Zum Jom haAzmauth
Aus ISRAEL - Echo der Ewigkeit, von
Abraham J. Heschel
KAPITEL II
Bindung an das Land
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Das Echo der Ewigkeit:
Zwiesprache mit dem Land
In allen Jahrhunderten sind
Menschen von einem Land ins andere gezogen, freiwillig und unfreiwillig.
Wenn sie ein neues Land gefunden hatten, verbannten sie die Erinnerung an
ihre frühere Heimat. Als das jüdische Volk jedoch gezwungen wurde, sein
altes Land zu verlassen, hat es nie das Heilige Land aufgegeben und darauf
verzichtet; das jüdische Volk hat nie aufgehört, leidenschaftliche Gefühle
für Zion zu hegen. Es hat immer in Zwiesprache mit dem Heiligen Land gelebt.
Die Verbannung aus dem Land wurde als
Unterbrechung empfunden, als Vorstufe zur Rückkehr, niemals aber als
Preisgabe oder Loslösung. Wir waren mit Banden der Hoffnung an das Land
gebunden. Diese Bande preiszugeben hieß, unsere Identität zu verleugnen.
Immer wieder wandten sich unsere Herzen Zion und Jerusalem zu wie die
Magnetnadel dem Nordpol, wie die Sonnenuhr der Sonne.
Als der Bar-Kochba-Aufstand
zusammengebrochen war, als man den Juden nicht mehr erlaubte, in ihrem
eigenen Land zu Hause zu sein, blieb Zion - Jerusalem - nicht einfach als
eine blasse Erinnerung an ferne Vergangenheit zurück. Zion, Jerusalem, war
weiterhin Gegenwart in unserem Leben. Wo immer wir lebten, war der Himmel
über uns und der Gedanke an Jerusalem vor uns.
Die Zerstörung Jerusalems im Jahre
70, der Anfang einer Geschichte des Kummers, war ein bleibendes Leid,
dauernder Schmerz. Jahrhundertelang war es, als ob seit dem Jahr 70 die Zeit
still stände. Alle Schicksalsschläge wurden als Folge der Zerstörung
Jerusalems angesehen. Die Katastrophe wurde beständig aufs neue erlebt, der
Schmerz hörte nie auf.
Sie wurde als kosmische Katastrophe
empfunden, die das Leben aller Menschen beeinflußte. »Seit der Tempel
zerstört wurde, hat die Welt den wahren Glanz der Sonne nicht mehr gesehen.«
Die Trennung vom Land wurde nie als
endgültig anerkannt. Die Vision der Wiederherstellung, das Verlangen nach
Erlösung, die Liebe zu Zion, die Sehnsucht nach Jerusalem erfüllen die Worte
unserer Liturgie, die nicht zur Ruhe kommen lassen.
Erinnerung
Warum kehrte sich unser Herz und Sinn
zu allen Zeiten Erez Israel zu, dem Heiligen Land? Wegen der Erinnerung,
wegen der Hoffnung, wegen der Not.
Wegen der Erinnerung! Es gibt einen
langsamen schweigenden Strom, nicht den Strom des Vergessens, sondern den
Strom der Erinnerung; wir müssen ständig davon trinken, ehe wir in den
Bereich des Glaubens eintreten. Glauben bedeutet: sich erinnern. Der Kern
unseres ganzen Seins ist, sich zu erinnern; unsere Art zu leben besteht
darin, alles im Gedächtnis zu halten, was Erinnerung weckt, Erinnerung zu
artikulieren.(2)
Weit davon entfernt, zu einer
Sammlung abgestandener Reminiszenzen zu werden, wurde jüdisches Erinnern
durch die Kraft der Hoffnung und Phantasie lebendig erhalten, die die
Grenzen des Glaubens hinter sich ließen. Was unglaublich erschien, wurde zum
vorweggenommenen Ergebnis.
Nach der Zerstörung Jerusalems wurde
die Stadt nicht einfach eine blasse Erinnerung an ferne Vergangenheit; in
Herz und Sinn des Volkes lebte sie weiter als eine Inspiration.
Jerusalem wurde zur zentralen
Hoffnung, zum Symbol aller Hoffnungen. Sie wurde das stets wiederkehrende
Thema unserer Liturgie. Selbst wenn man sich dessen nicht bewußt war, so
erinnerten uns die Worte; die Worte schrien nach Wiederherstellung Zions und
verstärkten das Band, die Zuneigung.
Jehuda Halevi, der berühmte jüdische
Dichter des 11. Jahrhunderts, drückt dieses Gefühl mit den folgenden Zeilen
aus:
Oh, daß ich Flügel hätte, daß ich meinen
Weg zu dir, Jerusalem, richten könnte aus der Ferne! Ich will mein eigenes
gebrochenes Herz seinen Weg suchen lassen, in deinen geborstenen Trümmern.
Ich will auf mein Antlitz zur Erde fallen, denn sehr freue ich mich deiner
Steine und liebe sogar deinen Staub. Die Luft deines Landes ist Lebensmitte
unserer Seele.
1 Kidduschin 52b; Rabbi ].].
Reines, S. Sefer Hamizrachi, Jerusalem 1946, S. 10.
2 Vgl. Abraham ]. Heschel, Man is not alone, New York 1951, S. 161ff
(in Vorb. im Neukirchener Verlag [Anm. d. Übers.]). Der jüdischen Mystik
zufolge kommt Vergessen aus dem Bereich des Bösen und Unreinen. Wären die
Tafeln mit den Zehn Geboten nicht zerbrochen worden, gäbe es kein Vergessen
(Zohar I, 193b). |