennen was immer
vor unseren Augen steht
Days of Atonement:
Elul, Tishri
und die Tage der Umkehr

Ein Jahreswechsel hat immer eine
besondere Bedeutung für uns Menschen. Die Abrechnung mit der
Vergangenheit und der Blick in die Zukunft treffen hier aufeinander
und selbst nicht religiös lebende Menschen empfinden eine gewisse
Ehrfurcht vor einem solchen Umbruch. Es ist die Zeit der Abrechnung
und der Neuplanung. Wie
sehr der Mensch solche Orientierungspunkte braucht, erkennt man daran, dass
es wohl keine Kultur oder Religion auf der Welt gibt, in der es kein
Neujahrsfest in der einen oder anderen Form gibt. Aber es gibt nicht nur die
religiös geprägten Jahreswechsel, auch im ganz weltlichen Bereich kennen wir
Bilanzen, Inventuren, Steuerjahre, Schulzeugnisse, Bundesjugendspiele und
auch Kinderchöre und Fußballvereine teilen ihre Auftritte bzw. Spiele nach
einem festgelegten Jahresplan ein. Am Jahresende will man sehen, wie die
Vergangenheit war und darauf aufbauend die Zukunft neu planen und
verbessern. Der Monat Elul ist dieser
Abrechnung und Neuorientierung im jüdischen Leben gewidmet. Am 1. Elul stieg
Moses noch einmal auf den Sinaj, um die Gesetzestafeln zum zweiten Mal von
G-tt zu empfangen und dann am 10. Tischri mit dem Zeichen des verzeihenden
G-ttes zurückzukehren. Es muss für das wartende Volk Israel, das zuvor noch
das goldene Kalb angebetet hatte, eine schwere Zeit des Bangens und Hoffens
gewesen sein. Vierzig Tage lang Furcht und Hoffnung, bis Moses endlich die
Gesetzestafeln mitbrachte, zum Zeichen, dass G-tt die Reue der Israeliten
annahm und ihnen einen Neuanfang gewährte. Genau so geht es uns im Elul, wir
bereuen unsere Sünden und hoffen auf G-ttes Gnade am Tag der Versöhnung.
Mein Licht und meine Freiheit ist Er,
vor wem mich fürchten?
Während des ganzen Elul wird nach dem
täglichen Morgengebet das Schofar geblasen und danach der 27. Psalm
gesagt: "Mein Licht und meine Freiheit ist Er, vor wem mich
fürchten?" Täglich lassen wir uns durch den Klang des Schofars daran
erinnern, dass die Zeit der Reue und Umkehr gekommen ist und täglich
wiederholen wir mit den Worten des 27. Psalms unseren Willen, ganz
auf G-tt und seine Gnade zu vertrauen.
Nach den 29 Tagen des Elul kommt
Rosch haSchanah, das Neujahrsfest und zehn Tage später der Jom
Kipur, der Versöhnungstag. Die Bedeutungsschwere dieser Tage wird in
der Bezeichnung "Jamim noraim" die "gewaltigen Tage" oder "Tage der
Ehrfurcht" erkennbar.
Wer leben wird und wer sterben,
wer sinkt, wer steigt...
Im Gebet Unetane tokef heißt es: "Am
Neujahrstag wird es geschrieben und am Versöhnungstag wird es
besiegelt, wie viele vergehen, wie viele entstehen, wer leben wird
und wer sterben .. wer in Freuden, wer in Leiden, wer arm, wer
reich, wer sinkt, wer steigt. Aber Umkehr (T'schuwah), Gebet
(T'filah) und Liebeswerk (Z'dakah) wenden das Böse des Verhängnisses
ab."
In diesem Gebet wird sichtbar, dass
wir in der Gestaltung unseres Lebens nicht machtlos sind. G-tt hat
uns unseren freien Willen gegeben, damit wir an dem Gebäude unseres
Lebens aktiv arbeiten können. Der Mensch wird mit einer reinen Seele
geboren und er hat die Möglichkeit der steten Erneuerung.
Der Elul ist nicht durch
hektisch-freudige Vorbereitung auf das kommende Jahr geprägt,
sondern durch Stille, Reue und Umkehr. Man besinnt sich auf seine
Pflichten vor G-tt und den Menschen, betet viel, gibt Spenden an die
Bedürftigen und nimmt sich vor, das neue Jahr mit mehr Liebe zu G-tt
und den Menschen auszufüllen, statt sich wieder von den Sachzwängen
des Alltags ablenken zu lassen.
Hier in der westlichen Welt und in
einer Zeit, in der Traditionen weniger werden, muss man sich oft
selbst zwingen, diese Stille zu spüren. Ich kenne sie eigentlich nur
noch aus Erzählungen und versuche mich im Elul bewusst in diese
Stimmung der stillen Hoffnung zu versetzen.
Persönliche Gedanken
zum Elul
Gestern morgen saß ich in der
Synagoge und war eigentlich nicht so sehr bei der Sache. Meine
Gedanken schweiften immer wieder ab, weil ich versprochen hatte,
diesen Beitrag über den Elul zu schreiben. Aber was sollte ich
schreiben? Wie sollte ich es anfangen? Ich war ziemlich ratlos und
starrte vor mich hin. Da fiel mein Blick auf den Vorhang, der vor
dem Torahschrein hängt. Die Anfangsbuchstaben der zehn Gebote sind
dort aufgestickt und plötzlich wurde mir bewusst:
Die Bedeutung des Elul steht uns
eigentlich ganzjährig vor Augen. Wenn ich auf den Vorhang sehe,
bemerke ich die Anordnung der zehn Gebote auf den Gesetzestafeln.
Auf der rechten Vorhangseite beginnt es mit den Geboten, die unser
Verhältnis zu G-tt regeln, auf der linken Seite geht es mit denen
weiter, die unser Verhältnis zu den Menschen regeln. Die beiden
Seiten der Gesetzestafeln befinden sich auf einer Ebene, sie sind
gleich wichtig für uns. Je mehr ich mich um die Erfüllung der Gebote
für G-tt bemühe, desto näher bin ich auch den Menschen. Je besser
ich die Gebote erfülle, die das menschliche Zusammenleben regeln,
desto näher bin ich G-tt. Die beiden Seiten gehören zueinander, wie
die beiden Seiten einer Münze. Ohne die eine Seite ist die andere
wertlos.
Für mich hat dieser Vorhang von jetzt
an eine zusätzliche Bedeutung.
Schanah towah!
>> Elul 17
Inge / haGalil onLine 22-09-2000 |