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Zum Jom haAzmauth
So spricht der Herr: Ich kehre nach Zion zurück und will wohnen inmitten von
Jerusalem, und Jerusalem soll »die treue Stadt« heißen und der Berg des
Herrn der Scharen »der heilige Berg« (Sach 8,3).
Deine Augen werden Jerusalem sehen, eine sichere Wohnung, ein Zelt, das
nicht wandert, dessen Pflöcke niemals ausgezogen werden, dessen Stricke
niemals reißen. Aber dort wird der Herr in Herrlichkeit für uns sein ...
(Jes 33,20-21).
Zu jener Zeit wird Jerusalem "Thron des Herrn" heißen, und alle Völker
sollen dorthin strömen, vor den Herrn in Jerusalem (Jer 3,17).
Denn mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker (Jes 56,7).
Aus ISRAEL - Echo der Ewigkeit
von Abraham J. Heschel - KAPITEL II
Bindung an das Land
(1. von 3 Teilen)
Verwerfung der Heiligen Schrift?
So etwas ist noch nie
dagewesen! Ein Volk, das verachtet und verfolgt und über die ganze Erde
zerstreut war, besitzt die Kühnheit zu träumen, daß es seine
Eigenständigkeit zurückgewinnt, frei ist im Heiligen Land.
Fast 2000 Jahre lang und viele Male
am Tag, in Freude und Leid, haben wir für dich gebetet, Jerusalem, und
unsere Gebete verloren nie an Intensität. Um was flehen wir an jedem Sabbat
zum Herrn, wenn wir den Toraschrein öffnen, um die Torarollen
herauszunehmen?
Barmherziger Vater,
handle freundlich mit Zion,
baue die Mauern von Jerusalem neu;
auf Dich alleine trauen wir,
hoher und erhabener König und Gott,
Du Ewiger.
Verachtet und zerstreut, erniedrigt
und geplagt, wie wir waren, wußten wir doch, daß wir nicht auf ewig getrennt
waren. Wir trauerten um dich, aber wir vergaßen dich nicht über unserem
Weinen. Hoffnung entsproß inmitten von Todesangst.
Die Liebe zu diesem Land verdanken
wir einem Befehl, sie kam nicht aus Instinkt oder Gefühl. Es gibt einen
Bund, eine Bindung des Volkes an das Land. Wir leben durch Bundesschlüsse.
Wir konnten unsere Verpflichtung nicht verraten oder die Verheißung
wegwerfen.
Als man Israel in die Verbannung
trieb, wurde die Verpflichtung zum Gebet, das Gebet zum Traum der Traum zur
Leidenschaft, zur Pflicht, zur Hingabe.
Innige Bindung an das Land, das
Warten auf die Erneuerung jüdischen Lebens im Land Israel ist Teil unseres
innersten Wesens, ein existentielles Faktum. Einzigartig, sui generis, lebt
dies in unserer Hoffnung, weilt in unserem Herzen.
Es ist eine Verpflichtung, die wir
nicht verraten dürfen. 3000 Jahre an Treue können nicht weggefegt werden.
Wenn wir das Land aufgäben, würde all
unsere Sehnsucht, würden unsere Gebete und Gelübde zum Spott. Das Land
aufgeben würde bedeuten, die Heilige Schrift zu verwerfen.
Die Heilige Schrift ist unsere
Bestimmung
Was ist einzigartig an der jüdischen
Existenz? Der Tatbestand, daß wir keine freigewählte Bindung an die Heiligen
Schrift haben. Wir sind ihre Kinder, ihr Produkt. Ihr Geist ist unsere
Bestimmung. Was ist unsere Bestimmung? Eine Gemeinschaft zu sein, in der die
Heilige Schrift fortlebt.
Wir sind dem Volk der Heiligen
Schrift ganz nahe, jenen, die die Gebote empfingen und getadelt wurden,
jenen, die Sklaven in Ägypten waren, die am Fuße des Sinai standen. Wir sind
weiterhin die überwältigten Zeitgenossen der Propheten. »Ihr seid meine
Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott« (Jes 43,12). Ein Rabbiner des 2.
Jahrhunderts legte die Stelle so aus: Wenn ihr meine Zeugen seid, bin ich
Gott; wenn ihr nicht mehr meine Zeugen seid, bin ich nicht Gott. Das ist
einer der kühnsten Aussprüche in der jüdischen Literatur, er enthält einen
tiefen Sinn. Wenn es keine Zeugen gibt, kann man Gott nicht begegnen. Das
ist ein Geheimnis, ein Rätsel, ein dunkles Wort, das man nicht enthüllen
kann. Damit Gott gegenwärtig ist, muß es Zeugen geben. Ohne das Volk Israel
ist die Heilige Schrift bloße Literatur. Durch Israel wird die Heiligen
Schrift zur Stimme, zu einer Kraft und Herausforderung.
Weit davon entfernt, ein bloßes
Relikt antiker Literatur zu sein oder ein Buch, das im Regal Staub
ansammelt, ist die Heilige Schrift eine lebendige Kraft in unserem Leben,
die Zukunftsvisionen ausstrahlt, die Szene erleuchtet.
Die Heilige Schrift ist nicht ein
Dokument, das abgeschlossen und versiegelt ist. Sie ist ein lebendiges Buch,
ein Buch, das weitergeht und bis in die Gegenwart reicht - immer aufs neue
geschrieben, immer enthüllend und sich entfaltend. Wir liegen in Wehen mit
biblischen Visionen.
Die Heilige Schrift ist wesentlich
die Geschichte von Gottes Bund mit Israel, die Geschichte von Gottes Suche
nach dem Menschen durch die gegenseitige Bindung von Gott und Israel. Die
Heilige Schrift lebt weiter, weil der Bund andauert. Das zentrale Thema der
Geschichte des Bundes ist die Landverheißung an Abraham.
Die Heilige Schrift ist kein Ende,
sondern ein Anfang; sie ist Wegweisung keine Story - die ewige Bewegung des
Geistes. Sie ist ein Buch, das nicht sterben kann, das unmöglich langweilig
oder unmodern werden kann. Ihre Seiten kennen kein Vergessenwerden. Ihre
Kraft wird nicht geringer. Ja, sie steht noch in den ersten Anfängen ihrer
Laufbahn; die volle Bedeutung ihres Inhalts hat kaum die Schwelle unseres
Verstehens berührt; sie ist wie ein Ozean, auf dessen Grund zahllose Perlen
liegen; ihr Geist, der noch entfaltet werden muß, harrt darauf, entdeckt zu
werden. Obwohl ihre Worte scheinbar klar sind und ihre Sprache durchsichtig,
brechen immer wieder bisher unbeachtete Bedeutungen hervor, Erklärungen, von
denen niemand träumte. Mehr als 2000 Jahren des Lesens und Studierens ist es
nicht gelungen, ihre volle Bedeutung zu erforschen. Heute ist es, als ob sie
nie berührt, nie gesehen worden wäre, als ob man nicht einmal angefangen
hätte, sie zu lesen. Was würde in der Welt fehlen, was wäre die Situation
und der Glaube des Menschen, wäre die Heilige Schrift nicht erhalten
geblieben?
Die Verfinsterung der Heiligen
Schrift
Eine unheilverkündende Entwicklung
findet im 20. Jahrhundert statt: Die Menschen werden in wachsendem Maße
unfähig die Heilige Schrift ernst zu nehmen; ihre Entfremdung von der
Heiligen Schrift wächst. Ihre Hoheit wird unzugänglich, ein Relikt der
Vergangenheit nicht eine Perspektive für die Gegenwart. Ihre Herausforderung
schwindet aus unserem Denken, unseren Überzeugungen; sie überlebt zur
Illustration, zur Erbauung, bleibt jedoch außerhalb unserer
Vorstellungskraft oder unserer Entscheidungen im Gestalten von Denken und
Handeln.
Jean Jacques Rousseau, der als erster
erkannte, daß das riskante Unterfangen der Moderne ein radikaler Irrtum war,
suchte das Heil in einer Rückkehr zum klassischen Denken. Die Bewegung der
jüdischen Erneuerung, die die tragische Lage des jüdischen Volkes erkannt
hatte, suchte das Heil in der Rückkehr zum Land und zur Sprache der Heiligen
Schrift.
Gott hat eine Vision. Die Heilige
Schrift ist die Interpretation dieser Vision. Gott hat einen Traum. Israels
Aufgabe ist es, diesen Traum zu interpretieren.
Die westliche Zivilisation ist auf
tiefgründige Weise die Konfrontation der Menschheit mit der Heiligen
Schrift. Ihre intellektuelle Entwicklung, ihre moralischen Anschauungen
haben sich in der ständigen Begegnung mit der Heiligen Schrift gebildet.
Diese Begegnung wird schwächer. Wir sind Zeugen eines radikalen Ausschlusses
der Heiligen Schrift aus dem Leben der Menschen in vielen Teilen der Welt.
Wir, die Angehörigen dieser
Generation, stehen Ereignissen von ungeheurer Tragweite gegenüber. Der Herr
der Geschichte schläft und schlummert nicht.
Als Volk setzen wir uns nicht selbst
die Ziele, und unser Selbstverständnis wird oft falsch beurteilt. Wir leben
durch eine Verheißung. Diese Verheißung erschien immer aufs neue in unserer
Seele, in unserem Glauben, sie war eine Stimme, die nie verstummte. Sie
erneuert sich jetzt und wird zum Gebet.
Der Weg nach Palästina war mit Worten
der Propheten gepflastert. Indem wir das Land wieder aufbauen, sind wir uns
bewußt, daß wir dem biblischen Bund entsprechen, einem Befehl gehorchen, der
durch die Jahrhunderte hindurch zu uns sprach und der niemals überholt oder
unmodern wurde. Ein Baum, der in der Heiligen Schrift verwurzelt ist, wird
nicht verwelken.
Insbesondere während der
schrecklichen Tage im Mai und Juni 1967 entstand diese neue Gewißheit. Wir
entdeckten, daß die Heilige Schrift nicht ein abgeschlossenes und
versiegeltes Buch ist; die Heilige Schrift lebt weiter, ständig wird sie
geschrieben, unaufhörlich verkündet. Die Heilige Schrift, so entdeckten wir,
lebt in uns, findet ihren Widerhall in unserem Streben. Wir bleiben mit ihr
verbunden. Fast plötzlich ahnten viele von uns, daß die Geschichte in der
Heiligen Schrift lebendig ist, daß Kapitel der Heiligen Schrift aufs neue
geschrieben werden.
In unseren Tagen sind wir Zeugen
einer Renaissance biblischer Ereignisse.
>> Zum 2.Teil:
Einzigartigkeit und Zwiesprache mit dem Land
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